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Full text of "Dresdnisches Magazin, oder Ausarbeitungen und Nachrichten zum Behuf der Naturlehre, der Arzneykunst, der Sitten und der schönen Wissenschaften"

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Dresdniſches 


ausarbtitungen 
Nachrichten, 


der Naturlehre, *  onenfinf, der Sitten 
und, der fchönen Wiſſenſchaften. 
— Band. 





Mit — 


Dresden, 
bey Michael Groͤll. 1760. | 






[BIBIL.TOTHECA] 
I" REGIA | 
IMONACENSISJ 





Sr. Königlichen Hoheit 


dem 


Durchluuchtiten Fuͤrſten und 
| Herrn 


— HERNAR | 
Kriedrich Shriffian 


Königl. Prinzen in Pohlen und Litthauen, 
Churyrinzen, Herzogen zu Sachfen, Juͤlich, 
Eleve und Berg, auch Engern und Weft- 
phalen, Landgrafen in Thüringen, Margs 
grafen zu Meißen, auch Ober + und Nie 
Derlaufig, Gefürfteten Grafen zu Henne⸗ 
berg, Grafen zu der Darf, Ravensberg, 
Barby und Hanau, Herrn zu Ra 
venftein sr. 


Meinem gnädigften Fuͤrſten und 
Herrn. 


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Durchlauchtigſter Churpring, 


 Gnädigfter Fuͤrſt und Her, 


HF urer Königlichen Hoheit sf 
* ar » £ fentlich bezeigte Liebe und Hoch⸗ 

ME achtung für die Wiſſenſchaften 
und freyen Künfte haben ſchon laͤngſt in als 
Ten getreuen Unterthanen den Chrfurchtss 
vollen Gedanfen erzeugt ‚ Eure Koͤnigl. 
Hoheit als den Schutzherrn der Gelehr⸗ 
ſamkeit und Kuͤnſte in dem fruchtbaren 
Sachſen zu verehren. 





— 


3° Die \ 


Diefer Gedanke belebt und feuert der 
Schriftſteller Eifer an, durch geſchickte Ars 
beiten dem Vaterlande Ehre zu machen, 
und hat auch mich angetrieben, die Herz 
ausgabe gegenwärtigen Buches zu unter 
nehmen; da zumal die Erläuterung beſon⸗ 
derer Gegenftände der Naturfunde Sad 
fenlandes der Hauptendzweck der Verfaſſer 
deſſelben ſeyn ſoll. | | 


- Könnte wohl ein herrlicherer Borfag 
feyn, die Schönheit und Vorzüglichfeit der 
Natur feines Vaterlandes den Voͤlkern bes 
Fannt zu machen? Würde Sachfen nicht 
Ruhm und Ehre erlangen, wenn dieſer 
Vorſatz, gluͤcklich befolgt, der Welt Bey⸗ 
fall erhielte? | = 

| Eure 


. ‚Eure Königl. Hoheit werden nun 
in Gnaden meine Kuͤhnheit verzeihen, daß, 
Hoͤchſtdenenſelben diefes von mir here 
ausgegebene Werk zuzueignen, ich mich in 
aller Unterthänigfeit unterftanden Habe. 


Dem Schutzherrn der Wiſſenſchaften | 
und freyen Künfte, dem Fünftigen Lande 
vater, auf deſſen fanfte Regierung die ver 
feheuchten Mufen fich freuen, und die guͤl⸗ 
denen Zeiten voraus fehen, dem wuͤrdigen 
Gemahle Antoniend, der Mufen mir 
digften Freundin, diefem Durchlauchtig⸗ 
ften Prinzen ein Werk zu widmen, das 
die Ehre des Vaterlandes zum Zweck hat/ 
erforderte die unterthaͤnigſte Pflicht. | 


Sollte 


Sollte diefes Buch Eurer Koͤnigl. 
Hoheit gnädigen Blicks gewürdigt werden; 
fo ift mein Unternehmen fattfam belohnt, 
und mein Eifer wird fich verdoppeln mit 
der ftärfiten Ehrfurcht und tiefften Ernie 
drigung zu verharren | 


Durchlauchtigſter Shurpeing 
- Gnädigfter Fürft und Herr 


Eurer König. Hoheit 


Dresden 
Subilatemefle 
1760 


unterthänigft gehorſamſter Knecht 
Michael Groͤll. 


*— 


— 


— 


— 











[25 


- 


x 











Dresdniſches 


Magazin, 


oder 


Ausarbeitungen 
Nachrichten, 


3 zum Behuf 
der Naturlehre, der Arzneykunſt, der Sitten 
und der fehönen Wiffenfchaften. 


Des erften Bandes erfies Stuͤck. 





| | Dresden, 
bey Michael Groͤll, 1759. 


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Borberidt. 






* Hr allgemeine Beyfall, mit wel⸗ 
„— chem die Sammlungen wohl⸗ 
Dogerathener kleiner Abhandlun⸗ 
>, gen aufgenommen werden wird 
ein ficheres Merfmaal von dem 
Nutzen einer ſolchen Einrichtung ſeyn koͤnnen. 
Wenn wir zeigen wollten, daß, in Ermange⸗ 
lung derſelben, viele angenehme und nügliche 
Anmerkungen, Gedanken amd Entdeckungen ' 
nicht fo bekannt werden würden, daß Eleine 
nügliche Schriften, welche einzeln gedrucktfi ch 
feicht vergreifen und verlieren, auf ſolche Ark: 
aufbehalten werden, daß gleichwohl durch ſol⸗ 
be Eleine Schriften die Wifjenichaften und 
Soe⸗ nicht wenig gewinnen, da die meiſten 
AR eher 


Vorbericht. 


eher Zeit und Luſt haben, einen kurzen Auf⸗ 
ſatz zu machen, als ein Buch zu ſchreiben, daß 
endlich die Kuͤrze und Abwechſelung der Sa⸗ 
chen den Leſer unterhalte, ohne ihn zu ermuͤ⸗ 
den; ſo wuͤrden wir vielleicht nichts anders 
thun, als einen Nutzen beweiſen, von wel— 
chem man ſchon vorher uͤberzeugt geweſen. 
Es wird daher eine neue Sammlung von die⸗ 
fer Art keine andere Empfehlung als dr in 
nere Güte der Abhandlungen, bedürfen. Da 
nun hiervon nicht die Verfaffer, fondern die 
kunſtverſtaͤndigen Leſer das Urtheil zu fällen 
"haben; fo werden wir nur von der Abſiht 
und der Einrichtung diefes neuen Magazins 
etwas gedenfen, 


Es ift felbiges allen Kuͤnſten und Wiſſen⸗ 
ſchaften gewidmet, die Gottesgelahrheit und 
Rechtsgelahrheit ausgenonmen. Doch glau⸗ 
ben wir, daß auch bierbey bisweilen eine 
Ausnahme Statt finden koͤnne, und daß eine 
wohl aufgefegte Nachricht von einem Rechts⸗ 
handel, der etwas fonderbares und auferors - 
dentliches hat, dem Leſer nicht mißfallen wer: 
de: mie des Pitavals berühmte Rechte: 
handel nicht blos von Juriſten gelefen wer⸗ 
den. Ins befondere wird die Waturlehre, 
welche das wohlverdiente Glück, die are 

147 


Vorbericht. 


Liebhaber zu finden, zu unſern Zeiten, erhal⸗ 
ten hat, einen vorzüglichen Antheil daran 
haben. 


Obgleich diefes Magazin allen Merkwuͤr⸗ 
digfeiten, aus der ganzen Welt, offen ftehet; 
fo wird man doch darauf bedacht fenn, daß es 
vornehmlich Sächfifche Merfwürdigfeiten 
enthalte, und den Namen eines Dresdni⸗ 


fchen Magazins, nicht blos um des Or⸗ 
tes willen, wo es erfcheinet, führen möge, wie 
denn der £efer, von vielen allhier aufbehaltes 
nen merkwürdigen Sachen, Nachricht finden 
wird. Sachfen ift unftreitig ein Land, wel⸗ 
chem. die Natur ihre Geſchenke fehe reichlich 
mitgetheilet hat, daß wohl ſchwerlich ein andes 
res, in Anfehung der Mannichfaltigkeit der 
Naturgaben, mit ihm um den Borzug wird 
ftreiten koͤnnen. Es iſt zugleich das gluͤckli⸗ 
che Land, in welchem Kuͤnſte und Wiſſenſchaf⸗ 
ten vorzuͤglich bluͤhen. So wenig es nun an 
Gelegenheit, nuͤtzliche und angenehme Anmer⸗ 
kungen zu machen, mangeln wird; ſo wenig 
wird es an geſchickten Leuten fehlen, die das 
merkwuͤrdige richtig zu beobachten und mitzu⸗ 
theilen im Stande ſind. Es haben ſich be⸗ 
reits verſchiedene Gelehrte allhier, die zum 
Theil ſchon durch — Schriften Beyfall 
Ri. 3 er⸗ 


Dorbericht, 


erworben, zur Befdderung diefer Sammlung 
ihren Beptrag zu thun, anheiichig gemacht: 
e8 werden aber, auch aufer ihnen, alle und je: 
de. ſo zur Beföderungder Fünfte und Wiffens 
fchaften, oder zum Unterricht und Vergnügen 
ihrer Mitbürger, etwas beyzutragen, Geſchick⸗ 
Jichfeit und Neigung haben, zur Theilnehmung 
eines guten Endzweckes hierdurch eingeladen, 
mit der Verficherung, daß man für ihre Bes 
mühungen, in fo ferne fie brauchbar find, nicht 
unerkenntlich feyn wird. Da auch Perfonen, 
‚welche feine Gelehrte vom Namen find, und 
Deren Sache es auch eben nicht ift, Schrift: 
fteller abzugeben, gleichwohl an Aufmerkſam⸗ 
keit und richtiger Denkungsart manchmal fo 
‚genannte Gelehrte übertreffen, und, zumal in 
Wirthſchaftsſachen, nuͤtzliche Anmerkungen 
machen koͤnnen; ſo duͤrfen ſie ſelbige nur deut⸗ 
lich und umſtaͤndlich aufſetzen, da man denn 
die gehoͤrige Einkleidung beſorgen wird. 


Da die Saͤchſiſchen Bergwerke, wel. 
che faſt alle Arten von Erzen und Steinen lie⸗ 
fern, und hierinnen vielleicht vor allen andern 
den Vorzug haben, den mwichtigften Theil:der 
Sächfifchen Naturhiftorie ausmachen; fo 
werden diejenigen, welche fich mit dem Berg⸗ 
weſen — den en mit ae 

Am): 


Vorbericht. 


Rachrichten und Anmerkungen zu vergnügen, 
befonders Gelegenheit Haben. Umſtaͤndliche 
Nachrichten von den nunmehr rar gewordenen 
Erzen, ald vondem Hornerze, dem fo genanns 
ten gänfeföthigtem Erze, den weiffen Zinn 
graupen, dem gelben, grünen und befonderg 
Schwarzen kryſtalliniſchen Bleyerze, der weiſſen 
Bleyerde, dem ſo genannten gediegenen Eiſen, 
dem Ochſenkoͤpfer Schmirgel, der den Span— 
ſchen weit übertroffen, von dem, Sachfen 
ganz eigenen, rothen Spiesglaserze, dem Wiß⸗ 
muthe, dem gemachjenen weiſſen und rothen 
Arfenik, dem Rochlitzer Agathe, dem blauen 
Kryſtall, oder fo genannten Sächfifchen Ames 
thyſte u. d. 9. wie.auch von andern fonderbas 
ren Steinen und Erzen, die noch gefunden 
werden, ald dem vortrefflichen Ehemniger 
Steine, dem Dpale, der zu Eybenſtock im Eis 
fenfteine gefunden wird, von den Topafen, 
vom Asbeit und Granaten, die im Serpens 
tinfteine gefunden werden, von dem Serpen⸗ 
tinſteine felbft, von der Schwefelerde bey Ars 
thern, dem Altenderger fo genannten Waſſer⸗ 
Biene, von der Befchaffenheit des Altenberger 
Eementkupfers, vom Federerz, wie auch Bes 
fchreibungen der berühmteften Zechen, werden 
ohne Zweifel gefallen, wenn fie mit gehöriger 
Nichtigkeit: aufgefeget worden, Nachrichten 

14 vor 


Dorbericht, 


von ganzen Bergrevieren, von den Erzen, 
Steinen und Erden, welche fie geben, vonder 
Erzteufe, von der Entdecfung und Befchafs 
fenheit der Gänge und Flöge, ins befondere, 
wie ben mächtigen Gaͤngen die Erz: und Steins 
arten abwechſeln, ob diefe Abmwechfelung zu 
beyden Seiten gleichförmig ift, wie manchmal 
micten in einem Gange ein anderer niederge: 
het, wie z. E. auf dem Churprinz Friedrich Aus 
guft Die Mitte des Ganges eine befondere Art 
Eifenftein ift; folche Nachrichten werden viel- 
leicht fomwohl Sachſen, als auch Ausländern, 
befonders denen, welche über die Entitehung 
der Gange Betrachtungen anftellen wollen, 
nüglich und angenehm feyn. 


Man hat in Schweden, feit einigen Jah⸗ 
ren, die löbliche Gewohnheit eingeführet, daß 
diejenigen, welche afademifche Probefchriften 
verfertigen, die Gegend, mo fie erzogen find, 
oder welche fie fonft gut kennen, ſowohl in Ans 
fehung der natürlichen Befchaffenheit, als auch 
der MWirthfchaft, des Gewerbes, der Sitten 
und der, ſolcher Gegend befonders eigenen 
Krankheiten der Einwohner, in der Mutter 
fprache Befchreiben, wodurch eine nügliche Ers 
Fenntniß des Vaterlandes unftreitig befddert 
wird, Da dieſe Einrichtung auf unfern * 
verſi⸗ 


Vorbericht. 


verſitaͤten fo leicht nicht eingefuͤhret werden 
duͤrfte; ſo wird indeſſen dieſes Magazin den 
naͤmlichen Nutzen leiſten koͤnnen. Da in Sach⸗ 
fen wohl wenig Orte ſeyn werden, welche nicht, 
entweder in Anſehung der Naturhiſtorie, oder 
der Wirthſchaft, oder des Gewerbes und der 
Fabriken, etwas merkwuͤrdiges haben ſollten, 
und da wir hoffen koͤnnen, daß es in keiner Ge⸗ 
gend an geſchickten, aufmerkſamen und patrio⸗ 
tiſchen Einwohnern fehle; ſo glauben wir, daß 
dergleichen Nachrichten in dieſer Sammlung 
nicht fehlen werden. Und wenn auch derglei⸗ 
hen Aufſaͤtze nicht einlaufen ſollten; fo werden 
die Mitarbeiter an dieſem Magazine zum Theil 
dieſe Abſicht zu erfuͤllen im Stande ſeyn. 


Da die Benennung einer Frage, und die 
Erſuchung um deren Beantwortung zu nüßs 
lichen Abhandlungen Gelegenheit geben Eann ; 
fo wollen wir in diefer Adficht, aufer den obi⸗ 
gen, noch einige hier beyfügen. Won der 
fonderbaren. Eigenichaft und von dem Ge⸗ 
brauche der Eckartsberger Erde, fo in der 
Grube weiß ift, und an der Euft blau wird; 
von der Erde, welche weder Torf noch Steins 
lohle ift, womit das Salz zu Archern geſot⸗ 
ten wird, eine Nachricht von den Salzwer⸗ 
ten felbft, von dem Mehlſteine, der ben den 

A5 Saiz⸗ 


Vorbericht, 


Sälswerfsgebäuden allein gebraucht werden 
Fatın) da die andern vom Salzwaſſer zerfrefs 
ſen werden, und welcher mit der Holzſaͤge 
geſchnitten wird, von den Giffthütten, den 
verſchiedenen Arten des zubereiteten Arſeniks 
und derfelden Gebrauch, von den Saͤufenwer⸗ 
Een, und was man für Steine in feldigen fins 
det, befonders von den Aquamarinen, von 
den Marmorbrüchen, von den, im Anfehung 
der Farben, fo fehönen Alabaftern in Thürins 
gen, ven Dachfihieferbrüchen u.d.9. Bon 
befondern Kräutern und Bäumen, die in 
Sachſen wild wachfen, wie auch von andern 
fonderbaren Gewaͤchſen, fo bey uns gepflans 
zet werden, von. der Saͤchſiſchen Perlenfifches 
ren, vom Lachsfange, von der in der Lauſitz 
gewöhnlichen. Art, die Teiche wechfelsweife 
mit Hafer zu befäen, und mit Karpfen zu ber 
fegen, und verfelden Bortheile, vom Hortu⸗ 
Ian, deffen Fange und Mäftung, vom Grüs 
nitz von den Staaren, von den Phafanerien, 
vom Nenherhorft bey Kalfreuth, von dem 
Andianifchen Hirfben im Thiergarten zu 
Stolpen, vonden Stutereyen, von der Er⸗ 
naͤhrung der Pferde in den Moräften bey 
Dobriluf, von den Schäfereyen und der 
Saͤchſiſchen Wollen,d.g. Bon Sächfiichen 
Aterthümern, und endlich uͤberhaupt Bey⸗ 

trage 


Dorberiche; 
träge zur Sächfifchen Hiftorie, ſo fern fie 


nur nicht unerhebliche Seltenheiten betref⸗ 
fen. F 


Man hat hierdurch nichts weniger, als ein 
Verzeichniß alles merkwuͤrdigen in Sachſen 
verfertigen, ſondern nur zu Beytraͤgen in die⸗ 
ſes Magazin Gelegenheit geben wollen. Leu⸗ 
te von Einficht und Fleiße werden noch von 
vielen andern Dingen, die nüglich und ange/ 
nehm feyn, Auffage mittheilen koͤnnen. 


Das Andenken derjenigen Sachfen, welche 
ſich um die Künfte und Wiſſenſchaften, oder 
überhaupt um das Vaterland verdient ges 
macht Haben, wird in dieſem Magazine gleich 
falls einen Platz finden, | 


Man wird, in einem jeden Stücke, auch 
Nachrichten von merkwürdigen ausländifchert 
Thieren, Vögeln, Fifchen, Bäumen und 
Pflanzen, Erzen, Steinen u. d. 9. benfüs 
gen, und den Leſer überhaupt zu unterrichten 
und zu vergmügen füchen, | 


Uebrigens werden die Verfaſſer durch ih⸗ 
te Arbeiten dem Lefer fich zu empfehlen fis 
hen. Beſcheidene und gegründete Erinnes 

run⸗ 


Vorbericht. 
rungen und Anmerkungen werden ſie ſich nicht 
mißfallen laſſen, ſondern vielmehr mit Dank 
annehmen und mit Vergnuͤgen nutzen. Man 
wird aber Diefes Magazin Feinesweges einen 
Kompfplag werden laßen. 


- Der Verleger, welcher bereits, durch die 
Herausgabe verfchiedener Werke gezeiget hat, 
daß er nicht blos den Gewinn zum Zwecke 
Babe, wird ed an der Auferlichen Zierde nicht 
fehlen laſſen. . Diejenigen, welche unſern 
Wunſch und Hoffnung zu erfüllen, die Güs 
tigfeit haben, werden ihre Benträge an den⸗ 
ſelben zu uͤberſchicken belieben. Man geden⸗ 
ket jeden Monat ein Stück zu liefern; doch 
wird man ſich dabey nicht fo genau an Die 
Zeit binden, um nicht manchmal etwas uns 
—n mit einzurüchen, gendthiget zu 
yn. 


J. Zu⸗ 


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N U ai , 


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* J 
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| I. 
Zufaͤllige Gedanken, 
uͤber die 
Kenntniß und Unterſuchung 
der natürlichen Dinge. 


(les, was uns bey der Betrachtung eineg 
natürlichen Körpers in die Sinne fälle, 
beftehet entweder in der Mirkung, 
oder in der eigentlichen Beſchaffen⸗ 
heit deſſelben. — 

Wenn man die Beſchaffenheit eines ſolchen 
Koͤrpers in gehoͤrige Erwaͤgung ziehet, ſo finden wir 
an demſelben inſonderheit zwey Stuͤcke, worauf wir 
unſer Augenmerk zu richten haben, da wir naͤhmlich 
ſehen, daß dieſelben aus gewiſſen Materien be: 
ſtehen, welche auf eine gehoͤrige Art mit 
einander verbunden ſind. 

Eine Verbindung nenne ich diejenige 
Wirkung in der Natur, vermittelſt welcher 
ſich verſchiedene Theile dergeftalt mit ein 
ander vereinigen, daß hierdurch eine gehoͤ⸗ 
rige Groͤbe erwaͤchſt. 
Dresd. Mag. J. B. B Die 





2 Zufällige Gedanken über die Benntniß 


Die Art und Weiſe, wie fich diefe Thei⸗ 
le mit einander verbinden, nennet man die 
Ordnung derfelben. Der Unterſchied ver- 
fchiedener, vermittelft diefer Verbindung su 
wege gebrachten Größen, beißt ihr Ver⸗ 
hältniß. | 

In der Art der Verbindung aller Theile, 
die einen natürlichen Körper ausmachen, be- 
feeber fein Weſen. 

Hieraus erhellet nun, daß alle mögliche Arten der 

Betrachtung, die man über die Beſchaffenheit eines 
natürlichen Körpers anftellen kann, ‚entweder auf 
dem Unterfhiebe der Materie, woraus er beftehet, 
oder anf die Berbindungsart derfelben, ober aber 
auf das Verhältniß ‚feiner zufammengefegten Theile 
beruhen werde, “ 
“ Alles diefes gehörig in Betrachtung zu ziehen, 
wird nicht nur eine Erkenntniß verſchiedener Grund⸗ 
wiſſenſchaften, ſondern auch geuͤbte Sinne, und ein 
unverdroßner Fleiß erfordert. 

Die Unterſuchung der Beſtandtheile eines Koͤr⸗ 
pers ſetzet eine Erfahrung in den noͤthigſten chymi⸗ 
ſchen Wiſſenſchafften voraus; inſonderheit wird 
man in der Erkenntniß der Mineralien, ohne Hülfe 
der Chymie, -feinen Endzweck nicht leicht erreichen. 

Was die Betrachtung der Verbindungsart ges 
toiffer Theile eines Körpers, und die diefermegen abs 
zufaffenden Begriffe und Erflärungen anbelanget, 
fo wird ung in diefem alle nicht nur die allgemeis - 
ne Phyſik, nebſt den Kegeln ber Zergliederungs« 
Zunft, fondern auch ve Dernunftlebrer — 
2.* be —* — e 


und Unterfüchung der natürl. Dinge, 3 


liche Sründe an die Hand geben. Was den blofen 
Augen verborgen bleibet, das entdecken die Bergröfs 
ferungsgläfer, und andere zu diefer Abfiche nöthige 
Werkzeuge und Verſuche. 

Das Berhältniß gewiſſer Größen wird vermit⸗ 
telft des Maaßes derfelben beftimmer, worzu ſowohl 
die Meßkunſt, als auch die Stereometrie und 
Hydroſtatik, vornehmlidy aber die Lehre von 
den Derbältniffen hinlängliche Anleitung geben, 

Betrachtet man einen natürlichen Körper nach der 
Ordnung und. nach dem Berhältniffe feiner äußerlichen 
Theile, fo ziehet man deſſen Figur in Erwägung. 
Richtet man die Unterfüchung auf die Ordnung und. 
das Verhaͤltniß der innerlichen Theile deffelben, ſo 
bat man die Erfenntmiß der Streufeur eines fols 
chen Körpers zu feiner Abſicht. Erwaͤhlet man 
aber beydes zu feiner Betrachtung, fo ift man bes 
mühe, fich die Berbindungsart aller feiner Theile, 
oder fein Weſen befannt zu machen. 

Man hat alfo bey der Unterfuchung diefer Dinge _ 
drey verfchiedene Wege vor fi), und man beobach⸗ 
fer, daß jeder Naturforfcher, nach verfchiedenen Ab⸗ 
fichten, eine von diefen dreyen Arten der Betrach« 
fung zu feinem Zwecke erwaͤhlet. 

Es wäre zwar wohl zu wünfchen, daß man fich 
von allen natürlichen Körpern eine Erfenntniß ih⸗ 
rer innern DBefchaffenheit zu erwerben im Stande 
feyn möchte; da aber die ungemeine und faft unend⸗ 
liche Anzahl derfelben, diefes zu bewerkſtelligen, eine 
Arbeit erfordert, welche die.menfchlichen Kräfte über« 
fleiget; fo ift man in der Naturhiftorie bemühet, 
den großen Vorrath nach der — 

— 2 t 


4 Zufällige Gedanken über die Kenntniß 


heit ihrer äußerfichen Theile, in gehörige Verbindun⸗ 
gen zu bringen, und ſich fölche, vermittelft aligemeis 
ner Ausdrüce, begreiflich zu machen. 

In diefer Abfiche ift es nöthig, daß man zuvoͤr⸗ 
derft mit der Betrachtung verfchiedener einzelner 
Körper den Anfang mache, und diefelben, nad) der: 
Ordnung und nach dem Verhaͤltniße ihrer äußerlin 
chen Theile, gehörig unterſuche. Hierdurch gelanget 
man zu der Erkenntniß einer Menge von einzel⸗ 
nen natuͤrlichen Dingen; bringet man nun dies 
felben in eine Verbindung mit andern, an welchen 
man eine gleiche Befchaffenheit beobachtet, fo wer⸗ 
Ben fie uns als Theile diefer Verbindung erfchei- 
nen, welche einen Zufammenhang. gemwiffer Ar: 
ten ausmachen. Die betrachtete Liebereinftimmung 
verfchiedener Arten, leitet uns auf die Beſtimmung 
der Gefchlechter, und dasjenige, was ganzen Ge⸗ 
fehlechtern gemein ift, giebt Anlaß zu der Beftim- 
mung der Örönung, da man denn auf gleiche Weiz 
fe zu der Beftimmung der Elaffen fortgeber. 

Es iſt dahero nicht genug, wenn man die natürlis 
hen Körper in gewiſſe Claffen, Ordnungen und Ges: 
fehlechter abtheilet, fondern man muß auch auf.den 
Zufammenbang der einzelnen Arten fein Augenmerk: 
gerichtet feyn laßen. Wer hierauf Obacht hat, der 
- wird alle Arten eines Gefchlechts als Theile deffelben 
anfehen, die fich, durch eine unmerfliche Abweichung, 
aufs genauefte mit einander vereinigen, dergeftalt, 
daß man vermittelft gewiſſer Abänderungen derfelben, 
von einer Art auf die andere, von einem Gefchlechte 
auf das andere, von einer Ordnung auf die andere, 
und endlich von einer zum auf Die andere geleitet 
— wird. 


und Unterſuchung der natuͤrl. Dinge, 5 


wird, Was mir alfo bey der Betrachtung der eins 
zelnen Theile eines natürlichen Körpers zu beobach⸗ 
ten haben, darauf müffen wir gleichfalls unfer Au⸗ 
genmerf bey der Unterfuchung der einzelnen Körper 
verfchiedener Arten, der verfchtedenen Arten ganzer 
Gefchlechter, der verfchiedenen Öefchlechter einer gan 
zen Ordnung u. f. m. gerichtet feyn laßen, und uns 
infonderheit um die eigentliche Beſchaffenheit 
derjenigen Theile befümmern, die wir als 
Kennzeichen von jeder Gattung anzugeben 
Willens find, ar 
Wir finden bey jedem natürlichen Körper inſon⸗ 
derheit zwey Stüde, welche uns in diefer Abſicht 
nüglich feyn werden, da wir nähmlic) fehen, daß 
ſich diefelben theils mit den nächften niedrigen, theils 
aber auch mit den nädıften höhern Gefchöpfen ;' ver⸗ 
mittelft einer gewiſſen Gleichheit, auf das genauefte 
verbinden. je R 
- Der Menſch, die erſte Creatur in der thierifchen 
Welt, befißet einen Leib, der in vielen Stücen mit 
dem Baue verfchiedener anderer Thiere uͤberein⸗ 
koͤmmt. Was feine Gebutt, Wachsthum, und Uns 
tergang anbelanget, fo findet man zwifchen beyden eis 
nen fehr geringen Unterfchied. Sein Verſtand 
und Einſicht ‚Hingegen, unterſcheidet ihn von den⸗ 
felben, und verbindet ihn mit Geſchoͤpfen hoͤherer 
Art. Die Gränzen des Thier- und des Kraͤu⸗ 
terreichs ſtehen in einem ſo genauen Zuſammen⸗ 
ange, daß man diefelben zu beſtimmen nicht vermoͤ⸗ 
gend iſt, Eine gewiſſe Art von Seethieren, grün- 
det ſich, ſo wie die Pflanzen, auf einen Stiel, 
dergeſtalt, daß es das re ‚als ob 
er B 3 ie 


6 Zufällige Gedanken über die Renneniß 


bie Nahrung und das Wachsthum derfelben beför« 
dert würde. Allein Miplius, und andere Natura 
forfcher, Haben dennod) an denfelben fehr vieles wahr⸗ 
genommen, was man bey einigen ihnen gleichkom⸗ 
menden Gattungen von Thieren gleichfalls beobach⸗ 
tet. Der größte Theil der Polppen ift fo befchafs 
fen, daß ihre Jungen, wie die Zweige an einer Pflan« 
3e, aus ihren Leibern hervor wachſen; ingleichen, daß 
alle von den $eibern diefer Thiere abgefonderten Thei⸗ 
le, in Eurzer Zeit, die vollkommene Geſtalt ihrer 
Stammutter annehmen. Sind diefes aber nicht 
‘ Eigenfchafften, welche von der Erzeugungsart aller 
übrigen Thiere abweichen, und nur bey verfchiedenen 
Arten von Bäumen und Kräutern ſtatt finden ? 
Gehen wir in das Reich der Pflanzen, fo zer 
get ſich uns an denfelben annod) verfchiedenes, was 
fich mit der Beſchaffenheit der thierifhen Körper in 
Vergleichung ziehen laßt. Ihr Wachsthum wird 
won. der Natur, eben fo mie bey den Thieren, be= 
werfftelliget. - Betrachtet man überdiefes den innern 
Bau derfelben, fo werden wir gemiffe Gefaͤſe ge 
wahr in welchen ihr Saft, eben fo wie bey den thie⸗ 
riſchen Körpern das Blut enthalten ift. Sie beſi⸗ 
gen Luftroͤhren, welche ihnen an flatt der Lunge die⸗ 
nen.- Man findet in ihrem Baue Häute, Knorpel 
und Drüfen, die insgeſammt eine große Gleichheit 
mit den (hierifchen Theilen diefer Art haben. a 
nad) der. Meynung einiger Maturforfcher, foll fo gar 
ähre Erzeugung faft eben fo, wie bey den thierifchen 
Körpern, vor fich gehen. Was find die Saamen- 
förner einer Pflanze anders, als befruchtete Eyer, 
woraus die meiften Thiere gebohren mi 


und Unterſuchung dernartürl. Dinge: 7 


Kräutergewächfe fallen, in Anfehung ihrer Beſchaf⸗ 
fenheit, dergeftalt nad) und nach ab, daß man end» 
lic) von denfelben, vermittelft: der horn- und ſtein⸗ 
artigten Seegewächfe, auf das Steinreich ge⸗ 
leitet wird. Wiarfigli will an diefen fteinernen 
Pflanzen, ſowohl Blüthen, als auch Früchte wahr 
genommen haben; Donati hingegen ‚behauptet, 
daß diefelben aus einem Zufammenhange von Woh⸗ 
nungen verfchiedener Eleiner Gewuͤrme, inſonderheit 
aber der fo genannten Blumenpolypen, beftehen fol» 
len. Ich will die Wahrheit dieſer Sache nicht un- 
terſuchen; indem diefelben in beyden Fällen Berbin« 
dungsarten ganzer Claſſen abgeben. 

Meberdiefes erblicken wir im Reiche der Foßi⸗ 
lien annoch, theils thierifche, theils aber auch vege⸗ 
tabiliſche Dinge, welche öffters nicht nur in den här« 
£eiten Stein vermandelt, fondern auch mit verſchie⸗ 
denen Erzarten durchdrungen und angefüllet find. 
Die verfteinerten Knochen, Mufchelfchalen, Hölzer 
und Seegewaͤchſe, kann man dahero für nichts an« 
Ders, als für Berbindungsarten anfehen, wodurch 
der Zufammenhang beyder vorhergehenden Reiche 
mit den Foßilien bewerfftelliget wird, zumal da mar 
bey denfelben immer noch Spuren von den Theilen 
ährer urfprünglichen Körper wahrnimmt. Am ala 
lerbedenklichſten ift eg, daß verfchiedene unter den 
Mineralien befindliche Dinge, in Anfehung ih» 
rer Beſchaffenheit, fo gar mit denjenigen in einer 
Berbindung flehen, melde fich außer den Gränzen 
der Natur befinden, und die als Nachahmungen 
der Bunſt anzufehen find, Boyle und andere 
Naturkundige haben fattlam gezeiget, daß der Dia- 

D4 manf 


8 Zufällige Gedanken überdie Kenntniß 


mant und alle übrige von der Natur hervorgebrach⸗ 
te glasartige Dinge, aus lauter übereinander liegen- 
den, zarten Blärtchen beftehen. Eben diefes wird 
‘man bey allen durch die Kunſt zubereiteten Gläfern 
gewahr, melches ſich vermittelft verfchiedener Ber: 
füche gar deutlich zu erkennen giebt, Es erfordert 
ein geübtes Auge, wenn man einige nachgefünftelte 
Evelgefteine von den wahren unterfcheiden will. Ein 
nachgemachtes Erz erfordert eben das Verhaͤltniß 
und die Verbindung gemiffer Theile, die wir bey 
dem natürlichen antreffen, 


Dieſe Verbindung beobachtet man nicht nur bey 
den Elaffen der natürlichen Körper, fondern man 
wird auch eben daſſelbe gewahr, wenn man die ver- 
ſchiedene Ordnung derfelben in Betrachtung ziehet. 
Die große Drdnung der vierfüßigen Thiere verbindet 
fi), vermittelt der geflügelten Einhoͤrner in 
gleichen der geflügelten Mläufe und Ratzen mit 
der Ordnung der Vögel. Die verfchiedenen Sor⸗ 
ten von fliegenden Sifehen, find als Verbindungs⸗ 
mittel zwifchen den Voͤgeln und Fifchen anzufehen. 
Die Befchaffenheit einiger Seefifche, welche mit 
einer beinbarten Haut bedeckt find, leiten uns 
aus der Ordnung der Fifche zu den fo genannten 
Scalenthieren. Der Brebs verbindet die leßteren 
mit den Friechenden Gewürmen, die mit Füßen ver 
fehen find. Die negropontifehe oder chalcydis 
ſche Otter, hat zwar annoch Füße, allein fie Eriecht, 
wie die Schlange, auf ihrem Leibe, und findet da⸗ 
bero eine Stelle zwifchen den Eydechfen und Schlan: 

gen, die ſich endlich mit den übrigen auf dem = 
e 


und Uinterfüchungdernatürl, Dinge. 9 


che friechenden Gewürmen aufs genauefte verbin- 
den. 

Gehet man von den Ordnungen zu den Ges 
fehlechtern, fo findet man bey denfelben gleichfalls 
die genauefte Bereinigung ihrer Gränzen. Ver⸗ 
ſchiedene vierfüßige Thiere, welche zu dem Geſchlech⸗ 
te der ungeſchwaͤnzten Affen gehören, haben fo 
wohl in Betrachtung ihrer innerlichen, als auch in 
Anfehung ihrer äußerlichen Theile, eine fehr große 
Gleichheit mit dem Baue des menfchlichen Leibes, 
unter welchen infonderheit der jogenannte Drangs 
Dutang vieles an fic) hat, melches mit der Sefchap 
fenbeit deffelben in Bergleichung gezogen werden 
kann. Ein berühmter englifcher Maturforfcher, * 
der diefes Thier zu zergliedern Gelegenheit gehabt, 
bat nicht nur diefe Gleichheit auf das genauefte aufs 
gezeichnet, fondern auch dasjenige, worinnen bie 
Theile dieſes Ihieres von der Befchaffenheit des 
menfchlichen Körpers abweichen, berührer. 

Verfoiget man das Gefchlechte der Affen, fo wird 
man, durch unvermerfte Abfälle, vermittelſt der Neer⸗ 
katzen auf das Gefchlechte der Katzen geleitet, Un= 
ter diefen nun ift der fo genannte Halbfuchs, von 
dem uns Catesby einige Nachricht giebt, dasjenige 
Thier, welches das Gefchlechte der Ratzen mit dem 
Gefchlechte der Zunde verbinde, Das Ichnev⸗ 
mon, ober ber ceylonifche Fuchs, wird von einigen 
unter die Zunde, von andern aber zu dem Geſchlech⸗ 
te der Ratzen gerechnet. Allein feiner wahren Bes 
ſchaffenheit nah, muß man demfelben eine Stelle 
jroifchen beyden einräumen. Auf diefe Weife endiget 

; — B 5— ſich 
” Eflay on comparative Anatomy, Lond. 1744. 


10 Zufällige Gedanken über die Kenntnig 


fich die ganze Ordnung der fünfzehigten Thiere, vers 
mitteljt einer genauen Verbindung. aller zu derfelben 
gehörigen Sefchlechter. Betrachtet man die Beſchaf⸗ 
fenbeit derjenigen, welche mit vier, drey und zween 
Zehen verlieben find, fo werden wir unter denfelben 
ebenfalls dergleichen Abfall beobachten. Der Ele⸗ 
phante if als ein Berbindungsmittel der mit Je⸗ 
ben und Hufen begabten Thiere anzuſehen; Daher 
Rajıs und andere ungewiß find, zu welchen von 

beyden man denfelben eigentlich zu zählen habe. 
Einen fonderbaren Beweis von der Berbindung 
verfchiedener Befchlechter wird man bey den ein- 
. und bartfchaligten See: und Wafferthieren gewahr. 
Die Haupteigenfchaft diefer ganzen Ordnung befte- 
bet befonders bierinnen, daß fich diefe Thiere in 
einer Schale aufbalten, welche ihren Leib 
entweder völlig, oder aber nur zum Theil 
bedecket. Diejenigen, welche man in den fo ger 
nannten napfförmigen Muſchelhaͤuſern anſich⸗ 
tig wird, tragen diefe ihre Schale, als ein Schild, auf 
ihren Rüden, da fich hingegen der Untertheil ihres Lei⸗ 
bes völlig entblößt vor Die Augen ſtellet. ‚Die verſchie⸗ 
denen Arten von Seeohren machen bereits eine bo⸗ 
genförmige Höhle, worinnen ein Theil des in denfelben 
befindlichen Thieres verborgen lieget. Die röbren« 
förmigen Wurmhaͤuſer beftehen in runden Hoͤh⸗ 
Yen, welche das in denfelben eingefchloffene Thier völ- 
Jig bedecken, unter welchen einige eine gerade, andere 
aber eine gefrümmte, noch. andere aber eine unors 
dentlich untereinander gewundene, dornfoͤrmige Roͤh⸗ 
re vorſtellen. Bey den Porzellanen ſchlinget ſich 
dieſe Hoͤhle um eine allgemeine Spindel, und wird 
von 


—— 


und Unterfüchung der natürl, Dinge, ır 


von der letzteren und äußerlichen Windung bedeckt 
und eingefchloffen. An den Walzenſchnecken 
beobachtet man faum ein Merfmaal der bervorras 
genden Windungen. Bey den Voluten ftellen 
ſich diefelben auf ihren Grundflächen vor die Augen, 
ja ben einigen machen fie fich bereits durch eine merf» 
liche Erhöhung kenntlich. Diefe Erhöhung verlans 
gert fi) in den folgenden Gefchlechtern nach und 
nad), dergeftalt, daß fid) endlich alle vorher verbor- 
gene Windungen, unter einer Fegel- oder fchrauben« 
förmigen Geſtalt, bey den leßteren Arten derfelben 
vor die Augen legen. Auf diefe Weife verbindet fich 
das Gefchlechte der Patellen, mit den Seeohren, 
die Seeohren mit den röbrenförmigen geraden 
und gemundenen Haͤuſern der Seewiürmer, die 
gewundenen mit den Porsellanen, die Porzel- 
lanen mit den Walzenſchnecken, diefe mit den 
Doluten, die Doluten mit den Sturmhau⸗ 
ben, die Sturmhauben mit den verfchiedenen Ars 
ten der Schnecken, diefe mit den Tritonshör- 
nern, und diefe endlich mit den Schraubenfchne- 
en, 

Wenn es die Graͤnzen meiner gegenwärtigen Bes 
trachtung verftatteten, fo würbe es nicht ſchwer fal« 
len, die verfchiedenen Befchlechter, fo wohl der 
geflügelten, als auch der ungeflügelten Inſec⸗ 
ten und Gewuͤrmer ebenfalls in eine ſolche Vers 
bindung zu bringen, Ich will aber dod) nur Fürzs 
lich die fo genannten Halbkaͤfer, als den Afterbols- 
bock, und andere hierher gehörige Arten, als Vers 
bindungsmittel der mit hornartigen, und der mit 
balben Slügeldecken, ingleichen der mit nerven: 

arti⸗ 


12 Zufällige Gedanken über die Kenntniß 


artigen Fluͤgeln verfehenen Inſecten anführen, 
Die Gleichheit der fo genannten Bienenfliege mit 
den Bienen veranlafet mich, ihr eine Stelle zwi⸗ 
fchen den Bienen und den Fliegen einzuräumen. Die 
Raubfliege findet eine Stelle zwifchen den liegen 
und den Schnaken, und diefe verbinden ſich auf 
— genaueſte mit den verſchiedenen Arten der fü 
en. 

Diejenigen Nachtvõgel, an welchen man vier 
durchſichtige Slügel beobachtet, find als Verbin 
dungsmittel der mit vier Öurchfichtigen, und der 
mit vier beffäubten Slügeln verſehenen Inſeeten 
zu betrachten. Wie unmerflich ift nicht der Abfall, 
wenn man von denjenigen, welche mit Süßen be. 
gabt find, bis zu dem Gefchlechte derer, die auf 
dem Bauche Eriechen, forrgehet; indem man von 
den Arten der vielfüßigen Affeln, vermittelft ver- 
ſchledener Abähderungen, bis zu den fechsfüßigen 
Gewürmen, und von dieſen, vermittelſt der mit 
floßformigen Süßen verſehenen Inſecten, bis 
auf diejenigen Atten, welche gar Feine Fuͤße haben, 
geleitet wird. Tr 
Werfen wir endlich unfere Augen auf die einzeln 
Arten in verfchiedenen Gefchlechtern, fo werden wie 
unter denfelben eine fo unmerfliche Abänderung, for 
wohl der Ordnung als auch des Verhaͤltniſſes ihrer 
Theile gewahr, daß man aud) unter diefen den ge& 
naueſten Zufammenhang beobachtet. Die gefluͤ⸗ 
gelten Maͤuſe, die ich bereits als ein Verbindungs⸗ 
mittel der Vögel und ber vierfuͤßigen Thiere ange— 
fuͤhret habe, ſind unter einander ſelbſt dergeſtalt ver⸗ 
bunden, daB man dvermittelſt eines geringen hl 
TER ie⸗ 


und Unterſuchung der natürl. Dinge. 13 


fchiedes ihrer Theile, von der einen Art auf die. ans 
dere geleitet wird. Einige unter denfelben find an. 
dem Hintertheile ihres Leibes ganz glatt, und man 
bemerfet an diefem Drte nicht das geringfte Merk⸗ 
maal einer Erhöhung. Ben andern zeiget ſich da⸗ 
ſelbſt eine kolbichte Hervorragung, welche ung 
zwoeifelhaft madjet, ob man fie als eine Verlaͤnge⸗ 
rung des Rüdgrads anzufehen, und dahero biefe: 
Art unter die geſchwaͤnzten Fledermäufe zu rechnen. 
babe. Noch bey andern verlängert fich zwar 
diefer Theil, und ftellet ſich unter der ihm fonft ges 
möhnlichen gegliederten Befchaffenheit vor die Aus 
gen; allein, er ift auf beyden Seiten in einer duͤn⸗ 
nen den Flügeln diefer Thiere gleichen Haut einge» 
febloffen, und mit den Züßen verbunden. Endlich, 
giebt es einige Arten unter denfelben, bey welchen fich 
diefe Haut größtentheils verliehret, dergeftalt, daß 
der bey den vorigen in diefelbe eingefchloflene 
Theil, fo, wie bey den meiften vierfüßigen Thieren, 
feine freye Bewegung hat. Die erftern treten da⸗ 
hero den Vögeln, die letzteren aber den geſchwaͤnzten 
vierfüßigen Thieren näher ; fie aber felbft verbinden 
ſich auf dieſe Weife auf das genauefte unter einander. 
In dem weitläufigen Reiche der Aräuter- und, 
Pflanzengewaͤchſe, zeiget fich eben diefer Zufams 
menbang, ſowohl unter den verfchiedenen Claſſen und 
Drdnungen, als auch unter den Gefchlechtern derſel⸗ 
ben. Wie genau verbinden fich nicht die Braͤu⸗ 
tergeroächfe mit den Grasarten, die Grasar⸗ 
ten mit den Mooßarten, die Mooße mit den 
Schwaͤmmen, und diefe mit den horn: und ſtein⸗ 
artigen See: und Corallengewächfen? Ehen 
ent, rien 


74 Zufällige Gedanken über die Benneniß 


Arten der Gefchlechter find nur in etwas zufälligen‘ 
von einander unterfehleden. Das Wefentliche ihrer‘ 
Blumen bleibet meiftentheils unverändert. Dahe⸗ 
ro fällt es einem geübten Kräuterfundigen nicht ſchwer, 
ein fremdes und unbekanntes Kraut zu ſeinem eigent⸗ 
lichen Geſchlechte zu bringen, und daſſelbe mit ſei—⸗ 
nem gehoͤrigen Namen zu belegen. Der ganze Zus 
ſammenhang desjenigen Lehrgebaͤudes, welches ‚mir, 
in diefem Theile der Naturhiftorte,-dem berühmten 
und erfahrnen Kinnäus zu danken haben, überzeu« 
get ung von der Wahrheit Diefes Satzes. Und man 
Bat nicht Urfache zu zweifeln, daß fich nicht kuͤnftig 
der annoch mangelnde Zufammenhang einzelner Ara 
ten follte bewerfftelligen laſſen, da uns täglich neue 
Glieder diefer großen Kette befannt werden. 

Was das Mineral- oder Soflilienreich anbe⸗ 
langet, fo follte man zwar glauben, daß es in dieſer, 
zu unfern Zeiten, in ein ziemlich Licht geſetzten Lehre, 
eben dergleichen Zufammenhang bey den Erzen, 
' Steinen und Erden ausfindig zu machen, nicht: 
ſchwer fallen möchte; allein, ich muß geftehen, daß 
ung in diefem Reiche viele Berbindungsarten entwe⸗ 
der annoc) gänzlich mangeln, oder aber, daß ung die 
eigentliche Befchaffenheit verfchiedener Erze, Steine 
und Erden noch nicht völlig befannt ift. Inzwiſchen 
finden wir doch hin und wieder hiervon die deutlich. 
ften Spuren, da wir fehen, daß fich theils ganze Ord⸗ 
nungen und Öefchlechter, theils aber auch einzelne Ar⸗ 
ten auf das genauefte mit einander verbinden, Zwi⸗ 
fehen den Silber-und Aupfererzen findet das bes: 
Fannte Fahlerz eine Stelle, und es verbinden fich 


| hlerdurch dieſe beyden Ordnungen ſo genau 1 
En ein« 


und Unterſuchung der natürl, Dinge, 15 


einander, daß auch öfters ein Geuͤbter in diefer Wiſ⸗ 
fenfchaft ungewiß gemacht wird, zu welcher von beys 
den man verfchiedene Arten deffelben zu zählen habe, 
Der unmerfliche Abfall der Kiesarten, in Betrach⸗ 
tung ihrer Farben, von ihrem Auspfer-und Schwe« 
felgebalte bis zu den fo genannten Arſenikalkie⸗ 
fen, giebt uns einen Beweis von der Verbindung 
verfchiedener Befchlechter. Der Zufammenhang 
des grob⸗klarſpeiſicht · und ſchweifichten Bley⸗ 
glanzes, ingleichen derjenige Abfall, den man uns 
ter den ſchwarzen, braunen, gelben, grünen, 
grünlichen und. weißen Bleperzen beobachtet, 
wie aud) die verfchiedenen Abänderungen der roth⸗ 
gültigen: und Silberglaserse, ftellen uns einen 
genauen Zufammenbang verfchiedener Arten vordie 
Augen. Unter den Steinen beobachtet man, infons 
derheit bey den thonartigen Steinverbärtuns 
gen eine fehr genaue Verbindung ihrer verfchiedenen 
Gattungen, dergeftalt, daß man durch unmerfliche 
Abfälle von der weichen Erde diefer Art, vers 
mittelft der verhaͤrteten Ketten, des Topf: oder 
Levetfteines, des Serpentins, des Dafalts, 
des Jaſpis, und verfchiedener Abänderungen deſſel⸗ 
ben, auf die Agatharten, und von diefen endlich 
feibft, vermittelft ves Chalcedons, auf die Glas⸗ 
arten geleitet wird. Bey den übrigen mangeln 
ung, meines Erachtens, noch hin und wieder Glie= 
der einer gehörigen Berbindung. Der Herr von 
Juſti batung;infeinen neuen Wahrheiten zum 
Vortheile der Naturkunde, hiervon einen uͤber⸗ 
fuͤhrenden Beweis geliefert, indem derſelbe in dem ſo 
genannten Glimmer, ein gewiſſes Halbmetall * 

et 





16 Zufällige Gedanken über die Benntniß 


det bat, welches, feiner Befchaffenheit nach, eine 
Stelle zwifchen dem Eifen und dem Zinfe finder. 
Bey deflen Befchreibung bedienet er ſich zugleich 
folgendes Ausdruds: Alan würde fich ſehr ir- 
ren, wenn man glauben wollte, daß die Na⸗ 
tur in ihrem Schooße Eeine andere Metalle 
je erzeuger bätte,als diein der Welt bekannt 
find, und aus.den Erzen gefehmolzen und 
gut gemachte werden. Diefe Kitelfeit, daß 
wir bier die ganze Natur fehon völlig er= 
fehöpfer haben, wird in das Herz eines ver- 
vünftigen Benners der Mineralien niemals 
eindringen. 

Man findet alfo in der Natur allenthalben Be— 
weiſe, daß diefelbe, bey der Erzeugung ihrer Körper, 
durchgängig einen unmerflichen Abfall beobadıtet, 
und daß fich diefelben dahero unter einander, vermit⸗ 
telſt gewiſſer Abänderungen ihrer Befchaffenbeit, auf 
das genauefte verbinden. Sollten wir diefe Vor⸗ 
theile in der Naturhiftorie nicht zu unfern Nutzen 
anzuwenden im Stande fenn? Würden wir uns be» 
mühen, in den ehrgebäuden derfelben auf diefe von 
der Natur beobachteten Verbindungen unfer Augen= 
merk zu richten, fo würde fich uns in denfelben die 
große Ordnung unter den erfchaffenen Dingen vor 
die Augen ftellen, ja wir würden ein jedes in der ihm 
von der Natur angemwiefenen Stelle antreffen. Ich 
meis wohl, daß es ung gegenwärtig annody an dee 
Erfenntniß einer gehörigen Menge von einzelnenna« 
tuͤrlichen Dingen mangelt, einen folchen Zufammens 
bang gehörig unter denfelben zu bewerfftelligen;_als 
lein, follte die. bereits bekannte Anzahl nicht ne 
— * l 


und Unterſuchung der natücl.Dinge, 17 


tich ſeyn, mwenigftens die verſchiedenen Claſſen, Ord⸗ 
nungen und Geſchlechter derſelben in eine ſolche Ver⸗ 
bindung zu bringen ? Ja ſollte man nicht vermögend 
feyn, fo gar unter einzelnen Arten: verfchiedener Ges 
fhlechter eine ſolche Ordnung zu treffen ? Ich zweifle 
gar nicht, daß man in verfchiedenen Theilen der Nas 
turbiftorie, durch gehörige Bemühung, zu diefem Zwe⸗ 
cke gelangen möchte. Der größte Vortheil diefes 
ins Werd zu richten, beruhet bloß in einer gehörigen 
Betrachtung einer binlänglichen Menge von einzel« 
nen natürlichen Dingen, aus deren Gleichheit ſich 
‚alles das übrige beftimmen läffe. Man wende feis 
ne Unterfuchungen anfänglich auf einzelne Gefchlech« 
ter. Man bemübe fich, die von verfchiedenen geuͤb⸗ 
ten Naturforſchern bereits ausgearbeiteten Theile der - 
Naturbiftorie in eine gehoͤrige Verbindung zu brin⸗ 
gen, fo wird man mit der Zeit, in verfchiedenen Stü« 
den, zu einer ziemlichen Vollkommenheit gelangen. 
Wie weit bat e8 nicht bereits Reaumur in der Er⸗ 
fenntniß der Inſecten, Scheuchzer in der Unterfu- 
chung der Grasarten, Dillenius in der Betrach⸗ 
tung der Mooßgewaͤchſe, und Linnaͤus in verfchies 
denen Theilen der Naturhiftorie gebracht? Wie vie 
le einzelne Abhandlungen von bishero ganz unbekannt 
gewefenen natürlichen Dingen finden wir nicht inden 
Schrifften verſchledener Naturforfcher, die ung ing« 
gefammt bey diefer Abficht, beträchtliche Vortheile 
verfprechen, und uns auf einem Wege einen ziemli⸗ 
chen Fortgang hoffen laflen, den man, bey der Be⸗ 
frachfung der natürlichen Dinge, betreten muß, wenn 
man der Natur aufihren Schritten folgen will. 


% 
Dresd. Mag. IB, C 1.Traum 


18 Traum Churf. Seiedrich 


* 
—— me gen — 


II. 
Traum und wahre Gefchichte 
Churfürft Friedrich des Meifen zu 
Sachſen, vondem Hirſch mit dem guͤl⸗ 
denen Geweih, und der Fürfkin 
om Brunnen; 


Wie uns felbige von dem Königl. Biblio- 
thecario und Geheimbden Secretario Herrn 
Heinrich Jonathan Clodio gütigft 
mitgetheilet worden. 

F aferne jemahls eine Schrift von dieſer Art 
Betrachtungswuͤrdig zu nennen, ſo iſt es ge⸗ 
wiß gegenwaͤrtige, welche auch den groͤſten 

Kennern der Saͤchſiſchen Hiſtorie zeithero noch un= 
bekannt geweſen. Es verdienet ſelbige nicht allein 
ihres Alterthums und Seltenheit halber, ſondern auch 
wegen der merkwuͤrdigen Schreibart, und des beſon⸗ 
dern Innhalts eine genauere Aufmerkſamkeit. Dem 
erſten Anſehen nach gleichet ſie einer erdichteten Lie⸗ 
besgeſchichte; Es geben aber einige darbey befindli⸗ 
che Nachrichten gegruͤndeten Anlaß zu muthmaßen, 
daß eine wahrhaftig vorgefallene Begebenheit dar⸗ 
unter verborgen ſeyn muͤſſe. Denn man findet zu 
Ende dieſes Buͤchleins (ſo aus 47. Blaͤttern in Octa⸗ 
vo beſtehet, und wegen der nach damahligen Zeiten 
gebraͤuchlichen Zuͤge und Abkuͤrtzungen der — 

nicht 


des Weifen, 19 


nicht fo gar leicht zu Iefen) eine etwas neuere, und un« 
ter Yugufti des großen Churfürftens zu Sachſen 
Regierung verfertigte Handfchrifft, daraus erhellet, 
Daß dieſes Büchlein Churfuͤrſt Friedrich dem Weis 
fen zu Ehren gedichter fey, zu der Zeit, als derſelbe 
von feiner Wallfahrt von Jeruſalem wiederum ans 
beim gefommen, und folte der Churfürft zur felbie 
gen Zeit, zum Andenden gedachter Prinzegin am 
Brunnen, den Reim geführet haben: 

Dir unvermende 

Bis in mein. Endt, 
Zu melchen von einer noch jüngern Hand folgende 
teutfche Reime beygefüget, zu leſen: 


Solche Hiftorien und dergleichen Geſchicht, 
So dem Herren zu Ehren gedicht, 
Gehoͤren nicht vor den gemeinen Mann, 
Sondern gehen Fuͤrſten und Herren an, 
Die mögen bißweilen darinnen leſen, 

Und darnad) richten ihr Leben und Weſen. 


Felix quem faciunt aliena pericula cautum! 


Es wird aber zu deutlicherer Verftändnig und Erw 
klaͤhrung der Sache felbft nöthig feyn, einen kurtzen 
Inhalt diefer Schrift voraus zu fegen, und mit we⸗ 
rigen anzuzeigen, was vor eine wahrhaffte Hiftorie, 
der wahrſcheinlichſten Murhmaßung nad), Darunter 
verftecet feyn koͤnne. 

Ein vornehmer Herr verfällt vor Mattigkeit in 
tieffen Schlaf, und fiehet im Traume einen Hirſch 
mit güldenen Geweyhe, in einem luftigen Walde her⸗ 
umlauffen, welchem er, (indem er fich fogleich zu 

€ a Pferde 


20 Traum Churf. Friedrich 


Pferde feget,) in gröften Jagen nacheilet, deßen 
Spur aber aus dem efichte verliehret, und nad) 
langen Herumfchmeiffen, durch einen engen Fußfteig 
zu einem annehmlichen Brunnen geleitet wird, das 
felbft er ein Frauenzimmer von außerordentlicher 
ſchoͤnen Seftalt, aber zugleich mit weinenden Augen, 
zerrißenen Haaren, und germundenen Händen unver 
muthet antrifft. Der Herr geräth über diefen Bors 
fall in grofes Mitleiden, fraget die fchöne Frauens« 
perfohn um den Urfprung ihres Kummers, und ers 
biethet fich zu allem möglichen Beyſtand und Hülffe, 
befommt aber von derfelben gar Feine Antwort, ſon⸗ 
dern vermerfet vielmehr, daß fie fi) von ihm ent⸗ 
fernen will, welches er zu verhindern, und fie bey 
fich zu erhalten ſuchet. Er erwachet hierüber, und 
bezeiget ſich mißvergnuͤgt, daß er durch den Traum 
betrogen worden. In wenig Tagen darauf ſtehet 
obgedachter vornehme Herr des Morgens Fruͤh in 
ſeinem Schloß am Fenſter, und erblicket mit wachen⸗ 
den Augen, auf dem Felde unter andern Wildpret wie 
ihn duͤnket einen Hirſch mit guͤldenem Geweyhe, ſo 
wie er ihn im Schlaffe geſehen hat, deßwegen er ſich, 
(wie die Worte der Erzehlung ſelbſt lauten,) auf eis 
nen fchnellen Saul feget, und den Hirſch eilend nache 
jaget. Ob er nun gleich felbigen nicht Habhafft wer⸗ 
ben kann, fo wird er doch Durch einen ungewöhnlichen: 
Holgweg in eine fehr annehmliche Gegend gebracht, 
dafelbft er den im Schlaff erblickten Brunnen ent⸗ 
decket, auch ein fehr fehönes und mohlgebildetes 
Srauenzimmer mit zerftreueten Haaren, ängftlichen' 
Geberden, und weinenden Augen darbey wahrhaftig 
figen ſiehet. Er ſteiget alfo von feinem te 

| ttet 


des Weifen - 21 
bittet die ſchoͤne Weibsperfohn mit zärtlichen Wor⸗ 
ten, ihm den Urfprung ihres Jammers zu er- 
öffnen, und machet ſich zugleich anheifchig Leib und 
Seben daran zu feßen, daferne er im Stande feyn 
follte, derfelben Hefftigen Kummer zu ftillen, und def- 
fen Urfache aus dem Wege zu räunıen. Das raus 
enzimmer giebt ihm hierauf wiederum feine Ant. 
wort, fondern will, wie im Schlaffe gefchehen, mit 
Gewalt von ihm weichen, welches er aber durch fehr 
bemegliches Zureden noch verhindert, und durch 
unabläßiges Bitten diefe Schönheit endlich dahin be- 
weget, daß fieihm ihr fchmergliches Anliegen mit 
folgenden Worten entdecket. Sch bin, fpricht fie, von 
Adlichen Gefchlechten, und aus Fürftlichem Stamme 
bochgebobren, babe aber bey meiner blühenden Ju⸗ 
gend weder Muth noch Freude, indem mir ein alter 
Erander Mann, der in feinem Munde feinen Zahn 
bat, zum ehelichen Gemahl bengeleget worden, dem 
ich weder günftig feyn, noc) von Herzen lieben kann. 
Auf diefe Erklärung erbiether fich der Herr zu aller 
Verſchwiegenheit, Freundfchafft und getreuen Dien⸗ 
ften, melchen Antrag aber die Fürftin als einen 
Schimpff aufnimmt, und entrüftee wird, Der 
Herr betheuert durch die ſtaͤrckſten Werficherungen, 
daß er aus reblichem Kerzen ihr feine Dienfte und 
Verſchwiegenheit angebothen, und nicht leugnen Föns 
ne, wie er wegen verfpürter Untreue eines andern 
Srauenzimmers gänzlich befchloßen gehabt, ſich 
in Feinen Srauendienft Zeitlebens wieder einzulafr 
fen, dennoch aber durch der Fürftin Schönheit, und 
fläglichen Zuftand, in eine befondere Neigung gefe- 


get worden fen, Daß er fich deswegen zu allen erforderli- 
| € 3 chen 


2° Traum Churf. griedrich 


chen treuen Angelegenheiten anheifchig gemacht habe, 
DieFürftin bleiber dem ohngeachtet bey ihrer-Sprödig« 
keit, und zweiffelt unter vielerley Vorwand an feiner 
Treue, welche der Herr ihr nochmals theuer zus 
ſchwoͤret, und inftändig bittet, Daß felbige feine aufs 
richtigen Dienfte nur erft auf die Probe fegen, und 
ihm etwas in ihrem Nahmen zu verrichten befehlen 
möchte. Auf diefen Eyd und Geläbde verfpricht die 
Fuͤrſtin zwar den Heren anzunehmen, verlanget aber 
von ihm, daß er zufürberft eine Ritterfahre über 
Meer nad) dem heiligen Lande thun, und bey feiner 
Zurücfunfft wieder zu den Brunnen fommen folte, 
da fie ihm denn ihre reundliche Meigung ferner zu 
verftehen geben würde. Bor Antretung diefer Wall- 
fahrt aber, müfte er verfprechen, fich auf einen Tur⸗ 
niere, welches in ihrer Hauptſtadt in kurzer Zeit ges 
halten werden follte, einzuftellen, da er fie in ihrem 
Fuͤrſtlichen Schmuck und Zierde zu fehen befommen, 
und weitere Abfertigung zu feiner Reife erhalten folls 
se. ‚Der Herr findet ſich aud) bey dem gedachten 
Kitterfpiele ein, und fiehet die Fuͤrſtin in ihrer Pracht 
und herrlichen Anzug einher gehen. Dahingegen 
die Fürftin ſich ſtellet, als ob fie ihn gar nicht mehr 
fenne. Jedoch nach vollendeten Kitterfpiel und 
Tantz ſchicket felbige heimlich einen Zwerg zu gedach⸗ 
ten Herrn, und läft ihn in einen Garten erfordern, 
empfängt ihn fehr freundlich, und fchendet ihm ein 
weiffes feidenes Tuch, und einen von ihren Handſchu⸗ 
ben zum Andenfen auf die Reife, damit er fich,bey Be⸗ 
trachtung diefer Sachen, jederzeit an derPrinzeßin am: 
Brunnen tiebe und Treue errinnern möchte, und nim̃t 
endlich zärtlichen Abfchied von ihm, Der Herr tritt. 
hierauf 


des Weifen 23 


hierauf feine Reife nach dem heiligen Sande wuͤrk. 
Jid an, komme aud) glücklich wieder zurück, verfüs 
get ſich fo gleich nach den Brunnen, wo ſich die 
Fürftin ebenfalls einftellet, und ihn anfänglid) zwar 
Höhnifch aufnimmt, auch allerhand bittere Vorwuͤrf⸗ 
fe machet, endlich aber doch aller ihrer Gunft, Gna⸗ 
de und Liebe verfichert, auch zu fernerer beftändiger 
Treue anmahnet, und in Gedult die Zeit zu erwar- 
ten bittet, daer zu Belohnung feiner aufrichtigen Dien- 
fte, ihre Liebe und Gunft gänzlich erhalten follte, wel⸗ 
ches Ziel vielleicht gar in kurzer Friſt mit Freuden 
kommen würde, da fie ihn denn zu ſich abfordern, 
und fi ihm zu'eigen ergeben wolle. Der Herr 
iſt über diefe Verſicherung fehr vergnügt und frös 
lich, fcheidet nach zärtlichen Abfchiednehmen von ihr, 
und wartet mit Verlangen, biß ihn die Zürjtin zu 
ſich dentbiethen werde, 
ganz unverwendt 
biß an das Ende. * 

Hiermit fhlüßer die Hiftorie welche der Canzler U. 
von Hammerftein zu Torgau 1496. eigenhändig aufs 
gefeget, und in vigilia Palmarum geendiger. 

Wie man nun, vermöge der im Anfang ange 
führten gefchriebenen alten Nachricht zum Grunde fes 
Gen muß, daß unter der Perfon des vornehmen 
Heren, von dem in ber erzählten Gefchichte gehans 
belt wird, Ehurfürft Friedrich der Weifefelbft zu ver: 
ftehen fey, welchen Seckendorff ** der äuferlichen Ge- 
ſtalt 

*Dieſe Worte find in a Original in'drey Spra- 
chen Teutſch, Franzöfifch und Wendifch mit groſ⸗ 
fen Buchftaben ausgedruckt. 

** In Hift. Lutheran. Libr. 2. Set. 6. $.ı0. Ad- 


dit, p. 34 


24 Traum Churf. Sriedrich 


ſtalt nach als einen fehr fchönen und wohlgebildeten 
Herrn befchreibet, und von ihm ausdrücklich rühmer, 
daß er befonders bey den vornehmiten Frauenzims 
mern beliebt und angenehm gewefen; Alfo ift aller 
MWahrfcheinlichkeit nad) zu muthmaßen, daß uns 
ter der Fürftin von Brunnen, die Perfon der Das 
mahligen Gräfin Amalia von Schwargburg einer 
gebohrnen Gräfin von Mannsfeld verborgen fen, 
welche, wie Hr, Lebr. Wild. Heinrich Heidenreich 
anzeiget, * wegen ihrer ungemeinen Schönheit 
allen Srauenzimmern derfelben Zeiten vorgezogen, 
und von Churfürft Friedrich dem Weiſen felbften 
hochgefchäget worden, 


Diefe Gräfin Amalia hatte zu ihrem Ehegemahl 
Graff Günthern den XXXIX. zu Schwarzburg, ing» 
gemein der Brehmer genannt, welchen Nahmen' 
Graff Guͤnther fonder Zweiffel daher erlanget hatte, 
weil er feines Bruders Heinrich des XXXVIII. Erz= 
bifchoffs und Biſchoffs zu Brehmen und Münfter, 
Stadthalter zu Brehmen gemwefen, und für einen 
grofen Liebhaber von Ritterfpielen und angenbrechen 
gehalten worden ift. ** Wie denn aud) die Fürs 
ftin von Brunnen felbften von diefem ihren Gemahl 
rühmet, daß er ſchier taͤglich viel Ritterfpiele vor ihr 
treiben ließe, daran fie aber gar wenig Freude hätte, 
Es 

*In der Hiſtorie der Graffen von Schwartzburg, 

Libr. I. $. 44: P. 161. 


** Brehmer fann auch nach der alten teutfchen Spra⸗ 
che fo viel als ein Streiter oder Lanzenbrecher bes 
deuten, von dem Worte Bremen pungere, 


des Weifen. or 


Es ift auch aus einem alten, auf Pergament gemahl⸗ 
ter prächtigen Turnierbuche, fo bey der Koͤnigl. Bis 
bliotheck aufbehalten wird, zu erfehen, daß diefer Graf 
Günther von Schwargburg noch im Jahr 1527. eis 
nem Turniere, fo bey Herzog Johann Friedrichs 
von Sachſen Heimfart zu Torgau gehalten wors 
den , bengemwohnet, und mit Churfürft Johann dem 
Beſtaͤndigen fangen gebrochen hat, zu welcher Zeit er 
fehon im 7oten Jahr feines Alters geweſen feyn 
muß. Ob nun wohl vermöge ber Zeitrechnung 
Graff Günther der XXXIX. in den Jahren, da 
bie erzehlte Gefchichte am Brunnen mit Churfürft 
Sriedrichen vorgefallen ift, (welches kurz vor feis 
nee Wallfart nad) Jeruſalem gefchehen feyn mag,) 
Fein gar zu alter Herr feyn koͤnnen; So ift vielleicht 
feine Perfohn nicht fo annehmlich geweſen, als des 
Churfuͤrſt Friedrichs des Weifen , nady dem Zeug: 
nis. glaubwürdiger Gefchichtfchreiber vorgeftellet wird. 
Es fann auch wohl feyn, daß gedachter Graff Günther 
feiner jungen fchönen Gemahlin der Gräfin Amalia 
nicht allezeit mit gehöriger Zärtlichfeit begegnet iſt, ſon⸗ 
bern fich vielmehr eigenfinnig und verdrießlich gegen 
fie begeiget hat, weil fieihn in der Erzählung felbft eis 
nen wunderlichen Greyner nennet, und verfichert, 
daß ihr grofer Kummer bloß daher rühre, weil fie 
gegen ihn thun müße, als ob fie ihm von Herzen hold 
und gewogen fey, da fie doc) weder Luft noch Gefals 
len an ihn haben fünnte, 

Es ſcheinet zwar-aus ber angeführten Gefchichte, 
daß die Gräfin Amalia bey der vorgefallenen Bes 
gebenheit am Brunnen, die Perfon Friedrich des 
Weifen anfänglic) a gekannt, noch gewuft ge 

5 ; da 


26 Traum Chitrf. Sriedrich 


daß er von fo hoher Ankunfft, und gleichfalls ein re= 
gierender Herr fey, weil fie ihm fonften nicht fo gar 
fpröde begegnet, und ſchlechtweg Kieber Gefell ges 
nennet haben würde. Es ift auch wahrfcheinlich, 
daß der Ehurfürft feinen Nahmen und Stand 
mit Fleiß werde verborgen gehalten haben, weil er 
noch nicht vorausfehen koͤnnen, wie die Sache abs 
lauffen würde; Auch ift diefer Herr überhaupt, wie 
Georg Spalatinus und fein Secretarius Veihelius be⸗ 
zeugen * in feinen Liebeshaͤndeln fehr geheim und. 
verfchwiegen gemwefen; Dennoch aber ift auch ganz 
wohl zu glauben, daß er nad) erfolgter mürdlichen 
Eheverfprehung, die Gräfin nicht mehr in der Un— 
gewißheit gelaßen, fondern derfelben von feiner Per: 
fon und hohen Stande Nachricht gegeben haben wird. 
Inʒwiſchen trifft nach der Gefhichtsrechnung ges 
nau zu, daß der Churfürft um das Jahr 1493. eine 
Keife nach) dem heiligen Sande angeftellet, ** und 
noch felbiges Jahr zu Ende des Augufts glücklich zu= 
ruͤcke gefommen fen, da bald hernach Graff Günther 
von Schwarzburg in Gefellfchafft Graff Vollraths 
von Mannsfeld, als feiner Gemahlin Vater eine Rei⸗ 
fe nach denen Niederlanden gethan hat, um vom Kaya 
fer Marimilian dem Erften die gehen ihrer Graff—⸗ 
ſchafften zu erhalten, welche ihnen auch nad) Span⸗ 
genbergs Bericht 1494. den 4. Decemb, zu Antwer- 
pen gereichet worden ift, ** Esift aberunfers Wiſ⸗ 
eng 
* in Litteris ad Jo.}Frid. ——— d. 9. May. ar 
„„Seckendorff. Lib. alleg. p 
* vid. Müllers Bank 88 Eur und Fürftlichen 
Haußes Sachen p- 56. 
“TE — ‚Spangenberg "Mannsfeldifche Chronica 
p- 402, 


des Weifen, Ä 27 


fens noch von feinen Saͤchßiſchen Gefchichtfehreibern 
Erwehnung gefchehen, daß der Churfürft Friedrich 
obgedachte Reife nach Jeruſalem einer Fürftin zu Ge⸗ 
fällen, als eine Probe feiner grofen Liebe und Treue 
verrichtet, * ingleichen daß diefer Herr fonder Zwei⸗ 
fel darum Zeitlebens unverheyrachet geblieben, 
weil er die fhöne Fürftin am Brunnen, fo er fehr 
zärtlich geliebet, und welcher Er feine Treue unver⸗ 
wend biß an das End zugefchworen, nicht zum 
würflihen Ehegemahl erlangen Fönnen. Denn 
Die Gräfin Amalia ift im Jahr 1517. zu Arnſtadt 
geftorben, ** und ihr Gemahl Graff Günther hat 
ſowohl diefelbe, als auch Churfürft Friedrichen den 
Weifen nody eine ziemliche Zeit überlebet, indem er 
erftlic 1531. das Zeitliche gefegnet, - ’ 

Die Meynung aber von der Urfache des ehelofen - 

Standes Churfürft Friedrich des Weifen, beftätiget 
noch mehr eine ben gegenmwärtiger Schrift von unbes 
kannter, jedoch des Georgii Fabricii Chemnicenfis fehe 
gleicher Hand, zugefeste Anmerkung mit folgenden 
Wor⸗ 
*Da er bereits in ſeiner Jugend nehmlich 1480. 
in daſigen Landen geweſen, vid. Fabric. Orig 

Sax. L. 8. pag. 3. 

* vid. Joh. Chriftoph. Olearii Hiftorie der Schwarz» 
burgifchen Refidenz Arnſtadt, dafelbft p. 271. eine 
Grabſchrifft angeführet wird, welche ein unges 
ſchickter Meßpfaffe zu Sondershaufen auf der 
Gräfin Amalia Tod verfertiget: Ad 15. Cal. 
Jun. Anno fupre fesqui millefimo decimo feptimo 
Dia ac nobilis Domina Amelia, claris ex natalibus 
Mansfeldenfis comitatus exorta, generofi Domini 
Guntheri Melampolitani contoralis haud inhu- 
mana ac chara in Orci familiam- demandata_eft, 
cujus umbrae in’pace paufent ! 


28 Traum Churf. Sriedrich 


Worten: Perfeveravit igitur in obfequio connu- 
biorum celebs ufque ad mortem. 

Man behält ſich vor eine ausführlichere Erläus 
terung dieſer Gefchichte heraus zugeben. Vorie⸗ 
&0 aber wollen wir die Begebenheit wie fie in oban« 
geführter Handfchrifft befindlich ift, mit möglichften 
Fleiß und ohne die geringfte Veränderung, dem ges 
neigten tefer hiermit dienftwilligft vor Yugen legen, 
und deßen Urtheil davon erwarten. 


Hernach volgt die Hyftori vom Hirs mit 
den guldin Ghurn und der Fürftin 
von Pronnen,. 


Rn vergangen Zeiten iſt ain Herr nicht allein an 
—J zeitlichen Guͤtern mechtig und Reich, ſondern 
auch mit Adenlichen tugenden, guten ſytten, und Ge» 
perden ſo hoch begabt und gezieret geweſen, daß er 
von meniclic) fer geliebet und geeret: Nun ward er 

eingmals durch zufallend Urfachen zu ſ laffen und Ru 
zu haben bewegt, und als er num ein weil flaffen, 
do fette Im gar feheinperlichen trawmen, und für« 
fommen, nachdem und Er vormals einer Frawen 
auch Erbergeporen langzeit fleiffig und truͤlich Leibs 
und Guts angefpart, in Eren gedinet: Aber umb 
fein trem, Sieb und Arbeit wenigen Dands empfan- 
gen, und hette unverfchuldet und villeichte aus wank⸗ 
len Fuͤrwißze Ir Hulde und Gunſte, weſſte doch ei- 
gentlich nicht warum, verloren. Dieſelbe fein Un⸗ 
fchulde, verlufte, feiner Guttaten, ren unfteten Mus 
te, auch die Untrew der Welte ermeffend, fein traw⸗ 
tig Herge deßhalben betrübt zu erwyttern, und be= 


ſwerd 


des Weifen. 29 


ſwerd Hinzulegen, fo vermeinte Er im Slaff in feis 
nen Sloße an einen Zymmer geftanden fein, und het⸗ 
te dafelbs ergeglicheit zu fuchen hinab in das Felde 
und in das Hol& geſchawet, und dazemahl. etliche 
Stud wilde, undter welchen Er aber einen gar wonn« 
derfchönen Hirſſ gefehen hette, der dann ain gang 
güldins Ghurn mit felßfamen gemurchten ennden, 
und bey zweingig Gefthiden in weiten ſtangen, fein 
Hals frey und hochtragend, umb das fo tett Er ey⸗ 
lends auff fein Pferd fißen, demfelben Hirß durch 
Heiden, Hölger und Möfer nacheylend, und henget 
fo lang, meitt, und ferne das Er durch frumb und 
Einige Abwege hinfuͤr nitt mer henngen noch Sagen 
noch auch der Spure nicht mer getreffen, und war 
auch funft zu angezeigter trawrigkeitt mitt muͤede als 
fo beleftiget, das Er ye nicht ferner ziehen möchte, 
und famb doc) in dem Augend auff ain Holgwege 
zu einer hohen Stainwend füren, bey der ain ftarfs 
ferofends Waßer durch Rawhe Felſen fnell gen tal 
fehieflend, neben den ain fmaler Pfade fürgeen, ders 
felb In zu der Rechten Hande für und für auf ein 
gar wonnecliche Iuftige Schöne Haiden tragen tete, 
die was mit Edlen Kremtern Plumen und Farben, 
Graub in praun, und weiß in gelb, auch funft alfo 
gezieret und Florivet, als Er vermeinte und darnach 
ſelbs ſagte, fo glaubte Er kaumb das das Irdiſch 
Paradeis fo wonyclich ſchoͤn luſtig geftalt fein, Ya: 
und folte Halt der Babft, Römifch Keißer und Kos 
nig darinnen wonen und wandeln, So möchten Sy 
doch Iuftiger Wonung oder Wefen nicht gehaben.: 
Und mas die Statt und Haiden alfo ſchoͤn, das In 
im Slaffe bedauchte Im mweren alle Befwerung und 

frame 


30 Traum Churf. Friedrich 


trawrigkeiten gantz benomen, und euntgangen, In 
dem ſo ſehe er auch in der Heiden auf der lynken 
Hende einen gar koſtlichen Pronnen, mitt Marmel⸗ 
ſteinen und Zyborien Werch meiſterlichen planiret, 
verhawen und floriret, zu dem rytt Er ſein Roß an⸗ 
pindend. Nun was aber ain gar uͤber treffendliche 
ſchoͤne mynicliche Fraw, villeicht In da nicht wiſſend 
an daſſelb Ort komen, die hette Fr gepeund von Haube 
gerißen, Ir Goldfarb Har zerflodert und zerpraitet: 
ſtundt alldo Ir ſneeweis Hennd Erpaͤrmlich wyn⸗ 
dend, und ſich ſmertzlich clagend zu erzaigen, Auch 
Ire Augen die doch der Falcken Arten ſchaͤrffe Ges 
ſichts, auf hoher Stang ſich ſwingend geleichenden, 
zu ber erden naigende, So waren Fre Wänngel wie 
Milch und Plut verwaffende Ir Munde vil dem 
Rubinen erleuchtend, re Vingerlein land fmal, 
Ire Armlein Kot und plan und was funft von alle 
Iren Glidmaßen und Figur alfo aufferforen und ge 
pildett, dag Er vermeinte das ſeidt Adams Zeiten 
Ir gleichen uff erden nye gefehen worden were, noch 
auch ny mer mer gefehen würde , und fovern Sp, die 
ſchoͤn, von der Natur und nicht fonderlich englifcher 
ein pilonüß nach, So hette Er doch des Groß ver⸗ 
wundern, und ward im Slaff alfo gegen Ir entzin« 
det, das Er wie ein Kind ftillfehmweigend vor Ir fteen 
vermeinte, und weſſte nicht was oder wie Er tun, 
oder mitt Se reden follte, warde ſich doc) wenig im 
folchen verfpmen bedenden, und aus groffen mitlei⸗ 
den das Er mitt Ir bette, Tette Er zu Ir fagen, - 
auch Sy fleiffig bitten, Ime ihren Jammer und 
fmergen zu entdecfen, und vermerfet auch dapey Das 
Sy ab feiner Zukunft und Perfon groß =. 
' au 


des Weifen, ar 


auch befonbers und villeicht Beſwerd hette, Auf dag 
fo fage Er nichts deftmynder dee Frawen all fein 
trawrigkeit fomber und taide, auch wie es Im mie _ 
den Ungetrwen Weibe gegangen, an ber dan alle 
feine Dinft verloren, und eg were Fein ungetrw Weis 
be in aller Welt nicht als diefelbig die Im on alle 
ſchuld feiner trew nicht belonet hette. Aber die Fran 
fund gang ſtillſchweigende ftille, gar fein Wort 
mit Im vedendt, erzeiget und ſchicket fich mitt We— 
fen und allenn ren Geperden darnach als ob Sy 
abfchaiden und hinwek weichen wolte. Inndem fo 
will Er, als In im Staff bedewht eylends nad) Ir 
faren, undt greiffen, Sy bey Im zu behalten an 
fein Pruſt freuntlich zeſuncken und zu Im zu ruken 
vermeinend, da was Sy verſwunden und hinwekh. 

Inndem ſo erwacht Er uß dem Slaff mundtert 
ſich auf und gedachte den Trawm und was Er im 
Slaff geſehen hett, ettwas nach, und lieſſe ſich doch 
dannocht des trawmes erſcheinenden Hanndel nicht 
gar zevil bekoͤmbern des hochberuͤmbten Haidniſchen 
Maiſters Cathonis Spruch nach alſo lautent: So- 
muia ne metues, nam fomnia fallunt quam plures, 
das iſt, man ſolle ſich der getrewme nicht zevil be⸗ 
kymmern, verhindern oder Irren laßen, warumb 
dann Das, damitte der Menſche im Hertzen und Ges 
müthe beleftiget, und im Tag mitt denfelben umbgans 
gen, das fey Im auch offt im Staff fürfallend, wie- 
wole dannocht das Fundtperlichen war, und in der 
beiligen Gefchrifft bewert ift, das die Getrerome Dar 

niel, Joſephen, dem Keißer Eonftantino, und 
vielen andern war worden fein. 


(Die Sortfezung folget.) 
- III. Mache 


32 Don der Natur und Cur 
III 


Nachricht 


von der 


Natur und Cur der jetzigen 
graßirenden Krankheit in 
Sachſen. 


F er Krieg wird allezeit, aufer andern trauri⸗ 
. gen Folgen, von gewißen Kranfheiten be= 

gleitet, und man wird nach genauer Unter⸗ 
fuchung und aus Erfahrung finden, daß diefe Krank: 
beiten, fo verfchieden fie aud) in Anfehung der Um» 
ftände und Zufälle find, eine Hauptfache zum Grund 
fegen, welche bey allen muß gehoben werden, wenn 
man den Zweck der Gefundbeit erreichen will. 

Diefe Haupturfache beftehet in einer ausgefretes 
nen, verborbnen und das Blutzin Fäulnis fegende 
Galle; worinnen aud) die nächfte Urſache der Peft 
beftehet; wie ſchon ehemals die Aerzte zu Marfeille 
bey der dafigen Peft erforfchet Haben. Bekuͤmmer⸗ 
nis, Sorge, Unruhe, Schreden, Furcht und Man 
gel, als unzertrennliche Gefährten des Krieges, koͤn⸗ 
nen ſchon die Galle alteriren, daß fie verdirbet; wo 
die Natur alsdenn ein Fieber erregt, diefen gefaͤhrli— 
chen Feind des Lebens aus den Körper dadurch zu 
entfernen. Obgleich diefes nicht allezeit, aus vieler 
fey Urfachen, glücklich von ftatten geht, fo ift es 
doch gewiß, daß ein großes Theil diefer Kranken 
durch richtig angervandte Mittel Fönnen gerettet 
werden. 

Die 


der graßivenden Rrankheitsc, 33 


Die Galle ift der Balfam des Blutes, und fo noͤ⸗ 
thig zum eben, daß auch das Fleinfte Thiergen eis 
ne Art diefes Safftes in fich träger, Sie erhält 
durch ihre Bittterfeit das Blut vor der Fäulniß, in 
welche es gefchwinde gehet, wenn die Galle in den 
Zwölffingerdarm und Magen ausgefreten, und den 
noch übrigen Reft des guten Blutes verzehret. Hier⸗ 
aus läßet ſich die Hefftigfeit, die Geſchwindigkeit 
und Gefahr diefer Fieber erflären. Die Natur iſt 
bier nicht im Stande, die Malignität diefer Krank 
heit zu verändern, und zur Gnuͤge aus dem Körper 
zu räumen, Der Schweis, den fie vielmals im An⸗ 
fang erweckt, ift fo verdächtig, daß das Blut zu 
befftig refolvivet, waͤßrig faul wird, und der Brand 
in den Eingeweyden zurücde bleibe. Will fie die 
Krankheit durch einen Durchfall heben, fo ift hier eis 
ne gefchicfte Beyhülfe nörhig, wenn die Gedärme 
nicht follen verleßet werden, und in denfelben eine 
gänzlihe Relaxirung zurüde bleiben. Friefel, 
Flecke und Beulen find die Merkmaale eines ſchon 
in Fäulung gehenden Bluts, und müßen gute Na⸗ 
turen finden, die durch diefen gefährlichen Lmmweg 
ihre Gefundheit erreichen follen. Aber eben die Nas 
tur ift fo billig, daß fie den Weg zu einer wahren 
Eur durch Edel, Uebelfeit, Erbrechen anzeige, da 
man ihr nur, mo es nicht befondre Umftände verbie« 
ten, folgen, und die ausgetretene Galle, die fich oh⸗ 
nedieß durch den bittern Geſchmack verräth, durch 
ein abgemeßenes Brechmittel ausräumen darf. 

Ich bin fo wohl durch die Natur diefer Krank: 
heit ſelbſt als durch tägliche und fattfame Erfahrung 
von dem Werthe der benannten Methode fo gewiß 
Dresd. Mag. J. B. D uͤber⸗ 


34 Don der Natur und Cur 


überzeuget, daß ich nicht allein mit meinen Gründen 
allen Einwendungen begegnen, und mit einer guten 
Anzahl erretteter Patienten die Wahrheit bemeifen, 
fondern mich auch verbinden kann, allezeit zwanzig 
Kranfe gegen fünfe nad) meiner Methode indie Eur 
zu nehmen. Ehe ich diefelbe weiter erfläre, fo muß 
ich die Unzulänglichfeit der andern Arten beweifen. 

1.) Diejenigen, die bey den Anfaß diefes Fiebers 
fchweistreibende Mittel brauchen, wie e8 insgemein 
auf den Dörfern mit den fo genannten Peft-Eliriren 
gefchieht, denn von ordentlihen Mebdicis iſt es kaum 
zu vermuthen, jagen die faule Materie noch mehr ing 
Blur; da ſich denn mehrentheils der naͤchſte Weg 
zum Gottesacker zeiget. Iſt es vernünftiger, die 
Materie der Kranfheit aus dem Magen und den Ge⸗ 
daͤrmen fortzufchaffen, das Blut von diefem gefähr- 
lichen Zugang zu befreyen, und dem Fieber dadurch 
Luft, und es felbft zu einem heilſamen Mittel, wel 
ches das Blut durcharbeitet, zu machen ; oder kann 
dieſes mit der Natur und Vernunft beftehen, durch 
Die Anhäufung der Materie im Blut und durd) ers 
regte Hitze die innern Theile in Entzündung, Brand 
und Fäulniß zu fegen ? 

2.) Diejenigen, welche larirende Mittel brauchen, 
kommen zwar beffer zurecht, als die erften, fie fönnen 
aber damit der Kranfheit nicht gnugſam widerſte— 
ben. Es ift gut, daß die Natur vielmals die Fehler 
Der Aerzte verbefiert, und das abführende Mittel von 
oben weg, und mit demfelben häufige Galle austreis 
bet. Es ift allezeit gut, wenn die Gedärme in Kranfs 
beiten rein gehalten werden; nur daß hier die Öalle 
in dem Magen und dem Zwölffingerdarm, — 

ters 


der graßirenden Krankheit ıc. 35 


oͤfters fo feſte figt, daß hier die Wirkung eines Laxa⸗ 
tifs nicht zulaͤnglich bleibet. 

3.) Diejenigen , die mit bloß niederfchlagenden 
Pulver diefe gefährliche Krankheit heben wollen, bes 
dienen fich der Merhode der alten Weiber, Denn 
ich fehe nicht, wie Die Materie der Krankheit, wenn 
fie auch einigermaßen verändert wird, foll weggeräus 
met werden? Es bleibt ein Hauptfaß in der Arzt⸗ 
neyroißenfchafft: der Körper muß von der Materie 
der Kranfheit gereiniget feyn, wenn die Krankheit 
ſelbſt foll gehoben werden. Die große Gefahr dien 
fes Fiebers, und die öftere Schädlichfeit erdigter Mike 
"tel Fonnen diefe fchlechte Art der Eur nicht leiden. 

4.) Die mit häufigen Aderlaßen diefes Fieber be 
zwingen und mit fpanifchen liegen die Urfache davon 
ausziehen wollen, thun nichts anders, als daß fie frey« 
lich) vieles aus den andern Wegen der Natur entfer- 
nen, aber auch öfters das Fieber zur Unzeit ſchwaͤ⸗ 
chen, und dadurch den Zugang der Galle ins Blut 
doch nicht hemmen Fönnen. | 

Es bleibet alfo bey diefen Fiebern Feine andre, wah⸗ 
re, natürliche und durch die Erfahrung beftätigfe 
Methode übrig, als den Hauptfig der verdorbenen 
Balle durch Brechmittel zu räumen. Dieſe Art der 
Eur fcheinet zwar den meiften fehr graufam und fürdh« 
terlich, und hat überaus vielen Vorurtheilen zu wies 
derftehen; wodurch die Kranfen am meiften leiden, 

. Sie ift aber fo fiher, und gefchwinde heilfam, daß 
fi, nach der guten Wirfung, eine merkliche Beräns 
drung der Krankheit, auch vielmals die völlige Hülfe 
zeiget. | . 
D 2 Das 


36 Don der Natur und Cure 


Das benannte Fieber ift mit Uebelkeit, Ekel, bittern 
Geſchmack, Aufftoßen des Magens, hefftigen Kopfweh 
Beängftigung und Krämpfen der Bruſt begleitet. 
Man kann einem Patienten, wenn man nur zur rech⸗ 
ten Zeit dazu koͤmmt, ficher verfprechen, daß fich alle: 
diefe Zufälle binnen ein paar Stunden mäßigen, 
oder gänzlich heben laffen werden, fobald eine Men- 
ge Galle aus dem Magen geführet, und dadurch eis 
ne geſchwinde Diverfion der ganzen Krankheit verurs 
fachet worden; daß daher diefe Methode nicht nur 
einem jeden mit dem Augenfchein, fondern auch von 
der ftets beftrittenen Gewißheit der Medicin uͤber— 
zeuget. | 
. Sch will die Methode, wodurch durch Gottes Gna⸗ 
de viele von dieſen Fieber befreyet worden, zu weitern 
Beſten, und ohne, daß mid) irgend ein Urtheil bes 
leidiget, aufrichtig befchreiben: Wenn ich Fein Hins 
derniß finde, das mich abhält, ein Brechmittel zu 
verordnen, fo pflege ich ein paar Gran von Tartaro 
emetico entweder folvirt, oder mit Krebsaugen zu 
geben; finde ich einen Durchfall bey der Krankheit, 
fo thut die Ipecacuanha mit Krebsaugen vortrefliche 
Dienfte, und ich laße darauf einen Tranf aus Cre- 
more tartari brauchen, der die fauligte Materie bey 
diefem Durchfall verbeſſert. Ich kann nicht leugnen, 
daß fonft der Tartarus emeticus beßere Dienfte ver⸗ 
richtet, und feine Wirkung erleichtert, wenn man 
ihm etwas von der Pulpa cafliae zufeget. Der bes 
ruͤhmte Hoffmann in Halle hat folgendes fo wohl in 
der wirklichen Peft, als epidemifchen Krankheiten 
verordnet: Man nimmt 2. Gran von Tartaro eme- 
tico, Krebsaugen 4, Duentchen, Salpeter, z. Seru⸗ 

pel 


der graßivenden Krankheit ıc. 37 


pel, Campher, 1. Gran, welches nach gefhehenen Er» 
brechen die Natur der Krankheit durch eine gelinde 
Ausdünftung zertheilet, von welchem Weg ic) zwar 
im Anfang diefer Krankheit nicht viel halte. Ich 
muß bier zweyerley aus der Erfahrung anmerken: 
Erftlih, wirket der Tartarus emet. nicht allezeit 
über fi), fondern laxiret ordentlich, welches aber den 
geſchwaͤchten tonum des Magens anzeiget. Zwey⸗ 
tens, wenn er gar keine Wirkung verrichtet, ſo iſt 
es mehrentheils ein Zeichen des Todes, weil die in« 
nern Theile anfangen in Fäulniß zu gehen, da gar 
feine Medicin wirket. Sych verfege öfters denfelben 
mit einem decocto antiphlogiflico, um dem Fies 
ber, durch Wegräumung häufiger Materie, Lufft zu 
machen; es ift mir aber auch begegnet, daß eben 
diefe Berfegung, fo ſtark fie auch immer feyn mö- 
gen, bey einigen gar nichts-ausgerichtet, die ich alle: 
zeit für verlohren gegeben habe. 


Schwangere Weiber, und teute, die Brüche oder 
andere Umflände haben, welche die Brechmittel ver 
bieten, müßen mit Rhabarbar und einem decodto 
Creinore tartari und pulpa tamar. faft täglic) tra« 
ctiret werden. Es ift ein langwieriger Weg; man 
Fann aber hierbey feinen befern erwählen. 


Oefters wird mit einem ‘Brechmittel der wahre 
Grund der Kranfheit gehoben, daß man alsdenn 
weiter nichts, als faure Sachen braudyet. Offt aber 
muß dergleichen Mittel etlichemal wiederhohlet wer- 
ben, nachdem ſich viele biliöfe Materie zeige. Es 
üft eine bedauernswürdige Einfalt, daß man glaubet, 


dadurch geſchwaͤchet zu werden. Ein Mittel, das 
D 3 die 


38 Von der Natur und Cur 16, 


die Krankheit tödtet, muß zugleich dem Körper Ge 
legenheit zu neuen Kräfften geben. ! 


Wenn die Fiebermaterie. gnugfam ausgeführek,; 
und dag Fieber dennoch bösartig bleibet, welches die 
unordentlichen Auswürfe der Natur, und die heftis 
gen Krämpfe bemeifen, fo habe ich das Klectuarium 
diafcord. Fracuft. mit Eßig verfegt, von vortreflis 
her Wirkung befunden; nur daß man mit anti- 
phlogifticis, die zugleich abführen, dazwiſchen ats 
beitet, bis ſich die Natur in ihre vorige Ordnung . 
einrichtet. 


Da meine Abſicht hierbey vornemlich dahin ges 
bet, denen leidenden Dorfſchafften zu Huͤlfe zu kom⸗ 
men, deren Einwohner, wenn nicht die Natur die 
angethane Gewalt überwindet, mehrentheils durch 
dieſes Fieber ſtaͤrker als in Staͤdten hingerißen wer⸗ 
den; ſo kann man ſich ſicher drauf verlaßen, daß, wenn 
man 2. oder 3. ran von den Tartaro emetico in 
Dinnen Habergrüge eingiebt, und viel dergleichen 
Darauf trinken läßet, und alsdenn weiter nichts, als 
einen guten Eßig, der mit wenig Würznelfen aufs 
gefeget worden, mit gnugfanıen Waßer, desgleichen 
alle Arten, von fauren Sachen, als Preifelsbeere, 
und gefochte Pflaumen in grofer Dvantität brauchet, 
daß ein grofer Theil dergleichen Patienten durch dies 

fe wirkfame Methode mit wenig Koften und 
Zeit Fann gerettet werden. 


web 


IV. Zu 


xom 39 


WW 
Zuverlaͤſſige Nachricht 
von einem 


zu Steine gewordenen Baume, 
nebſt deſſen eigentlicher Abbildung. 


aus der Erde gegraben hat, iſt unſtreitig noch 

kein ſo anſehnliches, und die Verſteinerung 
ganzer Baͤume ſo klar erweislich machendes Stuͤck 
zum Vorſcheine gekommen, als dasjenige, welches 
Herr David Frentzel ohnweit Chemnig entdecket, 
und 1752. in die hieſi ige koͤnigl. Naturalien · 
kammer eingeliefert hat... 

Es wurde gleid) damals, wegen einiger bieffalls 
ausgebreiteten falfchen Gerüchte, eine wohl gegründes 
te Machricht davon in die Leipziger Zeitungen 
gefeget, die man nachhero, faft von Wort zu Wort, 
in. den dritten Band der fo betitelten neuen 
Derfüche nüglicher Sammlungen zur Na⸗ 
tur⸗ und Bunſtgeſchichte eingeruͤcket, auch. in 
den Commentarüs de rebus in feientia naturgle 
& medica geflis Vol. 1. Part. III. in lateinifcyer 
Sprache nieder gefchrieben hat. Da aber diefe legtern 
hauptſaͤchlich nur fuͤr die Gelehrten ſind, und jene 
in wenigen Haͤnden ſeyn duͤrften, ſo wollen wir dieſe 
hoͤchſtmerkwuͤrdige Erzaͤhlung, in den gegenwaͤrtigen 
Blaͤttern, noch genauer und vollſtaͤndiger wiederhoh⸗ 
len, und ſolche, durch * beygefuͤgte Abbildung 


4 


1: allen verfteinerten Dingen, dieman bisher 


40 Don einem zu Steine 


fes in der That Eöniglichen Cabinetſtuͤckes, unfern Le⸗ 
fern noch angenehmer und deutlicher machen. 

Die erfte Entdeckung diefer großen Seltenheit der 
Natur gefchahe eigentlich in dem ı75ıten Jahre. 
Denn nachdem der gleich anfangs genannte Vice 
Edelgeſtein-Inſpector, bey dem eine Stunde von - 
Chemnig gelegenen Dorfe, Hilbersdorf, ſchon öfe 
ters verfteinertes Holz gefunden, und in dem dafigen 
Feldwege, auf einer gegen Mittag gelegenen Anbö- 
be, abermals dergleichen ihm ſchon befannte Spuren 
antraf, fo wurf er auf dem hoͤchſten Gipfel diefes Or⸗ 
tes einen Schurf. Kaum hatte er folches bewerf« 
ftelliget, und etwa ein Viertel der Elle hinein gegra= 
ben, ſo wurden bereits einige kleine Stuͤcken entdes 
cket, worunter fich immer größere und größere zeig» 
ten. Die ganz befondere Sage und andere Befchaf- 
fenheiten derfelben gaben ihm nicht nur zuerfennen, 
Daß es ohnfehlbar der oberfte Theil eines ehemaligen 
Baumes feyn müffe, fondern auch die zuverfichtliche 
Hoffnung, er werde, in mehrerer Teufe, den Unter 
£heil deffelben ‚vielleicht unzerftückt antreffen. Seine 
anderweitige Berrichtungen nöthigten ihn jedoch die 
weitere Unterfuchung damals einzuftellen, und den 
gemachten Schurf wieder zuverftürzen, Indeſſen 
ftattete er, gehörigen Ortes, hierüber Bericht ab ‚und 
nahm, nad) eingezogenem DBerhaltungsbefehle, diefe 
Arbeit aufs neue vor. 

Nachdem er nun, an eben dem Hrte, fünf Elfen 
in die Sänge, drey Ellen in die Breite, und etwas 
über drey Ellen tief gegraben hatte, Fam der übrige 
Stamm diefes verfteinerten Baumes, in feiner na> 
türlich runden und unzerftückten Geftalt, zum Vor⸗ 


= | ſcheine. 


gewordenen Baume, 41 


ſcheine. Man bemerkte zugleich, daß ber zuerft 
befchriebene, aus lauter zufammen gefügten Stüden 
beftehende Dbertheil, in diefer Gegend, von dem da- 
unter befindlichen, ungerdrümmerten. Stamme, eirte 
halbe Elle weit abgewichen war, gleichwie er fich, 
auf der Seite gegen Morden zu, ganzer zwey Zoll 
in die Höhe begeben hatte, und fich, wie das ganze 
Dafige Gebuͤrge, oben gegen Suͤden neigte. * 

Da man nunmehro diefe Höchft anfehnliche Vers 
fteinerung in der verhofften, unzerſtuͤckten Beſchaf⸗ 
fenheit erblidet, und etwas über fechs Ellen tief-ge- 
graben hatte, wurde man inne, daß hier der unter- 
fte Stof mit feinen Wurzeln angieng ; welcher je- 
doch, theils wegen des nicht weit genug gemachten 
Schurfes, theils wegen einer fid) daran zeigenden 
ftarfen Kluft, unmöglich mit dem darauf ruhenden 
ganzen Stammftüce fonnte gewonnen werden. Bey 
diefen Umftänden fahe man ſich alfo genöthiget, vor 
allen Dingen, diefes nun um und um entblößte, 
ungerbrümmerte Stammftüde aus der ‚Erde zu 
ſchaffen. 

Ehe das itztbeſagte, wohl hundert Centner ſchwe⸗ 
re Stuͤck, aus ſeinem zeitherigen Lager, herausge⸗ 
wunden wurde, belief ſich deſſen Laͤnge oder Hoͤhe 
auf zwo Ellen und funfzehn Zoll. Weil aber in der 
auf dem Bupferſtiche mir C. bemerften Gegend 

eine Klufft Durchfegte, fo löfete eg ſich im Umflürzen 
von einander, daß alfo gegenwärtig der größefte oder 
D oberfte 
”) Damit wir dem Leſer von diefer Neigung und 
Abweichung einen defto deutlicheren Begriff mar 
chen mögen, fo haben wir diefe, auf dem beyges 
fügten Kupferblatte, mit dem Burhftaben 2. — 

ne aber mit B. bezeichnet. 


42 Von einem zu Steine 


öberfte Theil nur zwo Ellen, und der andere funf- 
zehn Zoll hoch iſt. Das übrige Maaß davon ift 
folgendes : 

Der größefte Duechmeffer des Ellen und Zoll: 


oberſten Theiles A. B. ift 2. % 

Der Eleinefte, ⸗ . 2. 6. 

Der Umfang, im oberſten Theile, 7. 12. 

= ⸗ in der Mitte, » 7 18. 

⸗ * unten, = 2 8. 2. 

Der Durchmeſſer des unterſten —— 
oder kleinen Stuͤckes betraͤgt 2. 14. 


und der Umfang, = » = 8 4 
Die vormalige Rinde diefes Stammftüces ift mit 
einem weißröthlichen,, auch hier und da grün anftes 
henden Mergelgebürge umgeben, inwendig aber hat 
es eine ſchwarze, meißgeflaferte Farbe, und durchaus 
die. Härte eines Agathſteines. 
Als endlich der unterfte, noch ftärfer zulaufende 
Stock, von der darum liegenden Erde, völlig entbloͤ⸗ 
fet und etwas über fieben Ellen hinein gegraben war, 
zeigte er fich, mit feinen gleichfalls verfteinerten Wur⸗ 
zen, in eben derjenigen Geftalt, welche wir hier Fi⸗ 
gur 2. abgebildet finden. Ihre Anzahl belief fich 
auf zwölf Stüc und etliche Fleine Kiele, ihre Länge 
aber auf eine auch-anderthalbe Elle: im übrigen 
waren fie gar merklich abgeftumpft, und der funfzehn 
Zoll Hohe, unten fehr ausgehöhlte Stock, woran fie 
ftunden, fahe nicht anders, als ein alter, ausgerotte 
ter Baum aus. | 
Damit man nun gnugfamen Platz und Raum ha» 
ben möchte, dieſes ſchoͤne Stuͤck unverlegt heraus zu⸗ 
bringen, fo wurde ber oben gedachte Schurf, rings» 
um 


gewordenen Banme, 48 


um, noch auf drey Ellen erweiterte. Bey diefem 
Ausgraben der Erde fam, in der Gegend nah Mor: 
gen zu, eine ziemliche Menge verfteinerter Aeſte her⸗ 
vor, bavon einige drey, einige aber vier Ellen tief, 
und eine, auch zwo und drey Ellen vom Stammor« 
te entfernet lagen. Sie find zum Theil eine, zum 
heil zwo bis drey Ellen lang, und drey, vier, fünf 
aud) fieben Zoll dicke. Weiter nach Mitternache:zu 
fanden fi, in der zulegt angemerkten Teufe, noch 
mehr dergleichen Aſtſtuͤcken, worunter aber Eein ein 
ziges über anderthalbe Elle lang, und ein jedwedes, 
ſo/ wie die vorherbefagten, gqveer über, in lauter Fleis 
nie, zwey bis vier zolligte Stücken zertheilee ift, - * 
weiche jedod) vollfommen wieder aufeinander paffen, 
Ihre äußerliche Farbe ift weißgrau oder roͤthlich, ins 
mendig hingegen fehen fie entweder ganz weiß, oder 
wie die befannten ſchwarzgrauen Feuerſteine ans: 
mie denn aud) alle diefe Aſtſtuͤcken, nebft den Außer 
Lich bald ſchwarzgrauen, bald röfhlichen, und inwen⸗ 
dig. ſchwarzen, hornigten Wurzeln, von eben diefer 
Härte find, und insgefammt Feuer fchlagen. 

"Bir gehen, nad) dieſer nöthig gewefenen Anmer« 
fung von der Sage und Befchaffenheit der Aefte und 
Wurzeln, wieder zu dem unterften Baumftüce, 
ind. bedauern billig, daß, da ſolches ſowohl, als 
auch die Daran gewefenen Kiele und Wurzeln gar zu 
: viel 

* Man pfleget dergleichen Zertheilungen insgemein 

enttveder den Erfchütterungen, oder der, auf fols 

chen Dingen gelegenen, großen Laft der Erde zu⸗ 

zufchreiben. Sollte fich aber diefer Umftand nicht, 
mit eben der Wahrfcheinlichfeit, auch aus der nas 

türlichen Befchaffenheit des jährlichen Wuchfes 
: der Hefte erklären laffen ? 


44 Don einem zu Steine 


viel Klüffte gehabt, alles diefes nur ſtuͤckweiſe hat 
fönnen berausgefchaffet werben. Inzwiſchen find 
dennoch) Lie Merfmaale vorhanden, wo die Wurzeln 
Angewachfen gewefen, und mehr als hundert Zeugen 
am $eben, die den igt befagten Stod in der hier ab« 
gebildeten Schönheit gefehen haben. ka 

Endblich iſt noch zugedenfen,, daß ſich in der fies 
benelligten Teufe beftändig Waffer: gefunden, doch 
einmal mehr, als das andere, Man beobachtete, 
daß folhes, uud zwar in der Gegend. von Morgen 
ber, bisweilen .eines Federkiels ftarf heraus quall: 
und eines Tages hatte es fich, binnen vier und zwan⸗ 
zig Stunden, dergeftalt vermehret, Daß man es, um 
ju dem mehr gedachten Stocke zufommen, mit 30 
bern ausfchöpfen mußte, * nn 
. ‚Nun 


So ’geringe dieſer Umſtand manchem feheinen 
= möchte, fo wichtig iſt er doch fur einen Naturfor⸗ 
ſcher, weil fich dadurch aufs neue veroffenbaref, 
daß die in der Erde befindlichen Gewaͤſſer das 
meifte zu den Verfteinerungen beytragen, indem 
fie ihre zarteften, irdifchen Theilcden, nad und 
nach, in fremden Körpern anfegen. Herr Keyß⸗ 
ier hat alfo ganz recht, wenn er, bey Erwähnung 
des verfteinerten Baumes, welcher in dem Hof⸗ 
playe des Imhofifchen Hauſes, zu Nürnberg, 
über der Erde heraus ſtehet, in feinen neueften 
Reifen alfo fehreibet: „Es ift glaublich, daß uns 
„ter demfelben eine Ovelle oder andere Feuchtig- 
„teit zufinden, welche durch die Wurzeln in den 
„, oberften Theil des Baumes gewirket, und fol 
„chen verfteinert hat. ,, Wir würden wider uns 
fern Zweck handeln, wenn wir dießfalls eine weit 
lauftige Erklärung herfegten; wir vermweifen das 
ber diejenigen, welche eine genauere nr 
hier⸗ 


1 


gewordenen Baume, 45 


Nun iſt weiter nichts uͤbrig, als daß wir noch von 
dem Gebuͤrge reden, welches dieſen verſteinerten 
Baum in ſich gefaſſet. Solches war aus eilf, ſehr 
merklich unterſchiedenen, und ſo ſchoͤn colorirten Erd⸗ 
lagen zuſamme geſetzet, daß man ſie nicht ohne Ver⸗ 
gnügen anſehen konnte. 1.) Die ſo genannte Damm⸗ 
erde beſtund in einem lockern, weißlichen Mer⸗ 
gel, der beynahe fieben Viertel der Ele tief gieng, 
Hierauf folgte 2.) eine Schicht, von ohngefähr drey 
Bierteln, fefter, weißer Mergel, mit gleichfaͤr⸗ 
bigen Steinmarfe vermengt. Alsdenn 3.) ein ro⸗ 
thes Hiergelgebürge, mit dergleichen Steinmar⸗ 
fe, von fünf Vierten. Ferner 4.) eine drey Zoll 
dicke Sage weißer, fefter Ketten, und 5.) wieder 
eine votbe Miergelerde, mit Steinmarfe ver 
mifcht, von einer halben Elle. Machgehends fam 
6.) eine ebenfalls Halbelligte Schicht grünlicher 
Zetten, welcher 7.) noch auf zwey Zoll in die 
Teufe feßte, doch mit. dem Unterfchiede, daß er hier 
weit fefter war, als in der vorhergehenden 
Schicht. Es zeigte ſich hierauf 8.) ein drey Zoll 
dicker, rother Ketten, welcher 9.) wieder auf eis ' 
nem grünlichen Ketten abfeßte, und fid) ohnges 
fahr auf fehs Zoll in die Teufe erſtreckte. Die 
iote Schicht betrug eine Elle und ein Viertel, und 
beftund aus einem rorbbraunen, merglichten 
Zetten: die ute hingegen, in- und auf welcher der 
Baum mit feinen Wurzeln geftanden hafte, aug eis 
nee 

hiervon verlangen, unter andern, auf des Herrn 

yon Jufti neue Wahrheiten zum Vortbeile dee 
Naturkunde, allwo fie, auf der Z14ten und den 
folgenden Seiten des dritten Stuͤckes, von dies 

fer Sache eine fhöne Abhandlung finden werden, 


46 Don einem su Steine 


ner eben dergleichen, jedoch grünen und’ et⸗ 
was talkigten, mit Glimmer vermifchten 
Bergart. Mad) diefem einer guten Elle dicken 
Floͤtze folgte fodarin ein mit grün untermengter, vos 
ther Letten, morinne fich aber weiter feine Spur 
von den vorbefagten Berfteinerungen zeigte, ungeach⸗ 
set noch über eine Elle tief niedergegraben wurde, 
Man hat in der hiefigen koͤniglichen Natura⸗ 
lienfammlung, von jeder Sorte, einen anfehnlichen 
Vorrath aufzumeifen und bemerfet, daß alle diefe, 
aud) fo gar die fefteften Erden, in £leine Stuͤckchen 
zerfallen, wenn fie einige Zeit in freyer Luft liegen. 

Wie angenehm würde es mir nicht feyn, wenn 
ic) noch zum Schluffe melden fönnte: was es eigent- 
lich vor ein Baum geweſen, und wie lange die Na—⸗ 
tur über diefer Berfteinerung zugebracht haben möche 
te? Die Antwort auf die erfte Frage wird vielen fehr 
leichte fcheinen. Da mich aber die öftere Erfahrung 
belehret hat, wie fehr fich auch die beften Kenner der 
Naturalien, in Beftimmung der verfteinerten Holz 
forten, geirret und widerfprochen haben, fo getraue 
ich mich nicht folhe mit Gewißheit zubeantworten. 
Denn ob es zwar nicht zuleugnen ftehet, daß der 
oft ermähnte Stamm fehr große Aehnlichfeit mit den 
Eichen hat, fo finden fich doc), an den Wurzeln und 
Aeften, verfcbiedene Merfmaale, die man insgemein 
bey den Buchen antrifft. 

Noch ſchwerer, ja unmöglich wird eg einem fal- 
len, nur mit einiger Wahrſcheinlichkeit zu jagen: 
wie viel Zeit die Natur wohl nöthig gehabt, diefen 
erftaunlich ftarfen Baum zuverfteinern? Wir wis⸗ 
fen, daß die ige vegierende hoͤchſte Perſon, im 

roͤmi⸗ 


« 


gewordenen Baume. 47 


römifchen Reiche, felbft über diefe Frage fehr aufs 
merffam gewefen, und, zu Erläuterung diefer Sache, 
einen Pfahl, von der ehemaligen Trajanifchen Bruͤ⸗ 
de, aus der Donau heraus nehmen laffen, welcher 
Strohm, nad) der bereits oben angezeigten Nachricht 
des Herrn von Juſti, nicht unfähig ift Berfteine- 
rungen zumege zubringen; wir wiſſen aber auch, 
Daß, ob gleich faft fiebenzehn hundert Jahre verflofe 
fen waren, feit dem diefer Pfahl in dem Grunde die= 
fes Strohmes geftecfet hatte, die Verfteinerung den⸗ 
noch fehr mäßig gemwefen, indem, fie ringsumber, 
niche völlige drey vierfel Zoll in denfelben hineinges 
Drungen, und der übrige Theil des Holzes erft den 
Anfang gemachet hatte in die Calcination zugehen, 
Man laͤſſet diefe und alle dergleichen Unterfuchungen 
billig in ihren Würden: wir bemerken aber zugleich, 
daß die aufgeworfene Frage, aus folchen Berfuchen 
und Erfahrungen, um deftomeniger erörtert werden 
fönne, je weniger von einem Orte, und von einem 
Waſſer auf das andere, oder von einer Art des Hole 
zes auf die andere, ein ficherer Schluß und Folge— 
. rung auf alle petrificirte Hölzer zumachen iſt, indem 
dergleichen Berfteinerungen durch eines mehr, als 
durch das andere, entweder gefördert oder verzögert 
werden. Vielleicht dürfte fich aber in fünftigen Zei⸗ 
ten, mit ziemlicher Wahrfcheinlichfeit beftimmen lafs 
fen, wie lange die Natur, an demjenigen Orte, 
wo das hier befchriebene Cabinetftück gefun⸗ 
Den worden, .mit der Verfteinerung zubringe, da 
man die Vorſicht gehabt und zu Erreichung diefes 
Endzweckes, verfchiedene Sorten vom Holze, auch 
andere, aus dem Pflanzen und Thierreiche genom— 
mene Dinge an dieſe Stelle legen laſſen. 


Innhalt. 


L Zufällige Gedanken, über die Kenntniß und Unterfer 
chung der natürlichen Dinge. 

U. Traum und wahre Gefchichte Churfürft Friedrich 
des Weiſen zu Sachfen, von dem Hirfch mit dem guͤlde⸗ 
nen Geweihe, und der Fuͤrſtin am Brunnen; ©. 18 

11. Nachricht von der Natur und Eur der jegigen ee. 

renden Krankheit in Sachfen. ©. 

IV. Zuverläßige Nachricht von einem zu Steine — 
denen Baume, nebſt deſſen eigentlicher Abbildung. 


S. 39 
Neue Buͤcher und Bupferſtiche. 
Os de Frangois de Ja Mothe le Vayer, Confeil- 
ler d’Etat &c. nourvelle Edition reviie & augmen- 
tee VII. Tomes. Dresde, 1756 - 59. gr. 8vo. fo» 
ften auf Schreibp. cpl. thl. 13. 18 gl, 
auf Drudp. thl. ı1. = > 
Medicinifche Anordnung der igt an vielen Orten graßi» 
renden Fleckfieber; wie fich befonders die Leute auf 
dem Lande dabey zu verhalten haben, die entmeder feis 
nen Medicum haben, oder nicht bezahlen können, durch 
D. Sam. Kretzſchmarn, 8. P. Churfuͤrſtl. ©. Hof⸗ 
medicum, Dresd. 759. 8 aıgl.> 
Bufallige Gedanken über den Urfprung undRugen der bey 
Dresden befindlichen Steinfohlen, — v. re 
Friedr. Schulgen, Dresd. 759. 233g. 
Nachricht von der Belehnung St. Königl. Hoheit des 
Prinzen Earls von Sachen, mit den Herzogthlimern 
Eurland und Semigallen, welche den 8. Jenner 
1759. n * feyerlichſte vollzogen ale resd. 
1759. 1 91.6 
Die a Zſchaffenheit des nice Krieges, 
Reden des M. v. G. in der Cammer der Gemeinen, für 
und wider die zwey herrſchenden Meynungen de Kerr? 
brit. Parlements zum Beften der Brittiſchen Hand⸗ 
lung; aus dem Franz. uͤberſ. 4. 759 à 4 gl. — 
Abbildung des im Jahr 1752. bey Cheinnitz BRENNEN: 
benen verfteinerten Baumes, 1 gl. 
Der Lauf der Welt, auf eine ſatyriſche Art in Kupfer 
geſtochen, à 31.⸗ 
Te —— 


Dresdniſches 


Magazin, 


oder 


Ausarbeitungen 
Nachrichten, 


zum Behuf 
der Naturlehre, der Arzneykunft, der Sitten 
und der ſchoͤnen Wiffenfchaften. 


Des erften Bandes Zweites Stück, 







IN 


N 


Aral 


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Dresden, 
bey Michael Gröll, 1759. 


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Digitized by Google 


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Zufällige Gedanken 


über die 


Schönheit der natürlichen 
Dinge, 


Ge Ne natürlichen Rörper, unter 
g deren Theilen man ein gewife 
BR < 3 9 fes regelmäßiges Derbältniß, 
und eine gehörige Ordnung 
wahrnimmt , pflegen wir ſchoͤn 





zu nennen 
Das Vrhaltniß der Theile beſtehet hierinnen, 
wenn dieſelben, in Anſehung ihrer Groͤßen, ſo be— 
ſchaffen find, daß fie nicht nur unter einander, fon« 
dern aud) mit dem Maaße ihres ganzen Körpers 
übereinftimmen, 

Die Ordnung unter den Theilen wird beobach⸗ 
tet, wenn ein jeder diejenige Stelle einnimmt, wel 
he er, vermöge der Beſchaffenheit feines Körpers, 


einnehmen fol. 
& 2 Die 


52 Don der Schoͤnheit 


Die Schönheit einer Sache iſt demnach 
eine regelmäßige Uebereinftimmung ihrer 
Theile, fowohl in Betrachtung ihres Der- 
haͤltniſſes, als auch in Anfebung ihrer Ord⸗ 
nung. * 

Hieraus fließet, daß man die Schönheiten der 
natürlichen Dinge nad) gemwiffen Staffeln in Bes 
trachtung ziehen müffe. Bey einigen wird das Ver⸗ 
bältniß der Theile vor der Ordnung derfelben hervor 
leuchten ; und dergleichen Körper wird man, in Bes 
trachtung diefes Berhältniffes, fchön nennen müflen. 
Insgemein pfleget man die Dinge diefer Art 3ier- 
lich gebauete Körper zu nennen. 

Bey andern wird die unter den Theilen ange 
brachte Ordnung das Auge beluftigen, und das Ver- 
haͤltniß derfelben hin und wieder mangelhaft erfchei- 
nen. Man wird aber dennoch dergleichen Sachen 
unter die natürlichen Schönheiten zählen müffen. 
Nach der gemeinen Nedensart faget man, daß ders 
gleichen Dinge nach den Regeln der Ordnung 
eingerichtet find, 

Endlich werden fich unfern Augen gewiſſe Gegen- 
fände darftellen, an welchen alle Theile nach den 
Maaßregeln, ſowohl des Verhältniffes, als auch der 
Ordnung eingerichtet find, und diefe wird man ſchoͤn 
nach bepden Arten, oder volllommen nennen 
müffen, | 

Hier ⸗ 

” Das Reisende, 5 verſchiedene natuͤrliche 

Koͤrper durch die Pracht und Miſchung der Far⸗ 
ben erhalten, iſt bloß als ein Mittel anzuſehen, 
wodurch die Natur ihre Schoͤnheiten, eben ſo 
wie ein Kuͤnſtler die Vollkommenheiten ſeiner 
Zeichnung, ausſchmuͤcket und erhoͤhet. 


der natürlichen Dinge, 53 


Hieraus erhellet alfo, daß die Schönheiten in der 
Natur entweder Volltommenbeiten des beobach⸗ 
teten Verhaͤltniſſes, oder der angebrachten Ord⸗ 
nung, ober aber Schönbeiten bepder Vollkom⸗ 
menbeiten werden. feyn müffen. 

Da wir aber bey jedem natürlichen Körper eben 
fo viel befondere Verbindungen erblicken, als wir zu⸗ 
fammen gefegte Theile an demfelben wahrnehmen ; 
fo werden ſich unfern Augen eben fo viel befondere 
Schönheiten darftellen, als wir zufammen gejegte 
Theile an demfelben in Betrachtung ziehen, und hier 
durch wird ung die Ordnung und: das Berhältniß 
der Theile deffelben befannt gemacht. Bringet man 
aber einen folchen, nach feinen Theilen betrachteten 
Gegenſtand, in eine Verbindung mit andern von 
gleicher Art, fo wird ung berfelbe in der Reyhe der= 
felben als ein Theil erfcheinen, welcher nebft den übris 
gen diefe Berbindung ausmacht. 

Die Betrachtung und Kenntniß der natürlichen 
Schönheiten erfordert dahero nicht nur eine genaue 
Unterfuchung der Theile eines natürlichen Körpers, 
in Anfehung ihrer Ordnung und ihres Berhältniffes ; 
fondern fie feget auch eine gründliche Einficht derje» 
nigen foftematifchen Verbindung voraus, zu welcher 
derfelbe, als ein einzelner Theil gehöret. 

Aus Mangel diefer Einficht, haben verfchiedene 
die Natur in ihren Werfen getadelt. Man glaube 
Unvollkommenheiten in derfelben anzutreffen. Man 
will Fehler anden Ereaturen entdecken, welche man 
entweder von einer nicht gehörig beobachteten Ord⸗ 
nung, oder von einem unvollftändigen Verhaͤltniſſe, 
oder aber von einer * die Maaßregeln des * 

3 * 


54 Von der Schoͤnheit 


haͤltniſſes und der Ordnung angebrachten Verbin⸗ 
dung herleitet. 

Wie iſt es moͤglich, ſagt man, die Natur als ei⸗ 
ne Meiſterin der Vollkommenheit anzuſehen, Da dies 
felbe jo viele fhädliche Greaturen hervor bringet, 
Diefer Einwurf ſcheinet dem Anfehen nach, gegrüns 
bet zu ſeyn; allein, wenn wir die natürlichen Dinge 
in ihrem Zufammenhange betrachten, fo müffen wir 
hiervon ganz anders denfen,. Der Berfaffer von 
den Unterredungen über die Schönheit der 
Natur beantwortet diefen Einwurf folgender maßen : 
Wenn man alle Gefktelten in der Natur 
durchgehet, fo wird man mit Erſtaunen fe 
ben, daß die Schlange und Sliege ſo gut als 
der Elephante Blieder einer vortreflichen 
Bette find, die unvolllommen fepn würde, 

‚wenn der geringfte diefer Ringe feblete 
So viel aber dieſe Thiere zu der Vollkommenheit 
der fo großen Ordnung in der Natur beytragen, eben 
fo viel trägt ihr Zahn und Stachel, womit fie die 
Natur verfehen hat, zu ihrer eigenen Erhaltung bey. 
Andere meynen bierinnen Unvollfommenpeiten 
anzutreffen, indem fie glauben, daß die Natur eini⸗ 
gen Körpern verfchiedene Vortheile verfaget, welche 
fie doch andern verliehen hat. Aus Diefen Urſachen 
fehen fie den Bau des menfchlichen Körpers für un« 
vollfommen an, weil man bey verfchiedenen Thieren 
anfehnliche Boflfommenbeiten beobachtet, welche dem 
Menfchen, als der edelften Creatur, verfaget wor⸗ 
den. Diefer Einwurf rühret, meines Erachtens, 
von einer unvollfommenen Erfenntniß der natürlie 
chen Körper ber. Denn wenn man im gegenrodt, 
tigen 


der natürlichen Dinge, 55 


tigen Falle die Frage aufwerffen wollte: Ob auch 
das natürliche Verhaͤltniß der Theile eines menſch⸗ 
lichen Körpers dergleichen feheinbare Bollfommens 
heiten anzunehmen fähig feyn Eönnte ? fo wird man 
‚gar leicht einfehen, daß daffelbe einen Widerfpruch 
der Möglichkeit in ſich faſſt. Eben jo wenig bie 
Theile eines Menfchen die Stelle der Theile eines 
andern ju vertreten gefchict find, eben fo wenig, ja 
weit weniger wird das Berhältniß der Theile eines 
Thieres, mit dem Verhältniffe ver Theile des menſch⸗ 
lichen $eibes, in einer vollfommenen Gleichheit ſte⸗ 
ben fönnen. Jeder erfchaffene Körper befiget daher 
alle diejenigen Vollkommenheiten, die er, vermöge 
der Befchaffenheit feiner Theile, zu befigen fähig ift. 
Diejenigen, welche die Mängel in der Natur fo 
wohl aus einem unvollfommenen VBerhältniffe, als 
auch aus einer nicht fatrfam beobachteten Ordnung 
herleiten, fuchen ihre Meynung hierdurch zu unter 
ftüßen, daß nıan unfer den natürlichen Dingen, von 
einnerley Art, eben ſowohl Vollkommenheiten, als 
mangelhafte Gefchöpfe antreffe. Iſt nicht, fagen 
fie, felbft ein Menfch, in diefen Stuͤcken, dem andern 
vorzuziehen? und erftrecfet ſich dieſe Beobachtung 
nicht fo gar durch das ganze Reich der Natur? Es 
iſt nicht zu läugnen, daß man dergleichen Abroei- 
chungen an allen erfchaffenen Dingen wahrnimmt, 
Daß man aber die Natur, als die Urheberin diefer 
Unvollfommenheiten, anfehen wollte, wäre eine Mey: 
nung, welche man mit binlänglichen Gründen dar: 
zuthun, niemals im Stande feyn wird: indem man 
vielmehr beobachtet, daß dergleichen Abweichungen 
bon einigen zufälligen a gewirket und hervor 
| 4 ge: 


56 Von der Schoͤnheit 


gebracht werden. Die Betrachtung der einzelnen 
Theile verſchiedener natuͤrlichen Koͤrper, nebſt der 
Art und Weiſe, wie eine Verbindung in der Natur 
bewerkſtelliget wird, geben uns diejenigen Gruͤnde 
an die Hand, welche dieſen Satz erweislich machen. 
Man findet, daß die kleineſten Theile verſchiede— 
ner tbierifcher Körper durchgängig von einerley Be⸗ 
fchaffenbeit find, dergeftalt, daß der Grundftoffeines 
. urfprünglichen Häutchens in einem aus zwey feften 
heilen zufammen gefegten Fäferchen beftehet. Wenn 
diefes in der Länge zunimmt, fo ermächfet es in eine 
Fiber, Der Zufammenbang verfchiebener folcher 
Sibern, erzeuget eine Haut, und auf diefe Weife 
entftehen endlich die erſten Gefäße der thierifchen 
Körper. Se mehr ſich num diefe Theile über und 
neben einander fegen, je mehr zufammen gefeßte 
Werkzeuge werden hierdurch zumege gebracht, bis 
endlih, aus der Verbindung verfchiedener folcher 
Häute und Möhren, ein organifcher Theil entftehet. 
Bey ber Erzeugung diefer urfprünglichen Theile ver- 
fährer die Matur nad) gemiffen unveränderlichen 
Gefegen, daher diefelbe nichts anders, als Verbin⸗ 
dungen von gleicher Befchaffenheit bemwerfftelligen 
fann. Wenn man die Fäferchen der fleifchichten 
Theile: eines thierifchen Körpers, vermittelft der Ver⸗ 
gröfferungsgläfer,, in Betrachtung ziehet, fo wird 
. man von ber Einförmigfeit derfelben hinlaͤnglich 
überzeuget, ja alle übrigen zufammengefegten Theile 
legen uns eine völlige Gleichheit, in ihren erften Ber» 
bindungsarten, vor die Augen, daher auch die Arz⸗ 
neykundige ſolche Theile, gleichartige Dinge, fi» 
milares, zu nennen pflegen. Ungeachtet man * 
er⸗ 


der natürlichen Dinge, 57 


hieran zu zweifeln nicht die geringfte Urfache bat; fo 
zeiget ſich Doch in den, aus denfelbigen zufammenges 
fegten, organiſchen Theilen eine folche Abänderung, 
daß man nicht felten, ſowohl volltommene, als auch 
‚mangelhafte Verbindungen von einer Art, in ver« 
ſchiedenen Körpern, wahrnimmt, Es muß alfo die 
Natur einige Dinge, aus Mangel gehöriger Kräfte, 
‚zu ihrer Bollfommenheit zu bringen, entweder nicht 
im Stande feyn, oder aber eg muß diefelbe, durch 
geroiffe Umftände, in ihren Unternehmungen verhins 
dert werben. Daß es aber der Natur nicht an hin⸗ 
dänglichen Kräften mangele, ſolches zu bewerfftefli» 
gen, beweifen fo viele von ihr hervor gebrachte Schöns 
beiten jeder Art. Es folget alfo, daß ſich gemiffe 
Berhinderungen ihren Unternehmen entgegen fegen, 
oder daß wohl gar die bereits zu Stande gebrachten 
Bollfommenheiten wieder vernichtet werden. Bey 
des finder unter gemwiffen Bedingungen Statt, wels 
ches fich wird verftehen laffen, wenn wir die Art, 
wie die Natur ihre Körper bauet, in Betrachtung 
werden gezogen haben, 

Wenn in der Natur eine Verbindung vor fich ges 
ben ſoll, fo beobachtet man, daß der hierzu nöthige 
Grundftoff in eine Bewegung gefeger, und an dene 
jenigen Dre gebracht wird, wo diefe WBerbindung, 
nad) gewiſſen Regeln, erfolgen fol, Das. große 
Werk der Natur, worauf ſowohl die Erzeugung, als 
auch) die Erhaltung aller erfchaffenen Dinge beru- 
bet, gründet ſich dahero auf zwey Stüde: 1.) Daß 
der Grundftoff in Bewegung und an denjenigen Ort 
gebracht werde, mo derfelbe zu der Verbindung foll 
angewendet werben, und 2.) daß diefe Verbindung 

€ 5 ſowohl 


58 Von der Schoͤnheit 


ſowohl nach den Regeln der Ordnung, als des Ver⸗ 
hältniffes vor fich gehe. Was das erftere anbelan⸗ 
‚get, ſo verrichtet diefes die Natur durchgängig auf 
einerley Art, da fie nemlich Diejenigen Theilchen, 
welche zu einer Verbindung follen angewendet wer« 
den, vermittelft einer flüßigen Materie in Berve- 
gung feget. Bey denen Thieren gefchiehet ſolches 
Durch das Blut, und durch verfchiedene andere 
Säfte. Im Kräuterreiche wird es vermittelft der 
in den Röhren der Pflanzen befindlichen Feuchtig« 
feiten bemwerfitellige.. Und im Foſſilienreiche muß 
das Wafler, oder aber, in einigen Fällen, eine zarte 
Durchdringende Luft Die Stelle der vorigen vertreten. 
Alle Bewegungen, welche auf die Erzeugung und 
Erhaltung der natürlichen Körper gerichtet find, wer= 
ben daher vermitteljt einer flüffigen Materie bewerk⸗ 
ftelliget. Geſetzt nun, daß fich diefelbe außer dem 
Zuftande befindet, die vorhandene Grundmaterie aufs 
zunehmen: gefeßt, daß fie Die in Bervegung gebrach⸗ 
ten Theile zu tragen nicht vermögend fen, oder daß 
fie wohl gar an diejenigen Orte, wo fie der Natur 
den Grundftoff zu ihrer Verbindung überliefern foll, 
einzudringen verhindert werde; fönnen wir diefes 
alles nicht als Urfachen anfehen, wodurch die Natur - 
än ihrem Unternehmen geftöhret wird? Werden wir 
nicht bierinnen den Grund von verfchiedenen Abaͤn⸗ 
Derungen, welche wider die-Abfichten der Natur era 
folgen, fuchen müffen ? Fügen mir noch diefes hin« 
zu, Daß eine folche flüßige Materie bisweilen ganz 
fremde, ja wohl gar ſchaͤdliche Theile mit fich führe ; 
fo werden wir eben fo viel Hinderniffe, bey der vor⸗ 
habenden Verbindung der Natur entdecken, * 
Men moͤgli⸗ 


der natürlichen Dinge, 59 


mögliche Abänderungen, ſowohl der flüßigen Mater 
rien, als des Grundftoffs begreifen laſſen. Wer 
dasjenige, was die Aerzte von dem Gebrauche der fo 
genannten fechs nicht natürlichen: Dinge, ingleichen 
von den Urfachen der Krankheiten in ihren Lehren 
vortragen, in Ermägung ziehet, dem wird es nicht 
fchwer fallen, die Gründe von verfehiedenen Abänz 
Derungen diefer Art anzugeben. 

Gefegt aber die Natur habe alle diefe Werhinde« 
tungen vermieden, gefeßt, fie habe einen vollfom« 
menen Körper ſowohl nad) den Regeln des Verhaͤlt⸗ 
niffes, als der Ordnung hervor gebracht, würde mar 
wohl behaupten koͤnnen, daß eine folhe Vollkom⸗ 
menheit fernerhin Feiner Veränderung unterworffen 
fey ? die Erfahrung lehret das Gegentheil, und wir 
müffen öfters den Untergang einer ſolchen Schönheit 
beklagen, da mir diefelbe kaum zu bewundern anges 
fangen haben. Bey vielen Perfonen pfleget die Mas 
ur von ihrer Geburth an, bis zu einem ziemlichen 
Alter, alle Mittel anzuwenden, die Schönheit ih« 
res teibes zu befördern: ein einziger Zufall aber iff 
off vermögend, diefen zu Stande gebrachten Bau 
dergeftalt zu zernichten, daß man faum die Merf- 
maale der vorigen Vollkommenheit zu erfennen im 
Stande if. - Unzählige äußerliche Unglücsfälle, 
nebft eben fo vielen innerlichen Gemüthsregungen 
find insgefammt als Feinde der Schönheit ſolcher 
Körper anzufehen, und vermögend, diejenigen Voll⸗ 
kommenheiten zu Boden zu ftürgen, welche die ſorg⸗ 
fältige Natur durch das beobachtete Verhaͤltniß be- 
merfftelliget. Ja ich getraue mich zu behaupten, 
baß öfters Die Bemühungen, um die Schönheit — 

ne 


60 Don der Schönheit 


nes wohl angebrachten Berhäftniffes eines Körpers 
theils zu erhalten, theils zu vermehren, Gelegenheit 
geben, daffelbe zu vernichten, Ich will von denen⸗ 
jenigen nichts erwähnen, welche die Natur, durch 
‚die größten Zwangsmittel, in ihrem vorhabenden 
Baue, wie fie glauben, zu meiftern ſich beftreben ; 
in wie weit man aber hierinnen die gehörigen Graͤn⸗ 
zen überfchreite, zeigen die betrübteften Folgen. So 
viel ift gewiß, daß diejenigen, welche in ihren Zeich⸗ 
nungen, die angebrachten Regeln eines guten Ver⸗ 
Häleniffes, als Mufter der Schönheit, vor die Aus 
gen legen wollen, öfters einen Gegenftand dieſer ih⸗ 
rer Bemübung, unter viel tauſenden, vergebens ſu⸗ 
chen, welchen der Zwang und die Preffung der Klei- 
der das gehörige Verhaͤltniß der Theile ihres Leibes 
nicht hin und wieder verändert habe. Winslow 
Hat verfchiedene Begebenheiten diefer Art gefammier, 
Die ſich unter den Ausarbeitungen und Nachrichten der 
koͤnigl. franzöfifchen Akademie der Wiſſen⸗ 
ſchaften befinden, und wovon man im II. B. des 
BENDER) Magazins eine Heberfegung an- - 


—— die unterbrochene Ordnung der Theile eines 
thieriſchen Körpers anbelanget, fo entdecken ſich ſon⸗ 
derbare Zufaͤlle, wenn wir die Beſchaffenheit und 
Berrichtungen der Fleifchmäuslein in Betrachtung 

ziehen. Man findet, daß jeder organifche Theil, 
Durch gewiſſe fleifchigte Lappen in feiner natürlichen 
Sage erhalten wird, fo lange dieſe einander entgegen 
gefegten Muffeln eine gleiche Kraft, folches zu bes 
werfftelligen, anwenden, Geſchiehet es aber, daß 


einige von denfelben geſchwaͤchet, oder wohl gar zer. 
riffen 


der natürlichen Dinge, 61 


riſſen werden, ſo wirket die entgegen geſetzte Kraft 
um ſo viel ſtaͤrker in einen ſolchen Theil, als jene 
von ihrem Widerſtande verliehret, daher nichts an⸗ 
ders erfolgen kann, als daß dieſer Theil in eine wi⸗ 
dernatuͤrliche Lage gezogen, und zugleich die gehoͤri⸗ 
ge Ordnung verſchiedener angraͤnzenden Theile un⸗ 
terbrochen und geaͤndert haben muß. 


Gehen wir in das Kraͤuterreich, ſo iſt leicht einzu⸗ 
ſehen, daß ein Baum, nach der Beſchaffenheit und 
nach der Lage ſeiner Saftroͤhren, nicht anders, als 
in einer ſenkrechten Linie von der Erde aufwachſen 
koͤnnte, ja ſeine Zweige wuͤrden ſich, aus eben dieſen 
Urſachen, nur unter einem gewiſſen Winkel vom 
Stamme entfernen, worinnen inſonderheit die Schoͤn⸗ 
heit deſſelben beſtehen wuͤrde, woferne nicht verſchie⸗ 
dene Zufaͤlle den vorhabenden Bau der Natur ver⸗ 
änderten, und ihr in ihren Abſichten hinderlich waͤ⸗ 
ren. Ein ftarfer Wind dehnet die Gefäße deflels 
ben auf der einen Seite aus, oder zerreißt wohl gar 
verfchiedene von denfelben, daher es denn gefchieher, 
daß die Ordnung unter einer Menge ihrer Theile 
geändert, ober wohl gar aufgehoben wird. Ein 
Wurm zernaget einige von denjenigen Saftröhren, 
die zur Erhaltung und Nahrung eines gemiflen Theis 
les beftimmet find, dergeftalt, daß hierdurch demfelben 
der Zufluß feines Saftes entzogen wird. Sein or- 
dentlicher Wuchs wird auf diefe Weife verhindert, und 
folglich das Verhaͤltniß, welches er mit den übrigen 
Theilen des Baumes haben follte, unterbrochen. 


Selbſt in der Erde mache die Natur alle Anftalt, 
ein Erz oder einen Stein in feiner Vollkommenheit 
zu 


62 ‚Don der Schönheit 


zu Stande zu bringen, indem die hierzu nöthigen 
Theile von ihr herbey gefchafft werden. Sie ver⸗ 
binden fi) nach gewiſſen Gefegen, und der größte 
Theil ihrer Abficht iſt erreicher, allein ein mit ſaue⸗ 
ren Theilen angefülltes Waffer verhindert ihr Un— 
sernehmen, oder zerreißt wohl gar den. bereits zu 
Stande gebrachten Bau ihrer Vollkommenheit. 


- Menn man alfo alle mögliche Urfachen in Erwaͤ— 
gung ziehe, welche die Natur, theils in ihren Ab⸗ 
fichten bindern, theils aber auch die von ihr ausge— 
arbeiteten Schönheiten zu vernichten vermögend find ; 
fo werden wir gewahr, daß eine unter denfelben 
den Grund in der Ylatur des veränderten 
Körpers finder, und daß man daber alle 
diefe Abänderungen für zufällige Begeben⸗ 
heiten anzufeben babe, 


Gehet man weiter, fo wird man beobachten, daß 
ſich die Urfachen hiervon entweder in den Gränzen 
der veränderten Körper befinden, oder daß man die— 
felben außer denſelben zu fuchen babe. Der legtere 
Fall zeiget fi vornehmlich bey den unempfindlichen 
Greaturen, von dem erften aber nehmen wir befons 
dere Beweife in den thierifchen Körpern, infonder- 
heit aber bey den vernünftigen Menfchen wahr. 
Eine Mutter ftellet fich zu der Zeit ihrer Schwanz 
gerfchaft etwas fehr Tebhaft vor, und die Wirkung 
hiervon offenbaret ſich durch die veränderten Theile 
ihres zur Welt gebohrnen Kindes, welches vorher 
als ein Theil ihres Leibes anzufehen war. in zor⸗ 
niger, ein betrübter,, ein fröhlicher, und andere von 
verfchiedenen Gemütbsneigungen eingenommene 


Ders 


der natürlichen Dinge, - 63 


Derfonen legen, vermittelit des geänderten Verhälts 
niffes ihrer Gefichtszüge, folche Kennzeichen an den 
Tag, daß man von denfelben, auf die innerlichen 
Kegungen einen Schluß zu machen, gar wohl im 
Stande iſt. Die Meifter der Zeichnungsfunft has 
ben es bereits fo weit gebracht, Daß fie Die Ordnung 
und Das VBerhältniß der hierdurch veränderten Theis 
le ziemlid) genau vorftellig machen fönnen. 

Wie vielerley VBerhinderungen zeigen ſich dem⸗ 
nach nicht, welche Die Natur zu überwinden hat, bes 
vor fie einen vollfommenen Körper zu Stande brin« 
get. Se mehr fie fich befleißiget Bollfommenheiten 
auszuarbeiten, je mehr Widerftand ſcheinet fie zu 
finden, und der Menfch, die. fhönfte und edelfte 
Creatur, ift in diefem Falle weit mehrern Gefähr« 
lichkeiten, als alle die übrigen Gefchöpfe unterwor« 
fen. Der erfte Augenblick, da die Natur feinen 
$eib zu bauen anfängt, feßet ihn faufend Hinderniſ⸗ 
fen aus, welche ihr in ihrem vorhabenden Werfe 
hinderlich fern fönnen. Seine Geburth und Erzie⸗ 
bung geben Gelegenheit, die von der Matur zu 
Stande gebrachte Schönheiten zu zernichten. Die 
$uft, welche ihn umgiebet, dasjenige, wodurch fein 
Leib erhalten und ernähret wird, ja feine eigene Ges 
müthsneigungen, find in diefem Stüdfe als feine 
größten Feinde anzufehen. * Dem allen aber un= 

geach« 

* Die Mängel, welche ganzen Nationen gemein zu 

feyn pflegen, würden fich aus eben diefen Grüns 
den erklahren laßen, wenn mir hiervon eine gehoͤ⸗ 
tige Nachricht hätten, melches man um deſto 
mehr zu vermuthen hat, da man diefes bey ver- 


— zu bewerkſtelligen, bereits im Stan 
e iſt. 


64 Don der Schönheit der x. 


geachtet, würde man höchft unrecht thun, wenn man 
die Natur, als die Urheberin diefer Abänderung, 
anfehen wollte. Sie bemühet fi) in ihren Werfen 
ollezeit den höchften Grad der Vollkommenheit zu 
. erreichen, aus ben Örundriffen ihrer Körper muß 
man erfennen, daß ihre Abfichten auf nichts, als 
auf wahre Schönheiten zielen. In ihren erften 
Merken zeiget fie eine befondere Uebereinftimmung 
der Ordnung und des Verhältniffes, ja fie widerſe⸗ 
Get fich oft auf eine bewundernswuͤrdige Art denenje= 
nigen Urfachen, welche ihr in ihrem Unternehmen 
hinderlich find, oder wendet doch ſolche Mittel an, 
daß die Abänderungen ihrer vorhabenden Schönheit, 
fo wenig als nur möglich ift, ftatt finden koͤnnen. 


Die Unterfuchung der entfernten Urfachen diefer 
ih dem Reiche der Natur vorfallenden Unvollfom= 
menheiten, überfteiget die Gränzen der Maturlehre, 
und zugleich meine wenige Einficht in den hierzu era 
fordertichen Wiffenfchaften; hieran aber ift nicht zu 
zweifeln, daß diefe zufälligen Veränderungen eben fo 
fange dauren merden, als man das Weltgebäude 
felbft wird zufällig nennen muͤſſen. 


. Sm übrigen glaube ich, daß viele von diefen Uns 
vollfommenheiten annoch wegfallen würden, wenn 
wir uns von dem Zufammenbange aller erfchaffenen 
Dinge deutlichere und reinere Begriffe zu machen 
vermögend wären, Man betrachte nur diejenigen 
Gefchöpfe, welche wir auf unfern Erdboden erbli⸗ 
en, in ihrem gehörigen Zufammenhange, fo wird 
man finden, daß alles in einer unendlichen Reyhe, 
vermittelſt Ordnung und Verhaͤltniß, aufs 7 
: e 


\ 


Rx. .% . 65) 


fte verbunden iſt. Es bleibet ung aber bennoch der 
völlige Zufammenhang diefer großen Verbindung, 
immer no bin und wieder verborgen; daher es 
gar leicht gefchehen kann, daß wir etwas für eine 
Unvollkommenheit anfehen, welches doch zu der Era 
ganzung dieſer großen Reyhe etwas anfehnliches bey⸗ 
traͤget. 
S. 


II. 
Mediciniſches Gutachten und 
Bericht von der bey Dresden 

graßirenden Kranckheit. 
Nulla fals. - - - 


-  - Pauperies, morbi, mors, bella fequun- 
tur, 


äre der Friede nicht an und vor fich ſelbſt 

eine göttliche Wohlthat, und der Inbe— 

grif aller zeitlichen Gluͤckſeligkeit, fo haͤt⸗ 

ten mir, wenn durch deßen Verluſt nur unfer geben 

und Gefundheit in Gefahr gefeget wird, aus natuͤr⸗ 

licher Pflicht und Liebe zu beyden ſchon Grund und 
Urfache gnug, ihn auf das eifrigfte zu wuͤnſchen. 

Das fonft fo volfreiche, belebte und gefunde 

Sachſen hat leider die betrübte Erfahrung des Krie⸗ 

ges, daß es faft in allen feinen Gegenden eine Men- 

ge Siech⸗ und Todtenhäufer aufmweifer, die ihm der⸗ 

felbe, unglüclicher Weife, in kurtzen aufgebauet. 

Dresd, Mag, I, B. F — — Voigt⸗ 


66 Medicinifches Gutachten 


Voigtland und das Erzgebürge fam, aus vielers 
fey daher rührenden Urſachen, am erften und härs 
teften dran, daß auch eine hohe Landesherrſchaft be⸗ 
wogen wurde, ihren Hofmedifus, Herrn D. Krezſch⸗ 
mar, zu Ende vorigen Yahres dahin abzufenden, 
um die fo häufig allda eingerißenen Kranfheiten per« 
fönlich zu unterfuchen, und darwieder Mittel und 
Wege an die Hand zu geben. Welches lejtere er 
auch hauptfächlich zum Beſten des armen Land⸗ 
manns, dem es mehrentheils überall, nicht nur am 
Gelde, fondern auch am Arzte und Willen, fehler, 
in einer medicinifchen Anordnung gethan, fo er Durch 
den Druck gemeinnuzbar gemacht hat. Nachdem 
aber endlich Morbonens Wurh bis ins Herz des 
Standes gedrungen, und unſre Machbarfchaft ohn⸗ 
längft angegriffen, fo hat auch ein Hochebler und 
Hochweiſer Rath der Stadt Dresden, auf Beran« 
laßung der Gerichte zu Mügeln, und ergangenen als 
lerguädigften Befehl vom 22. Februar, Die unges 
fäumte Anftalt getroffen, in ihren zum geiftlichen 
Brüfen- und Neligionamte gehörigen Dorffchaften, 
Prohlis, Miügeln und Seidniz, wegen der fich täg« 
lich dafelbft vermehrenden Toden und Kranfen, dag 
höthige zu verfügen, und Herrn D. Jungnikeln, we⸗ 
gen Umpäslichfeit des ordentlichen Stadtphyſikus, 
nebſt dem Chirurgus und Oberälteften, Herrn Gras 
fen, mit gehörigee Volmacht dahin abzuordnen ; 
welches fie denn auch beyderfeits am 24. Februar 
bewerfftelliget, die Krankheiten in allen denjenigen 
Haͤuſern, wo theils die wichtigften und meiften Pas 
tienten geweſen, theils die mehreften daraus verftor« 
ben, unterfuchet, ſich nach den inn⸗ und aͤuſerlichen 

ms 


von der graßirenden Brandkbeit 26, 67. 


Umftänden der Kranfen, wovon fie jedoch die we⸗ 
nigften gan; und gar bettlägerich angetroffen, und 
nad) der Dauer und Befchaffenheit ihrer Kranfhei- 
ten genau erfundigef, und befunden, daß das an 
diefen drey Orten um ſich freßende Ubel allerdings 
von epidemifcher Art fey, und in einem anhaltenden 
Sieber, Febri continua acuta * maximam partem 
inflammatoria propter diathefin sanguinis, ac me- 

ningum celebri, inflammatoriam, beftehe, weil 
durchgängig fat alle Patienten über große Kopf⸗ 
fehmerzen, wie bey dem Morbo hungarico, über 
Schwindel und böfe Hälfe Flagen, und irre reden, 
woran zugleid eine Faͤulnis im Blute und Säften 
Schuld habe, 

Die Borboten der Krankheit find, wie der an 
E. Hochedlen Rath deshalb erjtartete und zu hoher 
tandesregierung eingefandte Bericht weiter von 
Wort zu Wort lautet, und den wir diesfals unfrem 
“Magazin einzuverleiben nicht ermangeln wollen, ge⸗ 
meiniglih Schwere der Glieder, Mattigkeit, Dis 
fternheit des Kopfs, unrubiger Schlaf, und Man⸗ 
gel des Appetits, gewefen. In augınento et ſtatu 
morbi bat fich Diefes Fieber durch eine trocfene vera 
jehrende Hize, heftigeres Kopfweh, deliriren, ſtar⸗ 
fen Durft, Bitterkeit im Halfe und Unruhe ver« 
mehret, und feinen periodum auf 14. Tage, bey de« 
nen am meiften, fo daran geftorben, bey andren auf 
drey Wochen, ja wegen des drauf folgenden Febris 
lentae, oft auf 6. 8. bis 10. Wochen, extendiref, 
weil materia peccans auf nirgend eine Fritifche Art 
ausgeworfen und gänzlich abgeführet worden. Es 

52 Fan 

? Synochus putris, 


68 = "Wiedieinifehes Gutachten. 


kann alfo diefe an benanten Orten graßirende Krank⸗ 
beit nicht anders, als ein anhaltendes, faules und 
Entzündungsfieber angefehen und tradtiret werden; 
und {ft dahero nicht nur a Febri Catarrhali, von 
dem fo genannten Flusfieber, fondern auch a Febri 
maligna contagiofa, in fo weit unterfchieden, daß 
dort ben den allerwenigften ein Schnupfen, Huften, 
SHeifcherkeit, Auflaufen der Mandeln und Drüfen 
am Halfe unter der Zunge ic. vorhergegangen, ober 
gefolget; Hier aber die Anſteckung heftiger, lethaler, 
und mit peftartigen Zufällen, als bubonibus, car« 
bunculis, uibieibus, purpura petechiis &c. verbuns 
den feyn würde; von welchen allen wir nichts wahr⸗ 
genommen, vielmehr erfahren, daß, wo ſich Beu⸗ 
lien am Half geäufert, fie qutartig gemwefen, und 
feichte fuppuriret, und dergleichen Patienten davon 
gefommen. 

Daß die Luft daran Theil habe, ift wohl nicht in 
Zweifel zu ziehen, zumal wenn fie, wie bishero, - 
mit Froft und Thauwetter jähling. abmwechfelt, die 
meifte Zeit über irregulair, feuchte, ſchlaf und dicke 
iſt, und unſre Säfte-verdirbt, verdicer, theils ver= 
dünner, und in eine offenbare Faͤulnis feget. Daß 
es ihr aber noch zur Zeit allein und hauptfächlich zus 
zufchreiben, ift daher nicht begreiflich, weil diefe 
Keanfheiten im Lande ſonſt allgemeiner und viel ges 
fährlicher wären, 

Die Kriegsunruhen, eine bange Furcht wegen 
der Zufunft, übermäßige Sorge wegen des gegens 
wärtigen, Abnahme der Nahrung, entjogene Bes 
guemlichfeiten, häufige, ftarfe und unvermuthete 
Begvartierungen, befonders von Bleßirten und Kran⸗ 
. fen, 


von der graßirenden Krankheit ꝛc. 69 


fen, welche in dieſen dreyen Dörfern die wahre Ur⸗ 
fache und der Anfang davon gemwefen, unerfchwinglie 
che Abgaben, und, andre Folgen des Krieges, legen 
wohl den Grundftein zu diefem Uebel, und pflanzen 
es weiter fort, 


Hierzu komt vornämlich, daß die wenigften Sands 
leute demfelben forgfältig vorbeugen, theils ihre 
Wohnungen nicht gar reinlich, und meift allzu eis, 
halten, nicht ausräuchern, oder fonft mit gefunder 
frifcher Luft in ihren Patientenftuben verfehen, und 
dadurch andre leicht anſtecken, theils gar Feiner, 
oder doch nicht gnugfamer, dienlicher und wirffa- 
mer Arzeneyen, und in Zeiten, ſich bedienen, ver 
ſchiedene audy nicht die gehörige Wart- und Pfles 
gung haben, wo nämlich) Mangel, Furcht und Abs 
fheu andre zurüf Hält, ihrer Nothdurft beyzufprin- 
gen, 


Wie wir nun disfals, nach der. auf allergnaͤdig⸗ 
sten Befehl von. E. Hochedlen Stadtmagiftrate uns 
ertheilten Ordre, fo wohl pracferuatiue, als curati- 
we, jeden Orts, alles mögliche zu Abwendung und 
Tilgung diefer Krankheiten angewendet, und aber 
dabey nothwendig vorausfeßen, daß, wenn göttliche 
Erbarmung, nad) unſrem Wunfche, die Delle fol 
ches fürchterlichen Uebels verſtopfen wolte, vors gegen⸗ 
waͤrtige und zukuͤnftige alle hohe und ruͤhmliche Vor⸗ 
ſorge der Obern, ja alle medieiniſche Bemuͤhung, 
Rath und Huͤlfe gluͤcklicher und leichter von ſtatten 
gehen würde: So komt es in Anfehung der Kur 
and Präfervation, fo weit fie durch in- und aͤuſerli⸗ 
he Mittel —————— hauptſaͤchlich darauf 


an, 


70 Medieiniſches Gutachten 


an, daß, nach Befinden der angemerkten Umſtaͤn⸗ 
de, und der vorher angezeigten Urſachen der Krank⸗ 
heit, erſtlich durch euacuantia, abfuͤhrende Mittel, 
als Aderlaßen und adaequate purgantia, auch wohl 
emetica, wo es noͤthig, derſelben zeitig begegnet 
werde; jenes zwar, ſo bald ſich uͤbermaͤßige Hize, 
Durſt, Kopfſchmerz, Roͤthe im Geſichte und Auf⸗ 
laufen der Adern zeiget, wo es denn nicht ſelten ein⸗ 
auch zweymal zu wiederholen iſt; dieſe aber, wenn 
zugleich, oder allein, der Magen leidet, wenn Eckel, 
Ubelkeit, wiedriger Geſchmak, Mangel des Appetits, 
Aufſtoßen, Magenſchmerz, unrichtiger Stuhlgang, 
und andre dergleichen Beſchwerlichkeiten, vornaͤm⸗ 
lich nach vorhergegangener Alteration und Bewe— 
gung des Gemuͤths, Harm und Kummer ſich fin⸗ 
den; In welchem Falle theils die uomitoria, radix 
ipecacuanhae afari, tartarus emeticus, oxymet feil- 
Jiticum cum eflentia antimonii Huxhamiana &c. in 
bequemen uehiculis, theils laxantia et purgantia, {al 
epion, fed licenfe, cremor et cryflalli tartari, ni- 
trum, rhabarbarina, Qamarinbentränfe ꝛc. gufe 
Dienfte hun, indem beyderley nicht nur faburram 
biliofam et cruditates uifcidiores, in uentriculo et 
inteftinis colledtas, von oben.und unten ausführet, 
fondern zugleich alterando die übrigen Säfte im. 
‚Körper durch ihre gelinde Säure verbeßert. | 


Woferne nun, pro ratione caufae morbificae, 
Aderlas und Purgieren vorgenommen worden, fo 
bat dergleichen Patiente nöthig, durch viel und duͤn⸗ 
nes Getränfe die fieberhafte Hize, Durſt und Tros 
ckenheit des Mundes und ganzen Leibes zu vermin- 
— Zr ‚bern, 


von der graßirenden Krankheit ic, 71 


been, und, meil diluentia nuda allein nicht hin⸗ 
laͤnglich, diefen annoch laterantia und teinperantia 
acida, als Citronenfaft, Weineßig, etwas Salpe⸗ 
fer, cremor tartari, faure Kirſchen, SHolzäpfel, 
“ oxymet :c. nach feinem Geſchmack zuzufegen, um 
Dadurch feinen Säften den nöthigen Zugang und 
Geſchiklichkeit zur Ausdünftung und Ausführung zu 
verfhaffen. Die vornehmften Medifamente, fo, 
hierbey zur Kur erforberlicy find, beftehen einzig 
aus Fühlenden und niederfchlagenden, meift fauren 
Sachen, als nitro depurato, cremore & cryftallis 
tartari, tartaro tartarifato & uitriolato. arcano 
duplicato &c. mit und ohne terreftribus abforbenti- 
bus, & diaphoreticis, conchis, lapidibus cancro- 
rum, bezoardico minerali &c. ferner aus tindturis 
florum bellidos min. & rhoeados &c. potionibus 
& emulfionibus temperatis ac diapnoicis. &c. 


Was das regimen und äuferlihe Berhalten, 
worauf nur allzuviel anfomt, belanget, fo haben wir 
bereits oben die Fehler dabey entdefet, die alfo hier 
ernſtlich zu vermeiden, und auf eine gemäßigte ega⸗ 
le Wärme, Keinlichfeit, Anfprengung und Austüfs 
kung ber Kranfenftuben, zu dringen; wovon Herr 
D. Kretzſchmars gedrufte medicinifche Anordnung, 
die auch, deshalb jedem Richter von ung zugeftellet 
und angepriefen worden, deutliche und ausführliche 
Kegeln giebt, Zur Präfervation dienet hauptſaͤch⸗ 
lich eine gute, leichte und mäßige Diät, ein gefeztes 
und ruhiges Gemüthe, befonders wo ver Umgang 
mit Patienten unvermeidlich ift, fäuerliche Speifen 
und Öetränfe, der Gebrauch des Hollimder-- und 
ne Zu ı 7 Wachol⸗ 


72 ° Medicinifches Outachten 


Wacolderfafts in Waßer, mit oder ohne Efig und 
überhaupt alles, was die Krankheit felbft hebet *.“: 

Hingegen find gemürzte, ſcharfe, higige, Ipiritu- 
ouſe Sadyen, als Brantewein, Kümmel und ande 
ve abgesogene Waßer, mixtura fimplex, die ic) 
wegen ihrer großen Liebhaber zuerft nennen mus, 
fal uolatile oleofum, fpiritus cornu cerui, eflentia 
lignorun, das Weltberühmte elixir proprietatis, 
Wermuthertraft, als womit die berufenen Dlitäten« 
Främer bey nahe jevem Bürger und Bauer eine 
Hausapotheke anrichten, bier gänzlich zu verwerfen. 
Das Geblüte wird dadurch mehr erhizt, die Säfte 
verdifet, und durch ein erpreftes Schwizen verfchleus 
dert, die feften Theile ausgetrocknet und fteifer gemacht, 
und überall damit Del ins Feuer gegoßen. 

Bor alle und jede Zufälle deren wir doch eben 
nicht fo viel von Wichtigkeit angetroffen, außer die 
zur Krankheit felbft gehören, Ean nichts vorzügliches 
verordnet werben, meil die Idioſynkraſie eines jeden 
Patienten und die Befchaffenheit der Umſtaͤnde alle= 
mal dabey einen Unterfchied mache. Die verlohrs 
nen Kräfte, nach der Kranfheit, wieder zu erfezen, 
find gute nahrhafte Speifen, etwas Wein, robo- 
rantia & tonica, cortex cafcarillae & peruuia- 
nus &c. von nöthen, 

Alles diefes, was wir hier bey denen im Schwan⸗ 
ge gehenden Krankheiten bemerfet, und zu fernerer 
Abmendung derfelben ohnmafgeblich vorgefchlagen, 
iſt von ung auf das fleißigfte, nach unferm beiten 
Wißen 

* Iisdem praecaventur morbi, quibus arcentur, au- 


xilis, remediüs, iyuantibus, wel medicamentis. 
Boerhaue. . 


von der graßirenden Krankheit 2c, 73 


Wißen und Gemißen, gefchehen, und wir haben 
diefen Bericht und unvorgreifliches Gutachten eigene 
haͤndig unterfchrieben und befiegelt. Dresden, den 
27. Februar. 1759. 


Chriſtian Gottlob Jungnikel, 


il. & Med. Doctor. 


George Wilhelm Graf, 
Stadt- und Garniſonchirurgus. 


III. 


Kurze Nachricht 


von dem Ä 


ſo genannten Petrefactenberge 


ohnweit Dresden. 


nter den mancherley Verſteinerungen, die man 

in ben dresdniſchen Gegenden an ſehr vie⸗ 

len Orten findet, verdienen diejenigen, welche 
auf dem ſo genannten Petrefactenherge angetrof⸗ 
fen werden, eine beſondere Aufmerkſamkeit, indem 
ſich dieſelben, in Anſehung verſchiedener Eigenfchafs 
ten, vor vielen andern einen Vorzug erwerben. 


Dieſer Berg beſtehet eigentlich in der hoͤchſten 
Gegend einer gewiſſen Anhoͤhe, die ſich von dem 
hochadlichen Dorfe Krebs, meiſtens gegen Mor⸗ 
gen zu, bis nach Zehiſt erſtrecket, und alſo, in Be-⸗ 
trachtung ihrer Laͤnge, ae ‚eine — 
s eu 


74 Burʒzʒe Nachricht 


betragen mag. Ehedem hat dieſe Anhoͤhe, meines 
Wiſſens, keinen beſondern Namen gehabt, anietzo 
aber iſt ſie, ſowohl in Krebs; als auch in einigen 
andern daherum befindlichen Doͤrfern, unter dem 
Namen des Petrefactenberges ſattſam bekannt. 

Die oberſte Erdſchicht, welche dieſe Anhöhe bede= 
cket, beſtehet in einer grauen, etwas ſandigten, doch 
aber ziemlich fruchtbaren Dammerde, daher man 
auf derſelben meiſtentheils gar gute Kornfelder an⸗ 
trifft. 

Die unter dieſer Dammerde befindlihe Stein⸗ 
ſchichten machen ein graues, mit Kalk vermiſchtes 
Sandſteinfloͤz aus, welches ſich nicht nur in den da⸗ 
felbft befindlichen hohlen Wegen und Waflergräben, 
fondern auch in den von dem Wafler ausgeſchwemm⸗ 
ten Schluchten gar deutlich vor die Augen leget. 

Die höchfte Gegend diefer Anhöhe, ben Zehiſt, 
fcheinet, wegen der Befchaffenheit der dafelbft vor- 
handenen fandigten und fteinigten Erde, zum Feld⸗ 
baue unfüchtig zuſeyn. Man findet dafelbft etwas 
Graͤſerey, und verfchiebene, durch die Kunſt anges 
legte Aleen von Linden und andern Bäumen. 

Uber diefes beobachtet man, an eben diefem Orte, 
einige ausgegrabene Dertiefungen, aufgeworffene 
Daͤmme und Wafferleitungen, welche zuerfennen ges 
ben, daß vor einiger Zeit verfchiedene Waflerbehäl« 
£er allhier befindlich gemwefen. 

In dieſer Gegend nun finden fich zugleich man« 
herley Arten von Steinen und von verfteinerten 
Dingen, unter welchen ich infonderbeit folgende kuͤrz⸗ 
lich anzeigen will, als: 
— Ein 


von dem Perrefactenberge, 77 


Zin weißer, ſehr feiner gelbgeftreifter 
Tophſtein. 

Ein grauer, grobkoͤrnichter Sandſtein, 
mit inliegenden kleinen Bammuſcheln 
und Anomiten. 

Ein grauer, klarkoͤrnichter Sandſtein, 
mit aufliegenden Gryphiten, und endlich 

Kin fo wohl gelber, als grauer, gemeis 
ner Sandftein, mit aufliegenden, wal« 
zenfoͤrmigen Steinfiguren, von verſchie⸗ 
dener Art, 

Der Tophfkein zeiget fih am häufigften in den 
vom Wafler ausgewafchenen Schluchten, woſelbſt 
man bisweilen drey bis vier Zoll breite und Dice 
Stuͤcken antrifft, welche, vermöge dieſer ihrer Bes 
fchaffenheit, gar deutlich zuerfennen geben, daß fie 
von einem Flöze gleicher Art, der vermuthlich vers 
ſchiedene Riffe und Spalten des Sandfteinflözes ans 
füllet, berftammen. ' 

In Anfehung feiner Farbe ift er zwar meiß, al 
kein die über einander liegenden Schichten deffelben 
machen ſich Hin und wieder mit hellgelben Streifen 
amd Linien kenntlich. Sym übrigen unterfcheidet ſich 
dieſer Stein, in Anfehung feiner Haͤrte, vor vielen 
andern biefer Art, indem derfelbe eine ſehr feine Po« 
litur annimmt, und- da über diefes die befagten gel⸗ 
ben Streife deffelben bierdurch das Anfehen eines 
halb durchfichtigen, blaßgelben Bernfteins erlangen; 
fo £önnte dieſer Stein zu verfchiedenen Abfichten mit 
gar guten Vortheilen angewendet werben. - - 

Was die in dem groben Sandfteine befindlichen 
Bammuſcheln und Anomiten anbelanget, ‚r 

wir 


760 Burze Nachricht 

wird man an denſelben dieſes, als etwas beſonders, 
beobachten, daß ſie insgeſammt ihre Schalen an ſich 
haben, weiche aber durchgaͤngig in einen, dem Mar⸗ 
mor an Härte gleichkommenden, grauen Stein ver« 
wandelt find. Die in diefem Steine eingeſchloſſe⸗ 
nen Conchilien ſtellen alſo die wirkliche Verſteine⸗ 
rung ihrer urſpruͤnglichen Koͤrper vor, welches man 
in andern Sandſteinarten gar ſelten wahrnimmt, in⸗ 
dem ung diefelben insgemein nur die Abdruͤcke von 
verfehiedenen Seeförpern darftellen. 

Die verfkeinerten Gryphiten, melche man 
allhier in einem Elarförnichten, grauen Sandſteine 
findet, haben gleichfalls ihre Schale noch an ſich, 
welche öfters zwo Linien ſtarck, ganz glatt, und von 
grauer Farbe iſt. Sie unterſcheidet ſich nicht nur 
dermitteiſt ihrer zarten über einander liegenden Blaͤtt⸗ 
chen, ſondern auch in Betrachtung ihres kalkartigen 
Grundſtoffes, von dem Sandſteine, worinnen ſie 
lieget. Ich habe dieſe verſteinerte Muſchel, zu ver⸗ 

ſchiedenen malen, annoch mit ihrer Nebenſchale ver⸗ 
ſchloſſen angetroffen, welche ganz glatt und eben iſt, 
ſich über die Deffnung der gefrümmten Schale, wie 
eitie Klappe anleget, und fich mit derfelben, an der 
fehnabelförmigen Biegung, vermittelft eines Angels, 
verbinder, Dieſer Umftand ſcheinet die Meynung 
Derjenigen zu unferflügen, welche den Gryphiten eine 
Stelle unter den verfteinerten Auſtern mit ungleichen 
Schalen einräumen. Ten J 
Die allhier zum Vorſcheine kommenden, walzen⸗ 
förmigen Steinfiguren find von zweyerley Art, 

‚Einige haben eine runde, ſaͤulenfoͤrmige, theils ge⸗ 
Kader‘ theils aber: auch gekruͤmmte Geftalt: bey ans 
_ dern 


von dem Petrefactenberge, 77 


dern hingegen beobachtet man, daß fich der runde, 
fäulenförmige Haupfftamm in verfehiedene Aeſte vers 
theilet. Diefes könnte uns zwar auf die Gedanken 
bringen, daß fowohl die eine, als auch die andere 
angeführte Art, abgebrocyene Stücen von verfteiners 
ten Corallengemwächfen vorftellete ; allein die eigentlis 
che Beſchaffenheit derfelben, infonderheit aber Die an 
der legtern befindlichen zweigförmigen Hervorraguns 
gen, fcheinen mit den Corallengemächfen nicht die ges 
ringfte Gleichheit zu haben, indem diefelben, fo, wie 
ihr Hauptftamm,. eine gleiche Dicke, und fäulenförs 
mige Öeftalt haben, welches man bey den zweigfär- 
migen Corallengemächfen niemals: beobachtet. Ich 
bin dahero auf die. Gedanfen gerathen, daß diefe 
Steinfiguren von den Stielen der fo genannten 
Tpierpflanzen herftammen, und in diefer Meys 
nung bin ich durch die Befchaffenheit der befannten 
Walzenfteine nicht wenig beftärfet worden, indem 
man unter benfelben gleichfalls eine gewiſſe Art 
antrifft, welche mit Aeften verſehen iſt. Ich werde 
diefe Meynung in einer furzen Abhandlung von den 
im Steinzeiche befindtichen verſchiedenen Theilen der 
Seefterne, weiter auszuführen Gelegenheit haben, 
m übrigen unterfcheiden fich diefe Steinfiguren bey⸗ 
der Arten, außer ihrer Geftalt, in feinem Stüde, 
von den grauen oder gelben Sandſteinen, auf mel 
Gen fie fi) befinden. . 

"Alle diefe Berfteinerungen liegen in dem allhier 
befindlichen Sandſteinfloͤje ſchicht- und laagenweiſe 
beyſammen, dergeſtalt, daß man dieſelben zwiſchen 
den Abloſungen dieſes Floͤzes in. beſonderer Menge 
ta chtig wird; daher ſich bisweilen ziemlich N 

late 


78 Burze Nachricht von dem ꝛc. 


Platten von den Sandſteinen abſondern laßen, wel⸗ 
che auf ihren Oberflaͤchen mit dieſen Verſteinerungen 
angefuͤllet ſind, wobey man zugleich wahrnimmt, 
daß ſich die angefuͤhrten verſchiedenen Arten niemals 
untereinander miſchen, ſondern daß eine jedwede der⸗ 
ſelben in beſondern Schichten und Laagen beyſam⸗ 
men befindlich iſt. 

Man kann ſich dahero ſchwerlich vorſtellen, daß 
dieſe Anhoͤhe, nebſt den in ihr befindlichen Seethie⸗ 
ren, von einer allgemeinen Waſſerfluth zuſammen ge⸗ 
trieben worden; ſondern es iſt vielmehr zu glau⸗ 
ben, daß dieſelbe aus einem ſtehenden Waſſer, 
nach und nach, niedergefenfet worden. Da nun 
aber die allhier befindliche Berfteinerungen von fols 
chen Dingen berftammen, welche man nur in Seen 
und in dem großen Weltmeere antrifft, und da fich 
dieſelben überdiefes eben fo, wie in ihrem natürlicher 
Zuftande, Iaagenweife bey einander befinden; fo 
fcheinet mir, bey der Erflährung des Urfprunges die⸗ 
fer Anhöhe, die Meynung derjenigen am. meiften 
ſtatt zu finden, welche zu behaupten fuchen, daß ver= 
fchiedene Floͤze, worinnen verfteinerte Seethiere ges 
funden worden, von dem Meere, welches nad) und 
nad) feine Gränzen verändert, niedergefenfet und zu« 
rüce gelaffen worden, wenigftens wird uns das 
Steinlaager dieſer Anhöhe, und die in demſelben 
ſchichtweiſe eingefchloffene Verfteinerungen, ſolche 
Eigenſchaften vor die Augen legen, welche allen Floͤ⸗ 
zen, die man an dem Seeftrande findet, und die 
vorher den Meergrund abgegeben haben, eigenthüme« 


lich zu feyn pflegen. 
S, 
IV. 


B)oc® 56 
IV. 
Rachricht vondem Standedes 


Thermometers und Barometers im 


Jahr 1759. nebit der in den Monaten 
Jenner und Februar zu Dresden vor 
gefallenen Witterung. 


8 a ich Willens bin jedem Stuͤcke geqenwaͤrti⸗ 
ger periodiſchen Schrift, eine Nachricht von 

denjenigen Veraͤnderungen der Witterung 
beyzufuͤgen, die allhier von Monat zu Monat, nach 
dem Stande des Thermometers und Barometers an⸗ 
gemerket worden; ſo erachte ich fuͤr noͤthig, nicht nur 
von der Zeit, wenn ich dieſe Beobachtungen unternom⸗ 
men, ſondern auch von der eigentlichen Beſchaffenheit 
derjenigen Inſtrumente, die ich hierzu angewendet ha⸗ 
be, etwas weniqes voraus zu erinnern. 


Die Beobachtungen werben täglich zu drey vera 
fchiedenen malen, als früh nach der Sonnen Aufgang, 
nad) Mittage um drey Uhr, und Abends um zehen Uhr 
angeftellet, da denn zu gleicher Zeit der Stand des 
Thermometers und Barometers in gewiſſe Tabels 
len, wovon ic) gegenwärtig die erfte und andere liefea 
re, mit gehöriger Vorſicht eingetragen wird. 

Das Thermometer deffen ich mic) bediene, iff, 
nad) der farenheitifchen Einrichtung, vom Eispuncte, 
bis zum Puncte des fochenden Waflers, in 180. Grade 
eingetheilet; da aber bey diefer Art von Thermometern 
von 32. Grad unter den Eißpuncte, oder dem Puncte fo 
durch Eiß und Salmiac vermifcht, gefunden wird > 

mis 


go Don dem Stande des Thermometers 


mit o. bemerfet ift gerechnet wird, fo zählet man bis 
zu dem Puncte des kochenden Waflers, 112. Grad, : 
Dieſes Thermometer befindet fich, nebft zwey ander n 
von gleicher Befchaffenheit, in einem Gehäufe, derge⸗ 
ftaft daß diefelben insgefammt für den anfallenden 
Sonnenftrablen, ingleihen für den Negen, Schnee 
und Schloßen gefichert find, von der Luft aber frey und 
ungehindert beftrichen werden koͤnnen. 

- Das längfte unter denfelben hat eine Röhre, welche 
30. parifer Zoll lang, und deren Weite fo befchaffen ift, 
daß 12. Grad einen Zoll ausmachen. Der an diefer 
Roͤhre befindliche Cylinder iſt 3. Zoll und 4. Linien hoch. 
Bon der durchgehende gleichgroßen Weite Diefer Roͤh⸗ 
te, ift man, durch das mit derfelben unternommene 
Ausmeffen, und durch andere Verfuche, vergemwiffere 
worden, wie denn diefelbe überdiefes mit gehörig zuben 
reiteten, und vermiftelft einiger chymifchen Vortheife 
gereinigten Dvecffülber gefüllet, und von aller Luft be= 
frenet iſt; daher Das Dveckfilber, wenn man die Röhre 
diefes Thermometers unter die Horizontallinie neiget, 
bis in die äußerfte Spige derfelben herabfteiget. Der 
Eispunct, ingleichen der Punct des kochenden Waflers, 
find beyde, durch miderholte Verſuche und mit möglich" 
fter Sorgfalt, an demſelben beftimmet worden. 

Der Ort wo diefe drey Thermometer nebft ihren Ges 
haͤuſe angebracht find, ift die Flächeeiner Mauer, wel⸗ 
she gegen Nordoſten gerichtet ift. 

. Das Barometer, welchesich infonderheit zu mei⸗ 
nen Beobachtungen erwaͤhlet habe, beftehet aus einer 
Roͤhre, die 344. Zoll lang ift, und deren Durchmefler 
24, tinie beträgt, Die Höhe der diefer Röhre beyge⸗ 
fügten Scale iſt von 25, big 29. Zoll, jeber aber von 

en denſel⸗ 


und Barometers ıc. 81 


denfelben in 12. Linien abgetheilet. Sie enthält nebſt 
dem pariſer zugleich das londoner, rheinlaͤndiſche und 
das dresdniſche Maaß, unter welchen man ſich jedoch, 
bey den angegebenen Veraͤnderungen, jederzeit des er⸗ 
ſteren bedienen wird. Dieſe gemeldete Roͤhre ſtehet 
in einer glaͤſern Capſel, deren Durchmeſſer 2. Zoll und 
1. Linie ausmacht, daher dieſes Inſtrument bey nahe 
2. Pfund wohl gereinigtes Nveckſilber in fich faſſet. 
Die Hoͤhe der Zolle ift, von der Fläche des Aveckſilbers 
in Diefer Capfel, und zwar nach dem mittleren Stande 
beflelben, gehörig abgemeflen worden. 

Diefes Barometer befindet fich nebſt zwey andern, vom 
elwas ſchwaͤchern Röhren, in einem Zimmer, und in einer 
sleihen, gemäßigten Wärme. 

Auf den beygefügten Witterungstafeln , zeigen bie 
Zahlen in der erften Reyhe, die Tage des Monats, diejents 
gen, die fich inder andern, dritten und vierdten befinden, 
die beobachteten Grade des Thermoineters, die in der 
fünften, fechften und fiebenden aber den Stand des Bas 
rometers an, unter welchen die erften die Zolle, die ans 
dein aber die Linien angeben. 

Wo in derTabelke der Witterung, das Wetter zu ver⸗ 
ſchiedenen mahlen angezeiget iſt, iſt zu verſtehen daß fich 
das Wetter z. E. von fruͤh bis Nachmittags ſo vielmahl 
veraͤndert hat. 

Im übrigen werden dieſe Beobachtungen jederzeit mit 
möglichften Fleiße unternommen. Da num die hierbey 
angemwendeten Jnftrumente nach den gemöhnlichen Res 
geln, auf das genauefte eingerichtet find, man auch übers 
dieſes bey der Verfertigung der Witterungstafeln, alle 
Sorgfalt anwendet; fo wird man an der Richtigkeit dere 
felben um defto weniger zu zweifeln Urfache —— 


Deren der im Fahr 1759. zu Dresden 
beobachteten Witterung. 
Drrsb. Mag. 1. B. — G J — JANUA- 






























































3, JANUARIUS. 

88| Therm Thermom. | Barometer. 
& | Fed. Nmit. < .1 ab. | | Früh. |Nachımit.| Abends. 
1 |29 |38 27 53127 6|27 & 
2 | 26 | 37 ga 27 6|27 4|27  2°- 
3|41 |401|38 | |27 3 |27 3|27 4% 
4 | 38; 38| |27 &|27 7|277 7 
s 147 47 \ 127 6|27 54127 4- 
6 |4ı |a3 |37 | |27 4127 527 & 
7 |3s2! 37 37 27 103127 11 !27 ı 8 
8 at 45 | 127 9 3 23 8; 
9143 147 |45 27 11 |27 10,|27 10 
ıo |5o |s2 |sı 27 9 |27 ı0 27 ıız 
ı1 148 |s4 |45 28 ıll2g 13128 ı3% 
12 136 |48 |37 | |28 %|28 3]27 1% 
14 1.36.|42% 4 27 104]27 101| 27 105 
14 | 383140 143 28 1128 1 [28 ı% 
ıs ı35 |sz |asıı 128 1 |28 1|28 2° 

B Ah 46 | |28 ı|28 2ll2ıg 3 

117144 150 147 28 2128 21283 

—— 42 |42 414 |28 128 -|27 113 
ı9 |43 |42 |405| |27 103] 27 10 | 27 10 
20 | 35 | 34 | 30 27 10 |27 Iı |28 3° 
21 | 25 | 30 | 28 4|28 5al28 si 
22] 2ı |28 |23 28 s2l28 5 128 si 
23 |2ı |24 [22 | |28 45|28 4 |28 4, 
24 | 2235| 28&| 23 28 3128 25128 al 
2$ 122 [2623 28 3|28 22]28 20 
26 | 20%| 272] 24 28 2|28 3|28° 3° 
27 |22 29 125 28 34l2g 1128" 3° 
28 I22 !35 23 l2g 212g lag 21 
F FE 28 if Na 9 

32 144.139 | |28 128,1 )28 I 
38 I4ı 141 || 28 3128. 7128 











Ten nn ng en ee 








— — 























Sg _JANUARIUS. 

s — Witterung. 

=} * Nachm. Abends. T. Fruh. Nachm. Abende 
Schnee Sſcheinſ trůbe gewoͤlkt (Ofchein] helle 

O ſchein Cſchein 
"trübe | tũbe | übe 18 IId ſchein Oſcheimn helle 

— Schnee 





tube | —gewoltt trübe | Wind 
3] träbe | Regen | trübe |19| trübe Sm Regen 













































































— — — — — — — — — | — — 


13 Oſchein Oſchein helle 29 Oſchein trübe | trübe 


—— — — —s— — 


„Olsen Sſchein / Helle — 25 Sſchein trübe 


4] wwübe räbe | trüße |,.] träbe bee 
| ae |Tetbe | Gen |, tee | ße Tore | 
a — 
gewoltt Ofchein| helle 22 trübe | trübe | trübe 
Oſchein gewoͤlkt Oſchein Oſchein helle 
õ ſchein O ſchein Regen 23 ſden Oſchemn hehe 
ER 1 Wind | Wind Wind 
g trübe | trübe | helle |,,|Ofchein Sſchein / hee 
Wind Wind | Wind Wind | Wind 
õ ſchen nũde "trübe a5 Olein Sſchein Helle 
Wind 
—— Wind gewoltt Sſchem õſchein helle 
Wind gewoͤlkt 
— Sſchem gewoltt ¶ Helle helle õ ſden Ofen) Helle 
trübe ee gb en 
Dfheinigemiltt 
i2 gewoͤllt Oſchein gewoͤlkt |28 Oſchein Ofchein! belle 
ind 


























391 Ofhein 
tz Oſchein am gewolft 7 wübe | trübe |, trübe 
d 
— er srübe | übe | | CB | & | & 
| Regen |' 
















































































pi 


DIm pi 


„wann PD "Ni. 


3, FEBRUARTUS. 
ER Thermom. Barometer. 
&” Fran. Mamit. a0. | | FruD. I Nachmit.| Abends. 
TTao 1az ]ä2t |27 117199 10 
2139 144 |40 | |28 -)27 ıy 
3142 |44 [43 E | 27 9 
4 | +2 |40 |42 27 8127 9 
gs Iqı 14041425) |27 11 |27 10 
| 6 |43 43 5 8 ® 
7 |38 136 1365| |27 93! 27.10; 
8137. \43 |365| 128 z|28 = 
9142 |as |4! 28. 131128: .,2 
ı0|39 [46 |43 | |28 3 |28 2 
ıı | 32 147 |34 | |28 31|28 3% 
ı2 | 32 |46 |35 | |28 4|28 4 
13 ® 43 | 33 | 5 $ [28 53 
ı4 |32 |42 | 32 28 6128 5 
is 128 |44 |30 | 128 5|28 4 
16 2543 !34 | |28 4 |28 3 
ız|aı 4 Ia35 | |28 3128 2 
1 36 E 37 28 1 F 2 
ı9 |36 137 |38 | |28 3]28 3 
20 | 33 |43 | 33 28 1328 1 
21 132142332838 
271 28:|45 133 7:128 Ta; M 
23 | 33 | 37 375 27 10427 92 
24 | 35,353] 342| |27 10 |27 9 
25 | 322] 382] 342] |27 8 |27 7 
26 136 | 4! 393 27-6|27. 6 
27 \39 |.*3 4812727 72 27 84| 
' 3841 40%, 35 ; 91279 
an — — — — — — — — 


| DI BI 























< "FEBRUAR TUS. 

3 I Witterung. 

EI Fein. |Nadım. |Adende. |T.| Früb. |Nachm. Abende. 
truͤbe | erübe | trübe iz Oſchein Sſchein helle 


6 Oſchein Oſchein gewoltt 





6 Regen 
2Sõſchein truͤbe Wind 


iruͤbe "trübe | helle 
| Regen Igenodlft 


— —— 


egen | trübe | Negen 








17 Iewolltt oemält| trübe 


—— truͤbe | trübe 




















= 


| + Ofein Regen | 1 ine — 
trübe rechnꝛig gewoͤllt trübe | trübe | irude 
' mwindig windig RS 
\ gigervölkt Regen | tube wi — Ofchein! trübe 
| Find | Wind Schnee |? |.Nebel | trübe 






| 0 — 


7 trübe Schnee | trübe 
| Bind | Wind = Ofhein 

frube Negen | trübe 02 „. Ofhein Sſchein Hele 
1 Regen truͤbe trüde | Regen * 

gebe | trübe Jewoſtt IRebũch trübe trübe 

















> Degen | Regen *3| Regen Schnee 
| zo] trübe gewoͤltt gemwölti] 24 "trübe | teübe trũbe 
00000 BE EEE 6 AI RE 
1 Ofen Oſchein belle 25 trübe \gemölft | helle 
u FT gewoſtt 
12| Nebel lOfchein Helle |26 Ofgein gewoͤlkt trübe 





„oBen | — or 
Reif ! trübe ! belle | (gerositt | belle 
13 En gewoͤlkt —* 27gewoͤlkt Sſchein Wind 


— — —— — | —[“77—7 — 





— — — — — — — — — — 


—— — & 











86 Von der Kinfachbeit der Seele, 


| V. 
Engelbert Heinrich Schwartzens, * 
I 


mmatr. Adv. 


Rede 


von der . 


Einfachheit der Seele, beſon⸗ 
ders der menfhlichen. 


Hochgeehrrefte Herren! 


$ ie Beweiſe, welche mir Zeithero von der Ein« 
fachheit der Seele zu Gefichte gefommen, 
haben mir insgefammt noch nicht. völlige 
Genüge leiften wollen, indem biefelben, wie mic), 
duͤncket, höchftentheils nur wahrſcheinlich find. 
* Die ftärfften, die mir bekannt geworden, find fol= 
gende zwey; davon der erfte dahinaus läuft: daß 
bey den zufammengefegten Dingen, d. i. bey der 
. Materie, weiter nichts, als die Kraft der Bewegung 
angetroffen werde; die wefentliche Eigenfhaft der 
Seele aber, nämlich die Kraft zu denfen, in Feiner 
Bewegung beftehen fönne. Allein hier nimmt man, 
meines Erachtens, Bittweife an, wovon doc) eben 
die Streitfrage war, nämlich: ob die zufammenges 
feßten Dinge mit feiner andern Kraft, als der Kraft 
der Bewegung, begabet? Der Materialift kann da» 
ber 

* Gegenwärtige Rede, tvelche von dem Heren Vers 
faffer derfelben eingeſchicket worden, hat man auf 
— unſern Blaͤttern mit einverleiben 


befonders der menfchlichen. 87 


ber bier mit Recht einmwenden: Ich bin felber ein 
zufammengefegtes Ding, und habe handgreiflich einen 
‚Körper, und dennoch ift, außer der Kraft der Bewe— 
gung, annoch auch Die Kraft zu denfen, in demfelben 
befindlich. 

. Der andere von den mir befannt gewordenen 
ftärkften Beweiſen beftehet darinnen: Man fagt, 
und diefes mit Grunde: Die Materie ift ein zuſam⸗ 
mengefeßtes Ding, das Theile hat, die außer einan- 
der beftehen. Aus diefer richtigen Erflärung macht 
man nun zu einem fo genannten gehörnten Schluße 
diefen ebenfalls unftreitigen richtigen Oberſatz: Soll: 
te nun, fagt man, die Kraft zu denfen eine Eigen⸗ 
ſchaft der Materie feyn; fo müßten entweder alle 
Theile derfelben, oder nur einige, oder gar ein einzis 
ges davon, ſolche Kraft beſitzen. Nun fhlüßt man: 
Weder das erftere, noch) das andere, kann feyn, weil 
fonft zu gleicher Zeit fich mwiederfprechende Gedanken 
zum Borfchein kommen würden, wenn alle, oder vie 
le Theile, zugleich fich mit dem Denfen befchäftigten, 
indem des einen Theiles Gedanfen von dem-andern 
verfchieden feyn würden ; alfo müßte nothwendig nur 
ein einziger Theil davon denken, Diefer einzige 
Theil wäre nun entweder ein noch zufammengefeßtes, 
oder ein einfaches Ding. Nähme man an, daß es 
ein annoch zufammengefeßtes wäre ; fo ftünde feinem 
Denken alles dasjenige entgegen, was furg vorbero 
von dem zufammengefeßten Ganzen behauptet wor⸗ 
den ift, folglich müßte fchlechterdings nur ein einfa> 

ches Ding der Kraft zu denfen fähig feyn. 
Ich geftehe, diefer Beweis ift fehr ftarf: aber er 
bewirket doch nur die hocchſte Wahrſcheinlichkeit, as 
4 dar⸗ 


88 Von der Einfachheit der Seele, 


Darinnen bittweife als unmöglich vorausgefeget wird, 
daß, wenn alle, oder viele Theile des zufammenge« 
fegten, zum Denken erfordert würden, entweder. die 
‚Kraft zu denken nicht zerftreuet in diefen Theilen lies 
gen fönne, und das Denken alfo nicht in gemein» 
fhaftlicher Wirfung folder fammtlichen Theile bes 
werfftelliget werden Fönnte; oder aber, daß, wenn 
dieſe Theile ja einzeln, und vor fich denfen müßten, 
ihre Gedanken nicht übereinftimmig feyn Fönnten. 
So lange nun alfo nicht die Unmöglichkeit Diefer 
beyden Säße gezeiget worden ift, fo fange ift obiger 
Beweis noch nicht demonftrativifh. Doc, weil 
man bey diefen ihm entgegen ftehenden Sägen faft 
alfes- unermwiefen, ja hoͤchſt unwahrfcheinliche Forde— 
rungen, annehmen muß; fo lege ich diefem Bewei— 
fe die höchfte WahrfcheinlichFeit bey, und ich werde 
ihn in den Folgenden in verfchiedenen Stücen brau- 
chen, da der Innhalt diefer Abhandlung, darinnen 
beftehen folle: 
Daß ich entweder einen demonftrativifhen "Bes 
weis von der Einfachheit der Seele liefern; 
Oder, wenn mir diefes unmöglich) fallen follte, daß 
ic) die Unmöglichkeit dergleichen Beweiſes de= 
monftrativifch darthun werde. 
Ich Hoffe, das erftere leiſten zu fönnen: follte aber 
dero gründliche Einficht, nach Beurtheilung diefes 
meines Berfuches, mir annoch einige Mängel ent 
decken; fo verfpreche ich Fünftig, die Unmöglichkeit 
‚eines folchen Beweiſes auf eine demonſtrativiſche Art 
darzuthun. 
Der Himmel aber wolle diefen widrigen Vorfall 
in Gnaden abwenden, immaßen meines Erachtens, 
ung 


befönders der menfchlichen, 89 


uns an ber Einfachheit der Seele gar zu viel gelegen 
ft, da bey deren Gegentheil der Hauptgrund eines 
demonftrativifchen Beweiſes von der Unfterblichkeie 
der. Seele, nämlidy deren Unzerſtoͤrlichkeit hinweg 
fällt, und wenn diefer Beweis wanfend gemacht _ 
wird, unfere fchönfte Hoffnung von jenem unaugs 
ſprechlichen Öuten dahin ſinket. Wenigftens würde 
folcher Beweis alsdenn meit ſchwerer, weil man eine 
neue Schwierigkeit abzurhun hätte, nämlich. zu bes 
meifen: daß GOtt unfere, ihrem Wefen nach, auf 
ſolche Art materielle, und mithin zerftörliche Seele, 
in Emigfeit ungerftörlih erhalten würde: und da 
nach Abfcheidung der Seele von dem Körper folches 
nie anders, als durch ein Wunder gefchehen koͤnn⸗ 
te; fo würde alsdenn fo gar, etwas an ſich unwahr« 
fcheinliches, bewiefen werden. müßen. ch will alſo 
diefen traurigen Borfall nicht hoffen, fondern viel« 
mehr alle meine wenige Kräfte anftsengen, denſel⸗ 
ben zu. vermeiden. : 
Mein vorhabender Beweis ſoll demonftrativifch 
feyn. Demonftrativifche Beweiſe find fehr troden, 
und anzuhören ziemlich. unangenehm. Sie laßen 
ſich auch in einer vorzulefenden Abhandlung niche 
wohl führen: denn ich müßte diefe Abhandlung ſo⸗ 
dann in Abfchnitte eintheilen, und Ihnen hernach 
faft bey allen Zeilen vorfagenz nad) dem und dem 
Abfchnitte, oder, welches oben im diefem und jenen 
Abfage erwiefen. Wie unangenehm würde Ihnen 
aber diefes nicht feyn, und wie fehr würde ic) dabey 
Dero Aufmerffamfeit auf das befchwerlichfte bes 
fhäftigen müßen. Ich will mich alfo bemühen, 
meinem verfprochenen demonftrativifchen Beweiſe 
5 einen 


08 Don der Einfachheit der Seele, 


einen kleinen äfthetifchen Mantel umzuhängen, doc 
fo, daß er, nach Art der Spanifchen, den demonſtra⸗ 
tioifchen Körper überall hervorbliden lagen fol. Ich 
werde Ihnen ohne dem noch trocken genug feheinen, 
weshalber aber, da es mein Gegenftand nicht an⸗ 
Ders zulaßen will, ich hiermit bey Ihnen um Vers 
gebung. bitte, und diefelben um dero hochgeneigtes 
Gehör erfuche, 

Ehe ich aber zu meinem Beweiſe felbft Eomme, 
will ich annoch mit wenigen des Beweifes erwähnen, 
welchen der fonft fo fcharf denfende Herr Profegor, 
George Sriedrich Meier, zu Halle, deßen Schrifs 
ten ich fonften wegen ihrer gemeinlichen Gründlich» 
feit und Anmuth zugleich mit vielen Mugen und Ber 
gnügen lefe, vor einigen Jahren von dern Gegenftan- 
de meiner jegigen Abhandlung geführet hat. 
Dieſes Werk ift betittelt: Beweis, daß keine 

‚Materie denken koͤnne; und zu Halle im Mag» 
deburgifchen bey Carl Herrmann. Hemmerden im 
175iſten Jahr verlegt... Dieſer fonft fo fcharffinnige 
Mann gründet diefen Beweis auf überaus befondere 
und anftößige Grundfäge: Er behauptet nämlich, 
alle Kräfte find Subftanzen; und. alle zufammenge- 
feßte Dinge, mithin alle Körper und alle Materien, 
find nur Accidenzien; folglich alle Subſtanzen ein⸗ 
fache Dinge, * Da nun nad) folhem Angeben als 
Ve Kräfte Subftanzen find; fo ift auch die Kraft zu 
denken eine Subftanz: und da jede Subftanz ein⸗ 
fach, ein einfaches Ding. Meine — 


* &, beſonders den 16den und folgenden 1gden, 
* zıfen, um und zoften $, gedachter Abhand- 
ung» 


befonders der menfehlichen, 9L 


Herren, nad) diefem Beweiſe wird mir um Ihnen 
und mir leid, Wir find insgefammt zuſammenge⸗ 
feste Dinge, mithin, nach des Herrn Profeßor Meiers 
Grundfägen, lauter Yccidenzien, lauter leere Erſchei— 
nungen, phbantaftifhe Traumgefichter und Gefpens 
ſter. Unfere Seelen, wenn fie auch einfach feyn 
follten, haben in ihrer Zuſammenſetzung mit ihren 
Körpern die unglücliche mwefentliche Beränderung 
gelitten, daß fie aus Subftanzen zu Accidenzien 
worden find. Der fonft unleugbare mathematifche 
Grumdfag: daß alle Theile zufammen- genommen, 
das Ganze ausmachen; gilt nicht mehr. Denn 
nad dem Meierifchen Beweiſe machen Theile, die 
aus einfachen Dingen beftehen, und folglich, nad) 
feinem Zugeben, einzelne Subftanzen find, im Gans 
zen Feine Subftanzen mehr aus. Ich fehe, Sie 
wundern ſich, daß ein fonft fo gründlicher Mann 
auf dergleichen Gedanken har verfallen koͤnnen; es 
ift aber nicht anders, es ift gefchehen, und noch dars 
zu, nad) feiner Meynung, in einem demonftrativis 
ſchen Kleide bemwiefen, 

Der Grund, wodurch er auf diefe irrigen Säge 
gerathen, liegt in einer falfchen Erklärung, die er 
von dem Accidenz gegeben, und in der weitſchwei⸗ 
figen Erflärung des Wortes: Kraft. Die Sub⸗ 
ſtanz, erfläret er richtig, und fagt, daß es ein 
Ding fen, fo vor fich beftehe, und nicht nothwendig 
in einem andern Dinge eriftire. * Da er aber nun, 
vermöge des Gegenfaßes, das, der Subſtanz entges 
gengefeßte, Accidenz alfo hätte erklären follen, daß 
es ein Ding fen, das vor fich nicht beftehen 2. 

| on⸗ 
” f den 16. 5, feiner Abhandluuung. 


92 Don der Einfachheit der Seele, 


fondern allemal in einem andern Dinge, als deßen 
Eigenfchaft, befindlich fen; fo giebt er hingegen von 
dem Accidenz folgende Erflärung: daß es ein Ding 
fey, fo durch andere beſtehe. * Da nun die zus 
fammengefezten Dinge durch die einfachen beftehen ; 
fo fchlüße er daraus weiter fort: Alſo find zufame 
mengefezte Dinge Accivenzien. Meine hodygeehr« 
teſten Herren werden-aber ohne mein Errinnern von 
felbft wahrnehmen, daß der Herrr Profeßor Meier 
folchergeftalt nicht die Accidenzien alleine, ſondern 
überhaupt alle erfchaffene Dinge befchrieben habe: 
denn alle erfchaffene Dinge, audy fo gar die einfachen 
ſelbſt, beftehen durch ein anderes Ding, nämlich 
duch GOtt; folglich wäre nach diefer Meierifchen 
Erflärung, außer GN, gar fein Subftanz vor⸗ 
handen; melches aber nicht allein wider den Durch» 
gängigen Sprachgebrauch läuft, fondern auch felbft 
Herrn Meiers gedachten Beweis umftoßen wärbe, 
weil, wie ich gleidy ermähnet habe, alsdenn aud) 
die einfachen erfchaffenen Dinge-Accidenzien wären, 
die er doch felbft als Subftanzen bey feinem ‘Beweis 
fe brauche. Es ift auch offenbar, daß deifelbe in 
bemeldeter feiner Erklärung das Wort: beffebenz 
mit dem Worte: entffeben; vermenge; wenig⸗ 
ftens das erftere in der Bedeutung deg legfern nehme, 
Eine Kraft erfläret der Here Profeßor alfo: 
daß fie der hinreichende Grund zur Wirflichfeit al 
ler Wirkungen eines Dinges ſey. **  Diefe Erfläs 
rung ift nun zwar richfig, wenn fie in ihrer gehoͤri⸗ 
gen Einfhränfung genommen wird, Das Wort: 
v“ ec Grund; 
* f den 16. 5. feiner Abhandlung. 
"* (‚den 17den K. gedachter Abhandlung. - 


befonders der menfchlichen, 93 


Grund aber, iſt nach der Wolfifchen Weltweißheit 
etwas meitfchmeifig und zmeydeutig, und bedeutet 
bald die würfende Urfache eines- Dinges, bald aber 
nur den Frfennenißbegrif, woraus ich wahrneh⸗ 
me; daß ein Ding fo, und nicht anders, fer. In 
der legtern Bedeutung iſt der Grund allemal nur ein 
Aecidenz, weil Begriffe nicht anders als in einem 
andern Subject eriftiren koͤnnen; in der erftern Be⸗ 
Deutung aber iſt der Grund, vor die wirfende Lrfas 
che genommen, meijtentheils eine Subftanz, oder 
vielmehr die wefentliche Eigenfchaft einer Subftanz ; 
doch auch nicht allemal; als zum Benfpiel: der 
Grund, oder die würfende Urfache, daß man ruhig 
und ficher im gemeinen Wefen leben kann, find die 
Gefege ; deswegen find aber Die Geſetze feine Sub⸗ 
ftanzen ; und die ‚wirkende Urſache derfelben ift die 
Macht und Weißbeit des Fürften; und. diefe ent« 
fernteren wirfenden Urſachen liegen alſo erft in einer 
Subftanz, naͤmlich in den Fürften;. da hingegen fie 
felbft, nämlicdy die Macht und Weißheit, ebenfalls 
noch feine Subftanzen find. 

Ueberhaupt. aber ift es uneigentlich gefprochen, 
wenn man fagt, daß die Subitanz felbft die wirken⸗ 
de Lirfache, und in diefem VBerftande, der Grund 
von der Wirfung diefer Subftanz fey; fondern die 
Kraft, die in diefer Subſtanz befindlich, ift eigent« 
lich folche wirkende .Urfache. Als in unferm Beys 
fpiele wide der Fürft nicht. das geringfte von feiner 
Subſtanz -verlichren, wenn er gleich die zum Gefeß« 
geben erforderliche Krafft: und" Vermoͤgen, nämlich 
Macht und. Weißheit;: nicht.befäße; aber alsdenn 
würden auch keine Gefege von ihm zum — 

als om⸗ 


04 Von der Einfachheit der Sedle, 


fommen. Die Kraft ift ein abgezogener Begrif 
von einem Dinge, und liegt alfo allemal als ein Ac⸗ 
cidenz in einem andern. Hlur-ift fie allezeit in einer 
Subftanz unmittelbar, weſentlich, und unzertrenn- 
lich mit derfelben verfnüpft, wenn man das Wort: 
Kraft; im eigentlichen Berftande nimmt: denn 
wenn man den Accidenzien, 3. B. ben Gefegen, der 
Moral, der Tugend, und dergleichen, Kräfte beyle- 
get, fo gefchiehet folches im uneigentlichen Ber 
ftande, 
Wenn ich aber im künftigen bey meinem Beweis 
fe von der Kraft reden werde, welches gar häufig 
gefchehen wird, fo werde ich dleſes Wort allemal in 
ſeiner Ligentchen Bedeutung nehmen, naͤmlich vor 
die weſentliche Eigenſchaft einer Subſtanz, wodurch 
dieſe alle ihr moͤgliche Wirkungen hervorzubringen 
vermoͤgend iſt; welche Erklaͤrung ich hiermit vor⸗ 
ausſetze, um den Fehler zu vermeiden, den der Herr 
Profeßor Meier begangen hat: Denn dieſer hat 
nun das Wort: Grund; nicht allein vor die wir⸗ 
kende Urſache, ſondern auch vor die Subſtanz ſelbſt, 
worinnen dieſe wirkende Urſache liegt, mit ſolcher 
Urſache fuͤr einerley angenommen, und folglich den 
abgezogenen Begrif mit dem concreten vermenget. 
Meine hochgeehrteſten Herren werden vielleicht 
glauben, daß dieſes Ausſchweiſungen waͤren, und 
ich dadurch mit dem witzigen Herrn Verfaßer des 
Maͤhrgens von der Tonne vielleicht einerley Abſich⸗ 
ten hegte, und Ihnen ſolche Ausſchweifungen, wie 
die Seefahrer dem Wallfiſche eine Tonne, vorwer⸗ 
fen wollte, um dadurch mit meinem Heupewerke, 


wie jene mit dem Schiffe, bequem entrinnen zu koͤn⸗ 
nen. 


‚ befonders der menfchlichen. 95 


nen. Allein Sie werden aus dem folgenden wahr⸗ 
nehmen, daß ich das bisher angeführte zu meinem 
Beweiſe höchftnöthig gebraud)t, und wenigftens da⸗ 
durch Die darzu erforderlichen Erklärungen, oder 
Definitionen mit Gründen fefte gefegt babe, 

. Nunmehro aber will ic) ohne fernern Aufenthalt 
zu meinem Beweiſe felbft ſchreiten. Diefer Beweis 
läßt fid) von vorne ber, d. i. von den oberften Gruͤn⸗ 
den an, bis zudem vorhabenden Schlußfage, nicht 
führen: denn einfache Dinge, wovon die Seele nad) 
meinem vorhabenden Beweiſe eine Art feyn foll, ges 
hören unter die alleroberften erfchaffenen Grund-Urs 
ſachen der Dinge, und haben alfo, außer GOtt, kei⸗ 
ne andere Gründe über fich, aus welchen fie berges 
leitet werden fönnten. Auf was Art aber GOtt ein 
Urheber der erften erfchaffenen Grund-Urfachen fey, 
gehöret zu feinen innerlichen Handlungen, wovon 
wir feine Erfenntniß haben. 

Es fann alfo mein Beweis nicht anders, als von 
hinten her, d. i. aus Erfahrungen, geführet werben. 
Weil wir nun aber von unfern Seelen die meiften 
und ficherften Erfahrungen haben; fo foll mein gea 
genwärtiger Beweis, um der Bequemlichkeit willen, 
hauptfächlich nur auf die menfchliche Seele gehen, 
daß diefe nämlich von einfachen Wefen fey: er wird 
aber hernach ga leicht auch auf die Seelen der Thies 
re und Pflanzen, woferne die leßtern dergleichen ha⸗ 
ben follten, anzuwenden feyn. 

Bon der Seele gebe ich diefe Worterflärung : 
daß fie diejenige Subftanz fen, welche mit der Kraft 
zu denken, und nach ſolchen Gedanken willkürlich zu 
wirfen, begaber iſt. Hierinnen fommen die Sim« 

2, pliciſten 


96 Von der Einfachheit der Seele, 


pliciften ſowohl, als die Materialiften, überein, wenn 
fie von der Seele reden. Ihre Streitfrage beruhet 
allemal darauf: ob dasjenige Weſen, mas in ung 
denfet, und wornach wir willführlicy handeln, ein- 
fach oder materiell fey? Meine Wort» Erklärung iſt 
alfo dem Sprach-Gebrauche gemäß; und ich habe 
nunmehro nach felbiger zu erweiſen: 

‚Daß eine mit der Kraft zu denfen begabte Sub 

ftanz den Wefen der Materie widerfpreche.- 

‘ Materie nenne ic) eine zufammengefegte Sub- 
ftanz, d. i. eine Subſtanz, die Theile außer einander 
Bat, deren jeder Theil wieder eine befondere Sub— 
ftanz iſt. Wenn nun ein folcher Theil noch zuſam⸗ 
mengeſetzt ift; ſo hat er folglich wieder feine Theile, 
die befondere Subftanzen find; und diefes gehet fo 
weiter fort, bis man endlich auf folche Theile und 
Subſtanzen fommt, die weiter Feine Theile haben. 
Uud Subftanzen, die weiter Feine Theile haben, nen= 
he ich einfache Subſtanzen; und aljo überhaupt 
er einfaches Ding, ein Ding, das Feine Theile 

f 


Hieraus ift nun fo gleich Elar, daß alle zufams 
mengefeßte Dinge aus einfachen beftehen, weil dieſe, 
jener erfteren Grund Theile find. Cs ift alfo das 
durch zugleich die Eriftenz einfacher Dinge darge: 
than : denn da e8 zufammengejeßte Dinge giebt, die 
wir fehen, hören, rüchen, ſchmecken und greifen fün« 
nen; fo müßen auch deren Grund> Theile, woraus 
fie Aufammengefeßt find, d. i. einfache Dinge, vor⸗ 
handen ſeyn. 

Dieſes vorausgeſetzt; ſo muß ich nunmehro, um 
nr Rrengen Ordnung willen, vor allen Dingen er⸗ 

weiſen: 


befönders der menſchlichen. 97 


meifen: ob mir auch überhaupt eine Seele haben, 
d. i. nach unferer Befchreibung, eine befondere Sub⸗ 
ftanz, die in ung denft. Ich Halte diefen Beweis 
nicht für überflüßig: Denn es fönnte ein grober 
Materialifte fagen: Ich empfinde zwar, daß ich 
denfe; allein ich bin fichtlid) ein Körper, und halte 
diefe Kraft vor eine Eigenfchaft meines ganzen Koͤr⸗ 
pers, und kann alfo Feine befondere, in diefem meis 
nem Körper befindliche Subſtanz, die in mir den« 
fen follte, d. i. nach unferer Befchreibung, feine Sees 
le zugeben, ich will alfo das Gegentheil darthun, zus 
mahl, da ich dadurch uͤberaus begvem und gleichfam 
fluffenmeife zu meiner Haupfdemonftration gelange, 
und dieſe Dadurch defto deutlicher werden wird. 

„Sollte nun, nad) dem jetzo vorgefragenen Einmurs 
fe, die Kraft zu denfen eine Eigenfchaft unfers gan« 
zen Körpers feyn; fo müßten alle Theile unfers ganz 
zen Körpers denfen Fönnen: und wenn ung einige 
Theile von unferm Körper abgenommen würden; fo 
müßten mir die Kraft des Denkens entweder ganz 
verliehren, oder fie müßte Doch wenigftens in etwas 
geſchwaͤchet werden, Allein, alles diefes lauft wie⸗ 
der die Erfahrung. Wir empfinden allzu wohl, daß 
wir weder in den Füßen, nod) in den Händen, nody 
in den Eingeweiden, fondern lediglich im Kopfe, 
denfen; ja wir mwißen, daß man einem Menfchen 
Arme und Beine abbauen, und noch darzu eine an— 
fehnliche Portion von feinem übrigen Cörper, als: 
Nafen, Ihren, Haut, und dergleichen mehr, wenn 
man nur nicht die zum geben erforderlichen Theile 
verleßet, abnehmen Fünne, ohne, daß er dadurch 
das geringfte von feiner Kraft zu denen, verliehre. 

Dresd. Mag.IB. H Dem⸗ 


98 Von der Einfachheit der Seele, 


Demnad) ift es falfch, daß die Kraft zu denken eis 
ne Eigenfchaft des ganzen menfchlichen Körpers waͤ⸗ 
re; alfo muß eine befondere mit der Kraft zu den« 
Een begabte Subftanz, d. i. eine befondere Seele, in 
unferm Körper befindlic) feyn. 

Gehen mir nach diefem erwiefenen Dafeyn Der 
"Seele nun weiter; fo empfinden wir zwar, daß un« 
+ fere Gedanfen im Haupte, und hauptſaͤchlich daſelbſt 

im Gehirne, entftehen: wir fühlen aber auch in uns 
ferm Hergen geroiße Bewegungen und Wallungen, 
wornach wir größtentheils unfere willfürlichen Wir⸗ 
kungen einrichten, und um welcher Bewegungen hal⸗ 
ber, einige den Siß des Willens im Herzen geſucht 
haben. in den übrigen Theilen unfers Körpers 
treffen wir weder etwas von Gedanken, noch etwas, 
das dem Willen ähnlich) wäre, an; und alfo kann 
auch unfere Seele in diefen fämmtlichen Theilen 
nicht befindlic) feyn. Dannenhero haben wir Haͤn⸗ 
de und Füße, und alle übrige Theile unfers Koͤr⸗ 
pers, ‚bis auf das Gehirne und das Herze, als Din- 
ge, fo zur Subſtanz unferer Seele nicht gehören, 
mit binveichenden Grunde abgewiefen. Es frage 
ſich alfo nunmehro noch: ob unfere Seele nicht et« 
mann eine vom Gehirne, als dem Sitze des Den 
Eens, bis zum Herzen, als den von einigen angege= 
benen Sig des Wollens, ausgedehnte Subftanz, 
mithin felbft nach der Erfahrung, materiel fen ? 

Wenn man das Herze vor den Sig des Wollens 

annimmt; fo hat diefer materialiftiiche Vorwurf einen 
großen Schein vor ſich: und id) finde dahero nöthig, 
vor allen Dingen diefen Thron des Wollens umzu⸗ 
ftoßen, welches meines Erachtens gar leicht geſche⸗ 


beſonders der: menfehlichen. 99 


ben kann. Denn wenn wir auf die Erfahrungen 
Achtung geben; fo finden wir weiter nichts, als, daß 
der Grund zu unfern ſinnlichen Begierden in unſerm 
Herzen entftehe, und daß dabey in dem Herzen mehr 
nichts, als eine Wallung des Geblütes, vorgebe, 
welche uns zu finnlichen Begierden reige; welches das 
ber fommt, meil der Sammelplag des Geblütes im 
Kerzen befindlich ift; das Geblüte aber bey finnlichen 
ſehr reigenden Empfindungen in eine befondere, dem 
natürlichen Umlaufe deßelben ungewöhnliche, Berve« - 
gung fommt. Da nun diefe Wallungen des Geblüs 
tes im Herzen ung zu finnlichen ‘Begierden reißen ; und 
fodann auch die meiften Menfchen ihrem Willen nad) 
den finnlichen Begierden den Zügel fehüßen laßen ; fo 
verrwirret man gemeiniglic) befagte Wallungen, meil 
fie öfters eine wirfende Urfache unfers Wollens find, 
mit dem daraus zufällig entftandenen Wollen, und 
nimmt wider die Regeln einer guten Vernunftlehre, 
Die zufällige oder gelegentliche Urſache, mit der wahr⸗ 
baftig wirkenden, ja mit der Wirfung, d. i. mit dem 
Wollen felbft, für einerley an; da doc) diefe Dinge 
gar fehr von einander unterfchieden find. 

Denn, wenn jene Wallungen die wahrhafte Ur« 
fache meines Willens felbft wären, fo müßte fich 
mein Wille allemal zu demjenigen entfchlüßen, wor⸗ 
zu mid) befagte Wallungen trieben; und ich Fönnte 
auch umgefehre nichts wollen, wenn nicht derglei« 
chen, mic) antreibende, Wallungen vorher gegan« 
gen wären, Beydes aber ift wider die Erfahrung; 
und man empfindet vielmehr bey fich ſelbſt, daß die 
Kraft zu denfen hauptfächlic, die Entfehlüße unfers 
Willens bewirke, ja 7 finnlichen. — ſo 

2 ald 


100 Von der Einfachheit der Seele, 


bald wir dadurd) etwas wirklich begehren, felbit bes 
lebe, und daß diefes alles in unferm Gehirne vorgehe. 
Ich will diefes durch ein paar Benfpiele erläutern, 
bey welchem einem eine angenehme, und bey dem an 
dern eine widrige Empfindung zum Grunde liegen foll. 
Ein armer. ganz verhungerter Bertlersmann ges 
bet in den Pallaft eines Reichen, und findet dafelbft 
eine gedeckte Tafel in dem offenen Zimmer ftehen, 
welches fo wohl die Bedienten wegen ihrer Arbeit, 
als auch die Herrfchaft Die unvermuthet in ein ander 
. Zimmer geruffen worden war, verlaßen. hatten. Die 
Dafelbft befindlichen ‚angenehmen Speifen machen ei« 
ne ftarfe Wallung in feinem Geblüte und in feinem 
Herzen, und reißen ihn an, davon zu genießen, und 
feinen habenden Hunger vor diesmal auf das ange= 
nehmfte zu ſtillen. So viel geht allenfalls in feinem 
Herzen vor. Nunmehr kommt die Kraft zu den» 
fen: er urtheilet nämlich, daß von diefen Speifen zu 
eßen fehr angenehm feyn würde; ingleichen, daß es 
ihm moͤglich fey, folche zu genießen, weil niemand 
vorhanden, der ihn daran verhindere; und diefer Ge⸗ 
danfe belebt feine Begierde, gehet aber dem unge- 
achtet unftreitig im Gehirne, als dem Sitze des Den⸗ 
fens, vor. Nunmehr unterfucht er weiter: ob es 
auch dienlich fen, feinen Begierden zu folgen? Iſt 
er von geringer Urtheilungskraft, oder nicht redlich 
genung ; fo wird die Lirfache, daß niemand vorhans 
den ült, ihm ſchon ein hinlänglicher Bewegungs” 
grund feyn, in folche Speifen einzufallen, Allein 
mein Bettler foll ein ehrlicher Mann, und dabey von 
einiger Ueberlegung feyn. Er befindet demnad) 
bey der Beurtheilung, — er ſich hier zu ent⸗ 
ſchluͤßen 


befönders der menfchlichen. 101 


ſchluͤßen habe, daß es verbothen ſey, eines andern 
Sachen wider fein Wißen und Willen zu ſich zu neh⸗ 
men; daß auch jemand, wenn er ſich an diefen Spei« 
fen vergriffe, darzu fommen, und ihn übel lohnen 
koͤnne; er ftelle fic) auch) dabey als möglich vor, daß 
man ihm vielleicht gutmillig von diefen Speifen zu 
eßen geben dürfte, wenn er darum bäthe, und dabey 
feine Ehrlichkeit -anzeigte. Er thut diefes leßtere, 
und ift damit glüflih. Waren aber nicht die Grün 
de zu dem Entſchluße diefes Betrlersmanns Vor⸗ 
ftellungen, welche die Kraft zu denden im Gehirne 
beroirfte, und wovon in dem Herzen nichts vorgieng ? 
Es wird diefes niemand leugnen, er müßte denn wir 
der die Erfahrung behaupten wollen, daß wir auch 
im Herzen Borftellungen und Gedanfen empfaͤnden. 
Das andere Beyſpiel ſoll dieſes ſeyn: Tugend⸗ 
reich gehet Abends in ſeinen Verrichtungen aus, und 
unterweges begegnet ihm ſein Feind Neidhardt, wel⸗ 
cher ſich unterfaͤngt, ihm ein paar Stockſtreiche zu 
geben. Diefe unangenehme Empfindung macht in 
Tugendreichs Herzen eine heftige Wallung des Ges 
bfütes, und reißet ihn zum-Zorne und zur Rache an, 
und er greift halb mechaniſch nach feinem Stode 
oder Degen, um ſich zu wehren. Go meit gehen 
MWirfungen im Herzeu vor. Im Gehirne hinges 
gen denckt er dabey, daß dieſes eine große Beleidis 
gung fey, die ihm jeßo angethan worden, und: diefes 
belebt die finntiche Begierde zur Rache, Er übers 
leget aber dabey, daß er fich mehrere Lngelegenheit 
zuziehen würde, wenn er auffreyer Gaße Händel an⸗ 
fienge; und da er hierbey feinen Feind erfennet, dies 
' fe, aber die Flucht nimmt; ſo entſchluͤßt er fich den⸗ 
55 ſelben 


102 Don der Einfachheit der Seele, 


felben dafür gerichtlich zu belangen. Alles diefes aber 
gienge im Haupte, und nicht im Herzen vor. 

Ich glaube demnach die Seele audy aus dem 
Herzen mit genugfamen Gründen in das Gehirne 
verbannet zu haben. Nun fommt die Haupffrage: 
Ob nun diefe, in dem Gehirne Sig und Stimme 
habende, Seele materiell fen, und vielleicht Das Ge⸗ 
hirne felbft, oder eine andere darinnen befindliche 
materielle Subftanz, diefelbe ausmache ; oder ob fie 
von einfachen Wefen fey? - 

Da ich oben ermwiefen, baß jede Materie aus ein⸗ 
fachen Dingen’ beftehe; fo mache ich, nach Art des 
im Eingange angeführten andern bereits befannten 
Beweiſes, diefen disjunctivifchen Sag: 

Sollte die Seele in einer Materie beftehen: fo 
müßte die Kraft zu denken entweder nur in ei= 
nem einzigen einfachen Theile derfelben ; ober 
in etlichen Theilen; oder in allen zufammen 
genommen; liegen. 

Wäre das erftere, fo wäre die Seele von einfa= 
chen Wefen, und es würde dadurch eben dasjenige 
gefeßet, was ich mir zu erweifen vorgenommen : 
Denn die übrigen Theile der vorgegebenen Materie, 
die in diefem Falle nicht follten denfen koͤnnen, ge= 
hoͤreten alsdenn eigentlich gar nicht zur Seele; ſon⸗ 
dern, wenn behauptet werden wollte, daß fie allemal 
mit ihre vergefellfchaftet wären; fo wären dieſe nicht 
denfende Theile allenfalls der Seele ihr Kleid, ober 
ein von Gott ihr beftimmter beftändiger Körper; 
und es liefe darauf hinaus, mas der berühmte Here 
Freyherr von teibnig behauptet hat, daß Fein endli« 
eher Geift ohne Körper exiſtire. * 

n 


befonders dermenfehlihen. 103 


In dem andern Falle, wenn nur einige Theile der 
vorgegebenen Materie follten denfen fönnen; fo lies 
fe es, wegen der übrigen nicht denckenden Theile, 
abermals auf das nur gedachte Kleid der Seele hin- 
aus. Wegen der vorgegebenen dendenden Theile 
aber, wäre diefer Fall mit dem dritten Fall überein» 
ſtimmig; welcher alfo allein zu unterfuchen übrig 
bleibet, nämlich: ob eine Materie möglich fey, in der 
ren Theilen insgefammt die Kraft zu denken liege? 

Wegen viefes dritten Falles gehet, fo viel mir 
wißend ift, meine eigene Theorie an. Hierzu mas 
che ich diefen Satz: 

Sollte eine Materie, oder ein materieller Theil 
derfelben möglich feyn, in deren Theilen insge⸗ 
fammt die Kraft zu denken liegen follte; fo 
müßten folche Theile entweder gleichartig, oder 
ungleichartig feyn. 

Wären ihre Theile gleichartig; fo wäre in einem 

jeden diefer Theile die Kraft zu denfen eben fo guf, 
und fo ftarf, als in dem andern: denn dieſes will 
eben die Gleichartigkeit der Theile fagen, daß naͤm⸗ 
Lich ein jeder derfelben von gleicher wefentlicher Bes 
fchaffenheit, als der andere fey. Da nun aber, oben 
erflärter maßen, eine Kraft die weſentliche Eigen⸗ 
fchaft eines Dinges ift, wodurch ſich diefes wirkſam 
zubezeigen vermögend ift; fo wäre auch bey einer den⸗ 
kenden Materie von gleichartigen Theilen die denken⸗ 
de Kraft in einem jedem, auch einfachen Theile der- 
felben, ganz und fo ftarf, als in einem jeden der übri= 
gen Theile. Wäre diefes; fo märe zu unferer See⸗ 
le nur ein einfacher Theil derfelben genung, und bie 
übrigen gleichartig en Theile wären nn 

4 ig · 


104, Von der Kinfachbeit der Seele, 


fig. Da nun aber GOtt und die Natur nichts 
überflüßiges machen; und dasjenige, was den Ei 
genfchaften GOttes und der von ihm erfchaffenen 
Natur widerfpricht, unmöglich iſt; fo ift diefer Fall 
fhlechterdings unmöglih. Er widerfpricht auch der 
Erfahrung, indem wir fonft empfinden müßten, daß 
einerley Gedanke bey uns auf einmal vielfach vorhan⸗ 
den wäre; wovon wir uns aber des Öegentheils be 
mußt find, 

Alſo müßte die denfende Materie aus ungleichare 

tigen Theilen beftehen ! 

Sollte diefes feyn; fo müßte entweder in einem 
jeden diefer ungleichartigen Theile die Kraft 
zu denfen ganz liegen, fo, daß ein jeder Theil 
vor ſich zu denfen fähig wäre; oder die Kraft 

zu bdenfen wäre in diefen ungleichartigen Theis 
Ien zerftreuet befindlich, fo, daß wir nicht an« 
ders denfen fünnten, als wenn ſich diefe Thei— 
le zugleich gefchäftig bewieſen. 

Der erftere diefer Unterfaͤlle ift abermals um des» 

willen unmoͤglich, weil ungleichartige Theile, wenn 
jeder vor fi) ganz zum Denken fähig feyn follte, als— 
denn auch ungleichartige und ſich felbft widerfpre- 
chende Gedanken zum Borfhein bringen müßten ; 
welches aber der Erfahrung widerſpricht, als nad) 
welcher unfere Gedanken fo gar, von den einander 
woiderfprechenden Gegenftänden, gleichartig und eins 
förmig find, und niemand jemals etwas zugleich als 
wahr und falfch, oder, in Anfehung des Willens, 
als dienlich, und auch) zugleich als undienlich, gedacht 
haben wird, 

Alſo 


befonders dermenfehlichen. 105 


Alfo bleibt lediglich der andere Unterfall, und die 

allerlegte Ausfludyt der Materialiften übrig: | 

Ob naͤmlich die Seele nicht aus einer ſoichen Mas 
terie beftehen fönnte, in deren ungleichartigen 
Theilen die Kraft zu denfen zerſtreuet liege, fo, 
daß fein Theil alleine, fondern alle zufammen 
genommen, zu denken fähig wäre; fo, wie et— 
wan die Beftandtheile einer, aus einfachern 
Heilsmitteln, zufammengefegten Arzeney, Dies 
jenige Wirkung einzeln gar nicht bervorbräch« 
ten, die aus folder zufammengefegten Arzeney 
erfolgte? : 

Um aud) von diefer übrigen materialiftifchen Aus 

flucht die Unmöglichkeit zu zeigen, habe ich mich eben 
oben bey dem Meierifchen Beweiſe, und deßen mie 
der Kraft und den Subſtanzen begangenen Fehltrit« 
te fo lange aufgehalten. Nunmehro aber kann ich 
defto kuͤrzer feyn. 

Mein Beweis von der Unmöglichkeit diefes Fal⸗ 

les beruhee auf folgenden Gäßen. 

ı) Ein jedes Ding, und mithin aud) ein jedes 
einfahes Ding, ift mit einer gewißen Kraft 
unzertrennlich begabet. 

2) Keine Kraft ift, als Kraft, anders, als in ein 
nem einfachen Dinge befindlih, und kann in 
feinem zufammengefegten, folglich auch in feis 
ner Materie zerftreuet liegen; fondern dasje 
nige, was man dem Zufammengefeßten als eis 
ne befondere Kraft‘ zufchreibet, iſt eigentlich 
feine Kraft, fondern eine bloße Wirfung und 
Mobification der in den einfachen Theilen defe 
felben befindlichen Kräfte. 

| H 5 Den 


506: Don der Einfachhels der Seele, . 


Den erften Sag ermeife ich alfo: Ein jedes eri= 
ftirendes Ding ift wirffam; denn ein pur leidendes 
Ding, iſt ein Unding, welches man nirgends in Der 
Matur antrif. Da nun die Kraft die wefentliche 
Eigenfchaft eines Dinges ift, wodurch fich dieſes 
wirkſam erzeigen Eann ; fo iſt jedes eriftirendes Ding 
mit einer gewißen Kraft begabe. Da nun ferner 
zinfache Dinge unter Die eriftirenden Dinge gehören; 
fo iſt auch ein jedes einfaches Ding mit einer gewißen 
Kraft verfehen. Und da endlich die Kraft eine roe= 
fentliche Eigenfchaft eines Dinges ift; alles aber, 
was einem Dinge weſentlich ift, won ihm nicht ge⸗ 
«rennet werden kann; fo ift eine jede Kraft ein une 
zertrennlich Accidenz von feinem Subjeste, in dem 
es befindlich if, fo, daß es nicht anders, als mit bee 
Vernichtigung feines Subjects untergehen kann. 

Den andern Gag erweiſe ich nun Ffürzlich alfo: 
Sat ein jedes einfaches Ding feine befondere Kraft; 
do kann das, aus ihnen Zufammengefegte, meiter 
nichts, als eben diejenigen Kräfte zufammen genom⸗ 
men haben, die in den einfachen Dingen liegen, aus 
Denen es zufammengefegt ift: Denn das zuſammen⸗ 
gefegte Ganze hat weiter nichts, als was feine Theis» 
Te zufammen genommen haben. Sollten nun diefe 
Kräfte der einfachen Theile, aus denen das Ganze 
beftehet, in der Zufammenfegung eine befondere 
Kraft ausmachen; fo müßten die einzelnen Kräfte 
einander, oder doch wenigſtens der vorgegebenen, 
Durch die Zufammenfegung gewordenen Kraft des 
Ganzen, ihr Wefen mittheilen. Nun fann eines 
Theils Fein Ding dem andern fein Weſen mitthei- 
len, weil durch diefe Mittheilung dem Weſen etwas 
ents 


befonders der menfchlihen. 107 


entzogen würde, die Wefen der Dinge aber unzer⸗ 
trennlich find; und andern Theils, wenn man auch 
ſolche Mittheilung als möglich fegen wollte, fo wäre 
doch felbft dieſe Mittheilung eine Wirfung, folglich 
Die vorgegebene Kraft des Ganzen Feine wirkende 
Urfache, d. i. feine Kraft. 

Ich kann diefen Beweis auch alfo geben: Jede 
Kraft ift, mie ich beym erften Sage bewiefen habe, 
von feinem Subject unzertrennlih. Nun ift ein 
Ganzes felbft ein zertrennliches Subject: denn es 
kann fo gar mit Inſtrumenten getheilet werben; 
folglidy müßte auch feine Kraft, als fein wefentlicheg 
Accidenz, wern fie zerftreuet darinnen liegen follte, 
mit zertrennet werden koͤnnen. Da aber diefes dem 
bewiefenen Wefen einer Kraft widerfpricht; fo ift es 
unmöglich, daß ein Ganzes durch die Zufammenfes 
gung eine befondere Kraft erlangen fönnte; und es 
ift alfo, als welches auf eines hinausläuft, unmoͤg⸗ 
ih, daß je eine Kraft, als eine Kraft des Ganzen 
betrachtet, in feinen Theilen zerftreuet liegen Fönne, 
Mithin ift Diefes auch von der Kraft zu denfen nicht 
möglich; folglich muß deren Subject, unfere Seele, 
einfach) fern. W. z. B. W. \ 

Die Zeit gebriche mir, diefes weiter auszuführen, 
indem ich fonft Willens war, annod) zu bemweifen, 
dag man die Kraft zu denfen aud) für feine Modis 
fication verfchiedener in einer Materie befindlicher 
Kräfte ihrer einfachen Dinge annehmen Fönne, 
Sch muß aber diefes, erforderlichen Salls, bis 
auf ein andermal verfpahren; und überlaße gegen: 
wärtiges 31 Dero gründlichen Beurtheilung. 


VI. Be⸗ 


108 Von einem Blut⸗Gewaͤchſe, 
VI. 
Bericht 


von einem Blut⸗Gewaͤchſe, 
welches durch die Urin⸗Gaͤnge ab⸗ 
gegangen, Ao. 1757. und 1758. 


enn der Zuſtand der Leber ſo beſchaffen iſt, 

daß ſie aus einſchleichender Trockenheit, 

und Verſtopfung, die Galle aus dem Blut 
der Pfortader nicht gehörig abſcheidet, und der Ver⸗ 
einigung der Galle aus der Leber mit der Galle aus 
deren Blaße eine Hinderniß feger, fo entftehet daher 
eine Unordnung in der $eibesöfnung, der Nah— 
rungs:Saft bleibt roh, und dag ‘Blut behält ein zä= 
bes und unbearbeitetes Wefen, welches die engen Ges 
fäße preßet, daß daraus Stockungen, krampfhaffte 
Zufälle, fliegende Hige und hurtiger Puls erfolgen 
müßen. 

Die gallichten Theile ergießen ſich megen 
des verhinderten Durchgangs der Galle aus dem 
Blut der Pfortader durch die Hohlader häufig 
ins Blut, und machen den Patienten ein blaßgelbes. 
Anfehen. Der Magen, welchen ein Theil der Leber 
erwärmet, und bedeckt, wird aus dem Mangel diefer 
Wärme zum Appetit und der Dauung geſchwaͤcht, 
welches ein Drücen nad) dem Eßen anzeiget. Dies 
fe Zeinde der Gefundheit werden von Trockenheit des 
Mundes, einen langfamen Berfall des Fleifches, 
und weil das Zwergfell aus Nachbarfchafft der Leber 

etwas 


welches durch die Urin-Bängexe, 109 


etwas gepreßet wird, : zumeilen von einen muͤhſamen 
Ahem, und abmwechfelnden Gemürhseigenfchaften 
begleitet, 

Diefen Eranfen Zuftand des Körpers fan man 
mit dem Namen einer Cachexix bilioſæ ausdruden. 
Es entſtehen daraus fo mancherley und öfters un« 
begreifliche Zufälle, die defto gefährlicher find, je 
mehr fie ſich unvermuthet einfchleichen, und alsdenn 
auf eine fo verfchiedene Art ausbrechen, daß fie oͤf⸗ 
ters alle Mühe der Kunft und die Wirfung der vora 
treflichften Mittel aus Mangel der natürlichen Kräfs . 
te überfteigen. Bey allen diefem ift die Weißheit des 
Schöpfers wundernsmwürdig, daß fie die Leber mit 
den häufigften Gefäßen verfehen, um die Urſachen 
der Entzündungen in derfelben zu fehmächen, meil 
fonft ein grofer Theil der Menfchen an unvermuthe= 
ten, gefchwinden und ſchmerzhaften Krancheiten, 
die Daher entftehen koͤnnten, aus diefer Urfache ſter⸗ 
ben wuͤrden. 

Dieſe Saͤtze muß man wohl verſtehen, ehe man 
von dem folgenden merkwuͤrdigen Vorfall, den ich 
mit Zuruͤckſetzung aller Weitlaͤuftigkeiten deutlich und 
einfaͤltig beſchreibe, faͤhig iſt, zu urtheilen. 

Derjenige Freund und Patiente, von dem ich re⸗ 
de, welcher jetzo im 50. Jahr ſeines Lebens ſtehet, 
und nach der Mundart der Alten ein Atrabilianus 
iſt; hat ſich in den angeführten Umſtaͤnden ſeit vie⸗ 
len Jahren befunden. So bald als ich in der Mit« 
te des Movembris 1757. zu demfelben geruffen wur⸗ 
de, und die Sache, woran ſchon vor mir gearbeitet 
worden, nad allen möglichen Umftänden überlegte, 
fo hielte ich es vor. rathſam, SR sine Laxantia 

anti- 


110 Von einem Blut-Bewächfe, - 


antiphlogiftica ex fol. Senn. Tartar. folubil. pulp: 
tamar. und Manna, die aber der. Magen meiftens 
von fich ftieß, die Hindernüße meiner Eur bey Sei⸗ 
te zuräumen. Ich trug auch Fein Bedencken, dem⸗ 
felben den 30. Nov. ein gelindes Bomitif zu verord= 
nen, welches mich von etwas, daran viel gelegen, 
überzeugete. _ 

Der Nothfall erforderte eg, den 13. December 
ein Aderlaßen anzuftellen, da denn eine zähe Haut, 
wie ich vorher vermuthete, das Blut bedeckte. Weil 
‚bie Berftopfung fortdauerte, fo ift, daß ich es eins vor 
allemahl erinnere, bald pur Manna, bald ein Clyſtir 
verordnet worden. 

Ich fuchte alsdenn durch ein decodum, welches 
als ein beftändiges Getrände genommen wurde, aus 
rad. chym. gran. und caflıa nebft refolvirenden und 
eröfnenden Pillen, aus G. ammon. Sap. v. c. eXtr. 
xhab. & cent. m. die Säfte und das Blut zu aͤn⸗ 
dern, die Defnung des teibes auf den natürlichen 
Meg zu leiten, die Leber zu eröfnen, und fie von der 
Hindernuͤß der Abfonderung der Galle zu befreyen. 

. Den 21. December zeigte fih ein Blutharnen, 
welches ich weder von der güldnen Aber, noch von eis 
nem Nieren: und Blaſengeſchwuͤre herleiten konn⸗ 
te, und hielte bis den 23. dito Nachmittags mit 
Berhaltung des Urins an, 

Hier wurden lap. cancror. c. fperm. ceti, Mans 
delöl, und infonderheit ein Pulver aus Sacch. lad. 
nitro c. laud. liq. Syd. verordnet, und ic) rechnete 
diefen Umftand unter diejenigen feltnen Fälle, von 
welchen Schenf und Hildanus gefchrieben, daß die 
Natur feine andere Crifin und Kennzeichen der Re- 
Solution finden koͤnnte. Es 


welches durch die Urin-Bänge x, ir 


Es gieng aber unvermuther ein grofes Stüd, fo 
wie Fleiſch ausfahe, und die Stärke des dickſten 
Fingers, auch ohngefehr die Laͤnge einer kleinen 
Spannen hatte, mit ieidlichen Schmerzen fort, wor⸗ 
auf ſich das Blur und die Strenge des Uring änderte. 

Den 28. Dec. funde fi das Blutharnen, und 
den 29. gegen Abend wiederum ein Stücfgen derglei⸗ 
chen Gewaͤchſes ein, welches 4. Stunden innen ge⸗ 
ſtanden, und mit Huͤlfe heraus gezogen wurde. 

Den 2. Jan. 1758. kam wieder etwas Bluf, und 
nad) 6. Uhr gieng wiederum ein Stüct den Weg, 
welchen die vorigen genommen, 

Den 5. dito ließ ſich ein Anfall von Ohnmacht ge⸗ 
gen 6. Uhr merken. Nach ı1. Uhr des Nachts kam 
wieder ein Stüce, welches aber ohne fonderliche 
Schmerzen ausgezogen, und durch den Druc des 
Waßers fortgetrieben wurde. Den 10. dito gieng 
nad) eingenommenen Manna wiederum ein Stuͤck 
mit einer flarfen Ohnmacht fort. Man ließ wegen 
eines fid) äufernden Stuhlzwanges ein Clyſtir aus 
Mil und Del anordnen. 

Es ift hierbey anzumerken, daß der Patient ber 
einen Schmerz in der linfen Seite und zumeilen in 
Ruͤcken geklagt, welcher aber bey dem Fortgang dies 
fes Gewaͤchſes merklich vermindert worden. Fer 
ner, daß der Patient allezeit den Tag vorher, ehe 
ein Stüd fortgieng, eine. überaus große Mattigfeit 
empfunden, daß der Urin bey dem erften Fortgang 
einen widrigen Geruch hatte, der ſich nach und nad) 
auch geändert, daß öfters Fleine Fäfergen auch Stüdz 
gen meggegangen, Endlich erfolgte ein Brennen 
und Auffehwellen an gewißen Theilen, fo aber ri 

m⸗ 


tı2 Post einem Blur-Gewächfe, 


Umfehläge gehoben wurde, und Bewegungen des 

Dluts in der Pfortader, nie aber einen völligen 

Durchbruch der güldnen Ader anzeige. 
Weil diefes Gewaͤchſe, als eine außerordentliche 

Begebenheit, die gröfte Aufmerkſamkeit fordert, fo 

will ich meine Gedanken, fo, wie ich mid) uͤberzeu⸗ 

get, deutlidy eröffnen. 

1) Man hat überhaupt diefes Gewaͤchſe vor ei» 

nen Polypum gehalten. MWenn man darunter ein 

jedes Gewaͤchſe, es beftehe woraus es wolle, verſte⸗ 
bet, fo kann man fi) es gefallen laßen. Wenn 
man aber die Natur dieſes Vorfalls mit den rechten 

Namen ausdruͤcken foll, fo werde ich das unbefand- 

te Wort eines Blutgewächfes brauchen müffen, 

denn 

1. entftehet ein Polypus öfters auch aus Blur, iſt 
jedoch mit den Fäfgen der Muffeln vermenger, 
hänget feft an, und wird ſich ſchwerlich von 
feinem Dre trennen, Dagegen 

2, dieſes Blutgerächfe lediglich aus den Blute 
entftanden ohne mufcufarifche Fiebern vermenge, 
auch ohne Zweifel nicht angewachſen, fondern 
ſich nur feſt geſetzet, ſich auch wieder in Blut 
reſolviren koͤnnen. 

Denn ich habe ein Stuͤck wohl über 50. mahl, fo 
lange bis fein Blut mehr heraus gegangen, in 
falten Waßer liegen,. alsdenn mit Waßer bis 
zum wallen zweymahl aufkochen laßen, ſo iſt 
die Subſtanz feft geblieben ; wie ich es zerſchnit 
ten, fo habe ich die dicke Haut unverändert, in⸗ 
wendig aber gefochtes Blut, wie eine Leber oder 


Wurft gefunden. So bald als es erftlich ge: 
linde, 


welches durch die Urin-Bänge ꝛc. 113 


linde, und hernach ftarf in Eßig gekocht wurde, 
fo ift alles wie Rarpfenblut in Eßig, das niche 
geruͤhret iſt, auseinander gegangen. 


2.) Wie diefes Gewaͤchſe entftanden, laͤßet fich 
alfo begreiflich machen, daß den Grund darzu ohne 
ftreitig Das zähe Blut geleget, welches durch den 
impetum feiner Bewegung in den Eingeweyden, die 
mit der Pfortader in Bermanntfchafft ftehen, meil 
fich die Natur nicht zur güldnen Ader difponiren wol⸗ 
len, durch die Defnung der äuferften Theile der Blut⸗ 
gefäße (per anaftomofin ) in den Nieren nad) der 
Dlafe gegangen, wo es ſich vermuthlich auch Stuͤck⸗ 
mweife angeleget, wie denn die Stücen fefte gerollt, 
durch Die engen Harngänge weggegangen. Die Ur⸗ 
fache, daß es ſich daſelbſt anfegen, und vielleicht lan⸗ 
ge Zeit verhalten fönnen, hat ohne Zweifel in einer 
diathefi inflammatoria, die im Blut felbft geherr« 
ſchet, und in der unzulänglichen Stärfe des Urins, 
welcher allezeit alfalifch ift, beſtanden. 

3. Daß diefes Gemächfe fich in der Blafe, und 
nicht in den Nieren aufhalten müßen, laͤßet fich 


1.) aus bem Bau ber Nieren, die aus zart zus 
fammen gewickelten Adern beſtehen, und den 
Urin abfondern , auch den fonft ungehinderten 
Fortgang des Urins, der lange Zeit vorher ges 
hen müßen, erfennen. Ob die Nebennieren 
renes fuccenturiati, Durch die ſchwaͤrzliche Mas 
terie, welche fie abfondern, und deren Nutzen 
unbefannt, etwas bengetragen haben, läßee 


fich nicht beftimmen, 
Dresd. Mag. LE, J 2.) 


114 : Don einem Blut⸗Gewaͤchſe ꝛc. 


2.) Beweiſet es das Blut felbft, fo bey dem Blut⸗ 
harnen meggegangen, da es nicht dinne, wie 
aus den Mieren geſchiehet, ſondern dicke und 
etwas geronnen, wie allezeit aus der Blaſe fort⸗ 
gehet, ausgeſehen. 


3.) Ein Nierengeſchwuͤr hat es noch weniger ſeyn 
koͤnnen, welches allezeit nach Entzuͤndung erfol⸗ 
get, und ſich durch das zu Boden fallende Ep 
ter im Urin entdecket. 


4.) Wie dieſes Gewaͤchſe fortgehen koͤnnen, ver⸗ 
dienet noch mehr Wunder, als wie es ſich an« 
fegen koͤnnen. Man hat Erempel, daß Würs 
mer, und andere widernatürlihe Sachen, 
durch diefen Weg fortgegangen. Wenn man 
aber die Harngänge, deren Weite mit einen es 
berfiel zu vergleichen, mit der Stärfe diefes 
Gewaͤchſes vergleicher, und ſich auch alle Kraffe 
von denen Spasmis der Blaſe vorftelle, fo _ 
wird Boch allezeit etwas wundernswuͤrdiges der 
nen Berftändigen übrig bleiben, 


Seit dem legt angeführten dato hat nun dieſes 
J— aufgehoͤret. Man hat nachhero einen 
Thee aus herb. meliſſ. veronic. primul. ver. c. cort. 
citri und gewiße Tropfen Fruͤh und Abends, nebſt einen 
Pulver aus Nitro und tartaro Sol. Nachmittags, zu 
— des etwan verhaltenen Blutes brauchen 
laßen. 


x Es 


Das Renntbier, 115 


Es hat ſich auch öfters eine acrimonia bilioſa in 
dem Urin gezeiget, welche von einer guten Reſolution 
in der Leber Hoffnung machet. Der Appetit, Schlaff, 
einige Kraͤffte und die Oeffnung des Leibes ſuchen 
wiederum die natuͤrlichen Wege zu finden, daß es 
ſich alſo nach dem letzten Fortgang des Gewaͤchſes 
merklich gebeßert. 


Wenn die Kräfte meines Mitleidens mit den 
Kräften ver Kunft und ihrer Mittel vollkommen 
übereinftimmten, fo wuͤrde der Herr Patiente ſich 
längft einer vollfommenen Geſundheit erfreuen koͤn⸗ 
hen. Dresden, ben 25. Januar. 1758. 


vii. 


Das Rennthier. 


De Rennthier, ſo nirgends als in dem kalten 
und rauhen Lappland gefunden wird, iſt ei⸗ 
nes ber ſonderbarſten uud nuͤtzlichſten Thie⸗ 
re, und dabey ſehr reinlich und angenehm. Es iſt 
eine Art von Hirſchen, und trägt ein ſehr anſehnli— 
ches Geweyhe; unterfcheider ſich aber von allen uͤbri⸗ 
Br Hirfcharten dadurch, daß auch die Weibchen 
Geweyhe haben. Die unterften Enden ftehen vor⸗ 
werts über den Kopf herunter, und die oberften breis 
ken fich etwas fehaufelartig aus. Es hat die Farbe 
des Efels, und die Natur, welche es in eine fo Ealte 
Gegend gefegt, hat es wider die Kälte mit einem fo 
dichten Felle begabt, daß wohl fein anderes Thier fo 
viele Haare haben wird. Sie ftehen fo dichte, daß 

ee 2 ° "Mat 


116 Das Rennthier. 


man nicht mit dem Finger durch diefelben auf bie 
Haut fühlen Fann, 


Im Sommer lebt es von Laub, Gras und Moog, 
im Winter aber von einem weißen Moofe, oder viel« 
mehr tichen, welches daher das Rennthiermoos ge= 
nennet wird. (Lichen fruticulofus perforatus ra- 
mofiffimus, ramulis nutantibus. Zinn.) Es ift ins 
wendig hohl und theilet fich in viele Zweige, daß es 
ein Baͤumchen vorftellet. Es find eigentlich ziwo Ara 
ten deßelben. Das größere (Lichen rangiferinus 
alpeftris. Zinn.) waͤchſt auf den Gebürgen von Lapp⸗ 
land und überziehet ganze Gegenden. Das Fleinere 
(Lichen rangiferinus fylvaticus) mächft in niedern 
Gegenden, und wird nicht über zween Zoll hoch. Es 
ift indeßen dieſes Rennthiermoos Lappland und 
Schweden nicht ganz eigen, und foird auch in füblie 
chern ändern gefunden. Das. Eleinere ift in der 
Gegend um Drefden befonders in den Kiefermäls 
dern in ziemlicher Menge vorhanden, und das groͤße⸗ 
re wird in den Sädhjfifchen Gebürgen bier und da 
wiewohl felten angetroffen. Diefes Gewächfe weiß 
das Thier im Winter fehr wohl unter dem Schnee 
zu finden, und feharret eg mit feinen Füßen hervor, 
und fucht es niemals an andern Orten, als wo es 
toürflich vorhanden. Wenn es anfängt zu fcharren ; 
fo weiß der Lappe gewiß, daß biefer Ort ein beqve⸗ 
mer Aufenthalt für feine Thiere iſt. Streckt es aber 
den Kopf in die Höhe und greift nach den Bäumen; 
fo muß er einen bequemern Ort auffuchen. Wenn 
aber der Boden mit Eis bedeckt ift; fo weiß das 
Rennthier fein Moos nicht mehr zu, finden, In * 
— en 


Das Rennthier. 1m 


fen Umftänden nimmt der Lappe feine Zuflucht zu 
dem bangenden !ichen der Fichten oder fo genannten 
Bartmoos oder Baumbart (Lichen filamentofus) 
Da denn die Wälder herhalten müflen, indem die Lap⸗ 
pen ganze Tannengehölze niederhauen, davon die 
Stämme nachgehends ungebraucht liegen bleiben. 
Uebrigens ift das Nennthier mit fehr wenigen ver= 
gnügt, und frißt auf einmal nicht mehr, als mas 
man in einer Hand halten kann. 


Es lebe nicht über 16. Jahre, woraus man mit 
MWahrfcheinlichFeit ſchließen kann, daß das vorgege= 
bene lange Alter der genteinen Hirſche ungegründee 
fey. Der verfchnittene Rennhirfch, wird größer nnd 
ftärfer, als der ungefchnittene; er wirft gleichfalls 
alle Jahre feine Geweyhe ab, da hingegen unfere 
Hirfche, wenn fie verfchnitten werden, ihr Geweyhe 
beftändig behalten. Die wilden Rennthiere, wer⸗ 
den faft noch einmahl fo groß, als die zahmen. 


So wenig das Kennthier zu unterhalten koſtet, fo 
nüßlich ift es, und dienet dem Lappen ftatt vieler ans 
dern Thiere. Es wird gemolfen, und die Milch ift 
eine von feinen beften Speifen. Zum Butterma⸗ 
chen dient fie nicht, wohl aber zu Käfe; und mit der 
gefochten Molke, nähret er fi im Sommer des 
Abends. Das Fleifch ift feine vornchmfte Speife, 
und mit dem Felle kleidet er fih) vom Haupte bis an 
die Fußfohlen. Er braucht es ferner als Pferde zum 
fragen und fahren. Im Winter Fann es eine Per- 
fon, oder hundert Pfund tragen, aber nicht mehr. 
Es läuft 6, bis 7. ſchwediſche Meilen in einem 

$3 fort. 


118 Das Renntbier. 


fort. Wenn es aber gefrieben wird, läuft es wohl 
10. ſchwediſche oder 15. deutfche Meilen. In dies 
fem Sall aber muß es der Lappe auf der Stelle ſchlach⸗ 
ten, indem es ſonſt ohnedem ſterben wuͤrde. 


Im Winter braucht er ſein Rennthier vor den 
Schlitten zu ſſannen. Weil es aber kein ſtarkes 
Thier iſt; ſo iſt ſelbiger auch darnach eingerichtet. 
In einem Schlitten kann nicht mehr als eine Perſon 
ſitzenz Diejenigen Schlitten aber, worinnen er feine 
Eßwaaren und Geräthe mit fich führer, find etwas 
größer, Die Schlitten, welche der Lappe Keresnen= 
net, haben ungefehr die Geftalt Fleiner Boote; da» 
her diejenigen, fo darinnen zu fahren nicht gewohnt 

find, leicht ummerfen, ehe fie das Gleichgewichte hal⸗ 
ten lernen, Sie find fo groß, und fo eingerichtet, 
daß eine Perfon darinnen figen, oder vielmehr mit 
etwas angelehnten Rücken liegen fann. . Unten wo 
die Füße liegen, find fie mit Zellen von Seehunden 
überzogen, und es ift dafelbft ein Stück Tuch feſt 
gemacht, welches man im Fahren über die Bruft 
bis unter das Kinn bindet; und man ſchnuͤret fi ich 
mit Sehnen, gleichfalls von Rennthieren, ein, daß 
man auf folche Weife feft und wohl vermahret figen 
fann. Das Gefchirre ift von dem unfrigen gleich 
falls fehr unterfhieden, Das Rennthier hat um 
den Hals einen Bogen, fo aus einem Renntbierfell 
gefchnitten, und dabey weich ift, daß er den Hals 
nicht ſchabet. An diefen Halsbogen ift ein Zugries 
men befeftiget, fo unter dem Bauche des Rennthiers 
weg geht, und mit einer Iedernen Schleife an dem 
Schlitten feſt gemacht wird. Deicyfeln werden in 
nicht 


Das Rennthier. 119 


nicht gebraucht. Die Halfter ift von einer dicken 
gegerbten Kauf, Den $enfriemen bindet der $appe 
an der linden Seite des Rennthiers an, wirft ihn 
über den Rücken des Thiers nach der rechten Sei: 
ten, und fähret fo gefchwinde, als man fonften mit 
Pferden und Schlitten thun fann. Herr von Mau- 
pertius fagt, daß dieſe Fahre dem Flug der Vögel 
am nächften zufommen feine. Man muß aber 
bierzu muntere Thiere von ber beften Art haben, 
Jedoch ift es ein falfches Borgeben, daß fie in 24 
Stunden 50 Meilen oder in 10 Stunden ı2 bis 16 
Meilen laufen follten, wenn man ſchwediſche Meis 
len darunter verfteht, oder die Rennthiere nicht abge: 
mwechfele werden. Go viel aber ift gewiß, daß fiein 
einem Jagen 6 bis 7 Schwediſche Meilen laufen, _ 
ohne einen Augenblick ftille zu ſtehen. 


Wenn der Sappe im Herumziehen begriffen iſt, 
oder fonft viele Sachen mit fich führer; fo geher es 
nicht ſo geſchwinde fort, als wenn man ledig fähret, 
Gemeiniglich pflege ein · Kerl, ſo entweder im erften 
Schlitten fist, oder auf Schrittſchuhen voran gehet, 
und den Zaum des vörberften Rennthieres in der 
Hand hat, 8 bis 12 angefpannte Rennthiere zu füh- 
ten, welche mit ihren beladenen Schlitten hinter ein- 
ander herlaufen, Diefes thun fie aber keinesweges 
von freyen Stüden oder aus Gewohnheit ; fondern 
fie find alle hinter einander mit dem Zaume ange: 
bunden. Es gefchiehet daher nicht felten, daß ihnen 
die Kehle zugefehnüret wird, oder daß fie fonften 
Schaden befommen, wenn einem von ihnen eine 
Hinderniß in den Weg kommt, indem fie meiften- 
54 theils 


120 Das Rennthier. 


theils von Natur darzu geneigt find, daß fie fich ſper⸗ 
ren, und fich zumeilen auf die Erde niederwerfen, 
auch die Hörner und Köpfe gegen die Bäume fegen, 
fo am Wege ftehen, infonderheit wenn fie etwas 
fchweres zu ziehen haben. 


In dem Befiß diefer brauchbaren Tiere, welche 
aller andern Thiere Stelle vertreten müßen, beftehee 
der eigentliche Reichthum ber Lappen, deren einige 
etiiche taufend befißen, daß in einem einzigen Dorf - 
welches nicht aus Häufern, fondern pyramidenförmis« 
gen Zeltern oder Hütten von groben Tuche beftehr, 
oft über dreyſig taufend Fleine und große Rennthiere 
gefunden werden. 


Wenn der Sappe deren gleich noch fo viel hat; fo 
giebt er doch einem jeden einen befondern Namen, 
und kennt fie alle, daß, wenn er feine Heerde über- 
fieht, er gleich merfet, wenn eines fehlet, und wels 
ches es ift, ob er gleich ordentlich nicht fagen kann, 
wie viel er überhaupt Thiere an der Zahl hat, wel⸗ 
ches einige als einen Aberglauben ausgelegt haben. 
Der Lappe weiß es aber in der That felbften nicht, 
womit es folgende Bervandniß hat. Er theilt feine 
Rennthiere in Elaßen, erftlic) nach dem Geſchlech⸗ 
te, hernach die männliche in verfchnittene und uns 
verfchnittene, und jedes Gefchlecht wieder nach den 
Jahren ein, daher er denn ſagen fan, wie viel er 
zum Erempel jährige, zweyjaͤhrige, dreyjaͤhrige u. ſ. w. 
Hirſche hat, aber dieſe Claßen hernach zuſammen zu 
zaͤhlen, wird ihm zu ſchwer. 


| Damit 


Das Rennthier. r2r 


Damit die Lappen ihre Rennthiere von einander 
unterjcheiden Fönnen, wenn fie zufammen fommen ; ſo 
bat ein jeder fein eigenes Zeichen, womit allefeine Thie= 
re, und zwar an ben Ohren gezeichnet find, fat auf 
die Weiſe, wie man bey uns die Schaafe zu zeich 
nen pfleget. 


So wenig ber Lappe ſich um ihre Nahrung Bernie 
ben darf, eben fo wenig braucht er ihnen Ställe zu 
bauen, indem fie fih am allerliebften unter freyen 
Himmel aufhalten. Seine einzige Mühe befteht 
barinnen, daß er auf feine Heerde Achtung giebt, 
daß fie fich nicht von ihm verlaufe, oder von wilden 
Ihieren zerftreuet werde, womit er befonders zur 
Sommerzeit genug zu fchaffen hat. Zur Winterzeit 
bat er weniger Mühe damit, da die Nennthiere, wenn 
der Schnee tief ift, nicht fo leichtlich Luft befommen, 
fi) weit umher auszubreiten, und da man auch ihre 
Spuhren fehen kann. Weilen fie gerne die Wins 
terftraße oder gegen Norden laufen; fo pflegen die 
tappen Zäune vor die Wege zu fegen, melche nach 
ihren Hütten hingehen, worein fie eine Pforte oder 
Thüre machen. Zur Sommerszeit haben fie weit 
größere Mübe, indem fie ihre Kühe binden und mel« 
fen, und ein Gehege um fie herum machen müßen, 
womit ſowohl Männer als Weiber befchäfftigt find, 
indem wenn fie viele Thiere haben, es ihnen ſchwer 
genug fällt, fie zufammen zu halten, und dahin zu 
treiben, wohin fie felbige haben wollen, zumalen fie 
von ben Mücken fehr geplaget werden. In diefem 
Zalle pflegen fie jedoch den tappen felbft aufzufuchen, 
als welcher ihnen durch räuchern mit einem gebörrten 

J5 Schwamm 


122 Das Rennthier. 


Schwamm, wobey ſich das Rennthier auf die Erde 
legt, für dieſes Ungeziefer eine Zeitlang einige Linde⸗ 
rung verſchafft. Ueberdieſes ziehen ſie, ſo bald der 
Sommer anfängt, nad) den Gebuͤrgen, und der Lap— 
pe muß ihnen dahin folgen, er mag mollen oder nicht, 
und muß dabey des Tags wohl vier Schwediſche 
Meilen ziehen; und wenn er Faum feine Hütte aufs 
gefchlagen ; fo muß ermieber fort. Einſt trug fichs 
zu, daß im Jenner ſchoͤnes Wetter einftel, welches 
die Rennthiere betrog, Daß fie, da eben ihre Herren 
auf dem Marfte waren, nad) dem Gebürge fortzo⸗ 
gen, daß felbige nicht ſchlecht eilen mußten, um fie 
einzuboblen, | 


Diefer Reichthum der Lappen ift mie aller andere 
der Vergänglichfeit unterworfen, indem es gefchle: 
het, daß manchmal ein Befiger von taufend Nenn: 
tieren in kurzer Zeit kaum zehne oder auch mohl 
kaum ein einziges behält. Denn einmal laufen: fel 
bige ihnen manchmal davon, und werben wild, zu: 
mal wenn fie unter wilde Rennthiere gerathen, als 
von welchen fie: fehr leicht verführer werden. Her ⸗ 
nad) thun ihnen die Raubthiere vornehmlich die 
Woͤlffe vielen Schaden, welche jedoch in Lappland 
ſelbſt fo häufig nicht find, weil ihnen die Lappen ſo 
ſehr nachſtellen. Den groͤßten Schaden aber rich⸗ 
ten die ſo genannten Bremſenbeulen an, welche ſie au 
dem Ruͤcken bekommen, und wodurch ordentl 

wohl der dritte Theil umkommt, und die uͤbrigen ſo 
entkraͤftet werden, daß ſie unbrauchbar zur Arbeit 
find, Wenn das Rennthier darmit geplagt iſt; 19 
bleibe es fehr oft hinter einander plöglich ftehen, di : 


Das Rennthier. 123 


in Kopf in die Höhe, fperrt die Augen und Ohren 
af, ſtampft mit den Süßen, und ſtehet eine Zeitlang; 
nie vom Schlage gerührt, ſtock ſtille. Man kann 
es weder Durch drohen, noch ziehen, noch fchlagen, 
von der Stelle bringen, bis diefer Anfall vorbey ift, 
da fie denn von fich felbften weiter fortgehen. Et: 
was fonderbares daben ift dieſes, Daß ganze Heerden 
von faufenden alle zu gleicher Zeit diefes thun. Sie 
fangen zugleich an, und hören zugleich auf, und mies 
derhohlen es wohl hundert mal des Tages, und fo 
erdentlich, als wenn ein Trupp Soldaten ihre Hands 
griffe machen. Miemand hat gemuft, morinnen eis 
gentlich Diefe Krankheit beftehe, bis endlich der bes 
rühmee Naturforſcher der Ritter Linnaͤus die Ente 
dekung gemacht hat, daß fie von einer großen lies 
ge oder einer Art von Hummeln verurfacht wird, 


Er ſchnitte einige von den Beulen auf, und fand 
darinnen etwas, fo einer Puppe von Inſecten volla 
fommen ähnlich war. Selbige fahe wieein Ey aus, 
und war fo groß als eine Eichel, und weiß; an dem- 
jenigen Ende aber ſchwarz, momit fie an dem Loche 
gefeßen hatte. Denn alle Bremfenbeulen haben in 
der Mitte eine enge Defnung, die fo groß ift, daß 
man leichte eine Gänfefeder darein ſtecken Fönnte, 
wenn ſolches nicht von den darinnen liegenden Pup⸗ 
Chen verhindert würde. Der ganze Körper war mit 
tingförmigen und graufen Rändern beſezt. Cr leg» 
fe diefe Puppe in Kennthierhaare in eine Schachtel, 
md nach zween Tagen lag eine große Kliege darin» 
hen ausgebrütet, vollEommen von der Ark, welche dag 
Rennthier verfolget. * 

er 


124 Das Rennthier. 


Der Kopf diefer Hummel ift ſchwarz, rauch und 
Bat große glänzende Yugen.. Der Zwifchenraum 
derſelben ift auch fehmarz, unter den Augen aber 
Bleichgelb, fo Daß das ſchwarze als ein Streifen um 
die Bruft herum gehet. Sie hat zween weiße und 
durchſichtige Flügel, und vier rauhe und fehmarze 
Schenfel. Die Fühlhörner find fehr kurz, und der 
Mund flein, ohne Zähne oder einiges fonderliches 
Gebiß. Der Schwanz ſtreckt ſich nicht zum Leibe 
heraus, ausgenommen wenn man ihn drückt, da et 
alsdenn wie die Möhren eines ausgezogenen Per 
ſpectivs ausfieht; hat aber feinen Stachel. Diefes 
Inſect legt alfo feine Eyer nicht in den Ruͤcken des 
Rennthiers vermittelft eines Lochs, den es mit dem 
Stachel macht, wie die Fliegen ihre Eyer in das 
Obſt legen, fondern’es läßt das Ey auf den Rüden 
bes Rennthiers fallen. Da nun derfelbe fo außer 
ordentlich dicht mit Haaren befegt ift, und felbige zu 
der Zeit am längfften find und in die Höhe ſtehen, de 
fie ausfallen wollen: fo fällt das Ey zwifchen die 
Haare auf des Rennthiers Rüden, mo e8 gleich ei⸗ 
ner Niße ausgebrütet wird. Die herausgefrochene 
Made naget ſich nach und nad) ein, bis fie zwifchen 
Haut und Fleifh kommt, mo fie fich nähret und 
waͤchſt. Je größer fie wird, je größer wird das 
Loch in der Haut, wodurch die Made die Luft und 
ben freyen Athem behält. Endlich verwandelt fie 
fid) in ein Püppchen, woraus die Bremſe auskrie⸗ 
chet. Eben um diefe Zeit find die Hörner der Renn⸗ 
tbiere von neuen gewachfen, annoch rauch und an 
den Spigen und Enden ganz weich, und fo em= 
pfindlich, daß das Rennthier, wo es im geringften 

| anges 


Das Rennthier. 125, 


mgerühret wird, folches nicht vertragen, vielweni⸗ 
ger diefen nagen Wurm damit vertreiben kann. 


Herr tinnäus fahe auf feiner Reife das Rennthier, 
fo feine Kleider trug, drey bis vier Stunden lang an 


einem Stuͤcke von einer folchen Bremfe verfolgen, 
‚ Gie flog allezeit gerade gegen des Rennthiers Ruͤ⸗ 
ı den, oder hinter demfelben, hielt den Schwanz bes 
ſtaͤndig auggeftecft, und trug auf dem äuferften Ende 
deſſelben ein weißes. Ey, fo groß als ein Fleines Senfa 


u 


korn. Sie gieng mit ihrem Eye fo vorfichtig und 
behutfam um, daß fie fich daßelbe auf des Renn⸗ 
thiers Rücken zu werfen, nicht getraute, wo daßel⸗ 


be nicht eine Weile ftille ftehen blieb, lies es aber 
‚ dh manchmal an der Seite vorbey niederfallen. 


Diefes gefchiehet nur im Heumonate. Die Kälber 
der Rennthiere befommen das erfte Jahr Feine Beus 
len, welches daher rühret, daß fie glatte Haare ha⸗ 
ben, die fich ganz den Rüden hinab ſchließen, daß 
fein Ey im Heumonate auf ihnen haften fann. Die 
wilden Rennthiere in tappland und in den Dahle⸗ 
gebürgen haben felten folche Beulen, welches viel« 
leicht daher kommt, daß fie ſich zur Sommerszeit 
nach ihrem eigenem Triebe am beften helfen fönnen. 


Do die Beule geweſen iſt, bleibt allezeit eine 
Narbe, weiche den Werth der Haut gar ſehr vera 
ringert. | 


Man finder folche Narben auch öfters in ben Fels 
[en unfers Wildes, und fiehet auch manchmal den 
wunden Ruͤcken bey den lebendigen, mie auch = 

zah⸗ 


126 Das Kenntbier, 


zahmen Vieh. Doch find fie nicht fo Häufig und 
gefährlich, daß felbige daran fterben, wie die Renn⸗ 
thiere. Der berühmte Reaumur hat gleichfalls ent- 
deckt, daß ſolche von einer großen Fliege entftehen, 
die an Geftalt der Sappländifchen gleich, nur etwas 
kleiner ift. ur 


. Die Plage von den liegen und Bremfen, welche 
bas Kennthier fo zerftechen, daß das Blut darnach 
läuft, ift wohl eine Urfache, daß fie nad) den Schnee⸗ 
gebürgen eilen, und daß fie zur Sommers;eit, ba 
fie doc) das reichlichfte Futter haben, fo mager wer⸗ 
den, daß fie nur aus Haut und Knochen beſtehen. 
Sie ſtehen ganze Tage auf den Schneegebuͤrgen, und 
wenn ſie von den Hirten herab in die Thaͤler auf die 
Weide getrieben werden; fo haben fie mit dem Un⸗ 
geziefer zu kaͤmpfen, daß fie kaum ans freßen denken. 


..- Man wirb vielleicht in diefer. Beſchreibung vers 
fchiedene wunderbare Eigenſchaften diefes fonderba- 
ren Thieres vermißen. Da fie unter die ausge» 
machten Fabeln gehören, mit welchen die Naturhi⸗ 
ſtorie in den vorigen Zeiten verunftaltet worden; fo 
hat man den Raum nicht mit unnöthigen Widerles 
gungen anfüllen wollen, 


Es ift bereits oben erwehnt worben, daß fich das 
Kennthier nur in Lappland findet, Man hat oft ver⸗ 
geblich verfucht, dergleichen Thiere in andern Gegen» 
den zu unterhalten. Im Jahr 1756 befand ſich eins 
derfelben auf dem Auerhaufe bey Morisburg. Ki 
war ein zwenjähriger Hirſch, von der Größe we 

lei⸗ 


Das Rennthier. 127 


fleinen Efels, ein fehr munters und angenehmes Thier, 
fo aber nicht völlig ein Yahr gedauert hat. Daaber 
verfchiedene Thiere, fo fich in einem von den unſrigen 
ſehr verfchiedenen Himmelsftrich «aufhalten, gleiche 
wohl bey uns erhalten werden koͤnnen; fo ift es zu 
vermuthen, daß der Mangel einer geſchickten Wars 
tung ihre Furge Dauer verurfache, da fie zumal mei» 
ſtens eingefperrt werden. Diefes Thier will ſchlech⸗ 
terdings die Freyheit und freye $ufft haben. Da 
das Rennthiermoos in unferer Gegend eben nicht 
ſelten, und vermuthlich alle Arten des Lichens zu feis 
ner Unterhaltung. dienlic) find ; fo feheinet die Er- 
altung diefer Thiere bey ung eben nicht fehledhrer« 
dings unmöglich zu feyn, wie mir denn verfichert 
worden ift, daß eines derfelben auf den Fuͤrſtl. Raze⸗ 
vilifchen Güthern in Pohlen viele Jahre 
gedauert hat, 
Hochſtroͤms Befchreibung von Lappland. 
“ Hofbergi, (praef. Linnaeo) Diflert. Cervus Rheno. 
— Upfal. 1754. 
P.innäus von den Bremfenbeulen in den Hauten ber 
Renntbiere in den Abhandlungen der Schwedis 
ſchen Akademie der Wißenfchaften, 1739. 


VII. 
Sinngediht: 


So übel Gellert auch von feinem Liebe fpricht, 
Gefallt doch Gellerts Lied mit feinen Feblern allen. 
Und Bodmer zeigt, mein Noah muß gefallen, 
Und doch gefällt er nicht, 

P. Ke*⸗ 


3 G8 


Innhalt. 


J. Zufaͤllige Gedacken uͤber die Schoͤnheit — 
natuͤrlichen Dinge. 


U. Mediciniſches Gutachten — Bericht von 
der bey Dresden graßirenden Krankheit. 65 


II.. Kurze Nachricht von dem fo genannten Per 
trefactenberge ohnweit Dresden. 73 


WW, Nachricht von dem Stande des Thermo 
meters und Barometers im Jahr 1759 
“ nebft der inden Monaten Jenner und Fe 
bruar zu. Dresden Re Witte⸗ 
rung. 79 


V. Engelbert Heinrich Shwargene, immatr. 
Adv. Rede von der Einfachheit der See⸗ 
Je, beſonders der menfchlichen. | 86 


VI. Bericht von einem Blut⸗Gewaͤchſe, welches 
durch die Urin + Gänge abgegangen, Ao. 
1757. und 1758. 108 

VI. Das Rennthier. 115 

VIII. Sinngedicht. 2 


Dresdniſches 


Magadin, 


oder 


Ausarbeitungen 
Nachrichten, 


zum Behuf 
| der Naturlehre, der Arzneykunſt, der Sitten 
und der fehönen Wiſſenſchaften. 


Des erften Bandes drittes Stück. 


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Dresden, 
bey Michael Gröll, 1759. 


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j I. 
Fortſetzung 
Des Traums 
von dem 


Hirſche mit dem goldenen Geweihe. 






A J J 
gs un nicht lanngk, ſondern in gar kurtz 
If nachvolgenden tegen, als derfelb 
NS Go Here feiner Ioblichen Gewonheitt 
SIY z nad), und voraus in denen Meyenn 
— —Zeiten fein Gepete zuvolbringen eins 
tags fru auffitan, am einen Benfter in feinem Stoffe 
geen, und tette Luſtz halben nicht; mer flaffennd, fondern 
wachennd, und gar wol beſynnet, hinaus in das Veld 
ſchauen, da fahe Er under etlichen und anderen Stuͤkh 
wilden den Hirß mitt dem guldin Ghurn in der formt 
und maffen, dergleichen Ennden und Gefthaiden vers 
claidert, mie Im der im flaffe vor fürfommen und 
efchienen was, Nun gebenfett nicht umpillichen, tet⸗ 
te Im des vorangezaigten trawmes gefichte dozema⸗ 
Im eingepildet Materien fürfallen, und lieffe Im ain 
Gawl, der faft ſhnelle was onverzug herbringen dent 
0 8a Hirſſe 


+ 


% 


3Traum von dem Ziehen 
Hirſſe mit dem güldin Gehürendurch Mos und Pfitzen 


im Horen Jagenndt, biß an ein wilden See mach 
henngennd, und ſovern das er. Waßers halben den 
Hirſſen und dy Spur verloren, und tete nicht gllein 


dem ſlaffe ſondern auch dem waren Geſicht nachtrach⸗ 
ten, und kame durch ein dicken alten Holtzweg der 
In durch Schickung des Gliks auff die anzaͤiget Hai⸗ 
den, die ſo koſtlich und wonnſam was, und wie Im 


dann vor in den Slafe erſhienen was, tragen, Uff wel⸗ 


cher Heiden Er den fehönen koſtlichen Pronnen, da 
ſelbſt Er dann vom Gawl abfteen, und dafelbs anheff⸗ 
ten, Auch die vorgemelte wonnder ſchoͤn Fürftin-mit 
floderten zerfträten Har und abgeworffenen Gepeunde 
clagenden Geperden, und Ir ſhneweis Hennd ob ben 
Haubt wyndend, auch mit nydergerreigtem Gefichte 
betrübten Gemuͤte, erfeumffgenden Hergen und reich⸗ 
fliefienden haiſſen Zähern gang ftillfiveigend in En 
gliſcher Geftalt und Weiblichen fitten jämmerlichen 
ſich erzaigent leiplich und perfondlic) fehen, der Sr 
duch angeporen Arten auch nit unpillich Mikleiden 
fragen die Maynung zu Ir fagen tete, und ſprach: 
Edle Frucht, fovern es mögfich, und Em. Lieb ge 
pürlich und fuglicy ift, daß Ir Em. hoche fmergli- 
che Beſwerde eynen der getrem, ftill und verſwigen 
ift, zu öffnen, fo were Ich der, der nicht allein ver⸗ 
fivigen, fondern der fein, dergeleiche und die ſwerer 
Pürde Ems Leidens gefliffen mittragen, auch ob es 
nott tete, mein Plut darumb vergieffen, Sterben, noch 
die Gramfamdeit des Todes nymmer anfehen, und 
das will Ich Ew. Gnad ytz bey mein trewen Glu⸗ 
ben zuſagen und verſprechen ſolichs auch Ritterlich 
halten. — — J 
Alſo 


mit demgoldenen Beweibe, 133 


fo uff ſolche des Herrns freundtlich bitt und: erſu⸗ 
chen tete die Fraw gang ftill fmeigenn, und wolt Im 
nicht zufprechen noch antmurten, fondern ſich ab der 
dei und Geperden nach zefchicken, als ob fie, wie 
im flaff befchehen was, von Im dannen weichen und 
fheiden, deßhalben Er Sy noch vil fleiffiger pitten, 
was, mit Im zu reden und zepleiben, daß er Sy doch 
bewegen tett, daßfie, als ich von denen, die es von 
bem Herrn, dem folichs begegent ift, vernommen, daß 
Sy Im dergeftalte geantwurt und gefagt haben folte. 
Nun wolhin lieber Öefelle, Ich habe nitt klein Auffz 
merfen uff dein Mittleiden, züchtig wandel, Exber 
tröftliche Wort und Geperde gehapt, derſtee dabey 
daß du on Zweivel von guten ſtammen biſt, und bin 
vil deſto geneigter, dir mein Hertzlaide yetz one ſorgen 
doch in trawen und ‚glauben, uff dein hochserpieten, 
Gluͤbt, zuſagen, und verſprechen mir getan zu end⸗ 
tecken, und gar nichts zu verhalten. Und iſt das 
mein Anliegen, und der Wurm, der mein Junges 
Hertz on auffhorend nagen, und in peinlichen Jamer 
fuͤren tut. Ich bin von Edlennen Geſchlechten, und: au 
Sürftlihen Stammenn Hochgeporen, und hab Leib 
und, Geſtalt und Glidmaße, wie du mich dann vor, 
die. ſteen fichft, und hab aber laider zu meiner pluͤeen⸗ 
den froͤlichen Jugennd weder Wonne, Mute, Luſt, 
oder fraid, und iſt das mein groͤſter Jammer. Ich 
hab ain alten krancken Mann, und wiewol Er vaſt 
mechtig und reich iſt, und vil Kitterfpil ſchir als teg⸗ 
lichs vor mich getriben wirdet, So hab Ich doch 
gar wenig fraide davon, und mag der nicht genyeſſen 
als anndere Junge Frawen. O D wie verflucht mag; 
u beine, darin Sn: Ei m dev Ee gegeben Bun 


134 Traum von dem Hirſche 


Horch Gefell, Er ſtet für mich, lacht mid) an, un® 
bat Im mundt nyndter Fein Zan, Du waiſt Geſell, 
daß auff erden fein großer Pein nicht mag gefein, 
dann man eins bergeleichen gegen eynes fun muß, 
Dem e8 doch weder getrem, noch hold ift, als ob es 
Sm von Hergen hold, luft oder gefaltig ab Im nemen 
ſey. Ermyſſß felbers traut Gefell, Iſts nitt vil ain 
haͤrter Pein dann bey Jungen Geſellen im Fegfewer 
zu ſein. Ja und wann ich aller Wuͤnſch Gewalte 
hett, und ee daß ich dann das verdroſſen ellend leben⸗ 
leng haben, Ee ſo wolt ich dem ſeligen tode, der doch 
nyemands ſchauen iſt, mein und meins Manns Le⸗ 
ben bevelhen und vertrawen, und wolt die Schantz 
uff glickß gleichzyng wagen, Er neme halt under ung 
zweyen welchs Er woͤlte, ſo keme ich doch ab der 
marter, dann kein großer und ſcherffer Gifft iſt Jun⸗ 
gen Frawen nitt, als ein alter wonderlicher Greyner 
und Mann. Nun haſt du mein elag, Jammer und 
Nott, und nach deym hochen erpieten, Pflichten und 
zuſagen, So hilff mir alß vil dir moͤglich iſt, die 
unbeweglich Puͤrde mit tragen, als du mir verſpro⸗ 
chen haſt. Uff ſolche claͤgliche erzelung der Frawen 
und do der Herre die gar haiß lauffennden Zähren, 
Drientifchen Perlein gleich, wie dag Maien tawe 
ĩn der auffgenden Sonnen glaft uff den meiffen Li⸗ 
ligen Pleten ſwebendt, der den Eriftallen fnell nach 
einander über dy harten Kottunden Prüftlein Flagent, 
fie auch fo ynielich weinend erfehen, da tett Er ſich 
Yor weinen kamb enthalten, Ya und wer waißt was 
Befchehen war,dann Im wolte auch, als wol zu glaaben 
if, -das Hertz im Leibe zerfpalten fein, und warde deß ⸗ 
halhen in gar gute Meynung bewegt, dy Frawen zu 
url. 

’ ’ tröften, 


mit dem goldenen Geweihe. 135 


troͤſten, ſich auch Irem fuͤrhalten nach in Ire dinſt⸗ 
lich Pflicht zu flechten, und als ich gehortt und ver⸗ 
ſtanden hab, ſo hette Er alſo geſagt: IE 

Gnedige Fürftin feitemalen ich nun Ew ſchmertz⸗ 
lich Anligen und-clagende Nott vernommen, fo hab 
ic) all mein tag die naygung, das Gemüte Hergund 
Willen gehabt, Erbern und hochgepornen Framen in 
Eren leibs und guß und alles meins Bermögens un⸗ 
gefpart trulich zu dienen. . Und damitt Ir Em 
rawren milltern, und den troft haben, daß Ir hinfüre 
warlichen wiſſen mögt, daß Ir ein verſwigen, ‚ges 
trewen ftillen Diener und Freund, dem zu verframen 
ift, haben tut, dann war ein Mentſch waiflt, daß Im 
Noͤtten oder Komber ift, daß es ein verfiigen und 
getrewen frund hat, dem zu getrawen und Im fein 
Anligen zu clagen wailt, fo ift Im alles Laid defto 
rynnger zu tragen. Darumb Hergliebfte Adenliche 
Fuͤrſtin, fo pitte ih Em Gnad mein undertänig Ge⸗ 
müte, und: gehorfamen dinfte, in Eren anzunemen, fo 
will ich dieſelbe Ew weiplich Ere und Glympffen als 
mein aigen Sele bewaren, und mich alſo in Handt 
ſchiken, dabey Ew. Gnad mein Fleiſſigkeit vermer⸗ 
fen. Daran ſolt Ir keinen Zweiviel haben . 
ff ſolich Pitt, als ich dann verſtanden, ſo ſey 
die Furſtin ettwas ſer in Zoren bewegt, ſich vaſt ent⸗ 
riſt ſein erzaiget, und ſol dem Herrn alſo geantwurt 
und gefagt haben: Wafuͤr und in welcher Geſtalt 
ſihſt du mich an, vermeinſtu das Ich ſo leichtvertig 
fen, und daß ich mich darumb, daß ich Dir auf dein 
Gluͤbt, hochzuſagen und verfprechen mein: ellend 
und beſwerd erfprenget,und. in groffen vertrawen entde⸗ 
ket hab, ſo pald in froͤmbt — einſennken, und * 
4 er 


136 Traum von dem Hirſche 


der des hoͤchſten Schatz meiner weiblichen Eren auß 
Fuͤrwitz ſopald und liederlich vergeßen. Horch und laß 
von den ſwenken. Pfuch du dich, was piſt du fuͤr 
ein Mann, vermeinſt nitt, wan ich ſolichs hanndels 
phlegen, und des Gemuͤtes ſein, ſo wolte ich doch wol 
Fuͤrſten, Junkher, kraven, und faſt ſchoͤn, auch mir ge⸗ 
meſſe, und desgleichs andere fynnden, in meinen Lan⸗ 
den geſeſſen, mit denen ich auch unverdechtlich in Eren 
fraidt und Luſte gehaben moͤchte. Uff das Ir der 
Herr, als ich bericht bin, alſo ſagen tete: Gnedige 
Fraw, was ich gerett und begeert, das hab ich in 
guten Eren, auch on alles uͤbl, Ewr. betrübnuß damit 
zu troͤſten und abzulegen, und waiſt Gott wol, in ge⸗ 
trewer Meynung und nitt dergeſtallt, als mirs vil⸗ 
leicht Ew Gnad vermerken will, getan: Denn mir 
Ew. haiß weynen und freundlich clagen ſo tieff zu 
Hertzen geen und bewegen tett, das ich mich, mit 
ſambt Ew. Liebe an Zaͤhern kamb enthalten mocht, 
was wolt Ir mich dann bezeyhen, und mich meiner 
trew unpillich entgelten laſſen. Ir ſolt auch gelaben, 
wiewol ich mich umb die Untrew, ſo mir als Ir ver⸗ 
nomen habt, beſhehen iſt, gang fuͤrgeſetzt hab, mich 
in keiner Frawen Dinſt mein lebtaͤge zu geben, noch 
auch nymermer für ein tuxe in Irem Naͤmen zu tre⸗ 
tenz Moch danocht, da ich yetz peym Pronnen Ew 
weiplich tugend, und engliſ 5 Geſtalt hie erpliket/ von 
ſtund an, da tette ſich mein Laid und Komber inſon⸗ 
ders in eren verwechſlen. Nun bin ich yee auch ein 
Many: Gemüt und Hertz, Flaiſh und Plute als ans 
dere Leute habend, und bin auch nicht der: Exfte, der 
durch raitzung, ** * Liſte der Frawen = 
worden ft, 

Was 


mit demgoldenen Geweihe. 137 


Was richt Adam zuvorderſt einer, den Eva nicht ala 
lein betriegen, fondern gar erplenden und auch) darzu al⸗ 
les MentfHlichs Gefchlechte in Fammer und Nott fuͤren 
tete. Betroge auch. nitt die ſwartz Mörinn den weis 
ſeſten Salomonn, daß er niet allein alfer- feiner Ver⸗ 
nunffte.beraubt, und entfeget warde, fondern auch: 
daß Er des Höchften Herrins, Got des allmechtigen, 
von dem Er alle Weißheit.empfangen bett, vergehen, 
und verlaugnen, fondern er tete auch dartzu uff Ir be= 
ger nyderfallen,und die App Goͤtter anpertenn. Ward 
denn nicht Ariftoteles. durch fein Bulenn Libia ver⸗ 
prembt, daß Er ſich als ein Ros aufzewmen, und-miß 
langen Sporen reiten ließe. Beſiget auch nicht Das 
lila Sampfon den Allerfterfeften, und betrog In 
nicht allein mit gefmierten ſuͤſſen Worten, daß Er Ye 
fein Stercke, die Im in dem: Har ligen was, öffnen, 
und die Sp Im in Irer Schos vertrawlich ſlaffennd 
nemen, verftelen, abfchneiden und ‘beraben; Sy 
tett In audy deßhalben umb fein Geficht, und von Le— 
ben zum tod pringen. - Wie betrog denn Meffelia‘ 
Kaißer Claudium, die doch fein eliche Gemal, und Ir 
Handel fo grob was, das ich vor Em. Gnad davon; 
nichts melden will. Wie dann die Thais, Thara- 
thanthera und Leſpia, die in ſolchen Hendeln und Pra- 
tifa alle andere Weiber übertroffen. So ift der hei« 
lig Konig David aud) an der Schar, und gar vil und: 
Onzällichen mer. Wie dann die fhön Helena von’ 
Kriechen, die nicht allain Parisüber Mehr firet, ſon⸗ 
dern ach Hr. Hector und Hrn Acillen die allerfür 
niften, und vil andere ftreitpern und Ritterlichen Kries 
then umb Ir Leib und Leben pracht, und darzu die 
kaißerlichiſt Start" Troya durch Iren Willen ver: 

85 prannt, . 


138 Traum von dem Hirſche 


prannt. Go nun die all gegen denen ich Weißheit 
Bernunfft, Sterckh und Mechtigkeit halben int! 
Stannd und Welen ain find pin, und Sjnen nym= 
mermer geleichen Fan, durch Frawen Lifte oder Liebe 
betrogen, verirvet auch geplendet worden feyn; Wie 
wolte oder kuͤnde dann Ich fo gar fefte befteen der 
Frawen liften und der tiebe ftrifenn entweichen. Ye⸗ 
hoc) Gnedige Sram, fo fray ich mid) dannocht eins, 
und wais mol, Daß ich nicht der letſte bin, oder fein. 
wirde, der in folichen Megen und ftricken gefanngen 
und nydergeworffen worden ift, und das merfe Ew. 
Gnade dapey, wann Ich der letſte fein fol, So wer 
es ein ſonders Zeichen, das der Jungſt tag uͤber⸗ 
morgen komen, und die ganz Welt zergeen wuͤrde, 
und wiſſt, das kein gewißers zeichen des Jungſten tags 
nitt iſt, denn wann der Weiber Liſtigkeit, Ortt und 
ennde haben wirdet, ſolt ich nun der letſt, und die zei⸗ 
chen fo man an dy wennde malen tut alle, und dar⸗ 
zu das war fein, das Antecriftus‘ vorhin komen foll, 
So were derfelb nun ob Vt. Jar alt, Es ift aber 
nich, ih muß. auch alfo in der. Marterer Rott mit 
ziechen. Darumb fo welle Ew. Gnad nit ſoliche Un⸗ 
gnad und Zoren gegen mir prauchen. Wann doch 
Ew Liebe, Schöne Englifh Geftalte, Weipliche 
Zuchten und Geperden allen deren ſhoͤnen Wandel 
und Wefen, von denen ichyeg gerett habe, und voraus: 
der ſhoͤnen Frawen Helenen von Kriechen, fo hoch 
als die Sonne alle Planeten. übertreffend ift, noch 
weit vil übertrifft, Inn welchen Ew. adennlichen won⸗ 
berf honen Ich gefangen und alſo entzindet, daß ich 
alle meine Synnen nitt wiſſen, und pin deßhalben on⸗ 
—— hoffend, E. F. G.werde mich uB angepStHeE 

milte 


mit dem goldenen Geweihe. 139 


milte und tugend gnediclich bedencken, meine getrewe 
Dinſt, Gluͤpt, zuſagen, verſprechen und erbieten er⸗ 
meßen zu dienen annemen, und mich verlornen trewen 
dinſtlich ergegen. 

Uff folich deß Herrn reden hatt Im dy Sram, 
als Ich vernommen hab, ſhnelle davor Antwurt ges 
ben, und alfo fagen tun, Sieber Gefelle, ſeitmalen 
Ich dein hitzig Bitt auch leichtutigs vergeßen, ett⸗ 
wen, als du ſagſt, ſouͤern ẽs alſo iſt, und erzaigter 
Untrew mercken, und danocht auch nitt wißen tu, 
aus was urſach ſich dy gut Fraw, wer Sy dann iſt, 
gegen dir abgeworffen, Ja Sy hat vielleicht und 
als ich mich wol verſehen bin, mercliche Urſachen Sy 
darzu bewegen. Doch will Ichs auch nitt ſer an-⸗ 
fechten laßen alſo beſcheen, wiewol die keißerliche ge⸗ 
ſchrieben und geiſtliche auch weltliche Rechte laut fa⸗ 
gen, Audi aliam partem, und wellen das der andere 
teile auch verhoͤrt werde. Denn als du Itze ain lange: 
Allegarey und anzuge getan haſt, wie das Adam, Sa⸗ 
lamon, Sampſon, konig David, Keiſer Claudius, 
Paris, Hector, Achilles und vil andere betrogen‘ 
follen fein, das fein alte Fabeln, geet mich nichg an, 
bin nitt darumb hie, deßhalben ze difputiren. Aber: 
daneben fo möchte man fich verfehen, du folteft auch: 
wol der Gefellen einer fein, als denn digmals zu Hof 
und laider fuft überal der ſytt (aber böfe Gewonheitt 
it) daß du dic) in einem tage mer berümen- folteft, 
Dann dir von Frawen in Syben Jaren beweifet, und. 
erjaiget werden möchte. Dann fo Ir Gefellen zu⸗ 
famen fommet, fagt ain yeder von feiner Megen oben. 
beym Jaͤkel Pefen, beym Rörkaften und Pronnen, 
da man dy Genus fail bat, danocht ſo mais or ! 
rate n 


140 Traum von dem Hirſche 


nitt warlichen von dir, will doch ettwas zu erber und 
zeredlichen darzu halten. Darauff Ir der Herr, als 
ich vernymb darzu geantwurt, und geſagt haben ſol⸗ 
le; Ob es denn befcheen were, daß ſich etlich Gefel= 
Ien, Edel und andere,der Er doch feinen nitt erkaͤnn⸗ 
te, auß Unvernunfte der Frawen berümen, und ſich 
als Iren Gnaden geſagt feye, fo übbel halten, und 
geroben. teten, folten es darumb dy andern die Erber, 
fromb, ftill, verfivigen uñd fich redlich halten weren 
entg@lten,das were nymer pillich fondern ſwer, dan man 
fuͤnnde noch vil fromer Rikterlicher guter. Gefellen, 
die mer den Frawen Ere, gutes, und Zucht zu be⸗ 
teilen, als Sy ze ſmehen geneigt fein, Ir Genade 
folte auch ſolchen claffen nich& glauben, fondern Im 
genedig antwurt auff fein Pitt geben, und zu dienen 

wofüemen, 
uff folichs die Fraw me noch ſchimpfflich Ant⸗ 
wurtt geben, und als ich gehoͤret habe, alſo ſagen 
tete, Lieber Geſelle, was bedarffeſt du doch die Pfla⸗ 
ſtertreter und Beruͤmer alſo glymoflichen verſpre⸗ 
chen, Sy halten Ir Sach und vermeinte Lieb und 
Pulſchafft, gleich ſo ſtill als der Oſtertag, der doch 
allen Pawren wißend und unverporgen iſt, Ja und 
ee daß Sy woͤlten das Ire Hanndel und Pulgewer⸗ 
be in geheym pleiben ſolten, Ee ſo ſchrieben Sy es 
in den Wirtzhewſern und funft überal an die Wende, 
aud) re Namen darunder und der Diernen Puch» 
ftaben ettwenn einen, uß denen aber oben darauff, 
darzu fo malen ſy es auff dy Nenn und ftechdefen,, 
und faftucher, laſſen zu nachts den Frawen fuͤr Ire 
Hewßer ſchreyen, und hofiren, machen In ſtraiche 
* Zoren von Iren Mannen und rieffen es uͤberal 
auß, 


mit dem goldenen Geweihe. Aut 


auß, als man den Wein und das Pier außſchreyeen iſt. 
uff folichs Ir der Herr alz ich verftee, geſagt hat, wel⸗ 
che die weren, die folichs uff der Gaffen oder funft 
außruffen und Ire Henndel alſo offenbaren, an die 
MWendfchreiben und auff dy defen oder faftücher ma⸗ 
Inn teten, die folten es audy verantivurten, und Pils 
lich pußen, Sy weren auch deßhalben Hochzuverach« 
ten, und zevermeiden, Herwider ſo funde man auch 
die ſo des Erbern Gemuͤtes, Willens, und Weſens 
weren, daß Sy Irem leib und gute wee teten, den 
Frauen zewillen und gevallen zuwerden, und wuͤrde 
3 danocht mitt gar litzt trewen in kleinem Ge⸗ 
‚wicht wenig belonet, der dan Er auch einer were, 
und der den untrewen Weib in Eren Ritterlich ge⸗ 
dint, ſein Leib und Gut nitt geſpart, Er hette aber 
noch weder Lone noch Dank bißher empfangen, und 
wuͤrde Im auch nymmermer, Sy hett Im auch umb 
ſein Erber Dinſte, und groß danclegen, wuſt ver⸗ 
prembt, und ain grobe milde Cappen auffgeſetzt der 
‚halben Er Ir mol zureden und Sp vor meniclichen 
verclagen mögen, Er hette eg aber nitt tun, und an⸗ 
dere Frawen die nicht ſchuld daran hetten, fehonen 
und ſich des alten ſprichwortz behelffen, und’ dapey 
verhoffen wellen, und es folte aud) an Im erfcheis 
nen, und das were das mann fagfe, daß Framen 
Dinft nymer verloren würde, dann wan deß einer 
nicht genoffen, So hab es aber einem andern defto 
paß erfchoffen. Und Im were viel lieber, Sy hette 
Im die Untrew getan, dann daß Sy ſolichs über 
n, als Er über Sy warlichen clagen moͤchte, Er 
u auch noch und getrarte zum Glikh Ir Gnad 
wuͤrde und ſolte Die fein, die In alle feine verlorne 
N trew 


142 Traunm von dem Hirſche 


frei und Dinſten belonen und alles Laides ergetzen 
und ſein Hertz wider in fraide ſetzen. Und Sy wuͤr⸗ 
de In auch in Ire Phlicht und Dinſt annemen, und 
gnedigclichen bedenken, und tete Sy darüber noch 
viel ernftlicher und fleiffiger In zu verfehen bitten, 
und dapey begern, daß Sy Syn doch ein Zeite probia 
ren, und verfuchen, und Sym ettwas in Irem Namen 
and, Dinft zu volenden gepieten, dann Fundtper und 
wiſſend were, das bey Fonig Artus, auch zu Fonig 
Alerander, konig Porus und fonig Darius Zeiten 
etlich Großmechtig Fürften, Graven, Herren Ritter, 
and andere vil und groß durch Frawen Ere erlitten, 
ob und Preis erftritten. Es hetten auch ettlich Se 
Plut vergoßen und Ir Leib und geben verloren, das 
wer dem weitberumbren Hergogen und-tewriften Hel⸗ 
denn Herrn TIfthionachtulannder. durch Siganen 
dinſtlich Gepot willen befchehen, der dann durch den 
Kitter Grillus in Benfein derfelben Konigin Siga= 
nen- errannt und ze tob geftochen, durch. welches fter= 
ben willen von Ir die allerhöchft clag fo vormal auf 
erden, auc) darnach nymmermer von Frawen yee er 
hört worden ift, noch binfür nicht mer gehört wer⸗ 
den mag, dann Sy In alſo od balzamirt und auff, 
eym Paum langzeit behalten, tag und Nacht pey 
Im weyenend und clagent pleiben. Wie Jammer⸗ 
lich) Spy ſich aber erzeigt und dafelbs beweiſet hett, 
were im Tyterel als begriffen, warn Sy nad) feinen, 
tod nymmermer erlachet hette. Nun were Er gleich, 
deffelben Gemutes, willens und. -Fürfages daß Er 
fein Leib und Leben, und was Er vermöchte in Sreit 
Dienft und Namen darſtrecken, darumb fterben oder. 
aber Ir Gnad Dinft und willen erwerben, hochver⸗ 
ai TOuNs 


mit dem goldenen Geweihe. 143 


wundernd, wie ſo ein ſteines Hertz in eym ſo gar zar⸗ 
ten Adenlichen Leib verſloſſen fein, und wie Im doch 
Se Gnad und Dinfte uff fein erber Erlich und zym⸗ 
lich Pitt verzigen und verfagt werden mochte, 


Da nymbt Sy In an. 


uff ſolich des Herrn yetz beſ hehen reden, hochflehenn 
zu allen andern Pitten, hat Im, als Ich laut bes 
richt bin, die Sram dig Antwure geben, Im doch 
feinen Worten wenig gelaubet, In verfuchen und 
villeicht mitt den Gepotte abzetreiben, dann Sy ver 
meinte nicht, das Er befteen, oder in rem Dinfte ver« 
barren, Er würde auch nitt ſovil auf denn hanndel 
legen, und von den Sachen felbs fteen, und tete et« 
was Fbimpflichen geparen Im alfo fagen: Nun wol⸗ 
an lieber guter Geſelle, fo du did) dann yee mir fo 
getrübten fleiffig und hoch In Eren zu dinen bey 
deinen Aide, Glübte und trewen auch verliefung Leibs 
und tebens, (das doch Gott verhüten tue,) erpieten, 
und mid) fogar tieff ermanen und Pitten bift, dich 
in meine Gnad und Dinft anzunemen, So hette 
meinthalb nitt wol fug, gepürte mir auch nitt meine 
Zürftlichen Stammen und Wefen nad), dir folichs zu 
verfagen, ja wenn dein Her und Gemüte deinen 
Worten gleich laffen, und id) in dein Herg und Ges 
wiſſen als in einen Spiegel fehen, und das warlich im 
Grunde erfennen möchte, wie Ich dir dann under 
deine Augen und in Mund fehe, fo wer mir aller 
zweivel abgeftrifett ; Aber hedoch wie dem ſo will Ich 
Dir dannocht die Bnad und freundtlihen Willen er⸗ 

zeigen, In ehren dich deinen Worten, Glübten, ver 
fprechen, Bitten Flehen und Begeren nad) in Sm 

N n 


144 Traum von dem Hirſche 


Dinſt annemen, Ja dergeſtalte, fo. ich dich getrew, 
willig, gerecht, und fleiſſig in meinen Gepotten, 
Geſhefften und Dinften erfynden, alß dann ſo tu Ich 
dich pillich verlorner trewe deinem angezaigten alten 
Sprichwort nach, Im Eren gnedigclichen ergetzen. 
Und iſt darauff mein gar ernſtlich Gepotte, bevelh 
begere, und will, daß du die Ritterlich Farte uͤber 
Mere zum heiligen Land tun, und ſo du mitt hilff 
Gottes und des Gelikes, als ich verhoffe herwider 
kommen biſt, dich uff einen Sontag ſru zu diſen 
Pronnen fügen welleſt. Und daß du aber meine 
freundelih Neigung noch weiter verfteen und guͤnſtli⸗ 
chen Willen merfen mögeft, fo will ch dir die Gnad 
erzeigen, und dich mein ftand und wefen, Ee und du 
von Landt fheiden wirdeft fehen, und mid) alfo gegen 
dir in Eren merfen laßen, daß ch dic) gnedigelichen 
meynen will. Und folt wißen, daß ich ytz ze Pfing⸗ 
fen in meiner Haubtftat nägft bey den Pronnen Iis 
gend, ain groffen Hove von Fürften und Fürftin, 
Frawen und Junkhfrawen befehriben zu halten, er: 
fordert habe, dafelbs dann vil Ritterſpil von Turnis 
ten, Nennen Stechen, und andere furgmweile geübet 
wirdett, daſelbßhin folt du auch komen, und nicht 
außbfeiben, fo mirdeft du mid) Dann unter der Kron 
und andern Fürftlichen Öezierden und Geſhmuken fes 
ben, darumb fo reitt heim, richt dich zu mitt allen 
Dingen, als dir zymben und gepüren ift, mein fart 
von ftund Yan nach volenndung’ des Hofs zevolftrefen, 
dafelb will ich dich befhifen, und dir weiter Abferti« 
gung fun, und fett Im dazemaln gar mitt freundli« 
chen Abſhide erlauben. — 
Solichs, als wol zu glaben, der Herre mit hofli⸗ 
chen erpietung zu hohem Dank auffnemen, und ſich 
Re under: 


mit dem goldenen Geweibe, 145 


undertaͤnigelich Inn der Frawen Gehorſam begeben, 
Ir auch fein Hertze diemuͤtig bevelhen, und tette da» 
mitt froͤlich heym reytten, ſich ſtil und gar unvermerkt 
herrlichen und vaſt koͤſtlichen ſein fart loͤblichen zuvol⸗ 
bringen zu richten. Do nun die Zeit des Hoves 
fraide ze ſuchen kommen, da tette ſich der Herr, und 
als Ich des gruntlichs wiſſen hab, mitt den Erſten 
in die Statt fuͤgen, ſich unvermerkt gar Erberlich, 
ſtill und adennlich Halten bey dem Turnyren, Ren⸗ 
nen und Stechen, auch andern Ritterſpil was Er dazu 
ſhawen und offt gedencken, Ja ſollte es mitt meiner Fuͤr⸗ 
ſtin willen und Gepotten ſein, daß Ich auch in dem Ge⸗ 
zeuge uff der Pan yetz da erſcheinen, ſtangen, und 
Spieß in Iren Namen zerbrechen, Ey nun ſolte mich 
doch weder Leib noch Gut, Roß noch zeug, ſtoſſen noch 
fellen, nicht Irren noch bedawren Es were undten 
pundt, hartt angezogen, oder Veldt Rennen, ich welte 
gar nichtz ſparen, und mich alſo merkenn und ſehen 
laſſen, daß Ich durch Iren Willen auf der Pan und 
im Velde bereit ſein woͤlte. Nun hin, ich hoff zu 
Gott und dem Glik, es werde derſelbig Tag mitt fu⸗ 
gen kommen. Nach ſolchen Ritterſpile und dem 
nachtmale, als man dann pfligt zu den tantz zu kom⸗ 
men, und den Dankh auszugeben, hatt ſich der Herr 
daſelbs als onerkaͤnnt gefuͤget, in groſſen Verlangen 
ſeinen Eren Schatz, die Faden feing auffenthalts 
in Iren wefen zu fehen, die kurtz daher fame, in eym 
guldin Stukh, darein dann von Edlen Gefteine, Rus 
bin, Diemant, und Sapphire, und von groffen Schaß 
Orientiſcher Perlein, Kotunde und Synvell ge« 
fprengt waren, zu dem fo trug Sy ein Halfpand von 
Adamanten, Jacinnten, Twopaſ. on und Criſoliten, 
Dresd. Mag.I.B. aus 


146 Traum von dem Hirſche 


aus India gar ſharff geſhnitten, das eins gantzen 
Landes wert fein geſhetzet. So ward auch ·ein keiſer⸗ 
liche kron clar ergleiſſen ob Ir geſehen, und was fünft 
alſo gezierett, daß Sy all andere Fuͤrſtin und frawen, 
an Glidtmaſſen, Leib, Geſtalte, Weiſe, Wandel 
und Geperden, ſo hoch uͤbertraff, als weit die Edle 
Sonne den Man mitt Irem ſheine, und alle andere 
Planeten uͤbertrifft. Wie nun darnach die Trume⸗ 
ten und Clareten zu hoher Gelle auch dy Zyngkenn 
darein gericht, zu der Paugken hal, nach der tantz⸗ 
maß in rechter Menſur ſogar lieplich und meiſterlich 
erhoͤrt worden ſein, haben die ſo das verſtan, ſer ge⸗ 
lopet. Als nun der Tanntz angieng, hat ſich der 
Herre fruntlich plik oder zaichen onvermerkt zu em⸗ 
phahenn, herfuͤrgeſtellt verhoffend, das Im aber in 
kein weiſe erzaiget, denn Er von Ir nicht dafuͤr ge⸗ 
halten oder geacht ward, als ob Er auff den Hofe 
kommen, und ſolt es alles verſlaffen. Nun die Fraw 
lieſſe ſich nitt mitt eynem Augenplik, oder einicher 
Geperde oder Zeichen merken, daß Sy In nye ge⸗ 
ſehen, noch einich wiſſen hett, warumb Er da were. 
Als nun der Hofe ennde nemen, und die Fuͤrſten, 
Herren, Frawen und andere, ſo darauff beſhriben 
waren, gar verreiten und alle wekhkamen, da tete 
Sy ein Gezwerge nach dem Herrn, zu Ir in ein 
Guͤrten zu komen, heimlich ſhiken, derſelb Zwerge 
In zu ſeiner Frawen fuͤren, die was dorten allein 

undter eym Paume, froͤlich ſeyn warten, und In la⸗ 
chende empfahen, und als ich gelaub, ſo hat Sy zu 
Im geſagt; Hertzlieber Geſell, du waiſt wol, wa- 
rumb, und wie du herkommen, und biſt auch nun 
bey dem Hofe, Ritterſpil uud tantz nach meinem 

vel 


mit dem goldenen Geweihe. 147 


velh erſhienen, und haſt mich als ich dir beym Pron⸗ 
nen zuſagen tete, in meinen Weſenn, Stat und Wir⸗ 
den geſehen, und damitt daß du nun hinfuͤr in mei⸗ 
ner Fart deſtmer fleiß, auch meinen guͤnſtigen wil« 
len erkennen, und auf der feren Raiſe der Zeiten ſo 
du von den Wynden und der Ungeſtuͤme des Meres 
Flute etwaz beleſtiget wirdeſt, ergetzlichkeit haben 
moͤgſt; So nymb hin das weiſſe Seidin Tynntuch 
ob meinez Haupt ſwebennde, und den Handſhuch von 
meinen Hennden , dapen gedenf mein, und vergif 
meiner Lieb und trew nitt, deinen hohen Glüpten und 
verfprechen nach, und reit hin, Im Namen Gotes, 
der welte dein phlegen, und dich mit frewden herwi⸗ 
der fennden, und gab Im damitt Ir fürftlich Hennd 
And meiplichen fegen, mit freundtlichen plicken, ſich 
von Im wenndend zu Ir Hofmeiſtrin und Junk— 
fraen gen. Der Herr mit betruͤbten Gemuͤte ſeins 
Abſhides halben, und tett feine knye naigen, Sic) in 
Ir lieb und Gnad bevelhen, von ſtund an die kleinot 


Sun Danfperfeit zu Im nemen, Alfo abziehen auf - 


Venedig eylennds hinzereiten, daſelbs Er andere Pil« 
grim, Fürften Graven und Herrn, mitt gervißer Zure 
verfehen fynnden, und aufeinen Nafen überMere zum 
. heiligen &annd,in derFuͤrſtin Gebotte, ettlich fäge faft in 
guten Wynndt, mitt freyfliegenden und fteg zichenden 
Segel gluͤklich und gefuntlic) faren, das fich aber 
pald wechßlen und furg verferen: dann die gar ſcharf⸗ 
fen Wynde und grauffam Ungewitter teten Im an« 
de, und machten In fer krankh, daz wiſſen dann die 
fo folich Merfart getan, die haben deß gut Unndtricht. 
Nun ward Er manigmalen und etwe offt, durch 
das groß verachten und ei erzaigen, fo = 
2 Im 


748 Traum von dem Zirfche 


Im auff fein hochserpieten getan hett, betrachtend, 
und ermefiend, fere betruͤbt; Ettwen fo namb Er daz 
Tynntuch und den Handtſchuch berfür, und bedacht 
Ir engliſch Geftallt, Leib und Geperde, herwider fo 
viel Im dann zumider ſich felbs fagend: Wann idy 
nun fchon mitt hilff Gog wider heyme, und zum 
Pronnen fumb, fo wirdet Sy gleich fopald das Ge= 
fpett auß mir treyben, als faſt Gevallens daran ha⸗ 
ben, oder mir fer dankhen, mitt dem, fo ift dann meis 
ne Müe, Sorg und Arbeitt gang vernicht, fo hab Ich 
dann erft ain rechte Rue, das Gefpert zum fchaden. 
Herwider fo gedaht Er dann, als Er felbs gefagt 
hat, Nun was Iſts dann, ft doc Salomon, 
Sampfon und andere betrogen, wie wollt dann Ich 
fo gar kuͤne und weiſe fein, wer waiſſt Sytug villeicht 
in guter Meynung, und hat mid) ſchimphlich alfo 
verfuchen und doch fehen fun, wie Ich mid) darein 
fchifen hab wellen, und verfenfert alßdenn fein Her⸗ 
ge und Gemüte fo gar damitt, als Herr Parsefalen 
geſchah, do Er dy drey Plugtröppfel in dem Snee 
verröret fah, und gedacht das ſeins Hergentroft, Frame 
Gundwiramirs wie Milh und Plute, alfo weren 
auch) diedrey Plußtröpfel in Dem weiſſen Schnee ver⸗ 
wappent, folichen Wechffel Dannf hett Er zemal, 
viel on alle Zale. Als Im nun Gott und das Glikh 
froͤlich und Gefund wider heym, und auf ein Sontag 
zum Pronnen belffen, daſelbs Er dann frü der Fürs 
ftin der Fremden warten, die Furg darnach undter 
der Erenfron bertreten, und In von Wetter und 
den Wynnden des Meres praun und ettwes entfer« 
bet, In guc) ain langen Part, alz RitterPruͤder zu 
bringen pflegen haben, fehen; Da tette Sy In = 
r 


mitdemgoldenen Geweihe. 149 


Ir alt ſhwenkh gar ſhimpflich und auff hofrecht em⸗ 
pfaben, und fagen: Gefell, Ich fihe und merde nun _ 
wol, daz du die Kaife und farte volpracht, wer waiſſt 
aber warlich in weß namen, du haft villeicht foliche 
Wallfart vor zehen Jaren außzurichten ettwen in ain 
Eranfheitt, oder andere Noͤtt halben verfprochen, 
und haft die yeg, als du vermeinft in meinen fchein 
vollpracht. Ich muß auch dafür annemen, ſeidtma⸗ 
len alte Weiber Mündy und Pfaffen auch ſolche Rai- 
fe, und weite auch ferne farten, als die ift tun, und 
möcht wol fagen, du hatteft nun da; mitt ſolcher far« 
te mir und zevorberft Sort und dir felbs gedint, und 
ain alte ſchulde bezalt. Darauff Ir der Herr zes 
antwurt geben, als mich angelangt, und hat alfo ger 
fagt: Was mir yetz Schimpffs und verachtens von 
Em. Lieb auf meine weite fart in Ew. F. G. Namen 
und Bevelh, auch Gott zu eren und funft anders nitt, 
als Em. ©, zu gevallen getan, erzaigenn, und zus 
meflen, das ift mir durch mein aigen. Herß uff’ dem 
Mere nicht in Eleiner Betrübnuffe zu gevallen, ges 
offenbart, und nun uff difeftund auch war worden. 
Ich will es aber noch) für Hofwort und Em. $iebe 
dafür Halten, das foliches Schergen, deß danocht 
auch nun fhir gnug were, nicht Ew. ernft noch Ew. 
von Hergen gern, und feye nur ein freundliche Vers 
ſuchen, Ya und des Ich aud) gar wol geraten möchte, 
Ichs anders an Ew. Gnaden haben und erlangen tun. 
Uff folichs die Fuͤrſtin dem Herrn, als ic) cler⸗ 
dich bericht bin, wann es zeit mas, mitt frölichen 
Geperden antwurt, und Im dapey re adenliche 
Hennde geben, und darbieten, Ime auch alfo darumb 
fagen tete, Hertzliebſter Pe So du nun — 
— 3 hen 


150 Traum von dem Zirfche 


hen orden an dich genommen, deine fartt getrulich vol= 
. pracht, dich auch vor und bißher erlichen gehalten und 
bemeifet, darumb du dan meine Gunfte und Gnad 
In eren nicht uffs mynſt dir geneigt werden erlangen 
moͤchteſt, So gepürtt ſich der Zeite zu erharren, und 
daz du nun weittere Nitterfchafft fuchen, Lob, Ere 
und preis erwerben tuſt. Und darumb Herger Liep⸗ 
fter Gefelle, fo laße dich gar nichtz Irren, und vers 
merf nun weiter mein fürnemen, Lere und Gepott, 
Schikhe dic) darnach und zewhe an der Fonig und 
Fürftenn Höve, halte dich Ritterlichen und Erlichen, 
und zuvörderft fo diene Got fleiffiglich, höre alle ta— 
ge Meffe, ma du es ymmer fügen und befommen 
magft, biß fröficy in Züchten, und mitt maffen und 
fonderlich bey Fürften und Frawen, fo tu mein nicht 
vergeffen, und far im Mamen des allmechtigen Gotz 
uff mein Pitt dahin, ein jeite und are, mer waiſſt, 
Gott der Herr wirdet völleicht die Zil gar in Furgen 
friften, mitt fraiden ſhiken, das dir, ob Gott will 
mein abfordern und fhreiben gar pald zugeſendett 
wirt; Alfdenn fo will Ich dich aller vorbef hehen in gu= 
ter Meynung erzeigten Hofworten und wett bein Rit⸗ 
terlichen Getaten und gefliffig getrewen Dinften zu 
eren und alfo belonen, das du meine Gnad und lieb, 
dein trew hoch bedenfennde, erfennen, daran folt du 
gang fein Zweivel han. * Uff das antwurt Sr der 
Herr mitt hohen fleiß Danfend und fagend, wa Ich 
aber mein glubt und verfprechen Em, liebe getan, 
und 

” Hier flehen in dem Original folgende Worte , von eis 
ner ebenfalls altern Hand: Siehat es ihme ſchwer 
genud gemacht, Es fol aber kein Herre fo ferviliter 


lieben. Denn mil eine nicht, fo Andet man wohl 
eine andere, 


mirdemgoldenen Geweihe. 151 


imd auch niet unpillich ermeſſen, fo hett Ich uff das 
ſhimpflich verachten und dy ſpoͤtlichen hofwort von 
Ew. Gnad uͤber mein diemuͤtig gehorſam emphangen, 
daß auch nitt zeverwundern were, von Ew. Gepot 
und Dinſt langſt abgetreten, da ich aber mein frey 
erbieten, und daz ich mich wie Herr Tſhionachtulann⸗ 
der durch der Künigin Sigawen willen In Ewren 
Namen ze fterben verwilligt, und begeben hette, Ers 
meffen und day bedennfen daz man pillichen das un« 
verfert halten, daz man dan freymütig verfprechen 
und glüben tete: Quia omne promiflum merito in 
fuum cadit debitum, das dann ainez yeden hochgepor= 
nen man wol zufteen und loblichen ift, da hett es gar 
kain binder fich fehen, bin veft und fett, ats Ew. 
lieb waifftin E. F. ©. dinft beftanden. Und fo Ich 
aun yeß Ew. Gnädigs und Fürftlichs zufagen ungen 
zweivelt vermerfhe,des Ich Em. lieb hohen Danfh 
fagen, und darauff Em. weiter Gepott ye& auch an⸗ 
nemen, und daffelb unverzug gehorfam, Nitterlich 
und trewlich zevolbringen willig bin, So mill Ich 
‚mid E. 5. ©, lere und bevelh nad) in Ev. Gepott, 
Dinft, und Namen, Ritterlich, loͤblich, Erlich, wol 
und ſhoͤn auch alſo halten, daran Ew. Gnad als ich 
hoffe gefallen und benuͤgen, dieſelb Ew. Gnade ſoll 
auch gantz kein zweivel haben, daz ich Ew. lieb und 
trew, die ich in Eren zu erwerben hoffen, vergeßen, 
eu, Wann nach Gott fo iſt mir Em. Gnad fo lieb nnd 
hoch bevolhen als mein eigne Sele im leib, bitte und 
beger auch von Ew. Gnad defgleihs in Eren hin» 
wider und nichg mer, und mid) in getrewer, Gnedig 
und frundelich bevelh zu haben, Mitt dem fo gab 
Sm die Sram folichs Ss Eren zu funn, Ir trewe 

. 4 und 


1x2 Das Stuffenmäßige Steigen 


und uff fein bitt bevolhen ze haben zufagend, Iren 
frundtlichen fegen, und In Gott mit fraiden nach 
gelicks fal, wider zu Ir zefügen fleißig bitende, Uff 
das tert fich der Herr vafthföltlichen und Kitterlichen 
Ruͤßten, aufffigen, an der König und Fürften Höve 
reyten, darauff Er der Hoffnung uffs Glik nad), und 
des ungezweivelten getrauen ift, Ime folle das Glik 
fein trawmb fo Erlih, Fruchtperlih und nüßlie 
chen außlegen und der Hirß Im mitt den güldin 
Gehuren alfo erfhinen fein, daz Im der Handel fo 
war werden tu, als Hl. Danielen, ofephen, Ja⸗ 
coben, Faißer Eonftantino und andern re Getrew⸗ 
me mar an fele und leib, Ere und gute fruchtper 
worben fein. Darumb fo wartet Er in frömbden 
Lannden, an der Konig und Fürften Höve, wann In 
fein Fürftin abvordern, und zu Ir zufommen bes 
ſhreiben ſey, feft, ftert, gerecht, gann& onverwennbf, 
Dir unverfert, biß in mein enndt. 
Soli Altiffimo ! 
A. de Aamerfkein 
Cancellarius, 


Finitum Torg&, Sabato Vigil. Palmarum 1496. 


II. 

Zufällige Gedanken über das fruffen- 
mäßige Steigen der erfchaffenen 
Dinge, 

If" erfchaffene Dinge äußern ihre Thaͤtigkeit 

entweder Durch die Bewegung, oder durch 
das Denfen: Die erften nennet man Boͤr⸗ 
per, die andern aber Beifter, Es 


der erfchaffenen Dinge, 173 


Es laßen ſich dahero alle Ereaturen in zwo bes 
fondere Claſſen abtheilen, wovon die erfte die koͤr⸗ 
perlichenund materiellen Dinge, die andere aber 
— Weſen, oder die Geiſter in ſich 
enthaͤlt. 

Was die erſten anbelanget, ſo finden wir bey eini⸗ 
gen eine Bewegung gewiſſer innerlichen Thei⸗ 
le, wodurch ihr Wachsthum und ihre Er⸗ 
haltung bewerkſtelliget wird, und welche 
daher nicht eher als mit dem gaͤnzlichen Un⸗ 
tergange derſelben aufhoͤret. Andere hinge⸗ 
gen werden, vermittelſt einer Verbindung ge⸗ 
wiſſer, in eine Bewegung geſetzter Theile 
hervor gebracht, die aber nur ſo lange dau⸗ 
ret, bis die Natur ihre Abſichten erreichet 
hat. u 

Bey der erften Art beobachtet man gewifle ins 
nerliche und wefentliche Werkzeuge, wodurch 
diefe Bewegung entftehet, und unterhalten wird, bey 
der andern aber wird diefelbe durch verfchiedene 
Außerliche Mittel, welche eigentlich nicht zu dem 
Weſen derfelben gehören, bewerfftellige. Jene nen« 
net man Organifche Rörper, diefe hingegen wer⸗ 
den zu den Materialien gezählet. 

Diejenigen organifchen Körper, welche ihren Dre 
nah Willführ verändern, und über diefes mit einer 
Empfindungskraft begabet find, befommen den Nas 
men der Thiere; die übrigen aber müffen zu den 
Pflanzen gerechnet, werden. 

Hierauf berubet der erfte Unterfchied aller mate⸗ 
tiellen Dinge, nach welchem diefelben entiveder in 
das Mineral: oder Soffilienveich, oder in das 

ts Braͤu⸗ 


7 4 Das Stuffenmäßige Steigen 


Rraͤuterreich, oder aber in das Thierreicy zus 
rechnen« find. 

Das Mineralreicy begreift nicht nur die vere 
fehiedenen Arten der Erden, Steine und Erze in 
fih, fondern es enthält audy die Grundmaterien 
oder den Stoff, defien fich die Natur bey ihren 
Verbindungen bedienet; Daher einige Naturfundi« 
ge diefes Reich lieber mit dem Mamen des Mate⸗ 
rislienreichs belegen wollen. 

Zu dem Pflanzenreiche. rechnet man alle 
Baum: Stauden- und Pflanzengewächfe, ins 
gleichen alle Gras » Mooß - und Schwamm» 
arten. 

Das Thierreich begreift die verſchiedenen Gat⸗ 
tungen von Gewuͤrmen, die Inſecte, die Fiſche, 
die Dögel, die vierfuͤßigen Thiere in ſich; fa 
den Mienfchen felbft, als die edeifte unter diefen 
Creaturen. 

Alle diefe Dinge laſſen fih, in einem jeden 
Reiche, abermals in verfchiedene Claſſen, Ord- 
nungen und Gefchlechter eintheilen, wovon der 
Grund auf gewiſſen Abänderungen verfchiedener Thei⸗ 
le beruhet, vermittelft welcher fie ſich von einander 
unterfcheiden. 

Da wir aber fehen, daß die Natur bey den 
mancherley Arten diefer Gefchlechter, Drdnungen 
und Claſſen, durch gewiſſe Veränderungen verfchies 
dener Theile, und durch unmerfliche Abfälle, von 
dem einen zu dem andern fortgehet, fo findet man 
unter den materiellen Gefchöpfen einen fo genauen 
Zufammenhang, daß man gleichfam ſtuffenweiſe aus 
einem Reiche in dag andere, von einer Claffe zu der 

an⸗ 


der erſchaffenen Dinge. 155 


andern, von einer Ordnung auf die andere, und end⸗ 
lich von einem Geſchlechte auf das andere geleitet 
wird. Gehet man von den verſchiedenen Sorten des 
materiellen Grundſtoffes zu den Verbindungsarten 
derſelben, fo werden wir von den gleichartigen 
zu den aus verfchiedenen Miaterien zufamme 
gefersten Dingen, und von diefen auf die Soßilien 
und Mineralien geleitet. Die Betrachtung der 
Mineralien führe ung unvermerfe zu dem Pflan⸗ 
zenreiche, und diefes ift mit dem Thierreiche 
durch fo enge Gränzen verbunden, daß es ſchwer 
fällt, diefelben gehörig zu beftimmen. 

Auf diefe Weife ftehet der geringfte Staub, das 
fleinefte Kraut, und der verachtefte Wurm mit dem 
Menfchen in der genaueften Verbindung. Die Na⸗ 
kur gleichet demnach einer Ketten, zu deren Ergaͤn⸗ 
zung jede erfchaffene Art das ihre, als ein befonderes 
Glied , beyzutragen beftimmt ift. | 

Richten wir unfere ſchwachen Augen auf Die hö« 
bern erfchafferien Wefen, fo ift es fehr mahrfcheinlich, 
Daß unter denfelben gleichfalls eine gehörige Drdnung 
ftatt finden werde, da wir fehen, daß diefelbe bey ala 
len übrigen Werfen des großen Schöpfers, auf das 
genauefte beobachtet worden. Es ift zwar nicht zu 
feugnen, daß die Verbindung der erfchaffenen Gei⸗ 
ſter, mit den Menſchen, die genauen Gränzen des« 
jenigen Zufammenhanges, den mir unfer den mates 
tiellen Creaturen beobachten, weit überfleiget, und 
daß man dahero zmwifchen dem Menfchen und den 
Geiftern dergleichen genaue Verbindung ſchwerlich 
werde behaupten koͤnnen: denn ob wir zwar fehen, 
daß der Menfch in verfchiedenen Sällen feine jr 

icht 


156 Das StuffenmäßigeSteigen 


ficht auf einen hoͤhern Grad zubringen fähig iſt; fo 
iſt doch nicht zu vermuthen, Daß derfelbe hierinnen 
den erfchaffenen Geiftern im geringften gleich Fom« 
men werde. Sollte.man dahero nicht auf die Ge 
danken gerathen, daß unter den Creafuren des großen 
Weltbezirks noch weit edlere und vollfommnere Ge- 
fhöpfe als der Menfch vorhanden feyn müffen, bey 
welchen ſich Verſtand und Einſicht, durch gemiffe 
Staffeln vergeftalt erhöhen, daß, in diefem Stuͤcke, 
zwifchen denfelben und den erfchaffenen Beiftern gleich: 
falls die genauefte Verbindung ftatt findet. 

Inzwiſchen ift es doch nicht zu leugnen, daß wir 
bey der Betrachtung unferer Seele, gleihfam die er: 
fte Staffel betreten, die ung aus dem Reiche der ma: 
feriellen Gefchöpfe zu dem Reiche der Geifter leiter. 

Da aber endlich die Drdnung und die Verbin 
dung, unter ben erfchaffenen Geiftern, in nichts an« 
dern, als in einem immer höhern Grade ihrer Eins 
fiht, und in einer gröffern Vollkommenheit ihres 
Erfenntniffes beftehen kann; fo ift zu vermuthen, 
Daß man auch bey denfelben, vermittelft einer beſtimm⸗ 
ten Abänderung diefer Bollfommenheiten, endlich 
bis zu den herrlichften, erfchaffenen Geifte fortgehen 
müfle, welcher, als das edeffte Gefcyöpfe, von fei- 
nem Schöpfer alle diejenigen Bollfommenheiten des 
Verſtandes und der Einficht erhalten, die ein erſchaf⸗ 
nes Weſen zufaffen fähig war. 

Ob wir nun zwar von diefer großen Ordnung ber 
erfchaffenen Dinge, in unferm gegenwärtigen Zu⸗ 
ftande, nur die erften Begriffe zuerlangen, und mit 
unfern ſchwachen Augen das allerwenigfte hiervon zu 
überfehen vermögend find, fo lernen wir doch dadurch 

eis 


der erfehaffenen Dinge, 157 


erfennen, daß die Werke des großen Schöpfers 
insgefammt weislich geordnet, und daß fie eis 
ne faft unendliche Reyhe von lauter Vollkommenhei⸗ 
ten jeder Art vorſtellen. 

Die Betrachtung der Creaturen fuͤhret uns da⸗ 
hero durch gar verſchiedene Wege zu ihrem Schoͤpfer. 

Die Weisheit, welche ſich ung in dem Baue 
derſelben entdecket: das Schöne und Reisende, 
fo mir bey der Verbindung ihrer einzeln Theile wahr» 
nehmen. Die Ordnung und das abgemeffene 
Derbältniß, welche unfere Augen an denfelben . 
beluftigen, find überführende Beweiſe ‚ daß fie nicht 
von ungefehr entftanden, fendern daß fie von den 
Birfungen eines unendlichen weifen Wefens hervor 
gebracht worden, 

Die fonderbaren Übereinffimmungen der. 
jenigen Mittel, welcher fich die Natur be« 
dienet, gewiſſe Abfichten su erreichen, und 
die Triebe, wodurch ſowohl die Sortpflan- 
zung als auch die Erhaltung verjehiedener 
Creaturen bewerkftelliget wird, leiten uns auf 
den großen Urheber diefer bermunderungswürdigen 
Einrichtung. 

Der Zuſammenhang, wodurch ſich alle er— 
ſchaffene Dinge, durch unmerkliche Abfaͤlle, mit ein⸗ 
ander verbinden, fuͤhren uns gleichſam ſtuffenweiſe 
von dem Geſchoͤpfe zu ſeinem Schoͤpfer, und die 
vernünftige Seele.des Menſchen ift als die erſte Staf⸗ 
fel zubetradyten, welche ung aus dem Reiche der ma= 
teriellen Sefchöpfe zu den erfchaffenen höhern Weſen, 
ja zu dem ewigen Urfprung aller Dinge felbft leitet. 


+ 


IN. 


158 | "Don Derbeflerung 


III. 
_ DEM. 
Schreiben an einem feiner 
Freunde, die Verbeſſerung der 


Thermometer und Barometer 
betreffend. 


Hein Zerr, 


ie verlangen Nachricht von mir, ob, und 
wie Das Kngrometer, welches ich, bey ib» 
ver Gegenwart, in N. vor der Hand hatte, 
gerathen fey, worauf zur fehuldigen Antwort Diener, 
daß ich zwar die Arten und Die Anzahl der Schnur 
ren, welche dabey durch die Mufterung gegangen 
find, nicht beftimmen Fann ;  diefes aber muß ich mel⸗ 
den, daß ich endlich), da alle Hoffnung zu verſchwin⸗ 
den jchien, durch einen ungefähren Zufall, auf die 
Zurichtung einer ſolchen Schnure gefommen bin, 
Durch welche meine Mühe und Gebult belohnet wur⸗ 
de. Dahero diefe Machine den vergangenen Win 
ter über, befonders aber bey gegenwärtiger Fruͤhlings⸗ 
mitterung, ihre Wirkung, und zwar zu verſchiede⸗ 
nen malen des Tages, zu meiner Zufriedenheit zei⸗ 
get, Es wird Ihnen durch eine ausführliche Be— 
fehreibung und Zeichnung die Conftruction derfelben 
Fünftig befand werden. Inzwiſchen habe ic) die= 
fen Winter die Unterfuchung und Ausarbeitung fol» 
gender Materie vorgenommen, worzu mich „die 
» Sammlung einiger fleinen Schriften, von den Ther- 
„momefern und Barometern, die von dem — 
„ſer 


der Thermometer und Barometer, 159 


„fer der Methode eines Univerfal-Thermometers, zus 
„Augſp. 1757. herausgegeben und von M. ob. 
„Chriſt. Thenn ins Teutfche überfezet worden ,, ver« 
anlafjer haben. Diefer Berfaffer erwaͤhlet den rectis 
fieirten Weingeift, fo Schießpulver zündet, und ziehet 
denfelben dem Nvedfilber vor, wie wohl er auch 
pag- 24. den fchlechten Weingeift anräth, mit wel 
chem er wegen feines vorzüglichen gleichen Steigens 
und Fallens feine Röhren anfüllet, welche Meynung 
er pag. 19. mit mwohlgegründeten Urfachen, zu be= 
feftigen ſuchet. Er bemeifet ferner pag. 39. durch 
widerhohlte Verſuche, daß ſowohl das Steigen als 
ı das Kallen des Nvedfilbers nicht. in gleichen Gras 
‚ ben, fondern in arithmetifcher Progreßion gefchähe. 
‚Pag. 42. feßet er, in einer Tabelle, diefe Proportion 
des Weingeiftes, des Ovecffilbers und des Leinoͤhls 
gegen einander, und verbeffert, durch eine andere 
Tabelle pag. 80, das Barometer in Anfehung des 
Standes des Thermometers, das ift, er giebet den 
wahren Stand des Dvedfilbers durch diefe Tabelle 
an, wenn weder Kälte noch Wärme in demfelben 
wirfen, oder deutlicher zu fagen, wenn das Baro⸗ 
meter nicht auch zugleich ein Thermometer ift, und 
der Mercurius nebft feiner eigenen Bewegung, von 
der Wärme ausgedehnet, und von der Kälte zuſam⸗ 
men gezogen wird. 

Er theilet die Scale feines Thermometers mit 
Weingeiſte, zroifchen der Temperatur der Keller des 
Hbferpatorii zu Paris, und zwifchen den Puncte 
des Fochendendeu Waſſers in 100. Theile ein, wel⸗ 
che er Grade der Wärme nennet. Won eben diefer 
Größe fezet er 100. Grade unter ER 

un 


260 | Don Derbefferung 
und nenne ſolche, Grade der Kälte; dieſes Inſtru⸗ 


ment aber fein Univerfal- Thermometer, 


Das Barometer richtet er nach dem Parifer 

Maaße, und die Verbefferung deffelben, nach Der 
Eintheilung oder nad) den Graben feines Univerſal⸗ 
Thermometers ein, auf welches ſich auch bemeldete 
Tabellen beziehen. 
Aus Begierde zur Wahrheit, habe ih, durch ei« 
nen, jedoch in etwas veränderten, und zugleich 
fihern Weg, die Werfuche des Verfaſſers, jedoch 
mit Weglaßung des $einöhls, mit*aller möglichen 
Vorſichtigkeit widerholet. Sie werden mich fragen, 
Mein Herr, woher ich den Punct des Mirtelmäßiz 
gen, oder der Keller des Dbfervatorii zu Paris ber- 
genommen babe? worauf zur Antwort dienet: daß, 
nad) des Verfaſſers eigener Ausgabe, und zwar 
pag. 32. diefer Punct aus dem Eispuncte gang leicht 
zu finden ift, und ich habe beobachtet, daß meine 
Verſuche mit den Berfuchen des Berfaflers ziemlich 
übereinftimmen, 

Ob nun gleich der bemeldete Verfaſſer wuͤnſchet, 
daß die Conſtruction ſeines Univerſal-Thermometers 
aller Orten eingefuͤhret werden moͤchte, indem man 
die Ubereinſtimmung der Beobachtungen richtiger 
würde haben, und gewiſſer beurtheilen koͤnnen; fo iſt 
doch dieſes leichter zu wuͤnſchen als zu hoffen, indem 
bey fo viel faufend Röhren, die mit Oveckſilber, oder 
mit Weingeift gefüllet find, der Punct des Eifes 
und des Fochenden Waffers mit aller möglichen Vor⸗ 
fiht gefunden, und die Graduation entweder nad) 
der Aufgabe des Keaumurs, Fährenheits, de 1 
Isle, TE 2. angebracht ift, Die — 

oba 


der Thermometer und Barometer. 161 


obachtungen fo man, feit langer Zeit, nach diefen 
Röhren angeftellet hat, ingleichen die Nachrichten; die 
nach Denfelben. bereits aufgezeichnet find, zu geſchwei⸗ 
gen, Dahero fih ſchwerlich jemand entſchlieſſen wird 
dieſelben zu veraͤndern, noch weniger aber abzuſchaf⸗ 
fen, und ſich um andere, nach der Einrichtung de 
univerſat »Thermometers, guderderben. 5: 


Aus den gemeldeten * widerholten Berfüchen 
erhellet allfo , daß der Mercurius gegen dem Meine 
geift ein ungleiches Steigen und Fallen anzeiget, und 
folgende Beobachtung beftäriger /"daß diefer Unter⸗ 
fhied ein fehr merfliches betraͤget. Ich hatte 1755. 
des Nachts zwifchen den 8. und 9. Febr. bey einer 
außerordentlichen Kälte, zwey Thermometer, nad) 
Sahrenheits: Graduation ‚ neben einander, vor mei⸗ 
nem. Fenſter,  aufgeftellet, - wovon -dag eine mit 
Queckſilber, das andere aber mit rectificirten Wein« 
geifte gefüllet war. Beyde waren mit allen möglis 
chen Fleiße gefertiget. Den g. Febr. des Morgens 
um 3, Uhr, als zu welcher Zeit die gröfte Kälte war, 
fund der Mercurius 46, der Weingeift aber nur 29& 
Grab unter dem Eispuncfe , und zeigete ſich daher 
der Unterfchied: von 163 Graden. Welches mit bes 
nen, von mir über diefe Materie, nach ber Angabe des 
Berfaffers gerechneten, Tabellen, ziemlich genau übers 
eintrifft, Hierdurch binich überzeuget worden, daß 
der Mercurius und der Weingeift, ein ungleiches 
Steigen haben’, wie denn diefer Umftand von dem 
Verfaſſer desUniverfaleTherm. gleichfalls beobachtet 
und beſtaͤtiget worden w 


Dresd. Mag.n. B. M Yus 


162 . Don Verbefierung 


Aus diefen Gründen ift leicht zu erachten, was 
vor Fehler begangen werden fönnen, wenn an einem 
Orte die Beobachtungen an einem mit Weingeifte, 
‚und an einem andern mit Queckſilber gefülleten Ther⸗ 
mometer angeftellet werden, und was vor richtige 
Nachrichten daher zu hoffen find. Ich babe alfo 
auf ein Mittel gedacht, wie die bereits vorhandenen 
Thermometer, fie mögen entweder mit Quedfilber 
‚oder mit Weingeifte gefüllet feyn, ohne Veränderung, 
beyhbehalten werden Eönnen, und wie ber Unterfcheib 

‚zwifchen beyden jeder Zeit zu finden, die Eintheilung 
der Scalen mag von einer Art feyn wie fie wolle, 
und biefes habe ich auf zweyerley Art bewerfftelliger. 


Als erſtlich durch Die zu diefem Vorhaben, und 
zwar nach der Graduation des Reaumurs, des Fah⸗ 
tenheits, de l'Isle und Königsdörffers berechneten 
und bereits berührten Tabellen, wiewohl es. auch auf 
geometrifche Art gefchehen Fann. Da denn nur zwo 
Scalen neben einander von beliebiger. Größe, Die 
eine nad) gleichen, die andere aber nach proportionir⸗ 
ten, und- aus den Tabellen genommenen Graben, 
welche in der Mitte mit ihren einzelnen Graben zus 
fonmenfteßen, aufgetragen werden, worzu man kei⸗ 
ne Röhre nöthig hats Diefe doppelte Scale wird 
auf ein glaftes und fauberes Bretchen gezogen, wel⸗ 
ches man allezeit, als eine Kegel, bey der Hand haben 
kann, und nad) welcher ſich ſowohl die Vergleichung, 
als auch die Differenz des Queckſilbers gegen den 
MWeingeift, bemerfen und abnehmen läßt, wenn 
man nemlich auf diefer Scale eben foviel Grade zaͤh⸗ 
let, als das in freyer Luft hangende Thermometer, 
— 2.0.66 


* 


der Thermometer und Barometer, 163 


es fen mit Weingeifte, oder mit — gefül 
let, anzeiger, 


Zum andern babe ich eben dafielbe durch einen 
Maaßſtab verrichtet, auf welchem man fowohl, nach 
ist bemeldeter Art, die Örade des Thermometers 
nad) Reaumurs, Fahrenheits, de Piysle und Kö« 
nigsdörffers Einteilung, als auch den wahren 
Standt des Baromerers, in Anfehung, der in deſ⸗ 
fen Bewegung wirfenden Wärme und Kälte, aba 
nehmen Fann. Diefer Maaßftab, welcher 8. biß g. 
* lang, ı% biß 15 Zoll breit, und nicht ſonderlich 
oftbar ift, ann von Metall ober auch nur von Holze, 
welches fauber mit Papier überzogen ift, verfertigee 
werden. Man hat bey deffen Gebrauche, fo vor 
jedermann feicht begriffen werden kann, weder eines 
Zirkels, ‚noch einer andern Hülffe vonnöthen, und 
man kann vermittelft deffelben, von den Thermomes 
fern, die nad) der Graduation des Reamurs, de 
Pete, Fahrenheits und Königsdörffers eingerich« 
tet find, folgende Aufgaben auflöfen, 


Wenn der Stand des Quedfißere an einent von 
den bemeldeten Thermom. befannt ift, den Grad und 
bie Harmonie der andern, fo ebenfals mit Queckſil⸗ ie 
ber angefüllet find, zu finden. 


2, —— 

Dieſes kann an denen Thermometern, ſo mit 
Weingeiſte gefuͤllet ſind, gleichfalls bewerkſtelliget, 
und dleſelben gegen einander — werden. 


a Ma 3. Ein 


164 Don Derbeflerung 


3», 

Ein Thermometers des Reaumurs mit Weingeifte, 
gegen ein anberes Keaumurifches, das mit Duedfil- 
ber gefüllee iſt, zu — und allſo auch die 
andern benannten. 

4. 
Ein Thermometer mit Queckſilber, gegen eines 
ſeines gleichen, pn mit Weingeifte gefüller ift, zuver⸗ 
gleichen. 

5. 


Wenn die Anzahl der Grade eines- Reaumuriſ den 
mit Quecfilber befannt ift, die Anzahl der Grade 
eines Fahrenheitiſchen mit Weingeiſte, zu finden, wel⸗ 
Ges auch mit den andern benannten gefchehen fann. 


6. 
: Wenn die Grabe eines Thermometers mit, Wein⸗ 
geifte befannt find, die Grade eines andern der bemel«, 
deten mit Queckfilber, zu finden. | 


7. 

Wenn der Standt des Queckſilbers, indem Ba⸗ 
tometer nach dem Parifer Maafe bekannt ift, zu fine 
den, wieviel ſolcher nach Londner, Rheinländifchen, 
und Dresdniſchen Maaße betrage; und alfo auch wech⸗ 
felsmweife mit einem andern dieſer BRUNNER —— 


8. 


Den wahren. Stande des Quedfilbers in * 


Baremeter zu finden, wenn die Waͤrme oder die Kaͤl⸗ 
te 


der Thermometer und Barometer, 16% 


te zugleich in feine eigene Bewegung, fo von der Leichte 
und Schwere der Luft verurfachet wird, wirket, und 
zwar nach Anzeige des neben demfelben befindlichen 
Keaumurifchen Fahrenheitiſchen de l'Isle oder Koͤ⸗ 
nigsdörferifchen Thermometer, und diefen Stand ent- 
weder nad) Parifer, Londner, Kheinländifchen oder 
nad) dem Dresdniſchen Maaße anzugeben. 


Wenn ich die Gränzen eines Briefes zu über» 
fchreiten gefonnen wäre, fo fünnte id) von dem Nus 
Gen dieſes Maaßſtabes noch vieles beybringen. Ich 
verſpare aber ſolches bis zu der Herausgabe einer aus⸗ 
fuͤhrlichen Abhandlung von dieſer Materie. Und 
da ich gewohnet bin, dem Rathe meiner Freunde, 
nach Maaßgebung der Umſtaͤnde, zu folgen, Sie 
aber, mein Herr, unter die Anzahl derſelben gehoͤren, 
auch Ihnen uͤber dieſes vorzuͤgliche Eigenſchaften, in 

Anſehung dieſer Wiſſenſchaft, beywohnen; ſo 
erwarte ich Dero aufrichtige Meinung 
hieruͤber. 





* 













































































3 Witterun 
Bl —— —ñ —¶ñ—e e — 
— Thermom Barometer. 
8 Fruh. Nwmit. Ab. Früh. Wachmit. Abends 
.ıl34 |37 136 | |27 8|27 7]27 & 
2136 136 |37 | |27 6|27 6&|27 7% 
.3|36 |42 |372| |27 7|27 7|27 8 
4136139 ]36| |27 8|j27_9|27 ı0 
s|as |as |34 | \27 927 9 |27 8% 
„6132 |36 1345| |27 727 7|27 7% 
zlas 43 ıaı | |27 &27 6127 & 
‚„8]40 144 |4ı | 27 6127 52127 5% 
9| 393] 44 |42 | |27 4127 427 4 
10|36 |52 |146| |27 3|27 2|27 5 
ı1 |42 150136 | |27 23|27 4|27 5% 
i2|32|48 137 | |27 7|27 8]27 ıo 
13 | 37 | 5o |41 28 -|I28 ı|28 2 
14 35 152 |37 28.253128 23] 28 2 
is 137 |s2 43 | 128 - |27 9|27 9% 
16|372|55 |53 | |27 %27 627 9 
17 142 !47 !39 27 6127 &127 & 
18138 47 138 | la7 6527 727 9 
19 | 37 |402|35 | I27 9427 10 |27 ıı 
20133 |42 |36| |27 ı0o |27 8l27 & 
21133 |45 |36 | |27 83|27 10 |27 ı1 
122 |323149 as | |28 3128 -|28 5 
23/144 |so |47 | |28 3 |28 1128 ı 
124 |45 |42 |32 27 II |27 104] 28 13 
25 273] 4021| 335) 128 23]28 2|28 ı5 
26139 |45 |44 | |28 - |27 a 27 105 
27144 1482|47 | |27 93|27 91,27 10 
28148 156 ı So 27 10127 93127 9% 
29147 |53 |40o | |22 9|27 8|27 7: 
30134159 |46| |27 6|27 6127 8 
31 [39 I49 | 38 -|27 ıı l28 - 127 ıı 























g im Monath Merz. 
5 Witterung. 
al grün, | |Nadın. Abende. 12.| Früh. |Nachm. |Abends. 





























emölk Regen |Regen j„|_ttübe race] belle 
Wind |»: | 17 Oſchein gewoͤlkt 
truͤbe Regen gewoͤlkt Regen 
21 trübe Regen Schnee 18! Ofchein\Schnee gewolkt 
z Ofchein] _ 
e [Regen | Regen 
3) frübe trübe |r9 o[Sehnee Schnee gewoͤlkt 
— Oſchein Oſchein 
träbe ‚| trübe gerooltt |, „Igemölfe gewoͤlkt Bee 
1 |gemölel __|Ofein] | Wind 





sigeroölft trübe: | trübe . gewoͤlkt Oſchein helle 
regnerig ſwindig Oſchein gewoͤllt 


iz trübe — — d ſchen gewont [Regen 
helle Regen truͤbe 


gewoift mäbe 








„| tübe gemältr ii Regen |, „„ıgenoolft 
Newoͤlkt Regen windig Oſchein 


dewditt gewoͤſtt —nũbe 





Wind 












































dwindig Regen | trübe |24| Regen | Negen | helle 
— Schuee⸗ 
gegen teübe gewöltt |, 2, O bein Ofein gerodltt 
Keeeern 
gemoölft Ofdhein belle 26 trübe | Wind ; Wind 
Oſchein gewoͤlkt windig | | Wind | Negen frübe 
gewoſtt Sſchein Hehe | _| Regen | Regen | trübe 
Ofttein om 27 Wind Mind Wind, 
— trüde | trübe | 
2OfheinlOfchein) helle 28 Regen | Regen erüße 
Oſchein 
bxmott Ofdhein/geroöttt !__Igemöltt Oſchein helle 
3 20ſchein Ofen belle | |twindig gewoͤlkt 
xwditt ſchem / helle |,.|OfheinlOfcheinigemölft 
Oſchein —— 3 gewoͤlkt gewoͤlkt Regen 
15 Oſchen getvdlkt gewoſtt gewbſtt Sſchein helie 
Regen Oſchein —— 
i bewite Igemoöife | Wind | | &b |& & 
Wind lgewoͤlkt 
— — — — — — 


18 Der Redliche. 


IV, 
Der Redliche. 


Um einen Freund von edler Urt zu finden, . 

Mußt du zuerft das Edle felbft empfinden, 

Das dich der Liebe würdig macht. 

Haft du Verdienft, ein Herz vol wahrer Güte, 
So ſorge nichts; ein ähnliches Gemuͤthe 

Laͤßt deinen Werth nicht aus der Acht, 

F Gellert. 


8 ie) guͤtige Schoͤpferin, die Natur, belebte bie 
Seele der Menfchen bey ihrer Geburt mie 
dem herrlichen Triebe, ihre Gluͤckſeligkeit zu 
ſuchen, und ihren Zuftand hierdurch vollfommner 
zu machen, Mit diefem Triebe verband ſich zugleich 
der Widerwille vor allem, was die Erlangung der 
Vollkommenheit ſtoͤren kann, und diefer erzeugte den 
Abſcheu vor alle Störer menſchlicher Gluͤckſeligkeit. 
Gebohren mit jenem fürtreflihen Triebe Eommen 
Menfchen, unter Menfchen, die durch üble Erzies 
bung oder eigene Nachläßigfeit die Bahneder Tu⸗ 
gend verlaffen und die lockende Aue des Laſters betres 
ten haben, Wird diefer Trieb aber durch edle Era 
‚ziehung und erhabene Grundfäge der_Neligion und . 
Weltweisheit unterftügt, fo ſchwingen fich ſolche wohl⸗ 
erzogene Menſchen uͤber die gemeine Art der Sterb⸗ 
lichen; ſie ſuchen diejenigen Oerter, und diejenigen 
Perſonen zu ihrem Umgange, die ihren Geſinnun⸗ 
gen gemaͤß, und ihren Abſichten gerecht ſind; ſie be⸗ 
ſchaͤftigen ſich mit Handlungen, die nur einen wah⸗ 
ven Einfluß in ihre Gluͤckſeligkeit haben; und verei⸗ 
a nen 


SF 


Der Redlicher 160 


nen alle menſchliche Tugenden mit der himmliſchen 
Fuͤhrerin, ich meyne die wahre Religion. Zeitle⸗ 
bens wirket dieſer unſchaͤtzbare Trieb auf unſer Herz. 
Sollten wir uns nicht beſtreben ſein Wirken zu un⸗ 
terſtuͤtzen? Soll wohl fein Verlangen uns gluͤcklich 
zu machen, unerfülle bleiben? Sollten wohl, Men« 
fehen fo undanfbar denken koͤnnen? Mein! Wahre 
Menfchen werden allezeit ihre freyen Handlungen der, 
weiſen Vorfchrift der Natur und Dffenbarung ans 


ſtaͤndig einrichten. Durch Nachlebung diefer lies 


bensmwürdigen Vorſchrift wird nach der weiſen Ab⸗ 
ſicht unfers großen Schöpfers die wahre Glücfelig« 
keit der Menfchen errungen. Menfchen fönnen auch 
feine ungeftörte Glückfeligkeit genieflen, wenn fie nicht 
dieſer Vorſchrift getreu nachkommen, und ihre Ne— 
benmenſchen, wie ſich, gluͤcklich zu machen, beſtreben. 
Kann man von einem andern dasjenige fordern, was 
man ihm zu erwiedern, und bey ähnlichen Fällen. 
gleichfalls zu erweifen niche Willens ift? Wie koͤn⸗ 
nen wir begehren, mit Augfchlieffung anderer allein 


Sglücfelig zu feyn ? Was für Hinderniffe würden ung, 


da zurück halten! Niemals würden wir felbige ruhig 
und völlig empfinden. Mur als wahre Menfchen- 
freunde, nur unter der Bedingung andere mit glüce 
lich zu fehen, werden wir des Genuffes diefer füllen 
Empfindung theilhaftig werden, Erfüllen wir dies 
fes, dann beut ung die Freundfchaft die Hand, und 
leitet ung den großen Endzweck mit leichter Mühe zu 
erhalten, und den harmonifchen Genuß deffelben uns 
geſtoͤrt zu haben. Selige Folgen der Freundfchaft! 
Euch zu erlangen, muß ein vernünftiges rechtſchaffe⸗ 
nes und liebreiches Beſtreben, ein gereinigter Vers 

| M 5 ftand 


170 Der Redliche. 


fand und ein wohlgezogener Wille in unferer Seele: 
arbeiten. Mit einem Worte,die Redlichkeit muß 
uns beherrfchen. Dieſe vorzügliche Tugend. ift eine: 
Fertigkeit denen Vorfchriften der Natur und Offen⸗ 
barung gemäß) zu leben, und mit allen, ben jeder Ges 
legenheit nad) der wahren Meynung feines Herzens. 
zu reden und umzugehen, Damit man fich und andes 
re gluͤcklich mache. Wer alfo den weifen Borfchrife 
sen der Natur und Offenbarung gemäß lebt, und mit 
andern allezeitnach der wahren Meynung feines Her⸗ 
zens redet und umgehef, den nennet man einen Red⸗ 
lichen, a & 
Unter Diejenigen Nahmen, welche in unferer teut⸗ 
ſchen Sprache die Redlichkeit ausdrücken, find Aufs 
richtigfeit, Ehrlichkeit, und Rechtſchaffenheit zu zaͤh⸗ 
Ien. Der Lnterfeheid diefer verfehmifterten Tugene 
den ift fehr Elein, und bey genauer Unterfuchung fühe 
ren fie einerley Begriffe in ſich. Ihre gemeinfchaft« 
liche Mutter ift die Gerechtigkeit, wie die Ungerech- 
tigkeit diejenigen Laſter hervorbringt, weiche diefen 
edlen Eigenfchaften enfgegen gefeßt find. Ueber die 
ſchrecklichen Wirfungen der legtern und die erſtaun⸗ 
liche Anzahl ihrer Anbeter und Diener feufzet die: 
rechtfchaffene Welt, daß man fehr wenig wahrhaftig 
Medliche antreffe. Wie glücklich würde ich ſeyn, 
wenn meine Schilderung der Größe und vollfomme- 
nen Schönheit der Redlichkeit die Anzahl der wah⸗ 
ren Redlichen vermehren follte ! 

Sind nicht die Menfchen zu den erhabenften 
Empfindungen aufgelegt? Jeder bat die reichfte 
Dvelle der Seligfeit in feiner Bruft. Darf 
man mehr als feine eigene Größe Fennen, und Ge⸗ 

t fine 


Der Redliche. 171 


ſinnungen annehmen, die unſrer wuͤrdig find? Ente 
ſpringt unfere Zufriedenheit nicht durdy Tugend und 
Keligion? Defto fehägbarer muß uns die Redlich⸗ 
feit feyn. Kann man ohne fie ein liebenswürdiger 
Menfch, kann man ein wahrer Chrift fenn? Derjer 
nige, welcher diefe fürtrefliche Tugend befigen will, 
muß eine völlige Erfenntniß von den weiſen Vor⸗ 
fehrifften der Natur und Offenbarung haben, und 
feine freyen Handlungen nach denfelbigen einrichten 5 
er muß einen aufgeklärten Verſtand und eim 
gutes ders haben, fo daß dieſe beyde auf das ge 
nauefte mit einander übereinftimmen. Der aufges 
klaͤrte Verftand lehret ung das Gute erfennen, durch 
welches wir und andere zu einem vollfommenen und 
Dauerhaften Vergnügen gelangen fönnen. Das gus 
te Herz aber macht ung geneigt und gefchickt, das ers 
Eannte Gute aufrichtig auszuüben. J 

Vernuͤnftige Menſchen muͤſſen nichts ohne zulaͤng⸗ 
lichen Grund thun, ſondern alle ihre Handlungen 
als freye Geſchoͤpfe nach denjenigen Gruͤnden einrich⸗ 
ten, deren ſie ſich bewußt ſind. Thun ſie dieſes, ſo 
leben ſie nach den Vorſchriften der Natur, als denen 
Geſetzen, die uns die Vernunft lehret, um gluͤckſelig 
zu ieben. Damit nun dieſe Geſetze oder Vorſchrif⸗ 
ten der Handlungen, durch welche die Gluͤckſeligkeit 
erhalten werden Fann, iedermann miffen möchte ; ſo 
find fie uns bekandt gemacht und in unfer Herz ges 
ſchrieben worden. Jener heilige Prophet lehret uns‘ 
diefes mit einem in feiner Sprache fehr nahdrüdli= 
hen Worte: „Es ift dir gefagt Menfch was gut iſt, 
„und was der HErr von die fordert.,, Der große 
Sıhrer der Heyden Paulus ſtimmet hiermit überein; 
J— M 5 „DIE 


172 Der. Redliche, 


„Sie (die Heyden) bemeifen, des Gefeges Werk ſey 
„, gefchrieben in ihrem Herzen, fintemal ihr Gemiffen 
„ihnen bezeigt, Dazu aud) die Gedanken, die fihun 
„ter einander verflagen oder enrfchuldigen.,, Dies 
fer innerliche Richter, .das Gewiſſen, ift einem ieden 
vernünftigen Menfchen felbften ein Geſetz, welches er 
beftändig in ſich herum trägt. Dieſes fagt ihm, was 
er thun und laſſen müffe, um fich vollfommener zu 
machen. Es verfchweigt ihm aber auch nicht, daß 
er verbunden fey, zugleich anderer Beſtes zu beförs 
dern. Die allgemeinen Kegeln, die es ihnen vor« 
fehreibt, find, damit wir fie kurz zuſammen faffen, 
folgende: Suche deinen Zuftand immer voll 
Zommener zu machen ; Ehre und liebe dei« 
nem Schöpfer; Was du wilft, Das dir die 
Leute tbun follen, das folft du. ihnen auch 
thun. Diefe ewigen Regeln einer gefunden Ver⸗ 
nunft follten billig das erfte feyn, deren rechten Ver⸗ 
ftand und Abficht, nad) ihrem weitläuftigen Umfan⸗ 
ge, erkennen ju lernen, män fich beftreben follte. Weil 
aber die Regeln einer bloßen Vernunft theils zu uns 
vollfommen, theils aber auch zu dunkel, und nad) 
jenem unfeligen Falle höchft verderbe find, fo müffen 
wir uns nach einer beffern Lehrmeiſterin umfehen. 
Dieſe unſchaͤtzbare Lehrmeiſterin ift Die Vorſchrift der 
chriſtlichen Religion, oder göttlichen Dffenbarungs 
Diefe ift eine deutlichere und vollfommnere Bekannt 
machung der göttlichen Gefege, welche ung die Na 
tur gelehrt hat. Schlagen wir diefes geheiligte Bud 
auf, fo werden wir den beften Unterricht von allen ,. 
Pflichten bekommen, die wir GOtt, uns, und andern 
ſchuldig ſind. Dadurch wird der fugendhafte * 
v vg redli⸗ 


eis 
Bee 


* 


Der Redliche, 173 


tedliche Mann vollfommen Fünnen gebildet werben, 
Denn ohne Religion ift Tugend und Redlichkeit, im 


‚böchften Verftande genommen, unmöglih. Wie 


ſehr wünfchten wir dahero nicht, daß alle Menfchen, 
welche rechtfchaffene und glückliche Einwohner der 
Welt werden wollen, in. diefer göttlichen Weisheit 
nachforfchen, und mit jenem Könige, der ein wahrer 
giebhaber der Nedlichfeit war, von des Herrn Ge⸗ 
feß, Tag und Macht reden möchten! Denn mas ift 
einem Menfchen, ber zu einer vechtfchaffenen Glücks 
feligfeie zu gelangen gebenfet, nöthiger, als alle Ars 
ten des Guten zuvor Fennen zu lernen? Was kann 
ihm zu feinem Zwecke mehr beförderlich feyn, als eis 
ne deutliche und ausgebreitete Erfenntniß derjenigen 
Wahrheiten, welche den fürnehmften Einfluß in ein 
techtfchaffenes und vergnügtes $eben haben ? Und 
würde nicht vielleicht mancher, dem es an einem leut⸗ 
feligen und guten Gemuͤthe nie gefehlet, viel mehr 
Gutes und Nügliches zum Beſten der Welt geftiftee 
haben, wenn er nicht durch eine unglücfliche Unwiſ⸗ 
fenheit, oder wenigftens durch eine geringere Ein⸗ 
ſicht des größern und vollfommnern Guten, darzu 
untuͤchtig gemacht worden wäre? Es iſt alfo Die Fol⸗ 
ge, die wir hieraus ziehen, eben fo richtig als vor⸗ 
theilhaft: ein redliher Mann, oder ein Menfchen« 
freund muß mit dem höchften Fleiße in der Erfennts 
niß menfchlicher und göttlicher Wahrheiten zu einer 
folchen Vollkommenheit zu gelangen fuchen , die ihm 
nur möglich iſt. Er muß von allen diefen Wahr« 
heiten, nach ihrem Werthe und Bortreflichfeit über« 
jeugt feyn: er muß die richtigen Begriffe, die rei 
genden Schönheiten, die großen Vortheile, und * 
ruͤ 


* 


174 Der Redliche. 


ruͤhrenden Bewegungsgruͤnde derer Tugenden deut⸗ 
lich und gruͤndlich erlernet haben. Trift man dieſes 


bey ihm an, ſo wird ſeine Erkenntniß feurig und be⸗ 


lebt ſeyn; fie wird in der Seele eine Begierde erwe⸗ 
den, und ven Willen zur That, zur Ausübung des 
erfannfen Guten bringen. Kurz, es wird ihm an 
einem woblgearteten Herzen nicht fehlen. 

Diefes gute und wohlgeartete Herz ift nun eben 
die andere Haupteigenfchaft desjenigen, der den Nah⸗ 
men eines Aufrichtigen und Redlichen in der That 
führen will. Wie verftehen dadurd) eine Fräftige 
Meigung, das Gute wirklich auszuüben, fo mar 
durch richtige und vernünftige Borftellungen erfannt 
bat: Kaum bat der Berftand das Schöne, das 
Zugenbhafte überdacht, kaum hat er. von dem Gu⸗ 
ten, das einem löblichen Endzwecke dienlich iſt, und 
den Zuftand eines vernünftigen Gefchöpfs wahrhaf⸗ 
tig vollfommen macht, richtige Begriffe erlangt; ſo⸗ 
gleich wird das edle Herz gerührt, diefen rühmlichen 
Trieb zur Ausübung zu bringen. Je größer num 
das Gute ift, das er hat fennen lernen; defto größer, 
defto lebendiger ift auch das Berlangen deſſelben. 
Wie gluͤcklich find diejenigen, die ein fo edles Herz 
in ſich antreffen! Wie leichte muß ihnen diefe Tu⸗ 
gend nicht werden! Wie lebhaft müffen fie nicht das 
Reitzende derfelben empfinden und dadurch gerührt 
werden! Sollte ung der Borzug eines fo edlen Hers 
zens nicht die Frage abnöthigen: Wie muß man es 
anfangen ein ſo vortrefliches Herz zu befigen? Wel⸗ 
ches find die Mittel einen fo herrlichen Schatz zu be⸗ 
fommen? Cs it nörhig in. Beantwortung dieſer 
u etwas bebutfam zu verfahren, Die Fi 

ers 


Der Kedliche, 175 


Vernunft iſt viel zu ſchwach, eine ſolche Kraft in uns 
vorzubringen. Ihre Vorſchriften lehren uns zwar 
weiſe denken, aber nicht allemal kluͤglich leben. 
Vernuͤnftige Schluͤſſe, und wenn es aufs hoͤchſte 
kommt, ein quter Vorſatz, welcher gleichwohl oͤfters 
durch kleine Zerſtreuungen und Gelegenheiten wan⸗ 
kend gemacht wird, iſt alles, was wir uns von einer 
natuͤrlichen Weisheit zu verſprechen haben. Das Le⸗ 
ben der Weltweiſen, die allein der Natur, als einer 
Fuͤhrerin gefolget, was iſt es öfters anders geweſen, 
als das Gegentheil von ihren Meynungen. Dieſe 
unlaͤugbare Erfahrung wird unfern Satz vollfoms 
men rechtfertigen Eönnen. Wir müffen alfo auch 
hier roiederum unſre Zuflucht zur Religion und Ofa 
‚fenbarung nehmen. Diefe allein kann uns die Kraft 
‚geben, nach unferm Erfenneniß bie. Handlungen aba 
zumeſſen. Diefe allein ift fähig, ein fo edles Herz 
zu bilden. Fleiſch und Blut find, wie wir alle reife 
fen, nad) jenem unfeligen Falle nur zum. Böfen. aufs 
gelegt, und unfer Wille, die Dvelle alles Elends, 
äft von Natur zum Guten langfam. Soll diefer ges 
beſſert und gebeiliget werden, fo müflen diefes bie 
Gnaden-Wirfungen eines höhern Geiftes ausrichten, 
der in ung und durch ung das erkannte Gute zur Aus⸗ 
uͤbung bringen Fann, wenn die Handlungen nicht 
bloß ehrbar, fondern vollfommen tugendhaft feyn fols 
len. Da aber diefer Geiſt der Heiligung nur Durch 
fein geoffenbartes Wort in uns wirfet, fo wird eine 
fleißige Aufmerffamfeit auf daffelbe das einzige Mit« 
tel ſeyn, ein gebeflertes Herz zu befommen, Wo 
das Wort ift, da findet fid) auch der Glaube, wels 
her aus demfelben herkommt, Diefer macht, er 
W ein 


176 Der Redliche: 


ein Ehrift die Ehre GOttes, und feine einige Glück“ 
feligfeit zur Hauptabſicht feiner Handlungen feger, und 
Das DBermögen fie auszuüben nicht fich und feinen 
ſchwachen Kräften, fondern allein dem Benftande 
des Geiftes GDttes zufchreibt. Iſt es nun GOtt 
alleine der uns heiliget, und der in ung wirket beybe 
das Wollen und das Vollbringen, fo muß man ſich 
durchs Gebet zu GOtt wenden, und fich diefen goͤtt⸗ 
lichen Geift zum Beyſtande demüthig ausbitten. 
Jener redliche König in Iſrael würde ohne das Ges 
bet niemals ein Mann nach dem Herzen GOttes ges 
worden fein. Seine vornehmfte Bitte war:,, HErr, 
3, fehre mich thun nad) deinem Wohlgefallen. ‚, Und 
fein würdiger Sohn würde niemals den Nahmen des 
weijeften unter den Sterblichen erhalten haben, wenn 
er ſich nicht in feinem vortreflichen und recht. föniglis 
chen Gebete ein mweifes und gehorfames Herz ausges 
beten hätte. „Der HErr fey mit uns, wuͤnſchet er 
„an einen andern Orte, zu neigen unfer Herz zu ihm, 
» daß wir wandeln in allen ‚feinen Wegen, und hals 
„ten feine Gebote, Sitten und Rechte., Dies ift 
das Mittel, durch welches man das Foftbare Ges 
ſchenk eines guten und mohlgearteten Herzens erhals 
ten fann, und welches ung allein die geoffenbarte 
Religion an.die Hand gieber. 

Ein aufgeklärter Verftand und ein gutes Herz 
find alfo diejenigen Eigenfchaften, welche einen red⸗ 
lichen Mann ausmachen. Sind diefe beyde noth« 
wendigen Stücde nicht gleichfam in einer recht brüs 
derlichen Verbindung beyfammen ; befiget man nur 
eins von benfelben, fo wird man nimmermehr den 


Raum eines. vollkommenen vedlichen und ne 
baften 


Der Redliche; 177 


Haften Mannes, mit Recht verdienen. ‘Die Bor 
treflichfeitdes Verftandes, und die Hoheit des Geiftes, 
mag das Öute, fo einen Einfluß in unfere Glückfe- 
ligkeit hat, erfennen wie fie wolle, fo wird es den⸗ 
noch nimmermehr ausgeführt werden Ffönnen, wo⸗ 
fern die Gütigfeit.des Herzens daran Feinen Antheil 
nimmt. Und die Aufrichtigfeit des Herzens, wenn 
fie allein ift, und fich von dem Benftande des Ver⸗ 
ſtandes verlafien fiehet, wird unentfchloffen bleiben, 
Von ihrem Führer verlaffen, verfällt fie in Fehler, 
die ihr und dem Nebenmenfchen oft fchädlich find. 
Der Wille ift zwar geneigt, das Gute und Nügliche 
zu thun, allein da er daſſelbe nicht recht Fennet, und 
fid) in Unwiſſenheit befindetz fo kann er das uner⸗ 
Fannte Gute niemals Flüglich ausüben. Die Yufa 
rihtigfeit muß alfo durch Klugheit verbunden feyn, 
einen redlichen Menfchen zu bilden. 

Weil nun ein ieder verbunden ift, feinen Zus 
ftand immer vollfommener zn machen, fo dürfen wir 
feinesweges mit einer mittelmäßigen Erfenntniß, 
oder mit einem geringen und ſchwachen Triebe zum 
Guten uns begnügen laffen, fundern es ift unfere 
Schuldigkeit, uns mit allem Vermögen zu beftres 
ben, fo wohl in der Einficht, als in der Ausübung 
des Guten, es fo hoch zu bringen, als ung nur mög- 
lich if. Wir erlangen dadurd) in der That viele 
Vortheile. Unſer unfterblicher Geift wird vollfoms 
mener und glücklicher, weil er an der Erkenntnis und 
an guten Neigungen immer mehr zunimmt. Den 
Werth der Tugenden empfinden wir lebhafter, unfere 
Bollfommenheiten werben uns mehr beluftigen, und 
das Gewiſſen, das ſich guter Handlungen bewußt iſt, 

Dresd. Mag. IB. N. giebe 


178 Der Redliche, 


giebt uns ein Zeugnis, daß wir unfere Pflichten ge⸗ 
than haben. Da es aber etwas feltenes ift, dieſe 
Stüdeeinzeln, und nur in einem mittelmäßigen Gras 
be anzutreffen; fo erfennen wir gar leichte, und wiſ⸗ 
ſen es aus der Erfahrung , daß es noch viel feltener 
fen, fie beyde beyfammen in einem viel höhern Gras 
de zu finden, Ft 
Die beyden Hauptmerkmaale, die das Weſen 
der Redlichkeit ausmachen, noͤthigen einen redlichen 
und aufrichtigen Mann, gleichſam als durch einen 
angenehmen Zwang, bey ieder Gelegenheit, nad) 
der wahren Meynung feines Herzens zu fprechen. 
Denn da die Tugend, von der wir reden, in einge 
’volltommenen Ausübung des erkannten Guten, oder 
der Vorfchrift der Vernunft und Religion befteher, 
fo wird man eben fo, wie das Herz denfet, reden 
und handeln müffen, Die erhabenen Benennungen, 
welche denen Redlichen, in dem heiligen Buche der 
Hffenbarung, beygeleget werden, bezeigen, daß Mund 
und Herz bey ihnen auf das genauefte überein ſtim⸗ 
men müffe. Bald werden fie, ment wir die Nah⸗ 
men nad) der Grundfprache betrachten, Rechtfchafs 
fene genennet , bey welchem man die erfte Unſchuld 
und vollfommene Aufrichtigkeit, die denen Menfchen 
ängefchaffen war, in ihrer Erneuerung antrift. Wies 
derum heißen fie, Dolltommene, die von aller 
Schminfe und Berftellung weit entfernt, ihre Hand» 
lungen fo einrichten, daß fie allezeit gut find, und 
mit ihrem Endzwecke, ſich und andere glücklich zu 
machen, übereinfommen. Bald werden fie uns als 


$eute befannt gemacht, die die Wabhrbeit reden. 


von Zerzen, oder die, weil ihre Gedanfen und 
Ber is Wer⸗ 


Der Relide 199 


Werke mit einander übereinftimmen, ben Regeln ber 
Natur und Offenbarung gemäßleben. Ein Liebhaber 
der Wahrheit und Redlichkeit trägt alfo feinen Wolf 
unter dem Schaafpelz, wie die Alten im Sprichwort 
zu fagen pflegten , fondern redet und thut dasjenige, 
was mit feinen Gebanfen und Meynungen überein« 
kommt, er fagt wie es ihm ums Herz ift, und ftelle 
ſich nicht anders, als ers von Herzen meynt. 


Die Sortfegung ſoll in dem künftigen 
Stuͤcke folgen, * 


| — | 

Kurze Nachricht von dem 
bey Chemniß befindlihen 

Sterniteinen. gg 


b die Stade Chemnitz ihre Benennung von 

dem dafelbft befindlichen Chemnitzbache 
erhalten, oder ob diefer von ber bereits ers 
bauet gewefenen Stadt feinen Namen befommeri, ift 
eine Frage, welche fich nicht leicht mit Gewißheit bes 
antworten läßet. Jedoch, wenn man die Gewohn« 
heitder Wenden, Slaven, * und anderer Völker, 
* Ma welche 
* Die Nachrichten, die wir von den ehemaligen Ein⸗ 
wohnern des erzgebürgifchen Kreyſes haben, ſtim⸗ 
men insgefammt bierinnen überein, daß die Wen⸗ 
den und Slaven, nachdem fie die Hermundurer, 
von welchen eigentlich das Erzgebürge bey den Rö⸗ 
mern feine Benennung erhalten, hin und wieder 
vertrieben, die erfien Städte und Schlöffer in * 


180 | Don den bey Chemnitz 


welche ehedem unfere erzgebürgifchen Gegenden be⸗ 
wohnet haben, in Betrachtung ziehet, ba biefelben 
insgemein ihre Wohnungen an Slüffen, Bächen und 
an groffen Wafferbehältern auffchlugen, und fie nach 
den Namen derfelben nenneten, welches eine ſehr 
große Anzahl, von dergleichen Deten, bie annoch vor⸗ 
‚handen find, ermeislich machet; fo ift eg gar wahr⸗ 
fheintich, daß die Stadt Chemnitz ihre Benennung 
gleichfalls von dem oben befagten Bache, diefer aber 
von'dem twendifchen ober flavonifchen Worte Be⸗ 
min, * welches foviel als einen Stein bedeutet, er⸗ 
halten habe, worzu vermuchlich die in biefer Gegend 
fehr häufig befindlichen Steine Gelegenheit gegeben 
haben: daher auch die ältern Schriftſteller meiſten⸗ 
iheils an ſtatt Chemnitz, Bemnitz zu ſchreiben pfle⸗ 
gen. Die polniſche Sprache, welche mit der ſlavo⸗ 
niſchen eine ſehr große Gleichheit hat, giebt ebenfalls 
verſchiedenen, an ſteinigten Gegenden erbaueten Or⸗ 
ſeer Landſchaft angebauet haben. S. Weltzers 
Differt. de Hermundurorum metallurgia argent. 
toelche zu Keipsig unter dem Herrn &. Adam Res 
chenberg 1680. gehalten worden, und zwar dem 
7..$. des 1. Kapitels, ’ 
* D. Woller urtheilet in pref. dyrıreiapyias hiet- 
von folgender Maaßen: „ES ift gewiß, daß die 
„Namen der Städte und Dörfer im meißnifchen 
„ Lande, welche man in den alten Diplomaten und 
„andern Schriften am Ende mit g, in und ow 
geſchrieben findet, alle aus der Ilavonifchen 
» Sprache ihren Urfprung haben, als Kipig, 
„Ebemnig, Rochlig, Delig, Colditz, Oſchitz, 
„Hiinig, ferner Mifin, Wurzin, Döblin, in- 
„gleichen Torgow, Pirnow,, dwickow, Pegow 
„und dergleichen. 


1 


befindlichen Sternſteinen. 181 


ten, als Bamenize, Baminiek und Bamin, 
eine gleiche Benennung, indem dag polniſche Wort 
Kamin eben fo viel als das ſuwowſche Bemin be⸗ 
deutet. 

Daß aber die Beſchaffenheit der Gegend um 
Chemnitz : mit: diefer Benennung übereinftimme, 
soerden diejenigen, welche. diefelbe zu betrachten, Ge 
legenheit geha t haben, gar gerne zugeftehen, indem 
man nicht leicht an einem Dre, in dem ganzen Erz⸗ 
gebuͤrge, ſo viele Arten von verſchiedenen Steinen 
und Verſteinerungen antreffen wird, als uns die um 
dieſe Stadt befindlichen Anhögen und Felder vor die 
Augen legen. Die mancherley Sorten von Sand⸗ 
fleinen, die Tafpis- Agatb: Chalcedon- und 
Carniolärten, ingleichen die verſteinerten Koͤl 
ser und Corallengewächfe, welche man allhier in 
großer Menge finder, verdienen eine befondere Auf⸗ 
merffamfeit , und ich werde in gegenwärtigen Blaͤt⸗ 
fern Gelegenheit haben, von demjenigen, was ich dies 
ferwegen in Erfahrung bringen koͤnnen, in verfchie- 
denen Fleinen Abhandlungen, gehörige Nachricht zu 
ertheilen. Gegenwärtig mill ‘ich dasjenige, was mir 
von dem fo genannten Chemniger Sternffeine 
bekannt: geworden iſt, kuͤrzlich anzeigen. 

Man iſt gewohnt alle Arten von Steinen, an 
und auf weldyen man eine. flernförmige Figur und 
Zeichnung anfichtig wird, mit dem Namen der Stern» 
feine zu belegen, man follte aber billig unter ben» 
felben, i in Betrachtung ihrer urfprünglichen Körper, 
einen Unterſchied machen, und Daher einige zu den 
verfteinerten Corvallengewächfen mit fEernför- 
migen Seichnungen, — aber zu den eigentli⸗ 


3 chen 
“ 


182 WVaon den bey Chemnig 


hen fo genannten Stern⸗ und Sternfäulenftei 
wen rechnen. Wenigftens wird ung die Befchaffens 
heit des bey Chemnitz befindlichen Sterniteines eis 
nen Beweis an Die Hand geben, daß man nicht alle 
Steine, die mit fternförmigen Figuren bezeichnet fi wi 
für verfteinerte Corallengewaͤchſe anzufehen habe. : 


Man findet an verfchiedenen Orten um Chemnitg 
ſowohl einen ganz rothen, als aud) einen weiß und 
rotben, ingleichen einen ſchwarz, weiß und roth 
geflaſerten Stein, weicher, in Betrachtung ſeiner 
Haͤrte und Politur, einem Agathe ſehr nahe kommt. 
Wenn man dieſe verfehiedene Arten, infonderbeit aber 
die beyden legteren zerfchneiden ‚und gehörig poliren 
läßt, fo.wird man in denfelben einige theils fehr klei⸗ 
ne, theils etwas gröffere, ſternfoͤrmige Figuren anfich 
tig, die eine weiße oder räfhliche Farbe haben, und 
mit vier, fünf, fechs, fieben und ache ftralichten Spi— 
Gen verfehen find, welches vermuthlich Gelegenheit 
gegeben hat, daß diefe Steine unter den Namen der 
Ehemniger Sternfteine bekannt geworden ſind. 


Ich weis wohl, daß man diefelben insgemein, 
wegen der bemeldeten fternförmigen Zeichnung, zu 
den verfteinerten Corallengewächfen rechnet ; allein, 
wenn man beobachtet, daß. dieſe Sternfiguren nicht 
nur fehr einzeln in denfelben zum Borfcheine fommen; 
wenn man über. Diefes die Zeichnung derfelben, nebft 
der Anzahl ihrer fkralichten Spigen in Erwägung 
ziehet: fo kann man diefen Steinen nicht füglich eis 
ne Stelle unter den verfteinerten Corallengerächfen 
einräumen. Ueber dieſes habe ich wahrgenommen, 
daß der Grundſtoff, woraus bie Sternfiguven beftei 


2 ben, 


befindlichen Sternſteinen. 183 


Gen, eine ganz andere Beſchaffenheit habe, als ber 
Stein, in welchem fie eingefchloffen find, indem dies 
jenigen Orte, wetche mit diefen Figuren bezeichnet find, 
viel. weicher als der übrige Stein ausfallen. ch 
gerieeh daher anfänglich auf die Gedanfen, daß dies 
felben von verfchiedenen bin und wieder in dieſem 
Steine eingefehloffenen Räder: nnd Sternfteinen her · 
ſtammeten; allein, bey genauerer : Betrachtung der⸗ 
felben beobachtete ich, daß man gemeiniglicy auf den, 
aus diefem Steine geſchnittenen ziemlich) ſtarken Platz 
ten, wenn man fie auf beyden Seiten poliren läßt, 
ſowohl auf der Unter» als Oberfläche, eine gleiche 
Zeichnung, und zwar an einerley Orte gewahr wird. 
Diefes veranlaßte mich, einige von diefen Steinen, 
nach verfchiedenen Richtungen zerfchneiden zu laffen, 
da fich denn gar deutlich zeigte, daß diefe Sternfigu= 
ren, unter der Geſtalt verfchiedener eckichter und ſaͤu⸗ 
lenförmiger Koͤrper, ſehr tief in den Stein hinein feß« 
‚ten, toben ich zugleich beobachtete, daß einige unter 
denfelben eine walzenförmige, andere aber eine 
ppramidenförmige Geſtalt hatten. Vornehm ⸗ 
lich aber kamen die erſtern, in Betrachtung ihrer her⸗ 
vorragenden Ecken, ingleichen in Anfehung ihrer 
Figur und Zeichnung, infonderheit aber was ihre 
gegliederte Verbindung anbelanget, vollfommen 
mit den fo genannten Sternſaͤulenſteinen überein; 
daher ich denn diefelben für nichts anders, als für 
Berfteinerungen diefer Art anfehen kann, welche in 


dem befagten agatharfigenSteine eingefchloffen liegen: 
zumal, da das Vergröfferungsglas, auch fo gar auf 
den Eleineften, die den Sternfteinen fonft gewöhnli» 


chen blumenfoͤrmigen Zeichnungen enfdedet, 
Na wel⸗ 


184 Yon den bey Chemnitʒ 


welche fich insgemein von den weißen, Sternförmis 
gen Umfreife derfelben, vermittelft:;einer blaßgelben 
Farbe unterfcheiden, Hierzu fommit noch dieſes, daß 
bey einigen die hervorragenden Banten kolbicht, 
bey andern aber fpitgig, und die zmifchen denfelben 
befindlichen Ausſchnitte bey verfchiedenen fEumpfs 
wincklicht, bey andern hingegen fpigwinckliche 
find, welches man gleichfalls ‘an den Sternfteinen 
wahrnimme, En 

Da mir nun wiffen, daß die Sternfäulenfteine 
abgebrochne Stücken find, welche von den Stielen 
verfchiedener Arten des Lilienfteines herftammen: da 
ung über diefes ‚befannt ift, daß fich der oberfte und 
biumenförmige Theil diefer Werfteinerung mit zarten 
Spitzen endiget; fo iſt es gar wahrfcheiulich, daß 
die pyramidenförmigen Stüden, welche ſich nebft 
den Sternfäulenfteinen in den gemeldeten Agafharteri 
befinden, eben diejenigen Theile find, die wir an den 
Häuptern der Silienfteine wahrnehmen.  Miplius * 
unterftüget diefe Meynung in feiner Befchreibung 
desjenigen natürlichen Körpers , von welchem vers 
muthli alle diefe Berfteinerungen abftammen, in= 
dem nicht nur der Stiel, an der von demfelben abges 
bildeten Thierpflanze, die Befchaffenheit der Stern⸗ 
fäufenfteine, fondern auch die Theile der Krone, die 
Geſtalt unferer pyramidenförmigen Verſteinerung, 
vor die Augen legen. 


Ueber diefes bin ich in dieſer Muthmaßung, 
durch ein ſehr ſchoͤnes Stück von rother Farbe, wel⸗ 
ches 


Beſchreibung einer neuen groͤnlaͤndiſchen Thier⸗ 
pflanze, Londen 1752. 


befindlichen Sternſteinen. 185 


ches mir ohnlaͤngſt zu Geſichte gekommen, nicht we⸗ 
nig beſtaͤrket worden. Auf der Oberflaͤche dieſes an⸗ 
noch unbearbeiteten Steines, der gleichfalls aus den 
chemnitzer Gegenden herſtammete, ſahe man nebſt 
einigen kleinen Corallengewaͤchſen, nicht nur man⸗ 
cherley Arten von. Walzen - und Sternſaͤulen⸗ 
fleinen, fondern es entdeckten fich auch, an verſchie⸗ 
Denen Orten, einige von den angeführten pyrami⸗ 
Denförmigen Theilen, unter welchen etlidye, an 
ähren breiten Untertheilen, fo, wie mau an der vom 
Mylius befchriebenen Thierpflanze beobachtet, ana 
noch mit einander verbunden waren; RNun 


Ich ließ Hierauf einen Stein, von gleicher Farbe 
md Becſchaffenheit, nach einer gehörigen Nichtung 
ducchfchneiden ‚und poliren, da fich denn, vermittelft 
eines Bergröfferungsglafes, die gemeldeten Verſtel⸗ 
nerungen insgefammt, und zwar fo deutlich vor die 
Augen legten, daß mir diefermegen gar Fein Zweifel 
übrig bleibet; daher ich Fein Bedenken trage, die« 
fen Steinen eine Stelle unter den verfteiners 
ten Theilen von Seeſternen einzuräumen. 


Wer in Betrachtung ziehet, wie felren im Aga⸗ 
ehe, Chalcedon, und andern dergleichen Steinen ver« 
fteinerte Dinge angetroffen werden, der wird gar 
leicht zugeftehen, daß man diefe Arc von Sternſtei⸗ 
nen als eine befondere Seltenheit anzufehen habe, 
Da man aber diefelben insgemein nefter = oder nie⸗ 
renweiſe, und zwar in einem flözichten, mergelartis 
gen Gebürge finder; fo koͤnnte uns die Befchaffen« 
heit derfelben, zu verfchiedenen Gedanken, wegen des 
Urfprungs des Agaths, und anderer dergleichen Steis 

Ns ne, 


186 Der Röbrbaum, Bambus. 
ne, Gelegenheit an die Hand geben, wodurch wir 
zu einer genauern Kenntniß der Gänge dieſer Art ges 
- Tangen dürften. Ich werde dieſerwegen meine muthz⸗ 
maßliche Meynung in einer befondern Betrachtung 
über die bey Chemnitz befindlichen Chalcedon⸗ und 
Carniolarten, in den folgenden Blättern diefes Ma⸗ 
gen eröffnen. Wenigftens ift es fehr wahrſchein⸗ 
ch, daß die unfprüngfichen Körper diefer verfteiner» 
ten Dinge, mit der aus dem Meere, oder aus ei» 
nem andern Waffer, nach und nad) — 
hãuften, mergelartigen Erde bedecket, und nach 
hends von der Grundmaterie des agathartigen Stei⸗ 
nes umgeben und eingefchloffen worden, indem die 
felben in einigen von den bemeldeten Steinen, ingr 
geſammt nach einerley Richtung liegen, da fie hin⸗ 
‚gegen in andern, unordentlich untereinander gervorfen, 
zum Borfcheine fommen, age 4 
F  e % 


Der Robebaum, 
2 Bambus. — 
F as Rohr, welches in Oſtindien Bambus, 
Bambu, Mambu auch Rottang, in Japan 
Tſiku, Fatsku ingleichen Tacke genennt 
wird, waͤchſt ſo hoch als die meiſten Baͤume, und ſo 
dick, daß man Kaͤhne daraus verfertiget. Es iſt 
blos ſeine Groͤße, weßwegen man es insgemein ei⸗ 


nen Baum nennet, da es uͤbrigens nichts weniger, 
als die Kennzeichen eines Baumes, dargegen alle 
Ei⸗ 


Der Robrbaum, Bambus. 187 


Eigenfchaften des Rohrs hat. Sein Nugen ift da⸗ 

bey fo groß und vielfältig, Daß wenige Gewaͤchſe mit 
ihm zu vergleichen feyn dürften. 
Seine gemeinfte Dide ift ein halber Schub im 
Durchfihnitte, und fein Holz ift aisdenn einen hal⸗ 
ben Zoll ſtark. Ein großer theil hat einen Schub, 
und manche drey Schub im Durchfchnitte. Es ift 
ſo ſtark, daß man es zuPfoften braucht, auf welchen 
man Häufer baue; Innwendig ift es hohl bis auf 
die: Knoten, welche nach Verhaͤltniß der Dicke des 
Stammes zwo Spannen bis dritthalb Schuh weit 
bon.einander find. Seine Aefte treibt e8 gerade ges 
gen den Himmel, grünet beftändig, : und Das 
Laub iſt etwas länger als am Oelbaum. Es waͤchſt 
ſehr dichte beyſammen, wie das Rohr ordentlich zu 
wachſen pflegt. Auf der Kuͤſte Coromandel von 
Madras nach Ucedot iſt eine 7 Meilen lange ſan⸗ 
digte Ebene, worauf man nichts als Bambus ſieht, 
und wo es an einigen Orten ſo dichte ſtehet, daß kein 
Menſch in den Wald hinein kann. Dargegen halt, 
en ſich elne erſtaunliche Menge Affen darinnen aufs 
De Ulloa erzehlet von dem Americaniſchen Bam⸗ 
bus in Quito, daß ſo lange es wachſe, es innwendig 
groͤßtentheils mit Waſſer angefuͤllet ſey, mit dem 
Unterſchiede, daß es im Vollmonde ganz voll ſey, 
oder wenigſtens nicht viel davon leer bleibe, nach⸗ 
dem aber der Mond abnehme, ſich auch das Waſſer 
darinnen vermindere, bis es endlich im Neumonde 
entweder ganz leer befunden werde, oder doch ſo we⸗ 
nig Feuchtigkeit behalte, Daß man kaum ſehen koͤnne, 
daß Waſſer darinnen geweſen ſey. Er verſichert, daß 
er das Rohr zu allen dieſen Zeiten —— 
efun⸗ 


188 Der Rohrbaum, Bambus, 


"befunden, daß dieſes Vorgeben mit der. Erfahrung 

übereinftimme..:. Er fügt hinzu, daß das Wafler-in 
dem Rohr ganz frübe, wenn es abnehme, im Voll⸗ 
monde bingegen’oder um diefe Zeit klar wie Kry⸗ 
ſtall fey. Diefe Anmerfung ſcheint indeffen durch 
folgende verdächtig zu werden, daß naͤmlich meiften: 
theils wechfelsweife in einem. Rohr Waffer ſey, und 
in dem andern nicht; Wenn man eines öffne und 
leer finde, fo koͤnnte man verfichert feyn, daß indem 
zunächft fiehenden Waffer ſey. Es ſcheint alſo das 
leer feyn fich nicht fomohl nah dem Mond zurichten, 
als vielmehr. von andern Urfachen herzukommen; es 
wäre denn, daß es fo zu verftehen; daß, im Neumen« 
be alle leer, im Bollmonde aber nicht. alle voll waͤ⸗ 
ren. Man fchreibt diefem Waffer die Tugend ‚zu, 
Daß es wider. die Geſchwuͤre verwahre, welche von 
einem Falle oder Anſtoſen entitehen Fönnten,;, Das 
ber es diejenigen fleißig trinken, die durch die raus 
ben Gebuͤrge ‚gehen: 

In manchen Gegenden, als auf der Kafi⸗ Ma 
labar und -Coromandel findet man in den Knoten 
des Bambus eine, weiße. geflocte Materie. welche 
bie Indianer Mambuzuder, die Perfianer und Mobs 
ren aber Tabarix, dag ift, meißen Saft nermen, 
Wegen feiner. vortreflichen Eigenſchaften in der Arz⸗ 
ney wird dieſer Saft gemeiniglich mit Silber aufge⸗ 
wogen. - Er ſoll gegen die Colick, hitzige Fieber, 
rothe Ruhr und heimliche Krankheiten dienen, Er 
äft fehr rar, und wird an den wenigften Orten von 
Indien im Bambusrohre-gefunden. 

Die jungen Sproßen von den Wurzeln werben 
in Japan mit Weineßig, Salz, Knoblauch und 

Pfeffer 


Dei Röhrbaum, Bambus, 189 


Pfeffer eingemacht. Es iſt auch nur allein in Ja⸗ 
pan die Wurzel des Baumes gefchikt, daß man 
Stöde zum Spasfergehen, Die in Europa unter den 
Mamen Rattang bekannt find, daraus verfertigen 
kann. ir andern $ändern, wo das Bambus auch) 
ſehr Häufig waͤchſt, haben die Wurzeln bey einer bes 
quemen Dicke, nicht Die darzu erfoderliche Laͤnge. In 
Japan freibe die Wurzel fo tief und lang, daß man 
große Deffnungen in die Erde machen muß, um fie 
heraus zu ziehen, . Man fehneidet hierauf das unnü« 
ge an beyden Enden der Wurzel, ingleichen die jun⸗ 
gen Wurzeln oder Fafern, um den Knoten ab, des 
nen man jedoch) ihre Merfmale, nämlich) die runden 
Löcherchen um jeden Knoten läßt, Man wäfcht fie 
hierauf und reiniget fie forgfältig. Die frummen 
macht man durch Hülfe des Feuers gerade, wie bey 
uns die Bötticher die Faßtauben vermittelft des Feu⸗ 
ers, Erumm zwingen. Der Preiß diefer Stäbe iſt 
ordentlic) mittelmäßig. Manchmal aber werden fie 
ſehr theuer, wenn der Landesherr einige Jahre ver⸗ 
bietet, einige auszureißen, damit ſie nicht zu ſehr 
verwuͤſtet werden. 

Doch aller jetzt erwehnte Nutzen iſt eine Kleinig⸗ 
keit in Anſehung deſſen, welchen der Stamm des Bam⸗ 
bus verſchafft. Man gebraucht ihn zu Stuͤtzen, wel⸗ 
che nach Beſchaffenheit der Staͤrke großeLaſten tragen, 
zu Roͤhren bey Waſſerleitungen, zu Dachrinnen, zu 
Trommeln, welche ſo ſtark als unſere lermen ſollen, 
und auf der Inſel Celebes, wo es bey drey Fuß im 
Durchſchnitte hat, zu Kahnen und kleinen Fahrzeu⸗ 
gen. In Amerika, in Ovito, wo es doch nur ei⸗ 
nen halben Fuß nn im Ducchfnitte halt, = 


ado Der Rohrbaum, Bambus. 


det man Gegenden, wo die Haͤuſer von bloſem Bam⸗ 
bus gebauet ſind. Man ſpaltet oder ſchlitzt es viel⸗ 
mehr auf, nimmt die Knoten oder Scheidewaͤnde 
heraus, und breitet e8 aus, wodurch man ein andert⸗ 
halb Schuh breites Bret befommt. Die Pfoften 
der Häufer und die Balken find von Bambusftücden, 
Wände, Fußboden und Dede find von Bambusbre 
gern, die Dachſparren von Bambusftangen, und die 
Latten von gefpaltenen Bambus. 

In Quito, vornehmlich aber in China und in 
Japan macht man daraus faft alle mögliche Arten 
von hölgernem Hausgeraͤthe, Gefäße, Büchfen, Tas 
fein, Stühle, Betten, Preffen, Kiften, Körbe u. 
d.9 Man findet in China und Japan ordentliche 
Kramladen von Geräthe von Bambus. Das ge 
ringe Ueberbleibfel von Chriften in Japan, welche 
man heut zu Tage nicht mehr, wie fonft zum Tode 
verdammet, fondern als einfältige Leute zu einem ewi⸗ 
gen Gefängniße verurtheilt, und denen man feine eis 
ferne Inſtrumente erlaubt, machen ſich Nehnadeln 
von Bambus, um ihre armfelige Kleider zu flicken. 
Die Einwohner der Inſel Celebes madjen fo gat 
Pfeile daraus, fo hart iſt es, wenn es trocken ges 
worden iſt. 

- Ein befonderer Mugen des Bambus if diefer, 
daß die. Chinefer Papier darvon machen. Sie neh» 
men naͤmlich aus einem Walde von dem größten 
Bambus jährliche Schößlinge, bie etwa halb fo dick 
find, als eines ftarfen Mannes dickes Bein. Nach 
dem fie die erfte grüne Rinde davon abgezogen, und 
fie in gerade Stücden von 6 bis 7 Fuß länge ges 
fpalten haben, werfen fie diefelben in einen Sumpf, 
darins 


Der Robrbaum, Bambus, 191 


Darinnen zu faulen. Etwan in 14 Tagen werben’ fie 
aus dem Schlamm genommen, in reinem Waffer 
gewafchen, in einem großen trocknen Graben ausges 
breitet, und mit Kalk bedeckt. In wenig Tagen 
nimmt man fie wieder heraus, waͤſcht fie von neuem, 
und macht eine Are Fäden daraus, die an der Son= 
ne getrocknet und gebleicht werden. - Nachgehendg 
wirft man fie in große Füpferne Keffel, und kochet 

te durch und durch, worauf fie endlich zu einem flü- 
ßigen Teig gemacht werden, aus welchem faft auf 
gleiche Art wie bey uns das Papier verfertiget wird, 
: Die Japaneſer haben gegen das Bambus u 
bie Tanne eine geoße Hochachtung, und ſchreiben h⸗ 
nen ſo gar einen Einfluß in die Gluͤckſeligkeit diefes 
gebens zu. Man ſchmuͤcket die Tempel und andere 
heilige Derter damit, fonderlich an Feten und tufte 
barfeitstagen. Sie geben dabey vor, das Bambuß 
erreiche ein Alter von etlichen Hundert Jahren, — 
die Tanne lebe tauſend Jahre. Da aber von de 
Alter der Tanne wohl etwas abgeht: fo dürfte wohl 
auch die Zahl der Jahre des Bambus eine Vermin⸗ 
derung leiden. le». 

Das Bambus mächft in Peru, Oftindien, Chi⸗ 

na, Japan und den meiſten Aſiatiſchen Inſeln. 


De Ulloa Reiſe nach Peru. 

Taverniers Reiſen. 

Du Halde China. 

Navarettens Beſchreibung von China. 
Kaͤmpfers Reiſe nach Japan. 

Allgemeine Reiſebeſchreibung, 6,9,10,11, 12 Band. 


Inn⸗ 


Innhalt. 


1. Fortſetzung des Traums von dem Hirſche mit 
° dem goldenen Geweihe. 00131 
1. Zufällige Gedanken über das ftuffenmäßige 
- . Steigen der erfchaffenen Dinge. 152 
111. H. €. W. Schreiben -an einem feiner 


Freunde, die Rerbefferung der Thermo 
meter und Barometer betreffend, nebft der 


Witterung im Monath Mars. 158 

IV. Der Redliche. A 168 
V. Kurze Nachricht von den bey Chemnitz be 
findlichen Sternfteinen. 179 


VL. Der Rohrbaum, Bambus, 186 


+ so 





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Dresdnifiheg 


Magazin, 


oder 


Ausarbeitungen 
Nachrichten, 


zum Behuf 
der Naturlehre, der Arzneykunſt, der Sitten 
und der ſchoͤnen Wiſſenſchaften. 


Des erſten Bandes viertes Stuͤck. 


* | N MN; 


108 









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Rh NAHEN Ni DIN >>> 


Dresden, 
bey Michael Groͤll, 1759. 


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I. 
Nachricht von den an verſchie⸗ 


denen Orten in England befindlichen 
Räder : und Walzenſteinen. 





Trie Räder » und Sternffeine, 
S ingleihen die Walzen - und 
7 Sternfäulenfteine feinen, in 
u Betrachtung ihrer urfprünglichen 
ITU)MM Körper, insgefammt zu einem 

2 Gefchlechte zu gehören, und fich 
Daher nur als einzelne Arten beflelben, von einan« 
Der zu unterfcheiden. 

Daß verfchiebene auf einander liegende Raͤder⸗ 
fteine einen Walzenftein ausmachen, und daß die 
Sternfäulenfteine aus einer Verbindung von Stern« 
fteinen beftehen, ift durch Die blofe Betrachtung dies 
fer Dinge gar leicht wahrzunehmen, Der vornehme 
ſte Unterfchied diefer Steine beruhet alfo nur in der 
Figur ihrer einzelnen Theile, welche den Walzen« 
fteinen eine runde, den Sternfäulenfteinen eine eckig⸗ 
te, beyden aber eine fäulenförmige Geſtalt geben. 
92 Man 





196 Vondenin&nglandbefindlihen 


Man hat fi) zwar feit einiger Zeit bemuͤhet, Den 
. urfprünglichen Körper diefer verfteinerten Dinge aus» 
fündig zu machen; allein die Meynungen der Na« 
furfundigen find in diefem Stücke. jederzeit verfchie- 
den geweſen. Einige rechnen diefelben zu den vers 
fteinerten Corallengewächfen, andere hingegen 
feben fie für Theile von Thieren, infonderbeit 
aber für den Ruͤckgrad eines gewiſſen Seefifches 
‘an. Am mwahrfcheintichften ift es, daß fie von ver⸗ 
fchiedenen Seefkernen, die mit einem Stiele 
verfehen find, berftammen mögen. Mylius * 
bat ung eine Art diefer. Seethiere. unter den Namen 
der grönländifchen Thierpflanze befchrieben und 
abgebildet, an welchen der Stengel oder der Stiel 
mit einigen Gattungen der Sternfäulenfteine, der 
blumenförmige Obertheil aber, mit dem ftarfen und, 
Fegelförmigen Ende des fo genannten Lilienſteines ei⸗ 
ne fehr große Gleichheit hat. Da man aber bey 
dem kilienfteine einen runden Stengel beobachtet, von. 
welchem die Walzenfteine, als abgebrochne Stüden, 
re fo ift zu vermuthen, daß fich in dem; 

eiche der Natur auch Thierpflanzen mit runden; 
Gtielen befinden dürften,ob. ung diefelben gleich noch 
nicht zu Geſichte gefommen find. _ 
° “Sm übrigen giebt es ſowohl Walzen: als Stern 
fäufenfteine, welche fich, außer der ihnen eigenthuͤm⸗ 
lichen Figur, noch in verfchiedenen andern Dingen 
von einander unterfcheiden, und da ung Diejenigen, 
welche wir in unfern, und in andern angränzenden 
Gegenden antreffen, bereits befannt find, fo will. 
— id, 
* Befchreibung einer neuen grönlandifchen Thier ⸗ 
pflanze, London 1753 


Räder: und Walsenfleinen. 197 


ah nur von denen, welche in England, an vers 
ſchiedenen Orten, gefunden werden, etwas anzeigen, 
Robert Plot hat ung hiervon in feiner Natural hi- 
flory of Staffordshire und zwar in dem 29. und 
folgenden 8. S. des 5. Bapitels eine binlänglis 
che Nachricht ertheilet, die ic) bier beyzufügen Fein 
Bedenken trage, indem ſich diefes Buch bereits fo 
rar gemacht hat, daß es nicht leicht einem jeden Lieb⸗ 
haber der Steinfunde zu handen fommt. Was übri- 
gens die von diefem berühmten Schriftfteller abge» 
faßte Befchreibung diefer Steine anbelanget, fo wird 
man in derfelben ‚verfchiedene zu der Maturhiftorie 
Derfelben gehörige Nachrichten antreffen, welche man. 
anderweit vergebens fuchet. 

Es giebt, fagt er, unter den Steinen verſchiede⸗ 
ne Arten, die einige Theile von Pflanzengewächfen 
vorftellig machen, als der fo genannte Stelechit, 
der einem Baumftamme gleichet, oder wenigſtens 
gleichen fol. Bey Dudlep, zwifchen Merrybill 
und Elperlare befindet ſich ein folcher Stein, den 
man daſelbſt Poxftone nennet, welches fo viel al ei⸗ 
nen Stein, dem das euer nichts abgewinnet, ans 
deutet, der einem verfteinerten Holze fo vollfommen 
gfeichet, daß ich denfelben beym erften Anfehen für 
einen wirklichen Baumftamm hielt. Was aber ben 
Stelechitem ſtibii facie des Aldrovandus * anbes 
langet, wovon man’ verfchiedene Arten in den fteis 
nichten Sebürgen bey Beresford und Stanfop, 
ingleihen unter. den Geſchieben, die als einzelne 
Stüde auf den Feldern bey Heatley und Bagots⸗ 
bromley liegen, gewahr wird, fo feheinen dieſelben 
D 3 nicht 
* In mufeo metall. L. I. c. g. 


* 


198 Von den in England befindlichen 


nicht füglich zu den vorigen zu gehören, indem fie er⸗ 
ne Gattung von ringförmigen Steinen vorftellen, 
welche auf eine gehörige Art miteinander verbunden, 
und fomohl auf ihren Ober - als auch auf ihren Un« 
terflächen, mit verfchiedenen Stralen, nach gewiſſer 
Ordnung bezeichnet find, Sig, 1, 


Beyde Arten find dahero fo weit von der Bes 
fchaffenheit eines Baumftammes unterſchieden, daß 
fi) an denfelben nicht die geringfte Gleichheit hier⸗ 
von bemerfen läffet, und ohnerachtet man verfchiede= 
ne unter denfelben anfichtig wird, die zmweigförmig, 
ober mit unordentlichen und unter einander laufenden 
Stralen, wie das Spiesglag, bezeichnet find; fo 
kann man diefelben dennoch, auf Feine Weife, mit 
der Befchaffenheit des Stammes oder Stengels eis 
nes Pflanzengewächfes in Bergleichung ziehen, Der 
fharffinnige Rap ** ſiehet diefelben, mit mehrerer 
MWahrfcheinlichkeit, für verfteinerte Stuͤcken aus dem 
Ruͤckgrade, oder aus dem Schwanze eines gewiſſen 
Sifches an, indem fie insgemein aus verfchiedenen 
einzelnen Theilen oder Platten beftehen, die eben fo, 
wie die Wirbelbeine in dem Ruͤckgrad einiger Fifche 
mit einander verbunden find; wiewohl er aud) zu⸗ 
gleich geftehet, daß die einzelnen Theile dieſer Steis 
ne viel kuͤrzer und dünner find, als die Wirbelbeine 
aller Fifche, die er zu unterfuchen Gelegenheit gehabt 
bat. Don den gegenwärtigen bin ich dieſerwegen 
verfichert, indem die ftärfften unter denfelben kaum 
den achten, ja einige noch nicht den vier und zwan⸗ 
zigften Theileines Zolles breit find ; wiewohl D. Fon 

ev 


u 


* Obferv. topograph. p. n6. 


Raͤder⸗ und Walzenſteinen. 1 99 


ſter + von dergleichen Steinen Nachricht ertheiler, 
die er bey Stock in Yorkſhire gefunden hat, wel⸗ 
che einen viertelzofl dicke gemefen. Verſchiedene von 
dieſen Steinen find innwendig Hohl, unter welchen 
einige eine runde, andere aber eine blaͤtter⸗ oder ftern« 
foͤrmige Deffnung haben, die aus fechs oder fieben« 
ftealichten Spigen beſtehet. Wenn man ehebem eins 
zelne, doppelte, ober dreyfache Steine diefer Art, 
welche wie kleine Brode übereinander lagen, Sig. 2 
änfonderheit aber by St, Cuthbert antraf, fo 
pflegte man diefelben St. Cuthbersbrode zu nen- 
nen. Die etwas ftärfern, weldye mit ſchmahlen 
Strafen bezeichnet find, fo von dem Mittelpuncte Dies 
fer Steine gegen den Umkreis derfelben, wie die Speis 
chen an einem Rade fortgehen, wurden von Agris 
kola tt und nachgehends von Gesnern, ttt Boe⸗ 
tius, * Bentmann, * Worm, *** und Lach⸗ 

mund t nicht unrecht R äderfkeine genennet. Wenn 
aber verfchiedene von diefen Steinen über einander 
zufammen gefüget waren, Sig, 3, fo bekamen fie den 
Namen der Walsenfteine, oder man fahe fie blos 
für einen Zufammenhang von Räderfteinen an. "Bey 
der Berbindung berfelben legen ſich die erhabnen 
Stralen eines Raͤderſteins indiejenigen Vertiefungen 
oder Furchen ein, die ſich auf dem folgenden Raͤder⸗ 
— zwiſchen zwo u befinden, —— 

O 4 
+ Philofoph. transa&t. nom. 100. 
Tr De natur. fofil. L. 5: 


Tr De figur. lapid. c. 5. 

” De lap. & gemm. |. 2. c. 227. 
** Rerum fofül. catalog. tit. 4 
*** In mul. LI.$.2.c. 10. 


7 Oryctograph. c. 16. $. 3 


200 Peondenin England befindlichen 


daß man faft eben diejenige Verbindung an denfelben 
beobachtet, die man an den fo genannten Sufuren 
Der Hirnfchale gewahr wird. 

Was die verfchiedenen Arten diefer Steine an⸗ 
belanget, die man an den angeführten Drten finder, 
fo find diefelben bereits von Kiftern, Beaumont 
und in den philofophifchen Transactionen +} befchries 
ben und in Kupfer geftochen, möfelbft zugleich von 
ihrer verfchiedenen Laͤnge und Größe, von ihrem ge= 
gliederten Baue, von ihrer Zufammenfügung, von 
ihren Höhlen oder Gruben, von ihrer Zeichnung, von 
ihren fägeförmigen Verbindungen, von den glatten 
Dberflächen, die man. an einigen beobachtet, inglei« 
chen von den Erhöhungen, Knoten und Aeſten, die 
man an andern wahrnimmt, fattfame Nachricht er- 
theilet wird, bey welcher Gelegenheit alle diejenigen 
zufällige Veränderungen, welchen diefe Steine vers 
muchlich ausgefegt geweſen find, berühret werben, 

‚indem fie durchgängig abgebrochne Stuͤcken vorfiels 
len, unter welchen einige zufammen gedruckt und ges 
getfchet, da hingegen bey andern die Raͤderſteine 
aus ihrer natürlichen Lage gewichen find. 

Dieſen füge ic) annoch diejenige Art von derglei⸗ 
chen Steinen bey, an welcher jede dritte oder vierte 
Berbindung breiter ift, als die zwiſchen denfelben ber 
findlichen Räderfteine, ingleichen diejenige, fo an ihr 

“zen beyden äußerften Enden fehmal und dünne, in 

der Mitte aber wie eine Spindel, bauchicht, und mit 
faft unfenntlihen Strafen bezeichnet ift, welche leg» 
tere Art insgemein von den Altern Schriftftellern be» 
ſchrieben und angeführer wird, 

Bon 


Tr Nom. 100. 129. 150. 


Räder: und Walsenfteinen. 201 


Bon der Beichaffenheit des oberften Theiles dies 
fer Steine, wodurch Lachmund * veranlafiet wor- 
den, diefelben lapides figura penis absque præputio 
zu nennen, ingleichen von den an denfelben befindli« 
chen murzelförmigen Untertheilen, wie auch) von den . 
verfchiedenen Abänderungen der fünf und fechsecfich« 
ten Platten, woraus diefelben zufammen gekuͤttet zu 
ſeyn fcheinen, will ich gegenwärtig nichts gedenfen. 
D. Lifter und Beaumont haben verfchiedene Ar» 
ten hiervon bey Braugbron, Stock und Bug⸗ 
tborp in Workfpire, ingleihen bey Weansford- 
bridge in Northamptonſ hire und auf dem fo 
genannten ATendipsbügel, in Sommerferfbire, 
gefunden, und in der Beichreibung der ashmoleani- 
ſchen Naturalienſammlung ** ift eine große 
Menge von denfelben angeführet, ja vielleicht würde 
id) felbft eine hinlaͤngliche Anzahl hiervon zu famm« 
len im Stande gewefen feyn, wenn es mir nicht an 
der Zeit, diefelben mit — Fleiße aufzuſuchen, 
gemangelt haͤtte. 

Aus dieſer Urſache Habe ich von den angeführten 
Abänderungen derfelben gegenwärtig gleichfalls Feine 
in: Kupfer vorftellig gemachet, indem mir befannt ift, 
daß diefes von den gemeldeten Schriftftellern, und 
in den angezeigten Abhandlungen derfelben, bereits 
bemwerfftelliget worden. Ich werde mir dahero viel» 
mehr angelegen feyn laffen, nur dasjenige von diefen 
Steinen kuͤrzlich anzuführen, was diefe Naturfor- 
ſcher entweder völlig mit Stillſchweigen übergangen, 
oder aber nicht hinlänglich befchrieben haben. 

25 Was 
* Ory&ograph. c. 16. $. 3. j 
** yid. Serinium Lifteri in mufeo ashmoleano, 


202 Von den in England befindlichen 


Was zuvorderſt die innere Beſchaffenheit dieſer 
Steine anbelanget, fo hat zwar Agrikola, und als 
fe diejenigen, die nad) demfelben etwas hiervon ge= 
meldet haben, beobachtet, daß fie aus zarten Blaͤtt⸗ 
chen, oder. ausdünnen, dem Ölimmer gleichen Scheib« 
chen, fo wie die Judenſteine, beftehen, welche fich 
nad) drey verſchiedenen Richtungen mit einander ver« 
binden, wovon man in der Befchreibung diefer Stel» 
ne in der Hiſtorie von Oxfordſhire mehrere Nach⸗ 
richt findet; * Feiner aber unter denfelben hat anges 
merfet, daß die auf den Seitenflächen diefer Steine 
befindlichen Streifen aus den fcharfen Flächen diefer 
verfchiedenen Scheibgen beftehen,, welche ſich, wie 
die Blätter in einer Karte fchief über einander legen, 
und entweder von oben herunter, ober von unten bins 
auf fteigen, nachdem diefe Streifen lang ober kurz 
find: ingleicyen daß die Streifen, in den folgenden 
Raͤderſteinen zwar gleichfalls von den fcharfen und 
fchiefliegenden Flächen diefer Blättchen herrühren, 
nur aber mit dem Unterfchiede, daß diefe mitden vor⸗ 
hergehenden, jederzeit einen Winfel machen, oder 
nach der gegenfeitigen Richtung geftellet find, wel⸗ 
ches man durchgängig an den über einander liegen» 
den Käbderfteinen mwechfelsweife beobachtet. Fig. 4 
Jedoch wird man auch einige unter diefen Streifen 
anfichtig, welche fic) nicht nach der Sage diefer Blaͤtt⸗ 
chen zu richten fcheinen., Wobey ich annoch Diefes 
als etwas befonders anzumerfen habe, daß ſich diefe 
Blaͤttchen, ohngeachtet die Walzenfteine aus den 
gemeldeten Raͤderſteinen zufammen gefeßet und 
auf ihrer Oberfläche mit den gewöhnlichen Sag 

es 
* Natural hiftory of Oxfordfhire C. 5. 


Räder und Walzenſteinen. 203 


bezeichnet find, bey einigen Raͤderſteinen dergeſtalt 
mit einander vereinigen, daß fich dDiefelben an dem 
Orte, mo fie ſich zufammen fügen, nicht leicht zer⸗ 
brechen laffen, welches ich bey verfchiedenen felbft 
beobachtet, indem diefe Trennung insgemein bey den 
tiefen, zahn= oder fägeförmigen Verbindungen des 
andern oder driften Näbderfteines erfolge. So bat 
aud) feiner von den angeführten Schriftftellern ans 
gemerfet, daß diefe Steine, wenn man fie jerfchläge 
oder ſchabet, einen widrigen und übeln Geruch, fo 
wie der Wolfftein, den man in Schweden findet, 
von fich geben, das man hingegen an den Judenſtei⸗ 
nen, die in Oxfordſhire und Paleſtina angetrof« 
fen werben, nicht beobachtet, welches ich als einen 
Beweis anfehe, Daß diefe beyden Arten von Steinen, 
ohngeachtet fie von einerley Gewebe zu feyn fcheinen, 
dennoch aus verfchiedenen Grundftoffe beftehen mö« 
gen. 

Was die flralichte Zeichnung anbelanget, weldye 
man auf den Oberflächen diefer Steine anſichtig 
wird, fo habe ich eine gewiſſe Art angetroffen, von 
svelcher ich mich nicht entfinnen kann, daß diefelbe 
irgendivo befchrieben worden. Man beobachtet auf 
derfelben eine doppelte Reihe von Stralen, von wel⸗ 
chen die erftere, bey dem Mittelpuncte, oder an der 
hohlen Röhre, fo die Geftalt einer fünf blätterichten 
Blume bat, anfänget, und ſich bis zur Hälfte über 
die Oberfläche gegen den Rand derſelben erftrecker, 
woſelbſt fich ein ziemlich tiefer und hohler Umfreis 
befindet, der ohngefähr die Hälfte des annoch ruͤck⸗ 
ftändigen Raumes einnimmt, da hingegen bie übrige 
Hälfte deffelben abermals bis anden Rand mit er 

en 


204 Von den in England befindlichen 


Ien bezeichnet if. Sig. 5. Auf einem andern der, 
gleichen Steine wird man infonderheit vier Stralen 
anfichtig, welche in ziemlicher gleich weiten Entfer« 
tung von einander abftehen, und viel gröffer und er» 
habener find, als bie übrigen, womit dieſer Stein 
bezeichnet ift, Sig. 6. Noch auf einer andern Art 
fiehet man eine wellenförmige Linie, welche nahe an 
dem Umfreife des Raͤderſteines die Stralen durd) 
Schneider. Sig. 7. Und diefes wäre ungefähr, mas 
ich von den Käderfteinen, die ich in Oxfordſhire 
gefunden habe, in Betrachtung des Unterſchiedes ih⸗ 
rer ftralichten Zeichnung, anmerfen koͤnnte, außer, 
Daß einige unter denfelben ſowohl oben, als auch in 
ihren innerlihen Höhlen gemifje hervorragende Er: 
höhungen , und zmwifchen denfelben furchenförmige 
Vertiefungen haben, deren Stralen ſich von dem 
Rande einer fünfecichten Defnung anfangen, $ig.$. 
welche bey diefen Steinen den Mittelpunct oder die 
hohle Kernröhre vorftellet, von welcher Art man, fo 
viel mir wiſſend ift, gleichfalls bey feinen von den 
angeführten Schriftftelleren Nachricht findet. 

Diejenigen Walzenfteine, die in Staffordfbir 
re infonderheit aber bey Beresford gefunden mwer- 
den, find länger und breiter, und beftehen dahero 
aus mehrern Räderfteinen, als diejenigen, Die man 
bey PYorkfbire und bey Sommerferfbire an 
trife. Ich befiße einen dergleichen Stein, der mit 
vom Hrn. Cotton verehret worden, welcher ohn⸗ 
gefähr 3%. Zoll lang ift, und deffen Durchmeffer 
3. Zoll beträgt. Eben diefer Gönner zeigte mir ei⸗ 
nen andern von gleicher Stärfe, der ohngefähr 3. Fus 
lang, und in einem ohnweit feiner Wohnung gelege 
| nen 


Kaͤder⸗ und Wälsenfteinen, 205 


nen Selfen befindlich war, allein derſelbe war fo ges 
nau mit dem Felſen verbunden, daß es unmöglich 
ſchien, ‚denfelben ganz heraus zu befommen, Aus 
wie viel Räderfleinen berfelbe zuſammen gefegt gewe⸗ 
fen, fann ich nicht beftimmen, indem id) diefelben 
nicht gezaͤhlet habe; ich befige aber:einen dergleichen 
Malzenftein, der ungefähr 2%. Zolklang ift, und aus 
35. Raͤderſteinen beftehet, weldye Anzahl diejenige; 
fo bishero von den Schriftftellern angegeben worden, 
bey weiten überfteiget. Und diefes ift alles, was ich 
von den unterfchiedenen Arten der Walzenfteine ans 
zumerfen habe, außer, daß diejenigen, fo man in 
Stafforöfbire findet, und welche aus fehr ftarfen 
und runden Raͤderſteinen zuſammen gefeget find, wie 
die beym ‚Kiffer befchriebene u. ı2. 13. und 14. Art, 
ingleichen diejenigen, die, wie Beaumont fagt,aus 
einer Verbindung von Fleinen, faßförmigen Theilen 
beſtehen, insgemein weit ſchwaͤchere Kernroͤhren ha« 
ben, als die uͤbrigen, die aus duͤnnern Raͤderſteinen 

zuſammen geſetzet ſind. 
Im uͤbrigen findet man bey Beresford und 
Stanſop, wie auch in den Gegenden um Heatley 
und Bagotsbromley annoch eine andere Art von 
figurirten Steinen, welche zwar das Anfehen haben, 
als ob fie aus dicken Raͤderſteinen beſtuͤnden, woran 
man aber nicht durchgängig, weder die angeführte 
Kernröhre, noch die um den Mittelpuncte befindliche‘ 
firalichte Zeichnung der vorigen beobachtet: Fig. 9. 
welches mich jedoch nicht befremder. Denn, da ich 
diefelben zerbrach, und von einander fheilete, nahm 
ich wahr, daß fie aus feinen Blaͤttchen, wie die vos 
rigen, beftunden-, ‘wie fie denn auch, wenn man fie’ 
zer⸗ 


206 Der Redliche, 


zerbricht ober ſchabet, Feinen Geruch von fich geben: 
Diefer Umftand bringet mich auf die Gedanfen, daß 
diefelben vielmehr des "Imperatus fo.genannte Co- 
lumnettas, * als wirflihe Walzenfteine vorftellig; 
machen. Denn obngeachtet fie denfelben fehr gleich 
kommen, fo laffen fie fich Doch viel. leichter, als irgend 
eine Art von den Walzenfteinen, in ihren Berbins 
dungen zerbrechen und von einander theilen. 
‘ ® Hiftor. natural. 1. 24. e. 22. 


s. 
II. 
Fortgeſetzte Betrachtung 
des Redlichen. 


8 ieſe Redlichkeit, welche einem edlen Gemuͤ⸗ 
) the natürlich wird, beweiſet der Aufrichtige 
in allem. Er iſt redlich gegen GOtt; er 

weis, daß dieſer ſein Schoͤpfer, ſein Erhalter, ſein 
Beſchuͤtzer, ſein Vater ſey: Er weis, daß alles Gute 
und Vollkommene von ihm, als dem Vater des Lichts, 
komme: Er weis, daß er deswegen verbunden ſey, 
feine Handlungen nad) dem heiligften und vollkom⸗ 
menften Willen GOttes einzurichten: Er weis, daß 
er mit denen lebhafteften Regungen der Liebe, der Ehra 
furcht, der Inbrunſt zu verehren, zu verherrlichen, zu 
bewundern fen; und er weis es nicht nur, fondern er 
bemuͤht fich zugleich, dieſen angenehmen Pflichten aufs 
genauefte und ohne Heucheley nachzufommen. Nun. 
blickt er auf ſich, und iſt aufrichtig gegen ſich en 
r 


Der Redliche, 207 


Er ſieht, daß er von Fehlern und Schwachheiten, wie 
alle andere Menfchen, übereilt wird: er fieht dieſes, 
er betrübt, er ängftiget ſich. Er fucht es zu hindern: 
Er ſucht Mittel, die Uebel von fich zu treiben: drum 
durchſucht er feine Vernunft, und arbeitet an der: 
Selbfterfenntnis und an einer vollkommenen Einfiche 
in andre Wahrheiten, Damit er zu einem fo hohen 
© ©rade der Glückfeligfeic gelangen möge, deren er nur 
fähig if. So macht er feine Seele, und auch zu= 
gleich feinen Coͤrper glüflih. Endlich weil man in 
ihm eine allgemeine Menfchenliebe antrift, fo ifter 
auch gegen andere reblich ; er hat die beften Meynuna. 
gen gegen fie, er gönnt ihnen alles Gute, er hilft ih⸗ 
nen in der That, und fuche ihnen im Leben und Wan« 
del ein gutes Erempel ju geben. So erfegt er durch. 
feine Redlichfeit des andern Mängel, und befördere. 
zugleich anderer Bollfommenheiten, Kurz, er ſucht 
andere, fo mie fich felbft, vollfommner zu machen. 
Muß eine jede Tugend, die ihrem Wefen nach 
gut, und GHOre mohlgefällig feyn fol, aus einer reis 
nen Dovelle entfpringen, fo kann der vornehmfte End- 
zweck, welchen der Redliche bey allen feinen Hands 
lungen bat, fein anderer feyn, als die Ehre und Ber- 
berrlichung des göttlichen Namens, welche in der reis 
nen und rechtfchaffenen Liebe zu Diefem großen und 
liebenswürdigen Erhalter unfers Dafeyns ihren Urs 
fprung findet. Es liegt ihm recht am Herzen, def- 
fen Ehre zu befördern, und läßt diefelbe den einzigen 
Bemwegungsgrund aller feiner Berrichtungen feyn. 
Die bloße Vorftellung des Mugens, und die Cigen- 
liebe ift niemals die Hauptgvelle, weil fie allezeit et= 
was unvollkommenes mit ſich führe, — GOtt muß 


nicht 


208 Dei Redliche, 


nicht bloß um des Nutzens, fondern um feiner Voll⸗ 
kommenheit wegen verehret werden. Aus diefer aufs 
richtigen Verehrung GOttes fließt die fonderbare und 
allgemeine Wohlfarth des menſchlichen Geſchlechts 
als eine Folge. Denn weil OoOtt die Glückfeligkeit 
aller feiner Geſchoͤpfe zur Abfiche hat, fo lebt ein Tu⸗ 
gendhafter eben deswegen veblich, damit er ſich und 
andere in einen glücklichen Zuftand verfege. Die 
aufrichtigen Handlungen des Redlichen gehen alfo als 
le dahin, „, daß in unferm Lande Ehre wohne, daß 
„ Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit 
„ und Friebe fich Füffen, daß Treue auf Erden wach⸗ 
ſe, und Gerechtigfeit vom Himmel ſchaue: daß der 
„ HErr Gutes thue, damit unfer fand fein Gewaͤch⸗ 
„, fe gebe, daß Gerechtigkeit. dennoch; für ihm bleibe, 
und im Schwange gehe. “ 

Diefer herrlichen Tugend Feinde find die ihr ent- 
gegen gefeßte Laſter, die Falſchheit, der betrügliche 
Schein, oder die ſchaͤdliche Berftellung, da man die 
wahren Gefinnungen feiner Seele zum Schaden. an» 
derer argliftig verbirgt. Sie verſtecken ſich unter dem 
Schein der Kedlichfeit, mehr und gewiffer zu betrüs 
gen. Die tiebhaber diefer Untugenden begegnen uns 
deswegen laͤcheind, Damit fie ung freundlid) hinterges 
hen. Die tiebesdienfte, welche fie zu ermweifen das 
Anfehen haben wollen, gehen niemals auf die That, 
fondern nur auf Worte, die nichts Foften. Gie find 
$iebhaber der Wortfpiele, und ihr ganzes $eben ift 
wirklich nichts anders, als ein betrügliches Schatten- 
ſpiel. Sie find die gefährlichften Leute in der Welt, 
fie machen die Einfältigen irrig, daß fie oft nicht 
wiffen, was fie fich zu. verfpuechen haben. J = 

rin⸗ 


Der Redliche. 209 


bringen ſich ſelbſt um ihr Gluͤck, und verlieren alle 
ihre Ehre. Denn da bey jeder Verſtellung, da man 
den Schein einer gewiſſen Vollkommenheit annimmt, 
etwas gezwungenes iſt, ſo wird der Mangel deſſelben 
gewiß zu ſeiner Zeit entdeckt, alsdenn iſt nicht nur 
alle Muͤhe, die ſich der Heuchler gegeben, umſonſt, 
ſondern da er den Namen des Ehrlichen verlohren, 
ſo wird er denſelben nimmermehr wieder bekommen 
koͤnnen, weil ihm alsdenn niemand ſicher glauben 
wird, wenn er auch gleich die Wahrheit reden ſollte. 
Hieher gehoͤrt der herrſchende Gebrauch zweydeuti⸗ 
ger Woͤrter und Redensarten, welche heut zu Tage 
faſt durchgängig Mode geworden find. Dieſe Uns 
art, welche der edlen Aufrichtigkeit und der ehrlichen 
Gemuͤthsart völlig zuwieder ift, hat wohl niemand 
fo lebhaft als der berühmte Tillotfon in einer feiner 
Reden abgemahlet, deflen Worte wir hier anführen 
wollen: „Die Welt ift fo voller Verftellung und 
„ Eomplimente geworden, daß die Worte der Mens 
„ſchen ſchwerlich mehr für Ausdrüde ihrer Gedan⸗ 
ken gelten fönnen. » » » Die Sprache bes täg« 
„lichen Umgangs ift heut zu Tage von fo viel Eitels 
#Eeit und Complimenten aufgeſchwollen, und wenn 
‚id fo reden mag, mit fo vielen Ausdrücen der 
Freundſchafft und Ehrfurcht überfirnißt, daß wenn 
„ein Menfch, der vor ein paar Menfchenaltern ges 
„lebt Hat, wiederum in die Welt kommen follte, es 
„ihm gewiß an einem Wörterbuche fehlen wuͤrde, 
„feine eigene Sprache zu verftehen, und den wah⸗ 
„ren innern Werth der herrfchenden Redensarten zu 
„erlernen. » s » Ehrlichkeit und Einfalt find aus 
„ber Gewohnheit gefommen, und unfere Reden ha⸗ 

Dresd. Mag.LB, P „ben 


210 Der Redliche: 


„ben fich in fügen verwandelt. Die Menfchen has 
„ben den Gebraudy der Sprache mehrentheils ver⸗ 
„kehrt, und Wörter erdacht, um nichts zu fagen, 
„und der größte Theil des menfchlichen Umgangs 
„iſt nichts anders als ein Gewebe von Berftelluns 
„gen; fo gar, Daß es einen recht. herzlich Fränfen, 
„aufs empfindlichfte betrübe machen Ffünnte, wenn 
„er die wenige Redlichfeit fehen follte, die noch un« 
„ter den Menfchen geröhnlich ift, und ausgeuͤbet 
„wird., Endlich gehören unter die Zahl derer, fo 
der Redlichkeit feind find, die Neider und Schmeich—⸗ 
ler. Die legtern verbinden beyde Laſter ihres Mus 
tzens wegen mif einander. Sie reden fo, wie es der 
andere gerne höre, nicht aber fo, wie fie felbften 
denken; fie rühmen, was nicht zu rühmen ift, fie 
verfchmeigen die Unarten, die ihre $ieblinge an fich 
haben, und geben übertriebene Lobredner Fleiner Tus 
genden ab. Jene, welche von der Schwachheit, 
von der Hoffart, von dem Geize und von der Eigen« 
liebe des menfchlichen Herzens deutliche Zeugen find, 
ärgern fich, wenn es andern wohlgehet, fie misgün« 
nen ihnen ihr Glück, und find verbitterte Menfchen« 
feinde, entfernt von der wahren Gluͤckſeligkeit, fo 
wie fie von der Wahrheit und Ehre entfernt find, 

Ein reizender Anblick zieht mich von diefen fchred“ 
lichen Bildern. Edler Redliche! deine liebliche Ge— 
ftale entzücft meine Seele! Wie dich mein Auge fieht, 
will ich dich fehildern. Daß ich doch, dir würdig, 
dich fchildern möchte! - 

Evdaimon, deffen unfchuldige Jugend bereits 
der Welt an ihm den aufrichtigften und redlichſten 
Mann verfprach, fuchte fehr zeitig durch ne 

übrer 


Der Redliche, 211 


führer feine glücklichen Naturgaben auszubeſſern. 
Die Religion fam ihm gleich ihrem Nahmen nach 
fo heilig, fo verehrungsmürdig vor, daß er, ohne Abs 
ficht ein Lehrer derfelben zu werden, aus einem edlen 
Triebe genöthiger, den Borfag faßte, diefelbe gründ« 
licher als gewöhnlich zu lernen; Er merkte, da er in 
bie große Welt trat, und täglicy Gelegenheit hatte, 
fie befler Fennen zu lernen, daß gewiſſe große Gei« 
fter fich es zue Ehre rechneten, auf das verächtlichfte 
von GOtt und der Religion znreden. Diefe ſchwa⸗ 
hen und höchft unglücklichen Geifter, die aus einer 
übertriebenen Stolje von ber heiligen Offenbarung 
nichts wiſſen wollten, fuchte er durch die deutlichſten 
Gründe.der Vernunft zu überführen: deswegen bea 
muͤhete er fich, ein Renner der ächten Philofophie zu » 
werben, um burch die herrlichen Schäge derfelben 
die Ehre GOttes zu retten, fich aber vor dergleichen 
gefährliche Strike zu verwahren. Religion und 
Bernunft haben feinen Berftand durch richtige Grund⸗ 
füge und wichfige Wahrheiten aufgefläret, und fein 
Herz durch ſtarke und geheiligte Bewegungsgründe 
verbeffert; Und da fie ihm GOtt als ein Wefen, dag 
alle Vollkommenheiten im höchften Grade befißer, 
dargeftellet hat; fo verehret er denfelben als feinen 
allerliebenswürdigften Schöpfer. Seine Abfichten, 
Kräfte und Handlungen find alle dahin gerichtet, dag 
aufrichtig zu erfüllen, was GOtt von ihm verlanget: 
Er ſucht es hierinne immer weiter zu bringen: er 
liebet als Hülfsmittel diejenigen Bücher, durch wel⸗ 
che er GOttes Bollfommenheiten beffer erfennen, 
und fein Herz für ihm heiligen kann. Die Redlich⸗ 
keit gegen GOtt bewegt ihn Eräftig, auch mit feinen 

PD 2 Ne⸗ 


212 Der Redlihe, 


Hrebenmenfchen redlih umzugehen: Seinen vor⸗ 
nehmften Wunſch, andere neben fich gluͤcklich zu ſe⸗ 
hen, erfüllet er durch den Endzwed feiner Handlun⸗ 
gen. Er weiß, daß er nicht um ſich felbften, fondern 
auch zum Velten anderer geboren ift: Er fieht auf 
den allgemeinen Mugen, um feinen Brüdern brauch⸗ 
bar und nüglich zu werden. Er nut, fo viel ihm 
möglich, jedermann, und ſchadet niemals. Er ver 
fagt niemand den Grad der Freundfchafft, deffen er 
fähig if. Er macht ſich die Umftände des andern 
befannt, er bemühet ſich, die North des andern ken⸗ 
nen zu lernen, um die Regungen feines aufrichtigen 
Herzens feuriger und flärfer zu machen. Er iſt nie⸗ 
mals Falt und unempfindlich, wenn feine Ohren Durch 
» das Klagen und Bitten des Dürftigen gerühret wer⸗ 
den. Seine Augen, durch welche das Bild des Are 
men und Berlaffenen in feine Seele dringt, find nicht 
gefchloffen. Er ift vielmehr bemüht, die Elenden zu 
teöften, und den Mothleidenden zu helfen. Weit 
entfernt, daß er mit jenem Menfchenfeinde, dem vers 
abfcheuensmürdigen Timon, diejenigen lieben follte, 
. von deren Berhalten er im Voraus fchließen Fann, 
daß fie zum Verderben und Unglück der Menſchen 
gebohren find: er bemüher ſich, Perfonen, an wel 
chen er Tugend, Geſchicklichkeit und Eifer für das ge⸗ 
meine Beſte antrifft, zu ihrem Gluͤck behuͤlflich zu 
ſeyn. Richtet er mit jemanden eine Verbindung 
oder Freundfchafft auf, fo hat er allezeit den Zweck, 
feine Freunde dadurch glücklich zu machen. Er läßt 
fih alfo von ihm zuvor verfprechen, Daß er auch ſei⸗ 
ne andere Freunde redlich lieben wolle. Viele ſeh⸗ 
nen fich nach feiner Freundfchafft, er aber nimmt * 
| redli 


Der Redliche, 213 


redliche darzu auf, und erlangt dadurch den Vortheil, 
Doß die geringe Anzahl der Redlichen vermehrt wer⸗ 
de, indem fein Benfpiel zur. Macheiferung anreizt. 
Seine Freunde verbindet er fih durch zuvor fommen- 
de Öefälligfeiten: er giebtihnen oft wiederholte Pro⸗ 
ben von feinens unermübeten DBeftreben, ihr Gluͤck 
zu fuchen. Erlangt er felbft ein vorzügliches Glück, 
es beftehe worinnen es wolle, fo koͤnnen ſich ſeine tu⸗ 
genbhaften Freunde die gewiſſe Rechnung machen, 
daß es auch zu ihrem Beſten werde angewendet wer⸗ 
den. So groß, fo aufrichtig ift fein Eifer für die 
Wohlfarih anderer. Er iſt nicht ſtolz und eingebil⸗ 
det, ſondern beſcheiden, er beobachtet zwar die: Feh⸗ 
ler des andern, aber er redet öffentlich niemals da⸗ 
von, und ftellet fich, als wüfte er fie nicht. Befin⸗ 
det er fich aber mit einem folchen allein, fo entdeckt 
er fie ihm fo liebreich, und mit folchem guten: Her⸗ 
zen, daß fie ohmmöglich darüber unmillig werden 
£önnen: er venbeffert fie durch feine freundfehaftlie 
chen Erinnerungen, und macht fie brauchbar und _ 
gluͤcklich. Er bemüher fich im hoͤchſten Grade tu- 
gendhaft zu feyn, und macht feine Tugenden durd) 
ein artiges und einnehmendes Weſen noch reigender. 
Er verachtet alle unrechte Wege, ſich reich und gluͤck⸗ 
lich zu machen: müfte er es gleich gewiß, daß es vor 
den Augen allee Menfchen: würde unentdeckt bleiben, 
fo würde er es dennoch nimmermehr thun. Die 
Güter der Seele und des Leibes legt er mit jenem 
Weltweiſen, dem Critolaus, im eine Wage, undyieht 
jene ben letztern unenblid) vor. Ehre, Anfehen, 
lich, Reichthum find feinen. Gedanken nach ‚gerin« 
ge, wenn fie nicht ——— Wiſſenſchafft * 
3 ed⸗ 


214 Der Redliche, 


Redlichkeit erhoben werben. Er iſt nicht eigennů⸗ 
Big: aber die Nothwendigkeiten des $ebens find ihm 
befande: er fucht das Seinige daher zuerbälten, und 
durch Arbeit zu vermehren, Damit er ſich und andern 
helfen koͤnne. Seine ganze Aufführung ift allegeie 
regelmäßig. Er erfülfet alle feine Pflichten, und 
lebt niemals in Unordnung. Er iſt ein guter Chriſt, 
ein getreuer Unterthan, ein liebensmürdiger Ehe⸗ 
mann, ein aufrichtiger Freund, ein ehrlicher Buͤr⸗ 
ger, ein allgemeiner Liebhaber der Menfchen. Kurz 
— 
. = » Der feine Pflichten kennt, 

Und feine Pflicht zu hun, aus - Menfibenlicbe 
rennt, 

Der, wenn ihn auch Fein Eyd zum Dienft der 

Welt verbindet, 
Beruf und Eyd und = fon in ſich felber fin» 


Ihm mwird Des andern Bott fein eignes Him⸗ 


melreich. 

Er fuͤhlet meine Not, als traͤf ihn felbft der 
Streich). 

- Und das, was ihn beherrſcht, ift ein‘ gerecht Der 
ſtreben, 

So' treu, als er ſich ſelbſt, der ganzen Welt zu 


leben. 
Gellert. 
Aemilie iſt ein Muſter eines redlichen Frauen⸗ 
zimmers. Ihr edler und ſeltener Geiſt durch eine 
vortrefliche Erziehung noch mehr erhoͤhet. Die Re⸗ 
ligion, da man GOtt vernuͤnftig und aufrichtig dient, 
und bie ſie wohl gelernet hat, geht bey ihr uͤber 9* 
e 


Der Redliche, 215 


Die Moral und Sittenlehre hat fie fi) deswegen be» 
kannt gemacht, damit fie das Böfe von dem Guten, 
und das Laſter von der Tugend deſto beffer unterſchei⸗ 
den möge. So vollfommen ihr Verſtand ift, fo 
wohlgeordnet zeige fich auch ihr Wille, Sie redet 
wenig, und niemals, ehe fie es überlegt hat. Ihre 
Gedanken find richtig, und ihre Worte voll Nach» 
druck. Durd) einen ftarfen Trieb gereizet, fucht fie 
‘andere durch ihre Lnterredungen zu verbeffern, als 
wozu fie gleichfam in ihrer Art fcheine geboren zu feyn. 
Ihre Gefellfchafft ift Elein, aber auserlefen. Auch 
die Perfonen männlichen Geſchlechts, die fie ihres 
Umgangs mürdiget, hören ihre Reden mit Vergnuͤ⸗ 
gen und Nutzen an. $hr vernünftiges, aufrichtiges 
und liebreiches Wefen ift fo glücklich, daß fie oftmals 
Derfonen von unartigen Gejinnungen ändert und tu⸗ 
gendhafter macht, fo, daß fie fich ihr verbunden ach= 
ten. Man findet an ihr Liebe zur Wahrheit, die ihe 
nur eigen ift: bey welchen fie eben diefe antrifft, die 
liebet fie, und trägt Fein Bedenken, ſich mit denfel« 
ben in geroiffe vertrauliche Gefpräche einzulaffen, wel⸗ 
che zu beyberfeits Nutzen abzielen. Sie ift unverän« 
derlich in ihren Enefchlieffungen. In Aufrichtung 
ber Freundfchafft verfährt fie behutſam, warum? fie 
Eennet die Welt, und die herrfchenden Gebräuche 
darinnen: fie weis, Daß, wenn man die Redlichen 
aus allen Drten mühfam zufammen fuchen wollte, fie 
dennoch kaum ein mittelmäßiges Dorf der Redlich⸗ 
keit anfüllen würden. Sie hat zwar viele Bekann⸗ 
ten, aber wenig Freunde. Wer ihr Freund feyn 
foll, muß Religion, Verſtand, Tugend und Ehrlich“ 
keit haben. Ehe das Band der Freundſchafft ger» 
P4 knuͤpft 


216 Der Redliche, 


knuͤpft wird, bemuͤhet fie fich, das Herz und die Sit 
ten deffelben Fennen zu lernen: denn fie ift einmal 
bintergangen worden, und hat aus eigner frauriger 
Erfahrung gefunden, daß es Menfchen giebt, die fo 
verfchmigt find, daß fie unter den glatteften und 
freundfebafftlichften Worten oft die gefährlichften und 
untreueften Abfichten lange Jahre verbergen koͤnnen. 
Furcht und Vortheil, ein bevorftehendes Gluͤck, oder 
ein mögliches Ungluͤck, fage fie, machen, daß fie ſich 
felten in ihrer natürlichen Geſtalt zeigen. Dem ohn⸗ 
erächtet will fie nicht Böfes mit Böfen vergelten. Sie 
befiget faſt alle Tugenden, die zu einer liebenswuͤr⸗ 
digen Ehegenoßin erfordert werden. Der ift gluͤck⸗ 
lich, der fo eine tugendhafte Gehülfin hat; und ihre 
Kinder, deren Wohl ihre am Herzen liegt, feufzen 
inbrünftig vor das Wohl einer fo zärtlichen und forgs 
fältigen Mutter. Boll Vertrauen auf GOttes Lies 
be und Weisheit erträgt fie das Bittre, fo fie in ihr 
rem Cheftande heimlich. brüct, als eine Chriften 
heldin in Gelaffenheit, und durd) göttlichen Bey» 
ftand ausgerüftee, überwindet fie großmüthig alles; 
Eie hat ihre Leidenfchafften in ihrer Gewalt: fie iſt 
jederzeit dieſelbe, gelaffen, gefegt, verbindlich, anges 
nehm, Keine geichtfinnigkeit, Feine fliegende Hige 
wird an ihr wahrgenommen: Sie erhält fichdaburd) 
in der Ehrfurcht, die man ihrer erhabenen Tugen⸗ 
den wegen gefaßt hat. Wie fie überhaupt wegen ih⸗ 
ver eblen Eigenfchafften, wegen ihrer Ehrerbietung 
gegen GOtt, und guten Öefinnungen gegen den Naͤch⸗ 
ften feine eitle Ruhmbegierde beherrfcht, ſo erweiſet 
fie fonderlich denen Armen im Verborgenen viel Gu⸗ 
«is, und läßt ihre Linke niche willen, was. ihre Rech⸗ 
te 


Der Kedliche, 217 


te gethan. Ihre Zufriedenheit, die fie als eine Frucht 
ihres redlichen Verhaltens genießt, follte niemals 
unterbrochen merden ! 

Areton dat zwar die feinften Naturgaben in eis 
nem veichlichen Uebermaße nicht erhalten, aber durch 
unverdroffenen Fleiß und ftete Bemühung bat er dag 
zu erfegen gefucht, was ihm Die Natur verfagt. Und 
bierinnen hat er es weit gebracht, Vieles bat er der 
Treue und Aufmerffamfeit feiner redlichen Eltern zu 
danfen. Schon in feiner zarten Yugend hat er fich 
dem Dienfte des HEren zum Opfer gewidmet. Er 
läßt die Ehre des Höchften den legten Endzweck aller 
feiner Handlungen feyn. Er fammlet, er verdoppelt 
feine Kräfte, um dem HEren ein Gerz zu bringen, 
das ihm angenehm fey. Seinen Verftand, der durch 
die erfannten Wahrheiten nunmehro aufgeflärter er» 
fheint, hat er eben fo wohl, als fein edles zur Ausuͤ— 
bung der natürlichen und geoffenbarten Borfchriften 
gewoͤhntes Herz, fein GDee übergeben. Er fuche 
nunmehro die Gaben, fo er durch höhere Gnade er» 
halten bat, auch wieber als ein redlicher und getreuer 
Knecht rechtmäßig zur Ehre feines erften Urſprungs, 
und zum: Dienft feiner Mebenmenfchen anzuwenden, 
Eifrig in diefem vedlichen Wandel für GOtt ift es 
ihm eine angenehme Beſchaͤftigung, Die Seelen einis 

ger unfchuldigen Kleinen zu bilden. Weil er die kie- 
be und Gnade GOttes für fein gröftes Stück, und die 
Ungnade beffelben als fein Ungluͤck erfennet, fo hat er 
allezeit fein Ziel für Augen, und nach demfelben rich⸗ 
tet er feine Schritte ein, das zu erfüllen, was dieſe 
Gnade erlangen fann, und das zu verabfcheuen, mas 
die Ungnade deſſelben 8 ſich zieht. Mitten in 

5 en 


818 Der Redliche. 


fen Bemühungen handelt er auch gegen fi und ats 
dere redlich. Er ſucht fein Leben, als ein theures Ges | 
ſchenk, forgfältig zu erhalten, doch nicht bloß deswe⸗ 
gen, weil es ihm angenehm ift; nein! fondern weil 
er es als ein Eigenthum des HErrn anfieht, der es 
ihm nur geliehen, daß er mit demfelben zu feiner Ehre 
etwas. beytragen, und feine eigene Gluͤckſeligkeit nebft 
dem Vortheile feiner Mebenmenfchen befördern fönne: 
Er erforfchet feine Seelenfräfte, und unterfucht feine 
natürlichen Neigungen, und die Befchaffenheit feines 
Coͤrpers: er betrachtet fein Herz, und lernet feine Haupfe 
leidenſchaft Fennen, um fich felbft vollfommner und 
andern noch nüglicher darzuftellen. Er hat nicht den 
Stein eines redlichen Wefens, fondern auch felbft die 
‚Kräfte deffelben, fo, daß alle feine Worte, "Geberdeh 
und Thaten mit dem Innwendigen feines edlen Her⸗ 
zens auf das genauefte übereinftimmen. Die Wahr 
heit gehet bey ihm über alles; er redet und vertheis 
Diger fie allezeit, und wenn es uch mit feinem Scha⸗ 
den gefchehen follte. Leute, die anders denfen und ans 
ders reden, Fann er nicht um fich leiden ; es thut ihm 
wehe, wenn er folche Feinde der Wahrheit von ohn⸗ 
gefehr in denen Gefellfchaften antrift. Er wuͤnſcht, 
daß die löbliche Gewohnheit der Perſer, welche die 
Luͤgen als das fhändlichfte. Laſter hielten, wiederum 
eingeführet, und die Yugend gleich in denen Schulen 
eben fo forgfältig zur Siebe gegen die Wahrheit, als 
zur Erlernung derer Wiſſenſchaften möchte angehalten 
werden. Alles, was man Berftellung, Betrug und 
ruͤgen nennet, ift aus feinem Herzen, aus feinem Mun⸗ 
de, aus feinen Handlungen verbannet. Er befigt ei- 
ne weitläuftige Wiſſenſchaft und Erkenntniß; ne 
. aber 


Der Redliche. 219 


aber nicht merken, daß er was wiffe, ausgenommen, 
wenn er Dadurch im Unterrichte zum Beſten des an⸗ 
dern etwas beyfragen kann. Er giebt auf alles genau 
Acht, er prüfet alles; er erforfchet ven Werth, die Stäre 
feundSchwächevon allem, und fchäger die Dinge nue 
nad) ihrem innern Werthe, nach der Qvelle, woher 
fie entfprungen, und nad) dem Endzwede, den man 
fich geſetzet hat. Die verborgenften Irrthuͤmer und 
Vorurtheile koͤnnen ihn nicht verführen, noch den ge⸗ 
tingften Eindrud in fein Gemuͤthe machen. Areton, 
der ſich überhaupt die Vollkommenheiten feines GOt⸗ 
tes, feines höchften tiebhabers, zur Nachahmung vor« 
geftellet, findet befonders feine $uft an der Ausübung der 
Werke der Barmherzigkeit, Er bemühet ſich feinem 
Nächften, den GOtt feiner Liebe gemürdiget hat, auch 
liebreich zu begegnen. Er ermeifet vemfelben mit Bers 
gnügen Proben folder Barmherzigkeit, und [haft eben 
damit dem Elenden eine Freude, und fich felbft Die Em= 
pfindung einer gemiffen Gluͤckſeligkeit. And weiler ein 
aufrichtiger Menfchenfreund ift, fo fucht.er alles das⸗ 
jenige auszuüben, mas angenehm, gerecht und billig 
iſt. Seine Reden’ und Handlungen haben den Ends 
zweck, alle Menfchen glücflich zu machen, 
Sophia ift mie den großen Eigenfchaften ge⸗ 
ſchmuͤckt, welche der Aemilie die Berounderung der 
Menfchen erwecken, Sie ſuchet aber- überdies noch 
vollkommener zu werden, und hält die Bemühungen 
überhaupt vor den einzigen Weg fich und andere gluͤck⸗ 
lich zu machen. Sie hat viel gute Bücher mit Nach⸗ 
finnen gefefen, dadurch ihr die Religion liebenswür« 
Dig, die Tugend reizend und die Laſter haͤßlich vorge— 
ftelfer worden find. Sie hält diefes Leſen vor das be⸗ 
i avems 


220 Der Redliche, 


qvemſte Mittel, ihren Berftand aufzuklären, und ihr 
Herz zu verbeffern, Unter allen Büchern aber ſtehet 
die Bibel oben an: Aus diefer bat fie GOtt nicht nu 
als das vollkommenſte Wefen, fondern auch als ihren 
allerheiligften und liebenswürdigiten Schag Fennen 
lernen. Diefen ihren GOtt und beften Freund haͤlt ſie 
für unentbehrlich; Sie hat deswegen mit ihm durch 
Leſen und Beten einen genauen Umgang aufgerichtet: 
fie fommt aus diefen vertrauten Unterredungen allezeit 
erqvickt und frölich zurück, es brennt ihr Herz vor Ans 
dacht, ſchwillt von Hofnung, und diefes lebhafte An 
denken heiliget alle ihre Unternehmungen. Sie weis 
ihre Vorzüge, fie kennt ihre Mängel, Diefe fuchtfie 
als Hindernifle ihrer Glückfeligkeit durch Tugenden 
zu verbeffern : jene betrachtet fie als unverbiente Önas 
dengaben, die ihr GOtt nicht allein. ihrentwegen, fon 
dern auch zum Beſten anderer gefchenfet. Sie hat 
ein gutes Herz, und glaubt, das ihr Bergnügen uns 
vollfommen fen , wenn fie dafjelbe nicht mit andern 
theilen fann. Das Borzügliche der Redlichkeit, fo fie 
befigt, nöthiget fie, darauf zu denken, wie fie ſich im: 
mer mehr und. mehr bey andern verdient mache, Sie 
hilft jedermann, auch denen, Die es nicht erfenner 
und fie werden von ihr nicht eher verlaffen, als b 
fie diefe ihre freywillige Gütigfeit misbrauchen. Da 
fie ein zartes Gewiflen hat, und allezeit auf reine Zus 
gend und wahre Ehre fieher, fo lebt fie untadelhaft. 
Mit unartigen teuten, die feine Hofnung einer zukuͤnf⸗ 
tigen Beflerung von fich geben, redet fie wenig, und 
ſetzet fich eben dadurch in Hochachtung. Eigenfinnig 
iſt fie niemals , und läßt fich gern auf beffere Wege 
führen, Sie ift keine Menfchenfeindin, fondern diene 
ihren 


Der Redliche, 221 


ihren Nächften, den fie liebet, nach ihrem rechtſchaf⸗ 
genen Wefen, aufrichtig, und macht ſich ihm gefaͤl⸗ 
dig: es gefchiehet zuweilen, daf fie unverdienter Weiz 
fe Dadurch in einen ungegründeten Verdacht fommt, 
aber nur bey folchen $euten, die entweder Feine Ein 
fit und Beurteitungsfraft haben, oder die nach ih⸗ 
sem argwoͤniſchen und böfen Herzen von andern nur 
deswegen allezeit das ſchlimmſte denken, weil fie felbs 
ſten vor ſich eine jede Gelegenheit zu migbrauchen ges 
wohnt find. Sie erträgt diefe lieblofen Urtheile mit 
Gedult und Grosmuth, und beſchaͤmt ihre unbilligen 
Richter durdy die Erfahrung, die fie in der Folge 
rechtfertiget. An denen Mißgünftigen fuchte fie fich 
Durch «eine genaue Ausübung der Tugend, fo wie es 
einer Chriftin anftändig ift, zu rächen. Um fich ihrer 
Familie brauchbar zu machen, fo fucht fie ihre befon« 
bere Luft zur Wirthſchaft zu vergrößern. Sie weis, 
dag diefe Wiſſenſchaft ihrem Geſchlechte ein unent- 
behrlich Eigenthum ift, und ſchaͤmt ſich dahero nicht 
von allen, was zur Haußhaltung gehöret, nöthige Er- 
fundigung einzuziehen. Sie ſucht das erworbene 
kluͤglich zu erhalten, und liebt die Arbeit, Ordnung 
und Sparfamfeit. Kurz, fie ift weife, gottesfuͤrch⸗ 
tig, geſchickt, leutfelig, behilflich, und bey dem Un⸗ 
gluͤck anderer mitleidvig. Bey der Ausuͤbung diefer 
Tugenden bleibt fie beftändig. So lebt fie vergnuͤgt, 
und macht ſich und andere glücklich. 

Wollen wir einen Blick in das Bud; der Offen» 
barung thun, fo werden wir folche geheiligte Bilder 
der Redlichen antreffen,, die uns der Geift GOttes 
ſelbſt gefchildere, Das allervofffommenfte Mufter, 
wie in allen, fo auch in der Redlichkeit, ift das Leben 

i uns 


222 Der- Redliche, 


unfers theuerſten Exlöfers, des Tugendhafteften unter 
allen Menfchen, der den vollfommenften Verſtand 
und zugleich das befte Herz gehabt, Sein Geift war 
daher beftändig auf GOtt gerichtet, und feine vornehme 
fie Bemühung war, die gefallenen Menfchen aus ih« 
rem Unglüc zu reiffen, und fie ewig glüdlich zu ma⸗ 
chen. Weil alle feine Gedanfen, Worte und. Werfe, 
ja alles was in ihm war, das Wohl der Menſchen 
zum Abfehen hatte, fo brauchte er fich nicht zu ver- 
ftellen, er lebte frey, aufrichtig, und ohne alle geheime 
HMebenabfichten. Seine Feinde felbft mußten ihm dies 
fes Zeugnis geben und fagen: ,, Meifter, wir wiſſen 
„, daß du wahrhaftig bift. „ In feinem Munde iſt 
fein Betrug erfunden worden, und es mar in ihm 
nicht ja und nein, fondern es war alles Tya und Amen 
in ihm. Dieſes Erempel dient allen, die redlich les 
ben wollen zu fehuldigen Nachahmungen. Abraham 
der auserwehlte und vertraute Liebling GOttes, ift 
wohl unter allen Sterblichen der Redlichfte gegen 
Gott geweſen, welches er vorzüglic, in der milligen 
Aufopferung feines einzigen Sohnes, der doch ein ſicht⸗ 
bares Unterpfand. der Verheißung GOttes geweſen, 
bewiefen hat. Es fegte diefer heilige Vater fein Ber- 
trauen auf GOtt, und entfehloß fich, durch eine Ho» 
here Gnade geleitet, fein ganzes Herz, mit allem, ſei⸗ 
nem verehrungswürdigen Schöpfer aufzuopfern. Er 
wandelte für ihm, und war fromm. Er heißt des⸗ 
wegen im vorzüglichften Verſtande ein Knecht und 
Freund GOttes. Sirach zehlt ihm unter diejenigen, 
die einen ehrlichen Namen binter ſich gelaffen, und 
fagt, daß er feines gleichen in der Ehre nicht gehabt, 


Dem 


Der Redliche, 223 


Dem Abraham verdienet David mit Necht an 
die Seite gefegt zu werden, deſſen hohen und aufge« 
flärten Geift man eben fo fehr als fein edles Herz 
bewundern muß. Der heilige Geift hat in dem 
Buche der Offenbarung in unterfehiedenen Stellen, 
ung feine Redlichkeit, feine Liebe zur Wahrheit, fei« 
nen Abfcheu für aller Berftellung, fein eifriges Bes 
ftreben GOtt wohlzugefallen, und feine ſtarke Meis 
gung andern mit aufrichtigen Herzen Gutes zu er. 
mweifen, gezeiget. Die grosmüthige Aufführung ges 
gen feinen DBerfolger den Saul: feine feltene und 
aufeichtige Freundfchaft mit dem redlichen Jonathan: 
fein barmberziges Bezeigen gegen elende und ver« 
diente Männer : die grosmüthige Enthaltung von 
der Selbftradhe: fein gerechter Eifer in der Reli— 
gion: feine prächtige Zubereitung zu dem Tempels 
bau: feine legten beweglichen Bermahnungen an feia 
nen Sohn den Salonıon, der nach ihm regieren 
follte, und fein rühmliches Verhalten überhaupt, find 
lauter herrliche Beweiſe der Redlichfeit, deren ee - 
ſich durch fein ganzes eben befliffen. Er hat feinen 
eigenen Charakter, und feine außerordentliche Liebe 
zur Nedlichfeit in dem 15. 26, und 101. Pfalm felb- 
ften vollfommen geſchildert. Ja, Damit er ſich durch 
Heucheley nicht etwa felbft betrügen möchte, fo wen⸗ 
det er fich zu dem großen Erforfcher der Herzen, mie 
diefem nachdrüdlichen Gebete: „Erforſche mich 
„GOtt und erfahre mein Herz, prüfe mich, und era 
„fahre, wie ichs meyne, und fiehe, ob ic) in böfen 
„Wegen bin, und leite mic) auf ewige Wege. “ 
Sein Wahlfpruch, deffen er beftändig eingedenf leb⸗ 
te, war: „Schlecht und vecht, das behüte u | 

lob 


224 Der Redliche, 


Hiob wird in der Redlichkeit gegen andern menig 
feines gleichen haben; denn er war felbft nad) dem 
Zeugnis GHOrtes, fehlecht und recht (oder vollkoms 
men und redlich) gottesfürchtig, und meidete Das Boͤ⸗ 
fe. Wie weit er e8 in dem rechtfchaffenen Wefen 
gebracht, wird uns von ihm felbften in feinem Bu⸗ 
be erzählet. Die Schitderungen find ſowohl gera⸗ 
then, daß man fie unmöglich leſen kann, ohne inner- 
lich gerührt zu werden. Auch unter den vernünftis 
gen Henden findet man $eufe, die wegen ihres red⸗ 
lichen Wandels vorzüglidy berühmt find, ob man 
gleich) gern zugeftehet, daß diefe Benfpiele etwas ſel⸗ 
tener, und nicht fo vollgefommen gewefen, als deren, 
welche durch eine höhere Gnade in der geoffenbarten 
Religion geleitet worden find. Die Athenienfer hate 
ten nur einen Ariftides, der nichts that, als was ge 
recht, ehrbar und redlich war. Die Thebaner ken⸗ 
neten nur einen Epaminondas, der ein ſolcher Feind 
der Lügen und Freund der Wahrheit gemefen, daß er 
auch nicht einmal im Scherz eine fügen vorgebradht, 
und die Nömer verehrten nur einen Atticus, der ges 
gen alle in einem fehr hohen Grade redlich ſich bes 
zeigte, und der weder eine Unwahrheit vorbringen, 
noch felbige leiden konnte. 

Selige Bilder edelmüthiger Seelen, und ers 
wünfchte Einwohner der Welt! Iſt es möglich, daß 
dergleichen Redliche anders als glückfelig leben koͤn⸗ 
nen? Iſt es möglich, daß Menfchen, die fo wie 
Abraham, David und Hiob wandeln, von dem Ges 
nuffe der wahren Gluͤckſeligkeit entferne bleiben follten ? 
Kann es wohl gefchehen, daß diejenigen, welche wie 
Evdaimon und Yemilie, wie Areton und Sophia © 

Ns 


‚Der Redliche 225 


ſinnet find, ungluͤcklich ſeyn ſollten? Nimmermehr! 
Sie werden es ſeyn, welche eines wahren Bers 
gnuͤgens, und: einer dauerhaften Gluͤckſeligkeit fä- 
big find. —— 


Redlichkeit und Gluͤckſeligkeit find ihren Begrif⸗ 
fen nach, auf das genaueſte mit einander verbunden. 
Iſt die Redlichkeit eine Fertigkeit, den Borfchriften 
der Natur und. Offenbarung gemäß zu leben, und 
allezeit nad) den Meinungen feines Herzens zu vre⸗ 
ten und zuhanbeln ; fo heiße Die Gluͤckſeligkeit nichts 
anders, als der Beſitz eines®uten, fo ung durch ein 
dauerhauftes Vergnuͤgen vollkommener macht. Und 
es wird gewis eine natuͤrliche und richtige Folge ſeyn, 
daß derjenige gluͤcklich ſeyn muͤſſe, der ſich nach den 
Geſetzen der Vernunft und ‚Religion richtet, als 
welche ung eben dag Gute vorfchreibt, durch welches 
wir unfern Zuftand vollkommen machen. Will man 
nun das Elend, fo uns die Tage unfers Lebens vers 
drüßlich und unangenehm machet, aus der Welt trei» 
ben, und die Glücfeligfeit, um unfer geben zu ver⸗ 
füffen, zuruͤckruſen; fo wird man die Redlichkeit, 
als die unfchägbarfte und gröfte Bollfommenheit gus 
ter Bürger , einführen müffen. 


Der ausdrückliche Befehl, das vollfommenfte 
Erempel, und das gnädige Wohlgefallen des allmüch- 
tigen Redlichen find, nebft den herrlichen, und mit Der 
Tugend verbundenen Folgen, lauter edle Bewegungs⸗ 
gründe, fo ung zue Ausübung der Redlichkeit anrei- 
zen Eönnen. Paulus, jener große Lehrer, hat uns den 
Befehl GOttes deutlich genung niedergefchrieben, in, 
Dresd. Mag. J. B. Q dem 


226 Der Redliche, 


dem er ung zur Nacheiferung alles das anpreißt, was 
Tugend heißt, und woraus tob entfpringe. Wenn | 
unfer Erlöfer verlangt, daß wir ohne falfch ſeyn ſol⸗ 
fen wie dieTauben: wenn er ung beftändig durch feine 
Boten zuruffen läffet, daß wir alle Bosheit, Heucheley, 
Meid und Verlaͤumdung ablegen follen, was fordert er 
anders von ung, als die Tugend der Aufrichtigfeit? 
Sind wir verbunden, das Mufter aller- Vollkommen⸗ 
heiten zur Nachahmung ung vorzuftellen ; fo wird die 
Wahrheit die natürliche Speife unfers Werftandes, 
und die Ehrlichkeit die Zierde und Bollfommenheit 
des Willens feyn. Denn Oott iſt gut und rechtſchaf⸗ 
fen, fein Wort ift wahrhaftig, und was er zufagt, Das 
hält fein Herz gewiß, Iſt es die Schuldigfeit aller 
vernünftigen Gefchöpfe, das zu thun, was die Ehre 
des Schöpfers erfordert, und ihm mwohlgefälle; fo 
werben fie aufrichtige Berehrer der Redlichkeit, und 
Feinde der Berftellung feyn müffen. Denn der HErr 
bat Greuel an dem Falſchen, und Hafer ein Herz, das 
mit böfen Tücken umgehet. Und jener rebliche König 
fagt: „Ich weiß, mein GOtt, daß du das Herz pruͤ⸗ 
„feſt, und Aufrichtigkeit ift Dir angenehm. „ Wie 
fehr wäre endlich zu wünfchen, daß die Menfchen bie 
guten Folgen der Kedlichkeit, und die häufigen Bor« 
£heile einfehen möchten : fo würden fie anfänglich, und 
wenigftens aus Eigennuß, genöthiget werben, redlich 
zu feyn, und ihre eigene Gluͤckſeligkeit ftärfer zu be 
fördern. Sie würden dadurch, auch ohne ihre Abficht, 
andern nüglich, und die unreine Dvelle fönnte nach⸗ 
gehends vielleicht gereiniget werden. So gut die 
Folgen der Redlichkeit find, fo böfe und ft find 
die Folgen der ——— eh uns 16 jene, "weil 


fe 


Der Redliche, 227 


ſie eine Tugend iſt, ihrer eigenen Natur nach, den 
Himmel auf Erden, und einen Zuſtand der Gluͤckſe⸗ 
ligkeit zumege bringen; fo muß dieſe, als ein Safter, 
natürlicher Weiſe, denen zur Hölle werden, die ihren 
Umgang pflegen, 


< Zur wahren Ausübung der Nedlichfeit reizet uns 
jenes vortrefliche Bild des Zuftandes unfrer erften El⸗ 
tern, wie fie in dem Stande der Unfchuld in rechtfchafs 
fener Gerechtigkeit lebten, und nichts redeten, als was 
fie dachten. Ich Habe gefunden, fagt jener weiſe Kö« 
nig/ daß GOtt den Menfchen hat aufrichtig gemacht. 
Würde man alfo nicht die erfte unfchäßbare Gluͤckſelig⸗ 
feit einigermaßen zurücruffen, und das gegenwärtige 
Elend um ein großes verringern önnen? Iſt die Ver⸗ 
ftellung und Falfchheit dem Endzwecke HHOrtes nicht 
gänzlich zumieder ? Er willhaben, daß wir andern un« 
fere Gedanfen und Sefinnungen fo, wie durch Geber- 
bei, als auch aufrichtige Worte zu erkennen geben -fols 
len, Schaden wir ung nicht durch den Betrug und bie 
Luͤgen am meiften? Man zieht fid) dadurch den Haß 
und. Verachtung des ganzen menfchlichen Gefchlechts 
zus jedermann fliehet uns als die fhändlichfte Crea⸗ 
kur, und nimmt ſich forgfältig in Acht, daß er nicht 
möchte betrogen werden. Wie befümmert und ängfte 
lich muß nicht ein ‘Betrüger leben, weil er immer in 
Sorgen feyn muß, die Falfchheit feiner Worte und 
Handlungen endlich entdeckt zu fehen ? Die beftändi- 
ge Gewohnheit der Beritellung, da man nur die 
Schattenkunſt fpielet, und fich in fremden. Kleidern, 
andere zu hintergehen, darſtellet, macht endlich un« 
vermerkt, daß wir uns ſelbſten betruͤgen, und wieder 
7554 Q 2 uns 


808 Der Redliche, 


uns handeln. Ja man macht fi durch diefes teufs 
liſche Lafter jenem höchftunglüclichen Geifte gleich, 
der in der Wahrheit nicht beftanden, fondern bie 
fügen von feinem eigenen redet, und von Natur Ders 
felbe ift. — 


Ein Redlicher muß auf die Hindernuͤſſe niemals 
achten, die ſein Beſtreben verbittern, und ihn oft von 
der Bahn der Tugend ablenken wollen. Man’rechnet 
es der Redlichkeit als ein Unglück an, daß ſie denen, 
welche allezeit die Wahrheit redeten, nur Haß und 
Verachtung zumege bringe. Wollte man fich hierdurch 
abfehrecfen laffen, fo würde man gar feine Tugend 
Heben dürfen. Allein mer find die, fo die Wahrheit 
haſſen? Sind es nicht unartigeMenfchen, deren Ber» 
fand von Weisheit, und deren Herz von Tugend 
eneblöße ift? Sind es nicht thörichte Menfchen, Die 
niemals gelernet haben, was zu ihrem Beſten ober 
Sthaden ift, was ihnen wahre Ehre und Glück, 
oder würflichen Schaden und Unglüd bringen fann ? 
Bon foldyen ungluͤcklichen Perfonen gehaßt werden, 
iſt Ruhm, und heiße nichts anders, als von GOtt 
und der ganzen vernünftigen Welt geliebt werden. 
Viele denfen, rebliche Leute werden, wegen ihrer 
Ehrlichkeit, leicht betrogen, und e8 wäre nichts ges 
möhnlicher, als daß fie durch die Schmeicheley ans 
derer nur Schaden litten. Allein diefer Schabe 
Fann leicht Durch ein Fluges und vorfichtiges Verhalten 
abgemendet ‘werben, man kann, bey ‚feiner Aufrich- 
tigkeit, ohne falfch ſeyn wie die Tauben, und dennoch 
Elug wie die Schlangen. Eine mit Klugheit ver- 
bundene Redlichkeit dient dem Mächften ohne fich 
— ſelbſt 


Der Redliche, 229 


ſelbſt in Schaden zu fegen, ich meyne einen Scha · 
den an der völligen Glückfeligkeit. Und follte man 
den Fleinen Verluſt, den man zumeilen haben 
muß, mit den vielen Vortheilen, die ung hingegen 
die Redlichkeit fhenft, auf eine Wage legen, fo 
würden gewiß die legten, bie erftern bey weiten 
überwiegen. Das WBorurtheil, daß man mit 
Scein und Berftellung in der Welt weiter, als 
mit der einfältigen Redlichkeit komme, fteht auf 
ſchwachen Füffen. Sic) verftellen, was heißt es 
anders, als den Schein einer gewiſſen Bollfom« 
menbeit annehmen, die man body mirflidy nicht 
bat, in der Abficht dadurch einen eingebildeten Bora 
theil zu erlangen? Sollte nun aber das Mittel, 
nicht viel befjer feyn, ein gehoftes Gutes zu erhale 
ten, wenn ich das.in der That an mir habe, was; 
jener nur fcheinen will? Ich werde meinen End». 
zweck viel leichter und gewiffer erhalten, auch ber 
Gefahr nicht; auggefege feyn, daß der Mangel ber. 
felben, zu meinem größten Schaden entdeckt wer» 
de, und alle angewandte Mühe vergebens fey.. 
Mit der Wahrheit wird man allemal am weiteſten 
fommen, und erfahren, daß das Speidywort der 
alten Hebraͤer ſtatt habe: „die Wahrheit hat ſtarke 
» Füße, die kügen aber ſteht auf ſchwachen Schen« 
„fen. „ Da nun alfo die Redlichfeit die wahr 
re Weisheit ft, wie follte, nach jenen verfehrten 
Meinungen, ein redlicher Mann unglüclich in der’ 
Welt feyn koͤnnen? Unſere ‘Begriffe von der Red⸗ 
lichkeit und Gliückfeligkeit zeigen das Gegentheil, 
und den ficherften Weg in der Welt fortzufom- 
men, und in: eine wahre Ruhe und dauerhafte Zus, 

N D3 fries 


830 Der Kedliche, 


friedenheit werfegt zu werden. Je laͤnger fie by 
uns wohnet, befto nüglicher wird fie uns machen. 
Sie wird verurfachen, daß ein jeder, der mit ung 
umgehet, ein Vertrauen in ung feßt, welches uns 
im ganzen $eben zu unendlichen Vortheil feyn kann. 
Wir werden, durch die Huͤlfe der Redlichkeit, alle Ara 
ten der Handlungen auf das befte zu unferer Zufrie⸗ 
denheit vollbringen, und unfer Herz wird eine uner« 
fchöpfliche Avelle eines ununterbrochenen Bergnü« 
gens ſeyn. 


Dies find unſere Gedanken von der wahren Bes 
fchaffenheit des Redlichen, der fih und andere 
wahrhaftig glücklich macht. Wie fehr wünfchten 
wir, daß die Anzahl derer, fo reblich in der Welt 
leben, nicht fo Flein und geringe wäre, damit. eg 
nicht das Anfehen gewinner, als lebten diefe edel» 
ften Gefehöpfe hier, wie in einer Wüften, wo fie 
nur menige ihres gleichen antreffen, und wo ihre 
feltenen Vorzuͤge weder nad Würden erfannt, 
noch belohnt werden. Wenn mir doc) unfern 
Endzweck erreichten, und diefe Schilderungen des 
Redlichen fo anreizend entworfen hätten, daß 
Menfchen zu Menſchen, und dann zu rechtſchaf⸗ 
fenen Ehriften würden! Schmeichelnder Gebanfe: 
doch redlicher Wunſch meiner Seele! Du meine 
Shilderung, fen wenigftens eine Anlage zu bes 
Fehrenden Gedanken, die eble Gefinnungen here 
vorbringen! Reize wenigftens zum Machdenfen 
größere Gtäcfeligkeit zu erlangen! Diefes Nach⸗ 
denfen erzeuge die lebhaftefte Vorſtellung unſerer 
verlornen Glückfeligkeit,. und das. fehnlichfte Vers: 

| lan 


Der Redlihe, 2jı 


langen diefelbe zurück zu ruffen! Es bilde den wah⸗ 
ren Nedlichen, “ und errege den angebornen Trieb 
ung vollfommener zu machen, ihm folge der Wie⸗ 
derwille und Abfcheu vor die Verftellung, Men« 
ſchenhaß, Mißgunft, Meid und andere Zufries 
denheiteftörer gewiß. Dann wird die Redlich⸗ 
feit fiegen, Liebe und Freundfchaft fich Füffen, 
und mit Wahrheit wird man fagen fönnen: 
Wir find Bürger und Einwohner 
der beften Welt. 





24 Cftand 


” 











































































































3, Stand der r Wertergläfer, net nebft der 
5 — Thermom. Barometer, } 
&..|$rüh,|Nmit.| Ab Früh. | Nachmit.| Abende. . 
1 [36 | 54 |42 27 10 |27 ı1 |28 ı; 
.2|34 |ss |43.| |28 1528 -|27 115 
3139 |63 544 127 9|27 8|27 75 
-4|52161 148 | |27 8 |27 8i27 98 
545 |58 |sız) | 27 105|27 105| 27 105: 
6145 63 |56| |27 ır [27 103] 27 ı0% 
7153 158 53 |27 103127 105127 ıı 
8148 153 |44 | 128 3 \28 = |28 & 
Äh 59147 | |28 - |27 11 |27 11 
10/44 |56 |465| | 27 ı05|27 10 |27 ı0% 
11139 |56 |47 27 ı03| 27 1035| 27 ıı 
ı2 142 |57 |44 27 11 |27 103] 27 ıol 
13 |48 |s9 |so | |.27 10 |27 93|27 9 
4732| 552447 | 127 10127 9|27 9 
46 |47 |4ı 127 8]27 ar 6 
38 [40 34 27 6|ı7 9|27 ıo 
1734 137 139 | |27 105127 7127 4 
181382142 |415| I27 4127 6|27 8| 
19138 |44 |42 | |27 93|27 105128 - | 
20/425] 512147 | |27 113127 9127 91° 
21 !443143 139 | |27 8|27 7 |27 ıo 
22 | 37'|52 46 | 28 -|27 105127 10 
23145 |48 |425| |27 9 |27 ı0 |27 10 
24138 149 135 | [27 ı1 28 - |28 3 
25129 |49 | 40 28 3 |27 ı1 |27 11 
26134 |57 | 27 Jı |27 10 |27 10 
27137 |63 |so | |27 95|27 8127 8 
28143 168 |525| 127 81j27 74127 75 
29 146 |62 55 27 73127 73127 8 
30 u 613162 27 8 27 Ak | 


























—— en 





.. Witterung im "im Monatb April. 1750. 
MWirterung,. 

al gein. | | Mac. Abends. |T.] Früh. |Machm. |Ubende. 
nlgeroöik: Oſchein helle 16 Schnee Oſchein Schnee 
Sſein gewoͤlkt gewoͤlkt gewoöͤlkt belle 
Keif Oofdanı Mind | trübe ' 
‚ Rebel windig Ofchein Schnee ! Wind 
Oſchein 


8 Ofbein) belle | _|aemwslft gewoſtt gewoltt 
7 Wind Wind Wind |! ar Negen | trübe |Regen 





ss nn 
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— 
o 





























belle 17 
















































Fewoͤſtt |gewitter I Regen Schnee 
‚ Ofhein Ofchein! helle 19gewoͤlkt Regen | trübe 
gewitter aemslft 
. s'Ofhein gewoͤſtt gewoͤſtt trübe |nemslfe Regen 
e geölt Regen Regen 
ewoͤltt gewoͤſtt gewoͤltt | trübe 
60ſchein Regen Regen |2ı] RegenRegen belle | 
gewitter 
7 gemwolft gewoͤlkt gewdlft |, „| Ofchein|Ofchein gemölft 
Oſchein 
8 "trübe gewoͤſtt gewoͤſtt * „„\gemodife gewoitt trübe 








mn | mm | nm hm nn — 




















4 Ofchein gewoͤltt | 
Sſchein Sſchem helle 'OfcheinOfchein, helle 
— ewoͤlkt 25 windig windig | 
Ofhein\Ofchein! helle * Sſchein O ſchein helle 
de |. 5. Plwindig | Wind. 
1 Sſchein Oſchein helle | _|OfcheiniOfchein| helle 
Wind | Wind windig windig — 
rwoſtt gewoͤſtt gewoͤltt Oſchem Sſchem belle | 








gewoͤlkt gewoͤlkt 


— — — — —— — 


Regen Oſchein 
— um — „Ofden Sſchem gewoltt 
N 





7° 





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Stand der Wertergläfer, nebft der 













































































328 — 
53| Thernom, Barometer. 

s Früh. Nrmit.| Wb. Früh, | Machmit.| Abende. F 
1137 |57 |a9 | |27 6|27 5327 53 
2138149 |39 | |27 7|27 8|27 
3133 | so |4o0 27 1053| 27 ı1 | 27 
4131162 |52 :7 11 127 9127 
147166 |57 | 127 65|27 53|27 

6| 54 |65 |sı | |27 6127 7127 
7145 162 \sı 27 9127 91!27 
8150 |7 K 27 94| 27 IE 

9 | 5035| 7139 27 105127 10 | 27 

10 |54 |61 |57 3 8|27 7127 
ı1|<2 |56 |s2 27 73127 94| 27 
12|48 163 |52 27 10 |27 Er 
131471645153 | |28 -|27 113] 27 
14157 160 |47 | |27 8|27 83127 - 
15 [49 | so |46 ı7 9|27 9127 

16 2 59 |:6| |27 113127 ıı — 
17156149 144| |27 8127 8\27 
18143 |sı |yz 27 9|27 ı03| 28 
19|425|57 |48 | |28 1|28 ı3l2g 
20/42 |s8 Iso| |28 3128 3|28 

21 140 64 |sı 28 2128 - |27 
22149 155 |485| |27 ı0 |27 ı0 | 27 
23|45 158 |5s3 | |27 10 |27 94 |27 
24|47 |53 |a8 | [27 10127 93] 27 

25 4723| 58 |s05| |27 9|27 9327 
26148 |sı |44 # 9|27 9|7 
27136 | 5a!lgı 27 ıı |27 ı0 !27 
28132 163 j47 | |27 9127 7127 71 
29 137 |74 |572| |27 7 |27 53127 
30 |54 164 |47 | |27 4|27 6 127 | 
31137 165255127 9527 8127 | 





Witterung im Monat May. 1759. [| 
MWirterung. 
Grab. N |Nadım. 1Abende. |.] Früb. |Nachm. |Abende. 


‚Olsenic Ofchein| helle gewoͤlkt gewitter 
Wind |.Wind gewölkt Wind | Regen 
Wind 





7 tag 








17 gewoͤlkt 




















IS ſchem gewditt Helle 7 “trübe Regen 
gewoͤlkt Oſchein O ſchein 


— — — — [mm m | — m 


3 OfcheinOfchein] helle Sſchein gewoͤlkt gewoͤlkt 
gewöͤlkt gewoͤlkt = Ofchein 


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4 Wind | Wind 


gewoͤllt Ikt 
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gewoͤlkt gewoͤlkt 








Wind Ofchein 
| Bir Wind gewoͤllt —2 


geroölkt | Helle ¶ gewontt windig dewo 
OCein Oſchem Oſchein gewoͤlkt 


22gewoͤlkt gewoͤllt | trübe 
— Regen 


— — — — — 


trübe | trübe "trübe- 











gewölkt 21 He 











en | — —— 
— 








— — — — — — = — — — — — — — 


ꝙOſchein twindig | helle trübe gewoitt gewoͤltt 
Ofbein 25 Ofhei 


Io 


SER ES SORRERR: | 1. „1. 


„ Igemöltt gewoͤlkt gewoͤſtt ſchein Regen 
Regen 260 truͤbe 


— 


bene 











ale JUDE 


ũ 





Regen gerodltt Res nl. 


bee” 
12/gemölkt Oſchein ee 28 — BAR belle 
Ofchein 


Ofgein|Ofpein gemwölkt | 50 29, Ofhein Ofhjein\gemältt 




















roindig | ? Regen“ 
Regen gemwöltt Eſchem 
j14 gewoͤlkt — gewoͤlkt 30 804 Wind | belle 
— Oſchein — gewoͤllt 
Igewoͤlkt O Sſcheim Heſe Oſchein — 
— 31 * Sſchein 
—8 — gewdit Igerooike| | | 
Awindig Regen | 








1236 n Die Spötterep . 

| 1v. een 

Die Spötteren des 
Frauenzimmers. 


an hält insgemein die Spötteren vor, eine 
Eigenfchaft, die dem weiblihen Geſchlech - 
te befonders eigen ift. Ich weis nicht, 
‚find die Mannsperfonen die Erfinder diefes ſchoͤnen 
Sages gewefen, oder erreget wirklich die Eirelfeit, 
dieſes große Triebrad der meiften weiblichen Seelen, 
die. Luſt zu fporten, als eine natürliche. Folge in ih⸗ 
nen — ich will dieſes jetzo nicht unterſuchen. Ge⸗ 
nung, der Satz, daß die Spoͤtterey eine weibliche 
Eigenſchaft ſey, iſt meiſtentheils angenommen.Eas 
‚milbe iſt ein ungiuͤcklicher Beweiß davon. ch ba 
be fie geſtern im einer Geſellſchaft zum erſtenmale ge⸗ 
fehen. Wie viel Leidenſchaften hat: fie nicht in mir 
erreget! Zorn und Mitleiden, Verdruß und Betruͤb⸗ 
niß find ihretmegen bey mir entftanden. Ich bin 
tiber den Zufall, -der.mir ihre Befannefchaft zumege 
gebracht hat, heute noch fo bewegt, daß ich faft an 
nichts als an Camillen denfenfann. Wie natürlic) 
iſt es alfo, daß; ich auch von ihr ſchreibe! 

Ich befand mich geftern in einer Abendgefelle 
ſchaft bey der Sempronia. Als ic) hinfam, waren 
ſchon Perfonen genug beyfammen. Ich vermuthes 
te dahero, die Unterredung würde lebhaft, oder we⸗ 
nigſtens lärmend feyn; allein ich hatte mid) geirret. 
Ich bemerkte in der Geſellſchaft eine ziemliche Stil» 
de, Die Reden waren abgebrochen und unzufams_ 
! | men. ;| 


des: Seauenzimmers, 237 


menhaͤngend, und man fragfe einander alle Augen⸗ 
blicfe, ob eine gemifle Dame heute nicht fommen 
würde. ch hörte, daß man fie erwartete. 

Endlich meldete man Camillen, die Thüren wur⸗ 
den geöfnet, und es erſchien eine der liebenswürdig« 
ften Geftalten. Nun war die Stille in unfrer Ges 
fellfchaft aus. Ein jedes bewillkommte die Fremde 
mit einer ſichtbaren Freude, und-fie war, außer mir, 
allen befannt. Ich konnte meine Augen nicht von 
ihr wenden. Die Anmuth war über ihre ganze Per- 
fon ausgebreitet; ihre Gefichtsbildung war rührend, 
und fie bezauberte mit ihren edeln Anfehen. Diefe 
Derfon, dachte ih, muß gewiß Berftand haben, 
Wenn fie doch dabey aud) ein gutes Herz hätte! doch 
dachte ich, alle ihre Züge verrathen ja edle. Gefins 
nungen. 

Sie hatte ſich niedergeſetzt. Sempronia zanfte 
wegen ihres langen Außenbleibens mit ihr. Sie 
entſchuldigte ſich Damit, daß fie ein Beſuch vom Lan⸗ 
be fo lange aufgehalten hätte. Ich war auf jedes 
Wort, das Camilla hervor brachte, äußerft aufmerf- 
fam, und ich wartete begierig auf.ihre Antwort, als 
man ſich weiter nad) ihren gehabten Befuche erfun« 
digte. Wie erftaunte ich, als die ſchoͤne Camille 
mit der ‚größten gebhaftigfeit eine Befchreibung von 
einem $andjundfer und feiner Frau zumachen anfieng ! 
Die durchdringenfte Spötterey herrfchte in ihrer Mes 
de. Sie befchrieb die Characktere, die Geftalten, 
die Manieren, und die Kleidungen ihrer Perfonen 
auf eine höchftlächerliche Weile. Die Gefellfchaft 
gab ihrer Rede durch ein lautes Gelächter ihren Bey · 
fall. Was vor eine Wirkung hatte fie: nicht hinge⸗ 

gen 


038 Die Spötterep: 
gen auf mich gemacht! Ich hegte ſchon die beften Be⸗ 


griffe von diefen jungen Frauenzimmer — und nun 
hörte ich fie fpotten ! Welche eine. traurige Entde⸗ 
dung ! | 

Ich bemerkte in Camillens Augenein recht huͤpfen⸗ 
des Vergnügen über den Beyfall, den fie von der 
Geſellſchaft erhalten hatte. Sie fächelte ſich mit ei- 
ner fiegenden Miene, fahe rund um ſich, und mach⸗ 
te ſich grade — lauter. Eleine Bewegungen der Eitel« 
feit, wenn fie fi) durch ein Frauenzimmerherz Luft 
machen will. Ich ſeufzte heimlich über die betrübte 
Schwachheit, die ih an der Camilla ſah, und fühl- 
tee in mie einen empfindlichen Berdruß, daß id) mic) 

in meiner fhönen Hofnung betrogen fand. Ich ent 
fchloß mic dem ohngeacht, weiter auf dieſe junge 
Dame Achtung zu geben. 

Es wurde eine Zeitlang von gleichgültigen Dingen 
geiprochen, und fie fprach von allen mit Berftande, 
Ein feiner und lebhafter Wig zeigte ſich in allen mas 
fie fagte, und er machte mir ein unendliches Bergnüs 
gen, fo lange er niemand beleidigte ; indeflen mifchte 
die Erinnerung der vorigen Spottrede immer nod) 
etwas frauriges in meine Empfindungen. Endlich 
fiel "das Gefprädy unvermerft auf Materien, in wel 
chen man edle Öefinnungen zeigen konnte. Camilla 
that ſich darinnen ganz befonders hervor, und gab 
Merkmale der grosmüthigften Denfungsart, Wie 
bebauerte ich) es, daß ic) fie vor wenig Augenblicken 
von einer ganz andern Seite gefehen hatte! Ein jun 
ger Herr wollte die Beſcheidenheit des weiblichen 
Gefchlechts lächerlich machen ; allein Camilla ſchloß 
ihn mit einer edlen Hitze den Mund, und hielt, in 
4 wenig 


des Frauenzimmers. 239 


wenig Worten, der wahren Tugend ’einesobrede, die, 
durch ihre Bertheidigung, noch überzeugender ward, 
Diefes rührte mid) fo, daß mir die. Thränen in bie 
Augen traten, und ich vergaß in diefen Augenblicken, 
daß ic Camillen als eine Spötterinn gefehen hatte. 
Allein, o Himmel! fie felbft erinnerte mich wieder 
daran. Es gieng eine Dame aus der Gefellfchafe 
weg. Sie war kaum aus den Zimmer, als eine ans 
Dre von ihr zu fprechen anfieng. Die dritte antwors 
tete Darauf auf eine ziwendeutige Weife, und Camil« 
la hatte diefes nicht fo bald gehört, als fie fich in die 
Alnterredung mifchte, und aufs neue eine vollfommes 
ne Spötterinn abgab. 

Ich war erſtaunt. ch fühlte die Zähre, die noch, 
vor Vergnügen über Camillens Tugend, in mei« 
nen. Augen zitterte, "vor Unmillen, über ihre frrafbare 
Schwachheit, vertrofnen. Meine natürliche Auf⸗ 
richtigfeit litt unendlich, daß ich fie nicht gleich in ih⸗ 
ver. Rede unterbrechen, und ihr die Miederträchtig« 
keit der Rolle, diefie fpielte, zeigen ſollte. Allein ich 
Fonnte nicht vermuthen, daß ich hierdurch bey einer 
Unbefannten etwas gewinnen würde. Ich zwang 
mid) alfo, und entfchloß mich, fie weiter zu beobach⸗ 
ten. ' . " 

ch Hatte den Schmerz ‚eine ganze Getchichte 

bes Lächerlichen aus dem fanften Munde der Camils 
la zuhören ; und fie lies mir Zeit genung, mic) zu 
derwundern, wie fich in einer: Perfon fo entgegenge⸗ 
feste Eigenfchaften befinden koͤnnen. Sie brachte 
bald meine Bermunderung auf den höchften Grad, 
Es fam eine Perfon in die Gefellfchaft, die uns eine 
Degebenheit erzählte, von. welcher fiesebenein Zeuge 
gewe⸗ 


240 Die Spötterep : 


‚geivefen war. Dieſe Erzählung wuͤrde bier zu viel 
‚Pag wegnehmen, vielleicht theife ich fie meinen Le⸗ 
fern einmal in- einem befondern Blatte mit, Jetzo 
will ich nur fo viel fagen, daß fie von einer unglüd» 
ichen Familie handelte. Cs wurden uns rührende 
Beyſpiele von der mütterlihen und Eindlichen. tiebe 
svorgeftellet. Wenige in der Geſellſchaft zeigten da» 
«ben einige Empfindung. Wenn es hoch kam, fo bes 
dauerte man, mit einigen kaltſinnigen Sylben, das 
Schickſal diefer Perfonen » » allein bey Camillen 
wurde ich ein fuͤhlendes, mitleidiges Herz gewahr. 
Ihre ſchoͤnen Augen giengen mit Thraͤnen uͤber, die 
fie aber zu verbergen ſich Muͤhe gab. Sie getrauste 
ſich nicht, jemanden anzuſehen, und ſaß, als in tiefen 
Machdenden, mit niedergeſchlagnen Augen da, indem 
der fremde Herr noch einige Umſtaͤnde erzaͤhlte, die 
vorher mit der ungluͤcklichen Familie vorgefallen wa⸗ 
zen. Er nennte einige Perſonen, deren Großmuth 
fie verfchiednemal erhalten härte. Auf einmal wen · 
dete er fich zu Camillen — Schlagen fiedie Augen 
wicht fo nieder, ſchoͤnes Fräulein, ich werde den Aus 
‚genblic auch ihren Namen nennen. Hierauf wol 
6 er, wie e8 fehlen, den! Anmwefenden die Grosmurh 
der Camilla bekannt machen, als fie ihn mit einer 
geſchwinden Bewegung unterbrach, und ihn zu ſchwei— 
gen noͤthigte. on re 
- Wenn ich meinen $efern doch die liebenswuͤrdige 
Verwirrung ‚befchreiben koͤnnte, die fich bier über 
das ganze Geſicht der Camilla ausbreitere. Wenn 
ich ihnen doch das beſcheidne Erröthen ihrer Wan 
gen mahlen Fönnte! Jetzo, da fie fich einer wahrhaf⸗ 
tig edlen Handlung bewuſt war, konnte ich nicht die 

geringe 


- 


des Srauensimmers. 241 


geringfte Spur von derjenigen Eitelkeit an ihr mer 
fen, die fie vorhin in meinen Augen fo Elein gemacht 
hatte. Sie ſchien durch die Schwatzhaftigkeit Des 
fremden Heren fo gedemürhiget zu ſeyn, daß fie da- 
durch ‚die Probe der größten Befcheidenheit ablegte, 
Sie ‚erlangte: dadurch einen großen Theil meiner 
Hochachtung wieder — die Gefellfchaft gieng hierauf 
bald aus einander; und ich gieng, über einen ſo wun⸗ 
derbar zufammengefegten Character, erſtaunt, nach 


ufe. Ä 
Ich glaubte, es Fonnte:nicht ‚ohne Nutzen ſeyn, 
wenn ich dasjenige, was ich von Camillen geſehen 
hatte, oͤffentlich bekannt machte. Ich fuͤhle eine 
recht freundſchaftliche Zuneigung gegen dieſes Frauen⸗ 
zimmer, und aus dieſer Zuneigung folgt der natuͤrli⸗ 
che Wunſch, daß ich ſie beſſern, und vollkommner ſe⸗ 
hen moͤchte. Haͤtte ich nur die geringſte Bekannt⸗ 
ſchaft, oder gar Freundſchaft mit ihr, ſo wuͤrde ich, 
derjenigen Aufrichtigkeit zu Folge, welche die Regel 
aller meiner Handlungen iſt, nicht geſaͤumet haben, 
ihr meine Gedanken uͤber ihr Bezeigen, freymuͤthig 
ju entdecken. Allein ich ‚bin ihr völlig unbekannt. 
Ich habe mich) forgfältig ihrentwegen erfundigt, und 
was ich.erfahren habe, hat mich in meinem Vorſa⸗ 
ge noch mehr beftärdet. 

Camilla ſoll ſich das Spotten fchon fo fehr ange 
wöhnt haben, und der Ruhm eines angenehmen 
Wiges, den fie dadurch erhält, iſt ihr fo reigend. ge- 
worden, daß fchwerlich-ein gelinder Mittel, als das⸗ 
jenige, das ich hierdurch ergreife, den gervünfchten 
Erfolg Haben wird. Sie gehört unter diejenigen 
Perfonen des ſchoͤnen Geſchlechts, die durch Leſen ih⸗ 
Dresd. Mag.LB. R ven 


242 Die Spörterey - 


von Verſtand ausgebeffert haben z: ich zweifle alfe 
nicht, unfee gegenwärtige Schriften werden von ihr 
gelefen werden. Ich habe Merckmale eines guter 
Herzens und einer richtigen Beurtheilungsfraft an 
ihr bemerkt; fie wird-alfo, wenn: ſich diefe Eigen» 
fchaften wirklich bey ihr befinden, ihe: Unrecht ſowohl 
einfehen; als zu beflern ſuchen. And alsdenn , ic} 
weißes. gewiß, werden fich auch Freunde finden, die 
ihr in diefer edlen Bemühung beyſtehen werden. Ih⸗ 
re wahren Freunde wünfchen ſchon jego nichts» eifri⸗ 
ger, als die fonft ſo achtungswuͤrdige Camilla von 
dieſer ſtrafbaren Schwachheit geheilet zu ſehen. 
Dieſe Freunde werden fie alsdenn gedoppelt lie⸗ 
benz und diejenigen, die uͤberall wo fie erſcheint, ihr 
Berragen fo aufmerffam:als ic) beobachten, (eine fo 
reigende Perfon wird allemal genauer als andre bes 
obachtet,) werden fie nur bewundern, und alsdenn 
gar nichts mehr finden, daß ihre Annehmlichkeiten 
perdundeln Fann, ° | | Dun, 
Diefe Bemegungsgründe wären hinreichend, ein 
Derfon, die nichts als andern’ zu gefallen ſuchte, das 
bin zu bringen, daß fie fih Zwang anthäte, ihre 
Meigung zum Spotten zu unterdrücen oder zu verz 
bergen; - allein dieſes wäre gezwungen, und damit iſt 
der Tugend nicht gedient. Ueberdiefes hat Camille 
eine viel zu edle Seele zur Verſtellung. Wenn fie 
alfo aufhört zu fpotten, fo wird es aufrichtig gefches 
ben, und aus einer wahren Ueberzeugung, daß die 
Luft zu fpotten fchlechterdings nicht mit den guten 
Herzen beftehen, und die beften Eigenfchaften verder= 
ben fann. Wie liebenswürdig wird fie alsdenn ſeyn! 
Wie viel andre junge Perfonen die zur Vollkommen⸗ 


des Frauenzimmers. 243 


heit fich bishero ihr Benfpiel vorgeftelle haben, wer 
den durch ihre Veränderung von der Gefahr errefs 
tet werden;i.erft Spötterinnen und endlich boshafte 
‚Berläumberinnen zu werden. Diefer Gedanfe al⸗ 
lein iſt vermögend, ein edles Gemüthe von feiner 
fiebften Neigung abjubringen. Ich will hierbey fte= 
ben bleiben. Wenn doch die fchöne Camille meine 
Blätter läfe, undalsdenn demjenigen aufrichtig-folg« 
te, was ihr ganz gemiß ihr eigen Herz vorfchreiben 
wird. Wie verehrungswuͤrdig wird fie alsdenn feyn, 
und wie fehr werden fie ihre Freunde lieben ! 


3 


V, ä 
— 
Dom Mitleiden. 
Malheureux, dont le coeur ne fait pas comme 
; on aime » 
Et qui mont point connu la douceur de pleu- 
= VOLTAIRE. 


ch habe eben eine betrübte Perfon gefehen, ei⸗ 

men unglüclichen Freund, Wie hat dieſer 
e Anblick mein Herz gerührt! Die Traurige 
feit, die ich an diefer Perfon wahrgenommen babe, 
bat durch eine geheime Sympathie, meine ganze 
Seele eingenommen. Meine. Bruft ift beflemmt, 
meine Augen ftehen voll Thränen — ich empfinde 
järtliche Schmerzen — ich hänge denfelben nad), 
das Unglüc eines andern wird mein eignes, und ic) 
überfaffe mich gänzlich) den Regungen des Mile 


leidens. 
Ra Maͤch⸗ 


244 Vom Mitleiden. 

Maͤchtige Regung, du biſt meinem Herzen un⸗ 
entbehrlich! -Was würde es vor ein Herze ſeyn, wenn 
es gegen das Leiden eines Menfchen unempfindlich 
‚wäre, wenn es den Schmerz eines Freundes ſehen 
£önnte, ohne ihm mit zu fühlen? Wenn es aber von 
der lebhafteften Ruͤhrung durchdrungen iſt; wo waͤ⸗ 
xe die Erleichterung des Kummers, wenn ihr niche 

‚wäret, fanfte Thränen, Ausbriche des zärtlichen 

Mitleids! Fließt nur, verfchaft dem gepreßten Her 
” ‚einen leichteren. Ddem! — —. 
Nun meine Geifter ruhiger find, fühle ic mich. fü 
big, Betrachtungen zu machen. Cie follen alle auf 
die Empfindungen des Mitleidens gerichtet feyn. 
are Freund ift nicht mehr der einzige Gegenftand 
des. meinigen. Meine Seele zerfihmelgt in der Em⸗ 
pfinbung über das Ungluͤck eines ganzen Landes, und 
ungäßtiger Menfchen, meiner Brüder. Barum, 
p warum feyd ihr unglücklich! Es iſt etwas fehr 
fanftes in der Empfindung des Mitleidens. Ohn⸗ 
erachtet es allemahl ein leidender Zuftand ift, wenn 
män an den Schmerzen eines andern Theil nimmt, 
fo ziehe ic) Doch diefen Zuftand einer lärmenden 
Freude unendlid) vor; einer Freude, die nicht das 
Wohl andrer zum eigentlichen Zwecke hat. Es iſt, 
als wenn der erfte fich beffer vor mein Herz fehicte, 
und vor dafjelbe gemacht wäre. 

Theureftes Gefchlechr der Menfchen! Wie genau 
find Die Bande, mit welchen das ewige Wefen unfere 
Herzen zufammen verbindet! Jeder fühlt die Mes _ 
gung in fi, andre Menfchen zu lieben, der bündig- 
fie Beweiß, daß unſer Schöpfer Die Liebe felbft iſt. 
Die Natur giebt ung denfelben, und er ift in - 

derʒ 


Dom Mitleiden, 245 


Herz eingepflanzt. Wo iſt das fuͤhlloſe Geſchoͤpfe 

unfer uns, das die zarten Bande, die ung vereini— 

gen, nicht fennen, und den Trieb nicht empfinden 

folfte, feine Nebengefchöpfe zu lieben ? Iſt wirklich 

ein ſolches Wefen möglich? Laßt uns feine Gefelle 

fchaft fliehen, mit Schrecken fliehen — aber nein, 
das arme Gefchöpfe verdient unfer Auferftes Mitleid, . 
ja fo gar unfern Benftand. Wie elend ift es, und 
wie viel Ötückfeligfeit muß es entbehren, 


Iſt es wohl möglich, daß ein Menfch in fich felöft 
glücklich feyn ann‘, wenn fein Herz mit nichts vers 
bunden ift; wenn er niemaflß/liebet, und von nie⸗ 
manden geliebet wird ? Einen ſolchen Menfchen muß, 
die ganze Welt eine traurige Wüfte ſeyn, und nies 
mals wird er ein recht lebhaftes Vergnügen empfins 
den. Er fann über nichts vergnügt feyn, wenn es 
ihm niche felbft angehet, und wie unſchmackhaft muß 
ein Vergnügen feyn,an dem niemand Theil nimmt ? 
Betrift ihn ein Unglüc, wie ſchwer wird⸗es ihm zu 
ertragen! Er kann ſeinen Kummer nicht in den Bu⸗ 
fen eines treuen Freundes ausſchuͤtten, und mie mes 
nig ift er diefer fanften Erleichterung werth, wenn er‘ 
kein Verlangen darnach fühlt! Ich glaube zur Eh— 
ve der Menſchheit, daß wenig dergleichen Geſchoͤpfe 
vorhanden ſind. Esift nicht möglich, daß ein Menſch 
das Verlangen nach einem Freunde umſonſt in ſei⸗ 
nen Buſen hegen ſollte. Die Menſchen ſind dazu 
gemacht, einander zu lieben, und ein jeder findet ein 
Geſchoͤpfe, deſſen Neigungen genung mit den ſeini⸗ 
gen uͤberein kommen, um eine Freundſchaft zuzu⸗ 


laſſen. 
u N 3. Die 


246 Dom Mitleiden, 


Die Gefelligfeit, zu welcher alle Menfchen nach 
dem Gefege der Natur verbunden find, wird durch 
das Mitleiden am vollfommenften ausgeübet: Ein 
Herz, das des Mitleids fähig ift, das an dem Un⸗ 
glüc eines andern lebhaft Theil nimmt, nimmt aus 
einer gleichen Regung eben fo lebhaft an der Gluͤck— 
feligfeit des andern Theil; und hieraus fließt die na⸗ 
türliche Folge, daß es fich beftreben wir, Diefe Gluͤck⸗ 
feligfeit zu befördern, und zu derfelben etwas beyzu- 
tragen. Das Mitleiden ift alfo eine menfchliche und 
rechtmäßige Empfindung —. fo mill ich mich denn 
derfelben überlaffen, und mein Herz ohne Bedenken 
befriedigen, das von Empfindungen über die Leiden 
der Menfchen, überfließet. 

Mit wie vielen Mühfeligkeiten ift das menfchli« 
che Geſchlecht beladen! Wie viel Gegenftände des 
Mitleidens fehe ic) vor mir! Hier Hängen zarte Kin⸗ 
der an den Armen verlaffener Mütter; ehe fie noch 
das Leben Fennen, ertragen fie ſchon alles, was das 
Elend graufames hat, frauriger, wehmuthsvoller Ans 
blick! Sie wachfen unter den Thränen auf, und laͤ⸗ 
eheln voll Unfchuld, dem Unglück entgegen — ihre 
fo glüfliche Unmiffenheit bewegt mich zu dem aͤuſer⸗ 
ften Mitleid. Sie werden erwachen, ach! fie wer⸗ 
den aus diefem füffen Traume zur Vernunft erwa⸗ 
chen, und fich alsdenn von dem aͤuſerſten Mangel,; 
und von dem frefjenden Grame, umgeben fehen! — 
arme Unfchuldige! Möchte doch jedes -von euch ein 
thätiges Mitleiden antreffen ! 

Dort fchleicht mit Erummen . Rüden und zittern⸗ 
den Knien ein armer Alter ; er ſieht ſchon einem 
Sparten gleich, und ſcheint kaum mehr in das Leben 


Vom Mitleiden. 247 


zu gehören — dennoch muß er das wenige, das zur 
Erhaltung diefes armfeligen Lebens gehört, vondem 
Erbarmen der Borübergebenden erflehen! Unglück 
licher Alter! Iſt diefes die Frucht fo vieler Angftlich 
durchwachten Nächte, und die Belohnung deiner em« 
figen Sorgen? Mufte dein Haupt zudiefer Schmach 
grau werden? Ach, eben diefes Haupt würde denen 
Augen der Menfchen vielleicht verehrungswürdig vor= 
fommen, wenn es anftändiger bedeckt wäre ! Du 
würdeft vielleicht Ehrenbezeigungen von denenjenis 
gen erhalten, die dich jegt im Vorbeygehen Faum 
eines Blickes würdigen, und wenn fie es ja thun, oft 
mit einen unmilligen Auge einen Pfennig zumerfs 
fn! — Die — kraͤnkt ein jedes Herz; 
und wenn ſie von der Armuth begleitet wird, ſo ſind 
dieſes zwey toͤdliche Pfeile, denen die Ruhe des ſtand⸗ 
hafteſten Weiſen kaum wiederſtehen kann. Aber der 
Mangel iſt es nicht allein, welcher die Menſchen zu 
Gegenſtaͤnden des Mitleidens macht. Dort ſehe ich 
eine zahlreiche Menge, unuͤberſehbare Haufen -von 
Gefhöpfen. Jedes von ihnen ift mit einer vernünfs 
tigen Seele begabt, und die Seele eines jeden iſt un. 
fhäßbar. Alle diefe Gefchöpfe hängen von dem 
Wind eines Einzigen ab, und auf diefen Wind müfe 
fen fie ſich allem, was in der Natur fehrecfliches ift, 
ausfegen. Derjenige der ihnen gebietet, ift ein Ges 
fhöpfe wie fie, gleichen Gefahren und gleichen Maͤn⸗ 
geln unterworfen, es ift Fein anderer Unterſchied zwi⸗ 
ſchen ihnen, als daß diefer gebietet, und jene gehor« 
en müffen, Er beherrfchet diefe Schaaren mit eis 
ner unumſchraͤnckten Macht, und diefe Ungluͤckſeligen 
werden gebraucht, andre ihres gleichen umzubringen, 

R4 oder 


248: Vom Mitleiden. 


eder ſich von ihnen umbringen zu laſſen. Sie wer— 
den zu Werckzeugen einer ungerechten Macht, und 
zum Unglüc und dem Verderben ganzer fähder ges 
braucht, Wie würdig find diefe menfchlihen Mas 
fhinen meines Mitleidens! Und noch unendlich würs 
diger werden fie beffelben, wenn ich fie vor Wie Bes 
lohnung der Gefahren, denen fie fich ausfegen, vers 
ftümmelt, und unzälige Familien dadurch ungluͤck⸗ 
lich gemacht fehe! 

Allein wie ſchwach und mie mitleidenswuͤrdig ift 
die menfchlihe Matur nicht fehon an und vor fich 
ſelbſten! Ich fehe wiederum ganze Schaaren, die 
meine Aufmercfamfeit verdienen, und auf ſich zie⸗ 

en. Ich ſehe Menfchen, die, ohne. verftümmelt zu 

yn, des Gebrauchs ihrer Glieder beraubt find, und 
denen, ohne daß fie arm find, die Annehmlichkeiten 
des $ebens verfagt find, Wie viele werden von 
graufamen Kranckheiten geplagt, und wie viele feufs 
zen unter guälenden Schmerzen! Sie entftehen oft 
ſelbſt aus der Natur des Menfchen, und viele vers 
mehren und ernähren mit jedem Athemzuge Dasjenis 
ge, was fie vernichten foll! Arme Elende! Ihr bes 
findet euch auf einer Welt, welche die Güte GOttes 
auf das herrlichfte gefegnet, und mit fo viel Schön« 
beiten ausgeſchmuͤcket hat, Ihr feyd mit denenfel- 
ben umgeben, und Fönnt fie nicht genießen! Die 
wohlthätigen Stralen desjenigen Geftirns, das alles 
belebet und frölich) macht, dringen bis zu euch, und 
erhellen das düftere Zimmer, in welchen ihr ächzet ! 
Umfonft, eure Seele wird dadurch nicht erbeitert! 
Die Empfindung eures Elends und das Gefühl der 
Schmerzen ift ftärder. Die Saft, die euern Körper 

5 nie⸗ 


Dom Mitleiden 249 


niederdruͤckt, hindert euch, Annehmlichkeiten die auſſer 
auch find, zu empfinden. Wie erweicht der traurige 
Zuftand in welchen ich euch fehe, mein Hery, und 
wie fehr fend ihr zu beflagen! / 

Allein mein Blick fann nicht-auf einmahl afle Ges 
genftände des Mitleidens überfehen, Es iſt zu viel, 
allzuviel vor mein gerührtes Her; ! 

Ewige Borfiche! Erhalte die Empfindungen, die 
jest in mir find, fets neu, und ſtets wirdfam! Die 
Leiden der Menfchen, meiner geliebten Brüder, muͤſ⸗ 
fen ſtets, wenn ich fie ſehe, meine Seele mit Weh« 
murh erfüllen, und diefes Gefühl müffe mich gegen 
das ganze menfchliche Gefchlecht liebreich und fanft« 
müthig machen. Gieb, daß ich aud) die Fehler an⸗ 
derer mit fanften Erbarmen beflage, und eine frem« 
de Schwachheit, auch wenn fie mir Schaden hut, 
mit einem mitleidigen Auge betrachte, - Mein Mit 
leiden müfle nicht bloß auf die cörperlichen Umſtaͤn⸗ 
de der Menfchen ‘gerichtet feyn , fonderm auch den 
Wehrt ihrer unfterblichen Seelen zum Zweck haben, 
Alsdenn werde ich mich niemals erzürnen fönnen, 
wenn ein Gefchöpfe, das fo gut ift als ich, mir Un⸗ 
techt thut ober mich beleidiger, denn ich werde feinen 
Irrthum bedauern, und mich betrüben, daß es da⸗ 
durch den Werth feines Wefens herunter fegt. 

Was foll ich aber von denjenigen Creaturen fa» 
gen, die im Stande find, hülfsbedürftigen Perfos 
nen ein thätiges Mitleiden zu erzeigen, ımd es ihnen 
doc) mit harten Herzen verfagen! Auch diefe verdies 
hen mein Mitleiven , denn ich fehe fie ihre Pflicht 
verlegen, und fie entbehren, indem fie ihre Herzen zur 
Empfindung verfchlieffen, ein görtliches Vergnügen. 

R5 Ich 


250 Das Saultbier., Ignavus. 


Ich wünfche einer ‚jeden foldyen Creatur aus ‚recht 
guten Herzen eine. Abnahme ihrer‘ — und = 
Vermögens, Denn, 


Gagt, ift wohl, wie man oft erfährt, 
Ein folhes Gluͤck beneidens wehrt, 
Wobey wir den Berluft der fhönften Gaben fpüren, 
Und unfer Yutes Herz verlieren ? 
Iſt es Fein Gluͤck, viel lieber arm und klein, 
Als reich und groß, und insgemein 

- An Menfchenliebe leer zu feyn? 


Schrentendorf, 
VI. 


Das Faulthier, Ignavus. 


Ir Faulthier, welches von ben Mohren Pot- 
to, und von den Spaniern fpottweife Perico 
ligero genennt wird, bat ein fehr haͤßliches 
Anſehen, und wird von einigen für das allerhaͤßlich⸗ 
fte Thier gehalten. Es bat die Geftalt und Größe 
eines. mittelmäßigen Affens, aber dichteres und län= 
geres Haar, längere fpißigere Zähne, ftärfere Hin⸗ 
terbacfen, und nach Proportion einen größern Leib. 
Dargegen find Schnauge, Augen und Naſe Fleiner. 
Es mangeln ihm die äufern Ohren, und es hat nur 
blos den Gehörgang. Der Kopf ift unförmlicd) 
groß, und der Schwanz fehr furz. Die Pfoten find 
größtentheils glatt und ohne Haare, und fehen wie 
Hände aus; jede aber hat nur drey Zähen, die läns 
ger und fpigiger find, als — Affen, welcher Pie 

| fünfe 


Das Faulthier, Ignavus. 251 


fuͤrfe hat. Es iſt überall voller Runzeln. Yung 
hat es eine glatte Haut, und iſt blaßmaͤuſefarbigt; 
wenn es alt wird, iſt es roth oder braun, und ſo dick 
mit Haaren bewachſen, als mit Wolle. Aue: 


Es iſt fo träge, daß, wenn es einmal an 
einem Orte liege, man weder Ketten noch Käfige: 
nöthig hat, um es zu verhindern, daß es nicht davon’ 
laufe. Es: bleibt, ohne ſich zu bewegen, fo. lange 
liegen, bis es der Hunger zwingt, Mahrung zu füs 
den. Es ſcheuet fich weder für Menfchen noch wil« 
de Thiere. Es bewegt fich auch nicht im geringften: 
gefchwinder, wenn man es ſchlaͤgt. Bey jeglicher 
Bewegung macht es ein fo unangenehmes und ers 
bärmliches Gefchren, daß es bey demjenigen, der es 
hoͤret, Mitleiden und Verdruß zugleich erreger, Dies 
fes thut es auch, wenn esnur den Kopf oder ein Bein 
veget. In dieſem haͤßlichen Gefchrey beſteht feine. 
ganze Vertheidigung. Denn wenn es von einem 
wilden Thiere angefallen wird, und natürlicher Weis 
fe die Flucht ergreifen will; fo erreget es bey jeder 
Bewegung ein fo widriges Gefchren, daß fein Ber 
folger ſich dafür entſetzt und flieher. Es ſchreyet nicht 
nur fo haͤßlich, wenn es fortgehen will, fondern, 
wenn es bey einem einzigen Schritte fünf bis ſechs⸗ 
mal gefchrien hat, fo ſchreyet es eben fo viel mal, 
wenn es ausruhen will, und bleibt lange Zeit unbes 
weglich, ehe es den andern Schrift thut. Es braucht 
wenigftens acht bis neun Minuten, um einen Fuß 
drey Zoll weit fortzufegen, bewegt einen nad) 
dem andern, und zwar einen jeden eben fo langſam. 


Es 


252 Das Faulthier, Ignavus. 


Es erhaͤlt ſich von Waldfruͤchten und Blaͤttern. 
Wenn es auf dem Boden nichts findet; ſo ſteigt es 
auf einen Baum, und wirft fo viel Früchte herunter, 
als es kann. . Damit es ſich nun die Mühe und die 
Zeit erfparen möge, bie es ihm Foften würde, wenn 
es mit eben fo vieler Beſchwerlichkeit wieder herunter 
fteigen follte; fo rollet es ſich wie eine Kugel zuſam⸗ 
men, plumpt gerade herunter, frißt fich fett, und 
bleibe unten am Baume, fo lange, als die Früchte 
waͤhren, und big es die Noth forttreibt. Wenn: nun. 
die Bäume weit entfernt oder hoch find,. fo wird es 
oft unterwegens fo mager, als man es ſich nur dor» 
ſtellen Eann, und ftirbe wohl gar Hungers, wenn es 
unterwegens nichts zu freſſen antrifft. Cs verläßt 
daher nicht leicht eher einen Baum, als bis alle 
Blätter abgefreffen find. 

Es finder ſich diefes Thier in Suͤdamerica, wie 
auch in Africa auf der Küfte Guinea. j 


©. Dampier Reife um die Welt, 
Roger Reife nad) Oſtind. durch Suͤdweſten. 
De Ulloa Reife nad) Südamerica. 
Boſman Beſchreibung von Guinea. 
AllgemeineReifebefihr. 4,10,12. und 13. B. 





VII. 


Ode an feine Brauch 273 
VII. — 


Ode an ſeine Braut. 


o biſt Du denn fuͤr mich erwaͤhlet? 
Fuͤr mich mit ſo viel Reiz beſeelet? 
Und mein auf meine Lebenszeit? 

So iſts Dein Wunſch, mich zu begluͤcken? 
O Kind! ich zittre vor Entzuͤcken, 
Und weine vor Zufriedenheit. 


Empfind es, goͤttliche Philinde, 
Empfind es ſelbſt, was ich empfinde; 
Der Tag der Liebe nahet ſich. ER 
Bald wird er mir das Recht vergönnen,; 
In Deinem Arm fchön zu entbrennen. 
O mer ift glüclicher, als ich? - 


Sey igt mit dem getreuften Triebe, 
Mit einem Hergen, voll von Liebe, 
Bon Sehnfucht voll, von mir ‚umfaßt... 
O möchte jeder Kuß Dich lehren, 
Dog Du von allen, die "Dich ehren, 
Den Zärtlichften gewaͤhlet haft, 


Wie oft werd. ich Dir dieß beweifen! 
Wie oft an Deiner Bruſt den preifen, 
Aus deffen Hand ich Dich erhielt! 
Da wird es meine Wolluft werden, 
Dir, befte Freundinn’ auf der Erden, 
Zu zeigen, was mein Kerze fühle, 
Da 


254 Ode an ſeine Braut. 


Da werd ich taͤglich mich erkuͤhnen, 
Dich, die Du- mein biſt, zu verdienen, «, 
Als waͤr Dein Herze noch nicht mein. 
Durch Liebe werd ich dieß erreichen, 
Erſt Dir an Lieb und Freundſchaft geichen. 
Dann — Du an Siebe * 


as AR is nice i in — Stunden, 
Um Dich zu feyn, für Luſt empfunden ! 
Was war mir .reizender,. als Du? 
Ein füffes Wort von Dit ‚gefprochen, 
Vergnuͤgte mich auf. ganze Wochen, 
Und fon ein. DI von DI „war ‚Ruf: 


Was werd m da’ nicht ef empfinden, 
Wenn ich, verbunden mit Philinden, 
Geliebt von Ihr, als Freund und Mann; 
Wenn id von Ihrem Arm umfchloffen, 
Ein Gluͤck, daß ich fonft kurz genoffen, 
Ein en $eben ſchmecken Fann ? 


Wenn mir in — Jehre Reihe, 
Ihr Herz, ein Herz voll Lieb und Treue, 
Ein Feſt aus jedem Tage macht; 
Wenn mir in Ihrem Reiz der Jugend, 
Der Reiz der Unſchuld und der Tugend, 
Mir, ihrem Freund, entgegen lacht. 


Bald 


Ode an feine Braur, 255, 


Bald wird Ihr Lied mein Herz beleben, 
Wenn Sie, die tiebe zu erheben, 
So feurig, als Sie fühle, fingr. 
Da werd ichs wagen, auch zu fingen, 
Und wird mein $ied mir‘ nicht gelingen, 
Doc) flolz feyn, daß es Ihr gelingt, 


Boald werd: ich neue Freude fühlen; 

Wenn fie, von tiebe mir zu fpielen, 

Mit fehneller Kunft den Flügel fhläg, 

Da wird-mein Herz mit ſchnellen Schlägen; 

Sic immer freudiger bewegen, —— 
Wie ſich die weiße Hand bewege, 


Da bin ich gluͤcklich bis. zum Meide‘ wi 
D komm doch Tag, du Tag der Freude, 
An den mein Herze ſtuͤndlich denkt >.» 
Er koͤmmt. Ich ſeh ihn fehon von weiten, 
©. „Er fömmt, umeingt mit Zärtlichfeiten, 
Der Tag, der mir Philinden ſchenkt. 


5 
# 


Ich ſeh Sie ſchon im Schmuc der Bräure, 
Ich ſeh Sie ſchon an meiner Seite. 

Wie fchön ift Sie, wie reizend ſchoͤn! 

Wie lang ifts noch zu meinem Gluͤcke? 

O Braut, nur wenig Augenblice 
So werd ich Dich auf ewig ſehn. 


| v. Pꝛ*** 
mo MW ehr 


Inn⸗ 


Junhalt. 


1. Nachricht von den an verſhhiedenen Orten in 
England — Raͤder⸗ und Walzen⸗ 
ſteinen. ee \ 195 


II.. Fortgeſettte Betrachtung des Redlichen, 206 


111. Stand der Wetterglaͤſer, nebft der Witte⸗ 
rung im April und MayMonath. 232. 


IV. Die Spötterey des Frauenzimmers. 236 
V. Das Mitleiden. | 243 
VI. Das Faulthier, Ignavus, 250 
VII. Ode an ſeine Braut. 253 


Dresdniſches 


Magazin, 


Ausarbeitungen 
Nachrichten, 
zum Behuf 
der Naturlehre, der Arzneykunſt, der Sitten 


und der ſchoͤnen Wiſſenſchaften. 
Des erſten Bandes fuͤnftes Stuͤck. 


TI 





Dresden, 
bey Michael Groͤll. 1759. 






REGIA.  f 
IMONACENS1S.} 





J. 
Kurze Rachricht 


von 


den neueſten Entdeckungen in der 


Geographie. 





EN, OB ee wenig in ben Künften und 
Ya Au, Wiffenfchaften umgefehen hat, wird 
gar bald wahrgenommen haben, 
r Daß gegenmärtiges Jahrhundert mit 
Recht unter die fruchtbarften zu zaͤh⸗ 
len, maßen darinnen faft alle Kuͤnſte 
und Wiffenfchaften, vorzüglic) aber die mathemati⸗ 
fchen und phufifchen, zu einem fehr hohen Grad: der 
Bollfommenheit geftiegen, und, fo zu fagen, ihren 
fchönften Flor erreichet haben. Hierzu hat befon= 
ders diejenige unfchagbare Rechnungsart das meifte 
beygetragen, welche insgemein die Infiniteſimal⸗ 
Rechnung, oder die Rechnung von dem uns 
endlich Aleinen genennet wird, und die um. dag 
Ende des vergangenen Jahrhunderts, von dem vor⸗ 
gzeſüchen Freyherrn — —— erfunden, in = 

ol⸗ 


260 Von den neueften Entdeckungen 


folgenden Zeiten aber erft, durch erleuchtete Köpfe, 
immer höher getrieben, und fo wohl auf die mathe- 
matifchen als phufifchen Wiffenfchaften, mit glückli- 
chem Erfolg, angewendet worden: wodurch man fol- 
che Eigenfchaften an der Größe und in der Natur 
entdecft hat, die man zuvor, fo zu fagen, unter die 
Geheimniffe und verborgene Dinge hat rechnen 
muͤſſen. 

Das Feld der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften iſt 
unermaͤßlich, und wir treffen darauf einen ſo großen 
Reichthum und Vorrath von faſt unendlichen Ge⸗ 
genſtaͤnden an, daruͤber ſich vielfaͤltige Betrachtun⸗ 
gen anſtellen laſſen. Aus dieſem ſo großen Felde 
wollen wir vorjetzo eine angenehme Wiſſenſchaft, 
nemlich die Geographie, erwaͤhlen, und aus der⸗ 
ſelben etwas zum Gegenſtande unſerer Betrachtung 
ausſetzen. Dieſe Wiſſenſchaft iſt von einem ſehr 
weiten Umfange, und faſſet mehr in ſich, als man 
wohl, dem erſten Anſehen nach, denken ſollte. Es 
iſt hier nicht genug, daß man weiß, wo dieſer oder 
jener Ort, den man nennen hoͤret, in der Welt lie⸗ 
get; dieſes iſt das wenigſte, ſo man wiſſen muß, es 
will aber nicht mehr ſagen, als wenn ein Kind die 
Buchſtaben des Alphabets kennen und ausſprechen 
gelernet, aber noch nicht leſen kann. Auf dieſe 
Art wird meiſtentheils die Geographie vorgetragen, 
und ein ſolcher Lehrmeiſter lernet ſeinen Untergebe⸗ 
nen Nahmen aus der Geographie kennen, und wei⸗ 
ſet ſie ihme auf der Landcharte. Die Charte ſelbſt 
mag beſchaffen ſeyn, wie ſie will, wenn ſie nur mit 
bunten Farben erleuchtet, und der Ort allezeit dar⸗ 
auf zu finden iſt, den man ſeinem — 

| we 


in der Geographie. 2061 


weifen will, Diejenigen aber, welche die. Geogra⸗ 
phie gelehrter tractiren wollen, ‚die führen bey je— 
dem Orte allerhand Begebenheiten und Mordge- 
fhichte mit.an, und wenn fie nichts merkwuͤrdiges 
wiffen, fo nehmen fie ein hiezu eingerichtetes geo« 
graphifches Compendium zu Hülfe: Als z. E. man 
ſuchet Hameln auf einer Landcharte, wenn man 
folches gefunden, fo fagt man, hier liegt es, und 
nun liefer man dabey, daß im Jahr der Welt 1284: 
ein Rattenfänger, unter der Predigt, 130. Stadt- 
kinder zum Thore hinaus in einen. Berg geführer: 
und wenn diefer Weltbefchreiber in den Gefchichten 
erfahren ift, fo feßet er unvermweilt hinzu, daß er 
diefe armen, unfchuldigen Kinder in Siebenbürgen 
wieder heraus geführee habe, Ferner, wenn man 
die Charte von Spanien vor ſich hat, und man hat 
darauf den Ort Huefca gefunden ;. fo läffet man da⸗ 
bey leſen: Hueſca eine Univerſitaͤt, worauf Ponti⸗ 
us Pilatus ſoll ſtudiret haben. Wie weiß man 
aber, was eine gute Charte iſt, und wie kann man 
es derſelben anſehen, wenn man davon ein xichti⸗ 
ges Urtheil fällen will? Dieſe Frage zu beant⸗ 
worten, muͤſſen wir unſere Zuflucht zu den Ge⸗ 
ſchichten nehmen, da denn folgendes Exempel die 
Sache flar machen wird. Es hatte einer die Fe⸗ 
fung Stade, zwifchen der Elbe und dem Weichſel⸗ 
ſtrome geſuchet, und war Deswegen mit dem Finger 
längft an denen Ufern des Balchifchen Meeres hin 
und wieder gefahren, und beftändig wiederholet, 
Stade, Stade, Stade ꝛc. nachdem er folches weit: 
und breit nicht finden Fönnen; fo fey der. Ausſpruch 
erfolget,. die Charte wäre nicht. richtig und taugte 

} © 3 nichts, 


262 Von den neueften Entdeckungen 


nichts, maßen er vor diefem in Stade geweſen 
Ein eben ſolch trauriges Schickſal iſt auch der gu⸗ 
ten Stadt Luͤbeck wiederfahren, welche einsmals art 
den Küften des Deutſchen Meeres, zwifthen Ham _ 
burg und Amfterdam, geſuchet worden, und da ift 
. gleichergeftale die Charte nichts nuͤtze geweſen. Aber 
warum leget man den Candehartenmachern nicht das 
Handwerk? oder laͤſſet wenigftens dergleichen Char⸗ 
sen verbieten. er 
Diefe Lehrmeiſter vertmeinen ein Großes ges 

than zu haben, wenn fie- ihrem Schüler unfer Eu⸗ 
ropa unter der Geftale einer Jungfrau, Aſien un⸗ 
fer einem’ Cameele, Africa unter einem Herze, 
und America unter einem Becher vorftellen. Wir 
wollen jego bey Europa ſtille ſtehen: da foll unter 
dieſer Abbildung Portugall die Miüse, Spanier 
den Kopf, Frankreich die Bruft, Italien den rech⸗ 
ten and Großbritannien den linken Arm, und fo fort, 
bedeuten· Wenn aber nun unter dieſen Weltbe⸗ 
ſchreibern ein Streit enejtünde, ob nemlic) diefe Eu⸗ 
ropaͤiſche Jungfrau auf den Rücken oder auf dem 
Bauche liegen follte? So würde zwar Portugafl, 
wie vorhin, die Muͤtze aufdem Kopfe behalten, aber- 
Italien würde nun den Iinfen und Großbritannien: 
den vechten Arm einnehmen, und bie übrigen Laͤn⸗ 
ber müßten nun auch ihre Pläge angeriefen befom- 
men ; Weiter, wenn diefe Lehrmeifter jedes Reich 
heſonders erklären, fo machen fie ihren Untergebe⸗ 
nen‘z.E: Spanien unter der. Geftale eines Kalb« 
felles Borftellig, melches doch, vorhero der Kopf un⸗ 
ſerer geographifchen Demoifelle gerefen, und das 
ganze Fand Ftalien unter der Geſtalt hr 
Ne» 1000} P; N $ 


in der Geographie: 263 
ſels begreiflich, weiches doch vorhers ein Arm ges 
weſen war. Was follte niche ein Frauenzimmer 
por ein soundervolles Sefichte fehneiden? wenn mar 
ihren Kopf, oder ihr ſchoͤnes Angefichte, mit einem 
Kalbfelle in eine Vergleichung fegen, oder wenn ein 
junger Herr ihe vorhero die Hand, nach der neueften 
Art, gefüffer, auch ihren Arm als einen Arme 
betrachtet hätte, nachgehends aber mit demſelben 
wie mit einem Stiefel umgehen wollte? Ob er vor 
folche unartige Aufführung eine fiebreihe Miene, 
oder einen guten Ausputzer, ftaft einer Belohnung, 
Davon tragen möhhte, laſſen wir dahin geftellet feyn. 
Mach denen in der Geographie enthaltenen verfchies 
denen Materien lernet man ſolche auf verfihiedene Art, 
wie es nemlich ‘die Abfiche mie ſich bringet, warum 
‚man fie lernet. So bekuͤmmert ſich z. E. ein Staats⸗ 
mann um etwas, das der Kriegsmann nicht wiſſen 
will, hingegen aber lernet dieſer daraus etwas, das 
wieder der Kaufmann zu wiſſen nicht verlanget. 
Es iſt aber gut vor dieſe alle, wenn fie die Geogra⸗ 
phie, ihren Abſichten gemäß, auf die moͤglichſte voll⸗ 
kommene Weiſe verftehen. Wir bleiben bey dem . 
Kriegsmanne. Diefer foll, außer der Kriegskunſt, 
vorzüglic) die Geographie in einem fehr Höhen 
Grade miflen, und befonders eine vollkommene 
Kenntniß Desjenigen Landes befigen, worinnen er 
Krieg führer. _ Man hat in den Gefchichten gefun- 
den, daß ein Kriegsmann fich durch die Kenntniß 
des Landes gar öfters ans den mißlichften Umſtaͤn⸗ 
den glücklich gevetter habe, doch will man auch ge= 
funden haben, daß bisweilen ein. oder der andere 
die Landcharte, vielleicht aus Verſehen, verfehre vor 

4 fih 


264 Von ben neueften Entbrcdungen 


fich geleget: ein andree auch wohl behauptet habe, 
allem Anfehen nach aus Scherz, daß er feinen 
Marſch von hier bis dorthin in ein. paar Minuten 
thun werde, maßen diefe beyde Drte nur einen 
Daumen breit auf der Charte von einander lägen. 
Dergleichen Herren find freylich übel dran, wenn 
fie Unternehmungen in dieſer Art ausführen follen, 
in der Geographie aber fich weiter nicht als auf eine 
gemeine Art verftiegen haben. m | 

An diefem Orte würde nicht undienlich ſeyn, 
zu unterfuchen, was vor eine Kenntnis in der Geo- 
graphie ein Staats - Kriegs: oder ein. Kaufmann 
fi) erwerben müfle, wenn er nemlich in feinem 
Handwerk ſich vor etwas vollkommen geachtet wiſ⸗ 
fen will. Weil diefe Unterſuchung uns zu weit von 
unferm Borhaben entfernen würde, fo wollen mir 
folche bis auf eine andere Zeit ausgeſetzet feyn laſ⸗ 
fen; ‚vorjego aber die Frage in Erwägung ziehen, 
was denn zu einem. Welt⸗und Kröbefchreiber 
erfordert werde, und was derfelbe vor Wiſ 
fenfchaften befigen müfje, wenn er andere dar: 
innen mit gläcklichem Erfolg unterrichten foll, 
alſo, daß auch sus einer fol en Unterweiſung 
dem gemeinen Mefen, oder einem Staate über- 
haupt, Nutzen gefchaffer werde. Wir Fönnen 
Feine beffere Schilderung von demfelben geben, als 
wenn mie. ung der eigenen Worte bedienen, die der 
gelehrte Herr Verfaſſer in der Vorrede der koſmo⸗ 
graphifchen. Nachrichten, die 1750, zu Mürnberg 
heraus gefommen, davon gemacht hat. Damit.er: 
nun (nemlic) ein Welcbefchreiber fchreibt er) gründ- 
ich feyn koͤnne, fo iſt nöthig, daß er faft in allen u 


in der Geographie. 69 


fenfchaften. etwas befchlagen, in einigen: aber wolf 
kommen erfahren fen. Zu dem legtern rechnen wir; 
daß er zuförderft ein LiTeßFunftwerftändiger fen; 
Denn er muß ja die Erdineßfunft oder die mathes 
matifche Geographie verſtehen. Diefelbe :aber fes 
tzet die Erkenntniß der Meßfunft oder Geometrie, 
zumal der höheren, voraus. Ohne diefe Fann er 
jege nicht einmal die Weite zweyer weit entlegenen 
Derter, weil fie bey der Afterfugel ein Stüd aus 
einer befondern Frummen Linie ift, ausrechnen; 
nicht zu gedenfen der ſchweren Lehren, womit die 
Projectionswiſſenſchaft umgehet. Sonft ſoll der 
Weltbeſchreiber von rechtswegen dem Sterngelehr⸗ 
ten in die Haͤnde ſchauen, und von ihme die himm⸗ 
liſchen Beobachtungen haben, aus welchen die Brei⸗ 
te und Laͤnge der Oerter herzuleiten iſt. Weil aber 
jener nicht blindlings trauen, vielmehr jede Beob⸗ 
achtung pruͤfen ſoll, ſo muß er das Weſen einer 
himmliſchen Beobachtung verſtehen, auch ſelbſt 
fleißig das Beobachtungsgeſchaͤfte treiben und aus⸗ 
uͤben: Er muß alles meſſen und zeichnen koͤnnen. 
Daher auch die Kenntniß der Kriegs⸗ und buͤrger⸗ 
lichen Baukunſt von ihm erfordert wird. Wie 
wollte er ſonſt bey den Landbeſchreibungen zurechte 
kommen, wenn von einem Pallaſte, Feſtung und 
dergleichen ein Begriff gegeben werden ſoll ꝛc. Der 
Welrbefhreiber muß ein Kenner der Naturge⸗ 
febichte fen. Die natürliche Erdbeſchrei⸗ 
bung will ja haben, daß ich die Erdfläche nad) ih- 
ven Theilen, woraus fie beftehet, was ober-und 
innerhalb derfelben beweglich und unbeweglich ſich 
befindet, beſchreibe. 2 Befchreibung muß na⸗ 

5 tur⸗ 


356 Von den neueften Entdeckungen 


turmaͤßig und. alſo feyn, daß der Naturlehrer Sa⸗ 
ge daraus ziehen, oder alte damit betätigen kann⸗ 
Er ſoll auch felbft in den Lehrfäßen der Naturkun⸗ 
de fich umgefehen haben, damit er von den Maͤhr⸗ 
kein, den Fabelhaften und Unwahrſcheinlichen, wo⸗ 
wit die meiften Meifebefchreibiungen voll find, nicht 
Hintergangen werde. In der Hiſtorie muß der 
Weltbeſchreiber befonders bewandert fenn; Den 
wie Fann einer den Zuftand der neuern, mittlern 
and alten Erdbefchreibung ohne die Gefhichte wiſ⸗ 
fen? Wer num bedenkt, mie viele Arten der Hiſto⸗ 
rie es gebe, der wird von dem Weltbefchreiber fors. 
dern, ex foll in der Staats: Völker -KRirchen- 
Reichs:und andern Hiſtorien, aud in allem 
Chroniken gelefen haben. Der Weltbeſchreiber 
foll die Politik, oder das gefellfchaftliche Leben der 
Menfchen, das ift, alle Arten der Gefellfchaften,‘ 
Die ein gemeines Wefen zufammen ausmachen, alle 
Arten der Negimentsverfaffung, der Gefege, der 
Policey, Hauß-und Landmwirchfchaft verftehen, und 
in den befondern Fällen, die er vor fich hat, dar⸗ 
aus feine Regeln. nehmen, worauf er Achtung zu 
geben hat. Der Weltbefchreiber fol in allen Ar⸗ 
ten der Rechtsgelahrtheit nicht unerfahren feyn. 
Man ficher in den geographifchen Büchern häufige 
Schnitzer, die aus der Unmiffenheit der juriſtiſchen 
Begriffe herruͤhren. In Deutfchland zumal muß 
man fleißig wiſſen, mas die Kennzeichen eines 
Reichsſtandes, Kreisſtandes, Landftandes, Land“ 
faffen, mas mittelbar und unmittelbar, was ein Va⸗ 
fall, ‚Lehensmann; Lehen, Allodium, Lehnfchaft, 
was Regalien ſeyen, was obere und miedere 2 

Rn Kr . richts⸗ 


— 

in der Geographie 867 
richtsbarkeit/ Jent, Fraiſch, Geleit, was ſchriſtſaͤſ 
fig, mas amtſaͤßig eꝛc. was eine Didces, Dedranen, 
Eomthuren, Probften, Kloſter, Convent, Caches 
dral, Gollegiarftift, Pfarr, Patronat, Conſiſtori⸗ 
um und fo unzählige Dinge mehr, die in die Land⸗ 
befchreibung einfließen. Es ift leicht gefchehen; 
daß die wichtigften Fehler ohne Kenntniß diefer Wiſ⸗ 
ſenſchaft begangen werden. Wenn z. E. ein uner⸗ 
fahrner Weltbeſchreiber von: einem Lehensmanne 
hoͤret, und er wollte aus dieſem Grunde ſolchen auch 
zu einen Unterthanen und Landſaſſen des Lehens⸗ 
herrn machen, da doch jener fo wohl als diefer ein 
Keicheftand ſeyn Fann, der wuͤrde Gefahr. laufen, 
daß er manchmal fi in fehändfiche Irrthuͤmer ftür- 
dere. Geſetzt auch, daß manchmal die Sachen vor 
Feiner fo großen Wichtigkeit find, fo fteher es doch 
für einen Weltbeſchreiber nicht fein, die Jeſuiten 
3 E. in ein Klofter oder Convent zu fegen, dafuͤr 
fie ein Collegium haben, oder ihnen einem Pater 
Prior zuzufchreiben, da foldher vielmehr bey ihnen 
Dater Rector heißt. Ein Weltbefchreiber muß die 
Genealogie und Wappenkunſt inne haben. 
Von letzterer iſt gar die Frage nicht zu machen; 
Denn ſo oft jeder gemeiner Mann an die tägliche 
Geldeinnahme und Ausgabe geher, hat er nörhig, 
feiries und der benachbarten Landesherren Wappen 
zu Fennen: noch vielmehr foll derjenige folche ver⸗ 
ſtehen, der bey den Landesbgfchreibungen auch alle» 
zeit das Wappen befchreiben fol. Die Genealo⸗ 
gie enthält den Grund der meiften Veränderungen 
der Herrſchaften und der daher rührenden Landes⸗ 
abtheilungen. Wenn ich die Beſchreibung Ar 

v 


268 Von ben. nenefien Entdeckungen 


des Fuͤrſtenthums Altenburg und feiner Abtheilun 
gen lefe, fo. werde ic) zugleich, Verlangen tragen, 
die. Hiftorie und Grund diefer-Abrheilungen dabey 
zu vernehmen. Der Weltbefchreiber muß in Spra⸗ 
chen, in der Wortforſchung und: in der Kritik 
zu Haufe feyn, frage man, in welchen Sprachen, 
‚fo wiffen wir nicht, welche man. ausnehmen follte: 
Weil die alten Römer die deutſche Sprache. nicht 
verftanden, fo haben fie aus dem Harzwald einen 
einzigen Wald gemacht, der fich von dem Belgifchen 
Gallien bis in Seythien serftreefte, und man hat 
fich auch, bey uns Deurfchen, lange Zeit über di 

Größe diefes Harzwaldes verwundert, bis endlich 
ein Kritifverftändiger entdecfet, daß die alten Deut: 
fihen unter dem Worte Hart alle und jede Wälder, 
Speßhart, Harzwald, Neuſtadt an der Hardt 
verſtanden. Man ſehe Otium Hannoveranum, ©, 
420. Bon der Unwiſſenheit der fremden Spra- 
chen kommen alle die Irrungen, Die noch unausge⸗ 
vottet vorhanden find. Der Weltbefchreiber foll 
ſich durchaus mit dee Weltweisheit recht gemein 
machen. In der mathemarifchen Geographie hat 
es ohnedieg feine Richtigfeit, daß -er wiffenemuß, 
was eine Wiffenfchaft, und was darinnen der Ber 
weisfey. Soll er aber auch außer derfelben wah⸗ 
ve und gewiſſe Sachen vortragen, till er mecho- 
difch, ordentlich, vollftandig feyn, will er Begeiffe 
und Erklärungen geben, in Reifebefchreibungen das 
mahrfcheinfiche wählen die Gemüchsbefchaffenhei- 
ten der Menfchen und ganzer Bölfer ausforfchen 
und beftimmen; fo muß er überall dazu mit Ber 
geiffen, Grund-und Lehrfagen, bald aus diefem bald 
is aus 


[4 


k 


"in der Geographie. 269 


ans jenem Theile der Weltweisheit, ausftaffiree ſeyn. 
Bis hieher der gelehrte Herr Verfaſſer gedachter 
Vorrede. Wie groß dürfte wohl die Anzahl folcher 
Welt-und Erdbefchreiber feyn? 

Der eigentlihe Gegenftand der Geographie 
iſt unfere Erd-und Waſſerkugel, worauf wir 
wohnen, und die einem großen Theil der Sterbli- 
chen fo anmurhig und veizend vorfomme, daß fie 
alle Anftalten hiezu vorfehren, als wenn fie ihre Le⸗ 
benszeit ewig auf derfelben hinbringen wollten, 
Man Fann über diefen Gegenftand eine zwofache 
Betrachtung anftellen, nemlich eine mathemati⸗ 
fehe und eine politiſche. In jener wird von der 
Größe und wahren Geftalt der Erden, ihrem Or⸗ 
te, den fie in der Melt einnimmt, ihrer Bewe⸗ 
gung 2c. gehandelt; In diefer aber ſiehet mar nur 
alleine auf die Oberfläche der Erden, und giebt acht, 
aus mas vor Theilen folche beftehet, wie das fefte 
Sand und die Meere gegen einander liegen, und 
wie die Bewohner diefer Erdfugel ihre Oberfläche 
mit Feuer und Schwerdt unter fich getheilet haben, 
und noch viele andere Dinge mehr, 


Unſere Abfiche ift jego bloß dahin gerichter, 
eine kurze Vorftellung von den — 
Entdeckungen zu geben, die in einer Zeit. von 
etwa funfsig Jahren, nicht nur in Anfebung 
der Erdkugel jelbft, mas nemlic) ihre Figur und 
Größe betrifft, fondern auch in Anſehung ihrer 
Oberfläche, was nemlic) die neu entdeckten Laͤn⸗ 
der anbelanget, find gemacht worden; wodurch 
in unfern Zeiten die Geographie einen ungemeinen 
AR ien 3 graph u 


— 





&70 Von den.neueften Entdeckungen 


Wachsthum erhalten, und zu einer großen Voll⸗ 
fkommenheit gelanget ift. I 
Wenn man dieſe Entdeckungen in den Ge 
ſchichten Tiefer, und die Schwürigfeiten, welche der⸗ 
gleichen Unternehmungen ausgefegt geweſen, in Er- 
wegung ziehet, nemlich durch unbekannte und große 
Wuͤſten zu reifen, fich an Derter zu begeben, mo 
man alle YAugenblicfe der Gefahr ausgefeger ift, 
von ungefitteren Einwohnern erfchlagen, oder dur) 
Hunger umzufommen, oder von grimmigen Thie⸗ 
ven zerriffen zu werden; fic) auf unbefannte Mee- 
ve zu wagen, in beftändiger Ungewißheit zroifchen 
Surcht und Hofnung, und es auf einen ungefähren 
Zufall ankommen zu laffen, wenn, wo und ob matt 
auch Land antreffen werde: So muß man fich bil- 
lig über die Standhaftigkfeit, Fleiß und Much der 
Menfchen vermwundern, die alle Unbegvemlichfeiten 
geringe fhägen, die Gefahr verachten, und alle 
Hinderniffe, die fi) ihren Unternehmungen entge⸗ 
gen ſetzen, als Kleinigfeiten anfehen, und endlic) 
ſolche überwinden. 

Wir wollen diefe Erfindungen in zweyen Ab- 
ſchnitten abhandeln, und in dem erften diejenigen 
Entdeefungen erzählen, die hauptſaͤchlich in diefem 
Jahrhunderte, auf der Oberfläche der Erden, find ge: 
mache worden, und alsdenn in dem zweyten Ab- 
ſchnitte diejenige große Entdeckung in Erwegung 
ziehen, die man in Anfehung der Größe und wah- 
zen Geſtalt der Erden gemacht hat, 


Erſter 


in der Geogeephie 878 
Erſter Abſchnitt. 


Von den neueſten Entdeckungen, die auf 
der Oberflaͤche der Erden gemacht 
worden. 


eil wir auf die neueſten und im dieſem 
Jahrhunderte gemachten Entderfungen 

gehen: So feßen wir zum Voraus, daß 

man diejenigen beyden großen und wich“ 
tigen Unternehmungen wiſſe, die, vor mehr als zwey⸗ 
Hundert Jahren, durch die Spanier und Portugig« 
fen, in den entlegenften Welttheilen find gemache 
worden. Nemlich daß, auf der einen Seite, die Geo⸗ 
graphie einen, großen Zumachs erhalten, als nad) 
langer Unmiffenheit die Freue Welt, mie folche 
änsgemein genennee wird, oder America, oder 
auch Weſt⸗Indien, auf Angeben des Columbus, 
am das Ende des funfzehenden Jahrhunderts, nem⸗ 
lich) im Jahr 1492. von den Spaniern, unter der 
Regierung des Facholifchen Königs Don Ferdinand, 
and der Fatholifchen Königin Donna Iſabella, ent- 
beefet worden, Und daß, auf der andern Seite, et⸗ 
liche Jahre darnach, auf Angeben des Portugieſiſchen 
Prinzen Heinrichs, der aber lange zuvor verſtor⸗ 
ben, und nur den Entwurf zu diefer großen Unter« 
nehmung gemacht hatte, ebenfalls die Geographie 
einen großen Zuwachs erhalten, nachdem nemlich, 
Unter der Regierung des Königs Emanuel, end« 
lich Dafco de Gama das Vorgebürge der gutert 
Hofnung, an dem äußerften Ende von; Africa, um⸗ 
Biffer, und einen ganz meuen Weg, nach Die 
Fr ien 


3395 Yon den neueſten Entdeckungen 
dien zu gelangen, -gefunden hatte. Aus diefen bey, 
den großen Unternehmungen find, in der Folge der 
Zeit, alle diejenigen Entdeckungen gefloffen, womit 
die Geographie in unſern Zeiten pranget, da fonft 
zuvor die Alten Faum den vierten Theil von der 
Oberfläche der Erden gefannt haben, auch mehren- 
theils von der Unmiffenheit, Aberglauben und Fin 
ſterniß damaliger Zeiten abgehalten worden, folche 
zu erfennen, Ein merfwürdiges Exempel finden 
foir an dem Salzburgifchen Biſchoſ St. Virgilio, 
welcher von dem gleichfalls heiligen Bonifacio, Bi⸗ 
ſchofe zu Mainz, um deswillen in den Bann gethan 
wurde, weiln er geglaubet, daß die Erde eine Ku⸗ 
gel fen, und fich Länder darauf befanden, deren In⸗ 
wohner die Füße gegen ung kehreten. Man fan 
zuverläßig glauben, daß der heil. Bonifacius noch 
Schüler genug unter uns hat, die, mo fie ihn nicht 
übertreffen, doch gewiß gleich Foinmen: möchten, 
Was nun nach diefen Zeiten den Wachschum 
‚ ber Geographie gar fehr befördert, ‚dazu haben die 
vielen Reifen, und 'befonders die zu Waffer- ange 
flellet wurden, dag meifte mit beygetragen. Der 
gleichen Reifen hatten alle ihre Bewegungsgründe, 
warum fie uneernommen wurden; theils gefchahen 
folche bloß in der Abſicht, neue ‚Entdeckungen zu 
machen, theils aber gefchahen fie um des Gewinuſts 
willen, die Handlung zu befördert, und ſolche ie 
mehr und mehr auszubreiten, wie folches die Hand⸗ 
lungsgeſellſchaften in Frankreich und Engelland Flar 
bezeugen; theils aber waren auch pofitifche Umſtaͤn · 
de vorhanden, dergleichen Neifen zu unternehmen: 
ir Fönnen hier nicht umhin, ein paar Reifen an⸗ 
’ zu⸗ 


in ber Geographie. -273 


zuführen, die zwar ziemlich alt, aber doc) erft nach der 
Entdefung der neuen Welt find vorgenommen 
worden, und die wir ebenfalls zu wiſſen nöthig ha- 
ben, wenn wir die neuen Entdeckungen recht verfter 
hen wollen. 

Moegellen zeigte dem Kanfer Carl V. bie 
großen Vortheile an, die daraus entftehen müßten, 
wenn man einen neuen Weg nah Oſtindien 
duch Südmweften ſuchte. Diefer Borfchlag, der 
mit den gehörigen Gründen unterftüget war, fand 
Benfall, und Magellan feßte denfelben im Jahre 
1519. glücklich ins Werf, da er durch eine Straße 
gieng, die nachgehends von ihm den Namen der 
Magiellaniſehen Straße,bis aufden heutigenTag, 
erhalten hat. Magellan felbft Fam zwar auf dieſer 
Reife um, doch umfegelte fein Schiff zum erſtenma⸗ 
le die Welt, und alfo wurde durch die Erfahrung 
bewieſen, daf die Exde eine Kugel wäre. Ohnge⸗ 
fehr hundert Jahr darnach entdeckte ein Niederlän- 
difcher Steuermann, Namens le Maire, eine 
andere begvemere Straße, welche auch noch jeßo 
die Straße le Maire genenner wird. Durch 
beyde kommt man aus dem großen Weltmeere in 
die Südfee, und durch diefe Straßen find nachge- 
hends viele Seefahrten um die ganze ErdEugel ver- 
richtet worden, die alsdenn Gelegenheit gegeben ha⸗ 
ben, Inſeln und verfchiedene unbefannte Küften 
zuentdefen; Wobey man noch) eine andere Me- 
«benentderfung gemacht, woran vorhero vielleiche 
‚wohl niemand gedacht hatte, nemlich, wenn ein 
ſolches Schiff wieder zurück in fein Vaterland 
gekommen, haben die Schifflente darauf allezeit 
ODꝛresdn. Mag. 2. T ei 


274 Von den neueften Entdeckungen 


einen ganzen Tag weniger gezähler, welches ein Lin 
ftand ift, deffen Urfache in der Aftronomie gelehrer 
wird, und deme zu Folge eine Umfahre um die Er- 
de, wenn folche nach) dem Laufe der Sonnen verrich- 
get wird, die Abfürzung eines Tages, und wenn 

folche gegen den Lauf der Sonne gefthiehet, die Ver⸗ 
mehrung eines Tages austräger: Eine Sadje, die 
sticht gefchehen Fönnte, wenn die Erde eine andere, 

als eine Fugelförmige, Geſtalt häcte. Ä 

Das, was jego durch Suͤdweſten fü glücklich) 

von ftatten gangen war, glaubte man durch Nord⸗ 

weften auch zu finden. Denn der Weg nad) Oft- 
indien um Africa herum, brauchte. eine ziemlich lau⸗ 
ge Zeit, und zu den damaligen Zeiten, da man die 
Gegenden der Meere und die darauf, zu geroiffen 
Jahrszeiten, veränderlichen und beftändig herrfchen- 

den Winde, fo eigentlich, wie heut zu Tage, noch) 
sicht Fannte, wurden dergleichen Reifen vor die be- 

fhmwerlichften und gefährlichiten gehalten. Die 

Fahrt felbft durch Suͤdweſten, durch die vorhin an- 

‚geführten Straßen, war eben fo langmierig und be- 
ſchwerlich nach Oftindien zu gelangen, und von 

Daher wieder nach Haufe, als um das Vorgebürge 

‚der guten Hoffnung. Aus diefer Urfache wurde in 
Vorſchlag gebracht, die Eröffnung eines neuen und 
leichtern Weges, entweder durch LTordweften in 
die Südfee, oder durch Nordoſten nach Oſtin⸗ 

dien zu füchen, welcher von denjenigen Beſchwer⸗ 
lichkeiten, die man durch die beyden Straßen aud- 
zuſtehen habe, befreyer wäre, und auf welchem man 
ſolche Reifen mit der Helfte der Zeis zurück legen 


koͤnnte. 
Durch 


‚in der Geographie. 275 


Durch Suͤdweſten ift die Sache, wie. mir be- 
reits gehöret, angegangen, ya man ift endlich in 
diefem Jahrhunderte durch andere und neue Wege 
in die Südfee gelanget, ohne durch die bishero beys 
den befannten Straßen zu gehen, wie wir aus des 
Woodes Rogers Reife nah Oftindien durch Suͤd⸗ 
weiten erfehen. Auf diefer merfmürdigen Reife 
ſind verfchiedene Entdecfungen von unbefannten 
Küften und Inſeln gemacht worden, die wir an ei- 
nem andern Orte beybringen werden. Mitden bey- 
den andern Borfchlägen aber, nemlich mit einer Farth 
durch Nordweſten und Mordoften, hat man zur Zeie 
noch nicht zum Zweck gelangen Fönnen, ob man gleich 
die Sache mehr als einmal und aufverfchiedene Ark 
verſuchet hat. Linterdeffen haben diefe Unternehmun- 
gen doc) fo viel Nutzen geftifter, daß man in der 
Geographie von den dortigen Gegenden.eine zuver⸗ 
laͤßigere Kenntniß und beffere Nachrichten erlanger 
hat, wie wir in der Folge fehen werden. 

Aus diefen Unternehmungen find die vielen 
Keifebefchreibungen entftanden, morinnen man vor 
dem Zuftande derjenigen Länder, von welchen mar 
vorhero wenig oder wohl gar nichts gehöret harte, 
Nachricht erhielte. Die Schiff-und Steuerleute 
zeichneten die Seefüften ab, und endlich erfchienen 
die vielen Landcharten, die von diefen Zeiten an, 
nad) und nach, heraus Famen, und morinnen vor⸗ 
züglich diejenigen Theile, die ung näher liegen, nem⸗ 
lich Europa, weit richtiger find vorgeftellet worden, 
als zuvor gefchehen war. Bey den Holländer 
machten die Herren Blaeus und Witts, und 
bey den Franjoſen, die — durch den Ste 
5 2 


276 Don den neneften Entdeckungen 


und Mühe, die fie auf ihre Landcharten mendeten, 
einander den Vorzug freitig. 

Wir koͤnnen aber, in Anfehung der Befchaf- 
fenheit diefer Charten, nicht unangemerfe laffen, 
Daß Kenner der Geographie gar wichtige Fehler, 
nicht nur in ihrer mathematifchen Einrichtung, fon- 
dern auch nach ihren pohtifchen Zuftande, an fol 
chen wahrgenommen haben, maßen die Figur Det 
Darauf befindlichen Länder, ſonderlich in den allge- 
meinen Charten, dergeftalt verzogen und unfoͤrmlich 
vorgeftellee find, daß man von ihnen weder ihre 
rechte Geftalt und Größe fehen, noch vielmeniger 
von dem politiſchen Zuftande der meiften Neiche ein 
richtiges Urtheil fällen Fann. Ein Hauptfehler bey 
Diefen Charten ift, daß die geographifchen Längen 
und Breiten ganz und gar unrichtig angefeßer find, 
umd folglich) von den Weiten der Derter unter ein- 
ander, und ihrer Stellung gegen einander, eine fehr. 
unvollfommene Kenntniß zu gemwarten if. Die 
Alrfache von der Unförmlichkeie diefer Eharten liegt 
an der Erden ſelbſt, denn weil ſolche eine Kugel 
iſt, ſo laͤſſet ſich ihre Oberflaͤche in einem Plan oder 
ebenen Flaͤche ſo genau und eigentlich nicht vorſtel⸗ 
len, wie ſie in der That auf einer Kugel iſt, ſondern 
mur, wie ſolche uns in die Augen fallen wuͤrde, 
wenn man ſie aus einem angenommenen Stande 
anſiehet, geſetzt daß dieſer Stand an einem Orte auf 
der Erde ſelbſt, oder außer derſelben angenommen 
wird. Wir werden aber in folgenden anzufuͤhren 
Gelegenheit haben, wie gleichwohl die Fläche einer 
Kugel dergeftale in eine ebene Fläche Fann gebracht 
werden, daß alle SIR derſelben in einer rich⸗ 

tigen 


- in der Geographie, 27 


tigen Verhaͤltniß gegen einander ftehen, und fich, 
ohne Verzerrung, eben fo abbilden, als wie fie 
wirklich auf der Kugel neben einander liegen. Ein 
Umftand, der mit Recht unter die Vollfommenhei- 
ten der heutigen Geographie gehöret. 

Der große König, Ludwig XIV. hat 
zur Beförderung der Geographie, gleichwie aller 
Wiffenfchaften überhaupt, mehr als alle feine Vor⸗ 
fahren, oder irgend ein anderer Prinz, bengefragen, 
indem er die berühmte Academie der Wiffenfchaf- 
ten geftiftet, und, mitrecht Föniglichen Unfoften, niche 
nur in Franfreich richtige Beobachtungen anftellen, 
fondern auch in alle Theile der Welt gelehrte Leute 
reifen laffen, wodurch die Erfennmiß in der Ge- 
ographie ungemein vermehret worden. Eine Sa- 
che, die um fo viel ruhmmürdiger ift, weil nach. 
gehends auch andere Prinzen, in andern Reichen, 
aufgemuntert wurden, in ihrer Art, ein gleiches 
zu thun. 

WVon dieſer Zeit an, da die Königl. Geſell⸗ 
fhaften ver Künfte und Wilfenfchaften in Franf- 
reich ſowohl, als in Engelland, geftiftet worden, 
deren Abfichten eigentlich dahin gehen, die mathe- 
matifchen und phyſiſchen Wilfenfchaften, und was 
damit verwandt ift, immer ie mehr und mehr voll- 
fommener zu machen, kann man gar füglid) be- 
baupten, daß der Geographie ein ganz neues Liche 
aufgegangen, Um diefe Zeit hat fi) auch alles 
mit einander vereinbaret, und fi) um die Wette be 
ſtrebet, dasjenige herbey zufchaffen, mas nur im- 
mer zu ihrem MWachschum und Bollfommenheit 
dat gereichen Fönnen. 
—— 23 Haupt⸗ 


278. Von den neueften Entdeckungen 


Hauptſaͤchlich gefchahe diefes durch die vor⸗ 
hin erwehnten Königl. Gefellihaften, die aus 
den auserlefenften und gelehrteften Männern be⸗ 
flunden, und welche bemuͤhet waren, vorhero die 
eingerourzelten Borurtheile aus dem Wege zu fehaf- 
fen, ehe fie ein neues Gebäude in den Willenfchaf- 
ten errichteten. Dieſe fehieften überall und in die 
meitentlegenften Länder einige aus ihrem Mittel 
aus, welchen aufgetragen war', alles das zuſamm⸗ 
len, was in der Geographie noch mangelte, und 
was diefelbe vollfommner machen Fonnte, und hier⸗ 
zu trugen die Bemühungender Mißionarien gleich“ 
falls ein großes bey. Die Abficht diefer geiftlichen Her⸗ 
ren war zwar, den chriftlichen Glauben in den’ ent⸗ 
fernteften Ländern, die in einem finftern Heiden- 
ehume ſteckten, zuverfündigen; Man mwehlete aber 
hierzu folche Männer, die in den mathematifchen 
Wiſſenſchaften zugleich wohl erfahren waren, und 
denen hauptſachlich mit aufgetragen war, ſich um 
die politifche und geographifche Befchaffenheit der 
Länder, wohin fie gefchickt wurden, genau zube- 
fümmern, richtige Nachrichten davon einzuziehen, 
und folche den Koͤnigl. Gefellfchaften mitzuthei- 
len; Zu dem Ende fie auch mit tüchtigen Inſtru⸗ 
menten verjehen wurden, Beobachtungen damit an⸗ 
zuftellen. Die morgenländifchen Könige trugen 
nach dergleichen Wiffenfchaften ein großes Verlangen, 
und folchergeftalt fanden die Mifionarien Gelegen- 
heit, in unbefannte Gegenden zu Fommen, wobey 
diejenigen Fürften ein vorzügliches Lob verdienen, 
die in den wüften und ungeheuwen Gegenden des 
Morgenlandes ihre Herrfchaften haben, und dem 

Mipio- 


in der Geographie. 279 


Mißionarien, aus Liebe und Hochachtung vor die 
mathematifchen Wiflenfchaften, einen freyen Zugang 
in ihre Gebiete verftatteten. Weiter waren die vie⸗ 
len Schiffarthen und Reifen der Kaufleute von 
großem Nusen, die, ob fie gleich die Aufnahme und 
Ausbreitung der Handlung zum Bewegungsgrun⸗ 
de hatten, dennoch der Geographie einen großen . 
Zuwachs gaben. Endlich Fam noch hierzu Die Freyge⸗ 
bigfeit und der Schug großer Herren und Befoͤrde⸗ 
rer der Künfte, welche ſich ihre Länder und Gebie- 
te durch Feldmeſſer aufnehmen, und in Charten 
bringen keßen, wodurch man alfo zur wahren Be⸗ 
fchaffenheit und Kenntniß folcher ausgemeffenen Län- 
der, in Anfehung der Größe und Gränzen derfel- 
ben, gelangte. ! 
Nachdem auf ſolche Art die Sachen vorberei- 
tet waren; fo Fam and) in Furzer Zeit die Geogra⸗ 
phie zu einer gar merflichen Bollfommenheit. Die 
Königl. Franzöfifche Gefellfhaft wendete befonders 
allen Fleiß an, die geographifchen Längen und Brei- 
ten der vornehmften Derter in ihrem eigenen Vater⸗ 
lande, nemlich in Frankreich felbften, mit Hülfe 
aftronomifcher Beobachtumgen, richtig zu beftim- 
men, worunter vornemlich die Verfinfterungen der 
Trabanten des Jupiters müflen gezaͤhlet werden, 
und die zu dergleichen Beftimmungen, was die geo⸗ 
graphifchen Längen betrifft, fonderlich bey großen 
Enrfernungen, vorzüglic) ihren Mugen haben. 
Durch diefe Beobachtungen, die mit aller Sorgfale. 
angeftellee, und an einem Orte mehr als einmal 
wiederhohlet wurden, hat man befunden, daß bie 
Graͤnzen diefes mächtigen Reichs, fo wohl nad) der 
24 Länge 


280 Von den neueften Entdeckungen 


Länge als Breite, weit enger müffen zufammen gezo⸗ 
gen werden, alg folche bishero in den Landcharten 
maren angegeben worden. Dasjenige, was man in 
Franfreich wahrgenommen hatte, entdeckten aud) 
die Mißionarien, die nad) China abgefendet waren, 
und diefes muß man wirflich als eine der wichtig⸗ 
ften Entdefungen in der Geographie anfehen. 
Denn nad) ihren eingefendeten Beobachtungen von 
den Verfinfterungen der Trabanten des Yupiters 
befande man nunmehro, daß dasjenige fefte Land, 
welches man insgemein die alte Welt nennet, ſich 
bey weitem nicht fo weit gegen Morgen erftreckte, 
als ſolches in den bisherigen Landcharten war an⸗ 
gegeben worden, jondern daß folches viel enger muͤſ⸗ 
fe zufammen gezogen werden; dergeftalt, daß die 
oftlihen Küften des Chinefifchen Reiche, die auf 
den Charten zwanzig und noch mehrere Grade wei⸗ 
ter gegen Morgen, der Länge nach, lagen, jego um 
fo viel Grade näher an Europa liegen mußten, wel: 
ches ein fehr beträchtlicher Unterſchied ift, der nicht 
alleine in der Geographie, fondern auch in der 
Schiffahrt einen großen Einfluß hat. Zu gleicher 
Zeit meldeten die Mißionarien etwas ganz unermar- 
tetes, daß nemlich das Chinefifche Reid) an das 
Rußiſche gränzete, welches eine Nachricht war, die 
vorhero niemand weder gemurhmaßet, noch) vielwe⸗ 
niger geglaubet hatte, und daß jego Gefandten aus 
beyden Reichen in eine Gränzftadt, die den Nuffen 
gehörete, und bey ihnen Nerzinskoy, bey den 
Ehinefern aber Niptchou hieße, abgefendet wor⸗ 
ben, dafelbft einen Frieden zwifchen diefen beyden 
Reichen zu ſchließen. Zuvor hatte man von den 

- ee Untere 


in der Geographie.  =8r 


Anternehmungen ber Ruffen in unfern Gegenden 
nichts gehöret, und unterdeffen waren fie doch im« 
mer weiter gegen Often in neue Länder eingedrums 
gen, und hatten fich diefelben unterwürfig gemacht. 
Durch) diefe Wege hat man auch am erften erfahe 
ren, daß dasjenige Land, das bey uns unter dem 
Namen Siberien befannt ift, von einer ungehens 
ven Größe und Länge fich. gegen Dften erftreckes 
te, welches man fonft in den Landcharten von einens 
gar Fleinen Bezirfe und mäßigen Größe abgebildet 
hatte, 
Ehen diefe berühmte Koͤnigl. Franzöfifche Ges 
ſellſchaft fies verfchiedene Orte, die am mittellän. 
diſchen Meere lagen, genauer unterfuchen. Zu dein 
Ende wurden auf Königl. Koſten einige aus ihrem 
Mittel geſchickte Leute, die mit guten Inſtrumen⸗ 
ten verfehen waren, abgefendet, melche in diefen 
Gegenden ihre Beobachtungen anftellen mußten. 
Mit diefen, und den bereits vorhin erwehnten Hülfe« 
mitteln, fieng der berühmte erſte Koͤnigl. Franzoͤ⸗ 
fifche Geographus, Wilhelm de U’ Tele, an, eine 
ganz neue Art von Landeharten heraus zu geben, 
die, wern man fie gegen die alten hält, die Erdfläs 
che und ihre Theile ung unter einer ganz andern Ge⸗ 
ftalt vorftellen. Er hatte die alten eingeriffenen 
Vorurtheile dabey gänzlich verworfen, welche bis⸗ 
hero verhindert hatten, daß man in der Größe und 
Geſtalt der Länder nichts ändern Fönnte oder duͤrf⸗ 
te, und gründete feine Charten bloß auf die neue- 
ften und bemährteften Wahrnehmungen. Diefen 
Mann fann man mit Recht als den erften Verbef- 
ferer und Ernenerer der. Geographie anfehen, dew 
3. 5 folche 


282 Von den neueften Entdeckungen 


folche von den vorigen Fehlern, fo viel möglich, ge⸗ 
reiniget,umd gleichfam wieder hergeftellet hat. Sei- 
ne Charten waren, als fie ang Licht traten, die ein- 
zigen in ihrer Art, und erlangten fogleic) von den 
Kennern in diefer Wiffenfchaft den gehörigen *Bey- 
fall. Sie haben auch wirklich die oben angeführ- 
ten Holländifchen und Franzöfifchen Charten fo ver- 
dunfelt, daß man ſich nahgehends um diefelben 
wenig mehr befümmert hat; vorjego haben fie 
feinen andern Werth mehr, als diefelben, in Anfe- 
bung ihres faubern Stiche, als eine Seltenheit auf 

zubehalten. | 
Ein gleiches hat auch die Königl. Engliſche 
Gefellfchaft gerhan, die alles, was zur Verbeſſerung 
der Geographie gehöret, was nemlich die Langen 
und Breiten der Derter berrifft, nebft fehr vielen 
geographifchen Nachrichten, auf das forgfältigfte 
geſammlet hat. Unter diefen haben diejenigen eine 
vorzügliche Achtung, welche ung die fchönen Nach⸗ 
richten von Palmyra geben, ingleichen die von den 
Eanarifchen Inſeln, auf deren einer, nemlich auf 
der Inſel Teneriffa, - der höchfte Berg, Pico ges 
nannt, wie man insgemein davor hält, lieget. Fer⸗ 
ner gehören hierher auch die Nachrichten von dem 
Tunetanifchen Reiche, und überhaupt von der fo 
genannten ganzen Barbarey; Desgleichen verdie- 
nen aud) die Nachrichten von der Befchaffenheie 
derjenigen Inſeln gelefen zu werden, die zwiſchen 
den Latronifchen und Philippinifchen Inſeln 
Kegen, ingleichen die Nachrichten, die ung 
Nova Zembla zu einer Halbinfel machen, wie 
auch diejenigen, fo uns Californien ebenfalls un- 
ter 


in der Geographie, 283 


zer der Geftale einer Halbinfel vorftellen, und fol 
che mit dem feften Lande von America und feinen 
weſtlichen Küften verbinden, da fonft bende, als von 
dem feften Lande abgefonderte Inſeln, auf den Land» 
«harten waren abgebildet worden. 


Bon dem füdlichen America hatte man bis⸗ 
Hero gar unvollfommene und zum Theil fabelhafte 
Nachrichten gehabt. Damit man nun ebenfalls 
von dem Zuftande eines fo wichtigen Welttheils eis 
ne beffere und richtigere Kenntniß erlangen möthte: 
So richtete die fehon erwehnte Königl. Franzöfifche 
GSefellfchaft auch ihre Aufmerkffamfeit und Sorge 
dahin, und ſchickte, auf Befehl Sr. Allerchriftt. 
Majeft. und auf Einrathen des Herrn Caßini, zu 
dem Ende einen im Bobachten fehrgeübten Mann, 
nemlic) den Pater Seuillee, ab, der nicht nur nad) 
Terra Firma, fondern auch weiter gegen Süden, 
in die Königreiche Peru und Chilli gieng, und den 
Zuftand diefer Länder, und mas vornemlich die 
Stellung der vornehmften Derter auf diefen Kü- 
ften anbetraf, genauer unterfuchte. Er ift auch in 
der That der erfte gewefen, der die Stellung und 
Lage der Königreiche Peru und Chilli, durch feine 
Beobachtungen, richtig beftimmer hat. Auf feiner 
Reife war ihm aufgetragen, nicht nur allerley aftro- 
nomifche Beobachtungen an den Orten, wo er an⸗ 
gelangen würde, anzuftellen; fondern er ſollte auch 
alles dasjenige mit Fleiß aufzeichnen, was zur na= 
türlichen Gefchichte überhaupt gehörete, folche voll- 
fommener zu mahen. Wir wollen hier diejeni- 
gen Stüsfe anführen, die er auf feiner Reife — * 


84 Yon dent neueſten Entdeckungen 


Aftesnomie und Phyſik anzumerken ſich vorgefeger 
hatte. 
Was die aftronomifhen Beobachtungen an⸗ 
betraf; So feßte er fi) vor, folgendes in acht zu⸗ 
nehmen: 1) Die Abweichungen derjenigen Sterne 
zubeobachten, die um den Suͤdpol herum ftehen, 
und bey uns Europäern nicht gefehen werden Fön- 
nen. 2) Die Sonn-und Mondsfinfterniffe, und 
3) den Ein-und Austritt der Trabanten des Jupi⸗ 
ters in und aus dem Schatten veffelben zubemer- 
fen; damit der Unterfchied Der Längen daraus Fönn- 
te hergeleitet werden, wenn eben die wemlichen Be⸗ 
obachtungen zu Paris angeftellet würden. 4) Aufdie 
Zufammenfünfte der Planeten mit den Firfternen, 
und die Bederfungen derfelben durch den Mond acht 
zuhaben, um daraus die Längen der Derter nad) der 
Merhode des Herren Caßini zubeftimmen. 5) Die 
mittäglichen Höhen der Sonne und der Firfterne 
zubeobachten, um daraus die Polhöhen der Derter 
heraus zubringen. 6) Die Sonnenflefen und 
die Zeit zubemerfen, da der Durchmeſſer der Son- 
ne durch) den Mittagszirkel geher. 

In der Phyſik hatte er fich vorgenommen, 
folgendes in acht zunehmen: 1) Die DBerände- 
sung des Magnets und feine Meigung auf dem 
Meere fo wohl, als auf dem Lande. 2) Die Ebbe 
und Fluch des Meeres. 3) Die verfihiedenen 
Schweren des Waffers, nemlich des Meer - Fluß- 
und Brunnen-Waflers. 4) Die Höhen des Dved- 
fübers im Barometer. 5) Die Länge des Stunden⸗ 
perpendifels, in Abficht der Entfernung von der Ae⸗ 
geinonctiallinie. 6) Die fiheinbare vn. des 
Ye je eer⸗ 


vi" inder Geographie. 283 


Meerhörizonts, um daraus die Steahlenbrechung 
in verfchiedenen Himmelsftrichen zu entdecfen. 7) 
Auf die herrfchenden Winde, derfelben Stärfe und 
Veränderungen; auf die Erdbeben und fonft auf 
allerhand.andere Erſcheinungen acht zugeben, von de⸗ 
nen zur Zeit wenig befanntwar, Anderer Sachen, 
die zurnatürlichen Hiftorie gehören, zu geſchweigen. 
sus ‚Seine Beobahtungen und Anmerfungen, 
die er auf feinen Reifen vom Jahr 1707. bis auf 
das Jahr 1712. gefammlet, find aud) in der Aftro- 
nomie, Phyſik, Geographie und Botanif von uns 

emeinem Nugen gemefen. Einer einzigen phyſi⸗ 
Khen Beobachtung zu gedenfen, fo hat er wahrge⸗ 
nommen, daß die Schwere des Maffers fich bes - 
faͤndig vermindere, ie näher man ber Linie kommt. 


Dieſem Manne hat man aud) eine richtigere 
Stellung der Inſel Ferro zu danken, welche eing 
von den Canarifchen Inſeln ift, wodurch die Fran⸗ 
zoſen ihren erfien Mittagszirkel zu ziehen pflegen, 
amd welche zuvor der Herr de l Isle, und zwar nur 
duch eine. Muthmaßung, die aber. doc) glücklich 
genug ausgefallen war, beftimmt harte. Don bie- 
gen füdlichen Theiten von America befam man nach⸗ 
gehends auch noch mehrere Wiſſenſchaft, indem 
nicht nur die Franzofen,. ſondern auch ‚andere Na⸗ 
tionen, gar öfters Schiffahrten in das Stillemeer 
unternahmen, "welche alsdenn meiftensheils durch 
das ganze Weltmeer forsgefeget wurden: fü, daß 
dergleichen Reifen um die Welt, die ehemals. um 
ter die größten Wunderdinge gezählee wurden, je⸗ 
%0 als die gewoͤhnlichen, und fo zu ſagen ur 


86 Von den neneften Entdeckungen 


dentliche Verrichtungen der Seeleute angefehen 
werden. 
©... Alle diefe Entdeefungen haben fo vielzumegege- 
bracht, daß dadurch die Geftalt der Länder und ihre 
Küften nicht nur gaͤnzlich verändert worden; ſon⸗ 
dern fie haben auch der Schiffahrt felbft, fonderlich de⸗ 
nen langen Reifen,die in die entfernteften Länder an 
geftellet wurden, einen vorzüglichen Nutzen geleiftet, 
indem durch diefe Kenntniß von der eigentlichen Ge⸗ 
ſtalt der Seefüften, ſolche Reifen weit ficherer haben 
fönnen verrichtet werden, und man ber groffen Ge⸗ 
fahr, Schifbruch zu leiden, gar öfters gluͤcklich ent- 
gangen iſt. Es ifkeine natürliche Folge, daß, 
wenn die Stellung und Weiten der Küften, wohin 
der Lauf eines Schifs gerichtet iſt, unbekannt find, 
daffelbe in dem Augenblicke auf der Küfte ſtrandet, 
da man glauber, noch weit davon entfernee zu ſeyn; 
und im Gegentheil davor hält, einer Küfte nahe, 
und ohne Noch in groſſer Gefahr zu feyn, von der 
man doch noch weit entferner iſt. Hier verdienet 
Die Vorſorge des Königs in Franfreid) Ludwig 
XIV. vorzüglich gerühmee zu werden, welcher alle 
Küften feines Neichs, die von dem Meere beſpuͤlet 
werben, durch feine Feldmeffer aufzunehmen, ame 
befohlen hat, welche auch diefe Küften mit allen Klip- 
ven, Sandbänfen ıc. ausgemeflen, und in Charten 
gebracht haben, die alsdenn auf Befehl diefes groß 
fen Königs, zum Vortheil und Mugen feiner Schif⸗ 
ieute, unter dem: Titel der franzoͤſiſche Neptu⸗ 
nus, find herausgegeben worden. | 
Bon unvergleichlihem Nutzen zur Verbeſſe⸗ 
zung ber Geographie iſt auch Diejenige Bemuͤhung 
—— der 


* 


Inder Geotgraphie. 287 


ber Herren Caßini und de ! Isle geweſen, da ſie 
die wahre Größe ber alten geographifchen Reifemaaf 
fe, nemlich der römifchen Meilen und Stadien auss 
fündig gemacht haben, Denn diefe Kennmiß hat 
den Herrn de l Isle fo viel gediener, daß er diejeni⸗ 
gen vortreflichen Denfmäler des Alterthums, nem⸗ 
lich das Itinerarium Antonini und die Tabula 
Peutingeriana oder Auguſtana alfo nugen Fön- 
nen, daß er, vermittelft berkiben; mit Zuziehung der 
neuern Beobachtungen, vornemlich die Charten. von 
Griechenland und Italien verbeffern, auch von dem 
übrigen Afiatifchen, Syrifchen und andern benachbar⸗ 
ten Ländern, weit richtiger, ala zuvor, urtheilen koͤn⸗ 
nen, nachdem wir von diefen Ländern, wohin der freye 
Zugang wegen der Türfen und anderer Bölfer 
— * vergoͤnnet iſt, beſſere Landcharten aufzuweiſen 

ben. a 


. Eine mehrere Kenntnif von Africa, und fonbers 
li) von den weſtlichen Küften deſſelben, hat. man 
den Reifen der Franzofen zu danken. Denn 
diefe haben ung die eigentliche Befchaffenheie des 
Flußes Senega an erften befanne gemacht, der 
ſonſt bey dem Ptolemaͤus fälfchlic) vor dem. Ni⸗ 
gir oder Negro gehalten wird. Vorzuͤglich aber 
verdienet die Bemuͤhung Jobi Ludolphs, der, wie 
uns Juncker von deſſen Leben und Schriften er⸗ 
zaͤhlet, außer feiner Mutterſprache, noch fünf und 
Zwanzig andere Sprachen verftanden habe, gerühr 
met zu werden, welcher den Urſprung des Nils, 
und den Lauf diefes durch das ganze Alterthum fo 
berühmten Flußes ausgemacht, und den Zuftand 
des Abeßiniſchen Reiche richtiger beſchrieben hat, 
* 100r 


288 Von den neueſten Entdeckungen 


wodurch aus der Charte von Africa das ungeheure 
und mundervolle, wie auch fo viele falfche Abbil- 
dungen und Erdichtungen meiftentheils find aus⸗ 
getilget worden, wie aus der ſchoͤnen Charte von 
Afcica, und dem methodifchen Entwurfe einer hir 
ſtoriſchen Beſchreibung diefes Welttheils zu erſe⸗ 
hen, die der ehemalige vortrefliche Profeſſor Mas 
hemarum zu Wittenberg, Here Johann Mat⸗ 
thias Haſius, unfer fehr hochgefchägter Lehrmei⸗ 
fter ‚deffen Lehren wir ung allezeit als ein Mufter 
zur Nachahmung vorftellen, im Jahr 1737. ons 
Licht geſtellet hat. CH 
Dieſem um die Geographie und Gelehrſam⸗ 
keit uͤberhaupt verdienten Manne wären allerdings 
eine größere Anzahl Lebensjahre zu wuͤnſchen gewe⸗ 
fen, maflen duch feinen Tode viele angefangene 
Werke haben unvollfommen liegen bleiben müflen, 
wohin 5. E. das fhöne Werk van den großen Welt 
veichen gehöree, fo das einzige im feiner Art iſt. 
Außer einer tiefen: Einfiche in.die Mathematik und 
nuͤtzlichen Anwendung derfelben, befaß.er eine un 
gemeine und gründliche Kennmiß der ſchwerſten 
und weitläuftigften Theile der Hiftorie und Geogra⸗ 
phie, fowohl der alten, und der morgenländifchen, 
als auch der neuern, Hierbey fönnen wir nicht unan« 
gemerkt laffen, daß zu einer vollfommenen Land» 
harte zwo wefentliche Eigenfchaften erfordert wer: 
Den, nemlid) eine mathemachifche und eine politi⸗ 
ſche. Beyde finder man in den Hafifhen Charten. 
Was bie erfte betrift, fo ift diefer unfer Lehrmeifter 
der erfte geweſen, der eine gewifle Art einer Pro⸗ 
jection bey ſeinen Charten gebrauchet, welche ei 
ale | vo 


in der Geographie. 289 


vollfommenfte mathematifche Eigenfchaft hat, die 
‚man ihnen geben kann; mas die zweyte, nehmlich 
die politiſche Eigenfchaft betrift, fo müffen wir Ken⸗ 
ner hierüber urteilen laflen, unter welchen wir hier 
Den in allen. Theilen der Gelehrſamkeit erfahrnen 
Heren Sormey, Hiftoriographen bey der Königlich 
Preußiſchen Gefellfhaft der Wiflenfchaften zu Ber⸗ 
lin, anführen.wollen, welcher ein fehr vorcheilhaf: 
tes Urtheil von den Hafifchen Charten gefallet hat, 
wir haben daflelbe bereits vor einigen Jahren in 
einer Schrift gelefen, die ung aber entfallen; es ſagt 
aber der Herr Sormey darinnen ausdrücklich, nach- 
dem er vorhero die Vorzüge der de [ Isliſchen und 
Anvillifhen Charten erwaͤhnet, daß die Hafifchen 
über diefe alle den Vorzug hatten. Man kann 
alfo mit Recht diefen vortreflihen Mann, als den 
zweyten Erneuerer in der Geographie, nad) dem 
de U’ Isle anfehen,der eine ganz neue Art von Land» 
harten zu Stande gebracht, die, was ihr politifcher 
Zuftand fowohl, als auch, was ihre mathematifche 
Einrichtung betrift, vor die vollfommenften Fön- 
nen gehalten werden, fo jemals an das Tagelicht 
gefommen find. 

Wir fommen nunmehro wieder zu unferm Vor⸗ 
haben, und wenden uns zuvorderft nad) America, 
morinnen wir diejenigen Entdeckungen betrachten 
wollen, die ſowohl in dem füdlichen als nördlichen 
Theile deffelben, find gemacht worden. 

Was den füdlichen Theil betrift, fo gehören 
hieher die fehönen Nachrichten aus einer Neife, die 
der Herr de Is Condsmine, Mitglied der Königl, 
Sranzöfifchen Gefellfchaft, im Jahr 1743. von der 

e Dresdn, May. I, B. u Kuͤ⸗ 


290 Von den neueften Entdeckungen 


Küfte des Suͤdmeers, bis an die Küfte von Bra⸗ 
filien und Guiana, längft dem Amasonenfluf 
fe gethan, und worinnen er alles dasjenige aufge- 
zeichner, was ihme merfwürdig geſchienen hat. 
Diefer Fluß lauft quer durch dag ganze füdliche Ame⸗ 
rica, von Welten gegen Often, und kann mit Recht 
für den gröften Fluß auf dem ganzen Erdboden ges 
halten werden, maßen feine Lange auf drenfig 
Grad, oder auf vierhundert und funfzig deurfche 
Meilen, wo er ſchifbar wird, beträgt. Er nimme fo 
wohl auf der nördlichen als füdlichen Seite eine er- 
ftaunende Menge anderer Flüffe in ſich, unter welchen 
viele fo groß find, daß fie der Donau und dem Mil, 
in Betrachtung der Länge, beyfommen. Der eigent- 
Kiche Urfprung diefes Fluffes ift ſchwer zu entdecken. 
Daß er indem Königreiche Peru entfpringer, ift zwar 
befannt, in mas vor eine, von den Peruanifchen Pro⸗ 
vinzen, aber der Urfprung deffelben eigentlich zu fegen 
fey, davon hat man verfihiedene Meinungen, maf 
fen er fo viel Quellen har, daß man jegliche Quelle 
Dafür halten Fönnte: Diejenige Meinung, die den 
meiften Benfall Hat, ſetzet feinen Lrfprung in die 
Provinz, oder in das Corregiment Tarına, wo er 
aus der See Lauricochs, bey der Stadt Gua⸗ 
— kommen, und daſelbſt ſeinen Lauf anfangen 
oll. 

Dieſer Fluß fuͤhret drey Namen, nemlich 
der Maranjon, der Amazonenfluß und die 
Orellana. Wie er zu dieſer dreyfachen Benennung 
gekommen iſt, und welche davon die erſte oder älte- 
re fen, wollen wir Fürzlich anführen. Wie ihn die 
Indianer genenner haben, che er a 

* — 


in der Geographie. 291 


bekannt geworden, davon findet man in den fpani- 
Then Gefchichten nichts, doch ift zuglauben, daß fie 
ihm einen, und aud) wohl mehrere Namen benge- 
leget haben müffen, indem verfchiedene Nationen an 
feinen Ufern wohnen, unter welchen eine jegliche 
ihm einen befondern Namen wird bengeleget, oder 
vielleicht denjenigen beybehalten haben, den ihm be- 
reits eine andere Nation gegeben hatte. 


In Anfehung des Alters, hat der Name 
Maranjon den Vorzug. Denn als Vincent‘ 
Punjez Pinzon, einer von denjenigen, welche 
dem Chriftoph Columbus, auf feiner erften Rei 
fe, Gefellfchaft gefeifter hatten, im Jahr 1500. die 
Küfte von Brafilen entdecket hatte, fo fand er auch 
die Mündung diefes nachher fo berühmten Fluſſes. 
Es wird erzählet,daßerin einen Fluß gefommen, der 
den Namen Maranjon gefuͤhret, und zwar habe 
Pinzon diefen Fluß von den Indianern, aus einem 
ähnlichen Laut, nennen gehöret, und dahero geglau- 
bet und gefagt, daß er den Namen Maranjon fuͤh⸗ 
re. Einige halten es mit dem Auguftin von Za⸗ 

rate, in feiner Geſchichte von Deru, und leiten 
diefe Benennung von dem Namen eines fpanifchen 
Hauptmanns, Maranjon, her. Sie geben vor, 
daß diefer Hauptmann zuerft darauf gefchiffer und 
habe daher diefer Fluß von ihm feinen Namen er- 
halten; es wird aber gezmeifelt, ob jemals ein fol- 
her Hauptmann in der Welt gewefen fey. 


Der andere Name ift der Amazonen⸗ 
fluß. Die Urfache diefer Benennung kommt 
von Sranciſo de Orellana her. Denn als der⸗ 

U felbe 


292 Von den neueften Entdeckungen 


felbe diefen Fluß das erftemal mit einer Brigantine 
befchifte, befanden ſich unter einer von denen Na— 
tionen, die er auf feiner Reife antraf, Weiber, die 
ihn den Weg vermehrten, und welche ihm an das. Ufer 
gewafnet entgegen kamen. Sie wuſten mit dem 
Bogen und Pfeilen fo fertig umzugehen, als die er- 
fahreniten Indianer. Diefe gewafneten Weiber nö- 
thigten ihn auch wirklich von dem Ufer abzuziehen, 
ohne an das Land zufteigen, welches von den Wei⸗ 
bern hartnaͤckigt vertheidiget wurde. Wie man 
aus der Erzählung des Orellana, von den Gegen- 
den und Orten, wo fid) derfelbe aufgehalten hat, 
urtheilen kann, fo hat ſich diefer Weiberfrieg, nicht 
weitüber dem Zufammenfluffe des Negro, mit dem 
Maranjon zugetragen. Als diefer Orellana nad) 
Spanien zurück Fam, fo wurde in deffen Urfun- 
de, worinnen ihm die Regierung des Landes anver- 
trauet wurde, der Ausdruck gebraucher, daß man 
ihn mit dem eroberten Lande der Amazonen begna- 
digte. Don diefer Zeit an iſt das Fand unter die— 
fem Namen befannt gemefen. 

Den legten Namen hat diefer Fluß da- 
ber befommen, weil, wie vorhin erwehnet worden, 
Franciſco de Orellana der erſte gemefen, der 
folhen, im Jahr 1541. längft herunter, bie an 
feinen Ausfluß ins Weltmeer, befahren har. Er 
hat die erften Nachrichten, von dem Laufe diefes 
Stuffes, und mas davon unbefanne gemwefen, gege- 
ben. Er hat das weite Land enfdecfet, wodurch 
diefer Fluß feinen Gang nimmt; ingleihen die vie- 
len Inſeln, die er auf feinem Wege bilder, und die 
‚verfchiedenen Narionen, Die anf beyden Seiten fei- 

ner 


in der Geographie, 293 


ner Ufer wohnen. In den folgenden Zeiten iſt die⸗ 
fer Fluß zu verſchiedenen malen befahren, und ge- 
nauer unterfüchet worden. Unter andern haben 
fih die Herren Paters aus der Gefellfchaft JE- 
fu, vermöge ihres heiligen Eifers, gar fehr bemuͤ⸗ 
het, die um diefen Fluß herum wohnenden India⸗ 
ner und Heyden zum chriftlichen Glauben zu bekeh⸗ 
ren, wo fie denn auch eine reichliche Seelenerndte 
gefunden haben, und wodurch man alſo, nach und nach, 
immer mehrere Erfenntniß von diefem Fluffe erlan- 
get hat. Zu Ende des vergangenen Kahrhunderts 
tar die Unterfuchung Diefes großen Stroms fo weit ger 
diehen, daß der größte Theil der dazugehörigen Land- 
fehaften, bereits, durch die Einrichrung der Mißio— 
nen, verbeffert war, welche die Jeſuiten dafelbft an- 
geleger harten. Die Ufer diefes Stroms, melche 
zuvor von folchen Indianern waren bewohnet mor- 
den, die mehr den wilden Thieren als den Menfchen 
glihen, waren jeßo in ordentliche und wohl einge 
richtete Pläge verwandelt, wo nunmehro vernünfti- 
ge Menfchen wohneten. Zu diefen Berbeflerungen 
hatte eim teutſcher efuite, nemlich der Pater Sa⸗ 
muel Sritz, das meifte beygetragen, als er im 
Jahr 1686. dahin gefommen, und, durch feine ſuͤſ 
fen Worte, den wilden VBerftand und dag rauhe We- 
fen diefer Völfer gänzlich eingenommen und ver- 
beffere Hatte: fo, daß fie mit groffem Verlangen das 
Evangelium annahmen, und ſich unter die fpani- 
fhe Botmaͤßigkeit willig beugeten. 

Durch die Nachrichten, die der Pater Fritz, 
auf feinen vielen Reifen, in diefen Ländern geſammlet 
‘hatte, wurde er in den Stand gefeger, eine Charte 
u3 von 


— 


294 Don den neueften Entdeckungen 


von dem Laufe diefes Fluffes zuverfertigen,, welche 
im Jahr 1707. zu Quito geftochen wurde. 

Sanſon hat ung eine fehr unvollfommene ' 
Eharte von dem Laufe dieſes Flußes gegeben, und 
man hat bis 1717. feine befjere davon aufjumei- 
fen gehabt. Nachgehends aber erfchien, in Frank: 
reich, die vorhin erwehnte Charte des Pater Sri 
von diefem Fluße, die nad) der zu Quito geftoche- 
nen Charte gezeichnet worden. Weil diefer Pater 
aber mit unvollfommenen Inſtrumenten verfehen, 
and) mehrentheils auf feiner Reiſe Franf gemefen, 
fo ift auch feine Charte, fonderlic), was die untern 
Theile diefes Zlußes betrift, immer noch unvoll- 
fonmen. 

Diefer Unvollfommenheit hat Herr Con— 
damine völlig abgeholfen, und von diefem Fluße 
eine gar fihöne Charte aufgenommen, dabey auch 
allerhand. Anmerkungen gemacht, wozu ein fo we⸗ 
nig befanntes Land Gelegenheit geben Fönnen, die 
aber zur Erläuterung des geographifchen Zuftandes 
der dortigen Gegenden gar viel bentragen. Er hat 
uns zugleich eine fichere Nachricht gegeben, daß 
der ſchwarze Fluß (Rio negro) mit dem Orino⸗ 
gve zufammen hänger, und daß auch ein wirkfli- 
der Zufammenhang des Orinoqve mit dem Ma⸗ 
ranjon vorhanden ſey, er beſtaͤtiget dieſes mit ſo 
vielen Zeugniſſen und Schluͤſſen, daß an der Wahr⸗ 
heit dieſer Sache gar nicht mehr kann gezweifelt 
werden. Der Zuſammenhang des Orinoqve und 
des Amazonenflußes kann man wirklich als eine 
neue Entdeckung in der Geographie anſehen; denn 
ob er gleich in den alten Landcharten ſehr deutlich 
vor⸗ 


‚in der Geographie. 295 


vorgeftellee ift, fo haben doch die neuere Erdbeſchrei⸗ 
ber Diefen Zufammenhang wieder außer acht gelaffen, 
oder folchen vielleicht vor unmöglich gehalten, 

Wir gehen aber weiter zu denjenigen Entde- 
fungen fort, die in dem füdlichen America be- 
fannt geworden. Die Mißionarien haben uns 
den Zuftand diefer Länder beffer Fennen ler- 
ven, maßen gar gute Nachrichten von dem Fluß 
de la Plata, und von dem in diefem Welttheile neu 
aufgerichteten Reiche der Herren Jeſuiten, vorhan- 
den find. Der Fluß de la Plata, oder der Sil- 
berfluß, begränzet Brafilien gegen Suͤden, fo wie es 
der Amsszonenfluß gegen Norden thut. Der eir 
gentlihe Name, von feiner Dvelle an, heiße 
Paraguay, oder Paranaquay, und die er- 
fie Entdeckung diefes Flußes hat man einem Cafti- 
lianifchen Lootsmanne, Yohann Diez de Solis, 
um Jahr 1515. zu danken, ver ihn los Platos 
nennte. . Die Sindianer nennten ihn vorhero Ama⸗ 
raya. Sebaftisn Cabot, der im Jahr 1496. 
die Inſel Neuland, und einen Theil von dem be- 
nachbarten feften Lande, für die Engellaͤnder, ent- 
decket hatte, und ſich nachgehends von ihnen ver- 
achtet fahe, Fam nad) Spanien, wo er gar wohl 
aufgenommen wurde. Kr machte dem Kanfer 
Carl den V. zu Madrid, einen Vertrag, welcher date 
innen beftunde, durch die Magellanifche Meeren- 
ge, und von da nad) Oftindien zugehen, mo er fein 
Schif mit Gold und Silber beladen, und, durch 
eben den Weg, wieder nach Spanien zurück keh⸗ 
ten follte. Cabot gieng 1526. unter Seegel; weil 
ſich aber allerhand BVerhinderungen in den Weg 
5 ! u 4 leg⸗ 


296 don den neueften Entdeckungen 


legten, durch gedachte Meerenge zugehen, fo liefer 
in diefem Fluß ein. Hier vertauſchte er allerhand ge- 
ringe Waaren gegen Gold und Silber, welches 
ihn die Indianer häufig brachten; daher erglaubte, 
daß diefer Reichthum aus den Bergwerken des 
Landes kommen müfte, er gab affo diefem Fluſſe 
Paraguay, den Namen Rio de la Plata, oder 
Silberfluß. 

Weiter hinunter von dem Fluß de la Plata, 
laͤngſt der Küfte der Patagonen, biß an die Magel 
laniſche Straffe, hat der König in Spanien, im 
Jahr 1745. Unterfuchungen anftellen laſſen, und 
wurde dem P. Quiroga aufgeragen, Beo— 
bachtungen zu machen, wobey ihn zween andere 
Sefuiten aus Paraguay, auf diefer Reife, begleite- 
ten. Diefe Reife hatte zweyerley Abfichten zum 
Grunde, die erite war, ob fic) Leute auf diefen 
Küften befanden, die geneigt waren, fich unter die 
Fuͤhrung der Jeſuiten zubegeben, und das Chri- 
ſtenthum anzunehmen. Die zweyte aber mar, ei- 
ner bequemen Hafen ausfindig zumachen, melcher 
befeftiget werden koͤnnte. Diefe Reife hat uns ei- 
ne weit richtigere Kenntniß von einer fo wenig be- 
fuchten Küfte gegeben, als man bishero davon ge- 
habt. Man ift hiedurch gewiß worden, daß fie 
weder Einwohner hat, noch haben Fann, und die 
Mißionarien haben der Hofnung völlig entfagt, 
daſelbſt ihren heiligen Eifer auszuüben, 


Die Sortfenung folgt im nächften Stücke. 


IL. Kurze 


RM 497 
= . 
Kurze Nachricht 


von i 


den fo genannten Weidenrofen. 
o gewiß es ift, daß alle natürliche Bege⸗ 
SS ‚benheiten durch vorhergehende Urfachen 


zumege gebracht werden; fo ungegrün: 
der handeln diejenigen, welche verſchie— 
dene Wirfungen der Natur, wovon man diefe Ur- 
fachen entweder nicht fogleich ergründen kann, oder 
fi) nicht einmal bemüher, diefelben zuerforfchen, 
für Wunderwerke, und für Zeichen eines: Fünfti« 
gen Gluͤcks⸗ oder Unglücksfalls anfehen. 
Whuoenn der unwiſſende Pöbel dergleichen Ur- 
heile fället, fo laffen fich diefelben, wegen des 
Mangels feiner Einfiche, noch wohl entfchuldigen; 
wenn aber foldhe ungegründere Erzählungen von 
Männern, die eine Kenntniß in der Narurwiffen- 
haft Haben wollen, vertheidiget werden, fo ift die⸗ 
fes als ein deutlicher Beweis ihres Aberglaubens 
anzufehen. 

Die Heuſchrecken, welche man ehedem als 
fuͤrchterliche Vorboten großer Kriegsheere betrach- 
tete, und. auf deren Flügeln man fogar das bevor- 
ftehende Unglück, in verfchiedenen Sprachen, zu 
lefen vermeynere, * fiehet man nunmehro, da ung 
R u theils 

In der mit.lauter Fabeln und Aberglauben angefülls 
ten Abhandlung Nicolai Hoͤpffners vom 
Wetterſtraal, Sturmwinden und — 
re⸗ 


298 Aurze Nachricht © 


theils ihr Urfprung und Aufenthalt, theils aber 
auch die Urfachen, die fie in unfere Gegenden zu- 
ziehen nöthigen, befannt geworden, mit ganz an- 
dern Augen an. Die blutrothe Sarbe, welche 
wir in verfchiedenen Gewaͤſſern anſichtig werden, 
hat ihre nafürliche-Urfache, und rühret von dem 
befannten Wafjerflohe;* her. Der fogenann- 
te Blutregen wird entweder von einigen Arten 
der Schmetterlinge, welche, bey ihrer legten 
Berwandelung, einen blutrorhen Saft von ſich ge: 
ben, oder vermittelt gewiffer minerslifchen Duͤn⸗ 


fehrecken,. welche 1694. zu, Gera gedruckt iſt, 
‚ findet man: verfchiedene lächerliche Erklärungen der 
auf den Slügeln der Heuſchrecken befindlichen Zeis 
‚chen, oder eigentlich gu reden, der Verbindungen ihr 
’ rer Flügelnerven, nebft andern feltfamen Heuſchre⸗ 
ckenmaͤhrchen, die ung fattfam von dem Aberglau⸗ 
ben und von der Unwiſſenheit dieſes Schriftftellers 
überführen. 0 
. * Der Here Paftor Schäffer hat dieſes Waſſer⸗ 
inſect, in feiner Abhandlung von grünen Arm⸗ 
polypen, und zwar im andern und dritten Abs 
fchnitte befchrieben. Diefe Kleinen Thiere erfcheinen 
den bloßen Augen als rothe Puncte, die fich mit, eis 
ner ungemeinen Gefchwindigfeit, im Waffer, von 
einem Orte gu dem andern bewegen. Man findet 
fie insgemein fehr Häufig in.geruhigen und ftehenden 
Gemäffern und Zeichen, welche daher nicht felten «is 
ne blutcothe Farbe befommen zuhaben fcheinen. . In 
unfern dresbnifchen Gegenden kann man diefe Beges 
benheit an verfchiedenen Drten, infonderheit aber in 
bem fo genannten Judenteiche wahrnehmen, wo⸗ 
ſelbſt ſich diefe Thiere in folcher Menge aufhalten, 
daß man in bemfelben, bey hellen Wetter, — 

t 


von den forkehannten Weidenroſen. 299 


ſte zumege gebracht. * Verſchiedene Gemächfe it 

dem Pflanzenreiche, welche ung öfters, wegen ih⸗ 

rer ungemoöhnlichen Geftalt, wunderfam vorfom- 

men, find entweder Wohnungen gemifler Gewuͤr⸗ 

me, oder Witfungen, fo theils einem verderbten, 

theils aber auch einem überflüßigen Nahrungsfafte 

der Pflanzen zuzufchreiben find. ode 

Wie ungegründer handeln alfo nicht diejeni- 

gen, welche die vor einiger Zeit um Gottleube 

und Sreitenen, ohnmeit Pirna, gefundene foge- 

nannten Weidenrofen, als eine auferordentliche 

« Bege⸗ 

the Wellen, und große Flecke, von gleicher Farbe, 
anſichtig wird. J 

* Der bey Pirna und Koͤnigſtein, vor einigen Wochen, 

beobachtete Blutregen beflund in rothen Tropfen, 

welche man bin und wieder, auf den Steinen, und 

auf den Blättern der Bäume und ber Pflanzen ge⸗ 

wahr ward. Es ift fehr wahrfcheinlich, daß diefels 

ben von den befannten, weißen Schmetterlingen, mit 

fchwarzen Flügelnerven, melche aus den weiß und 

geldgeftreiften Winferraupen erzeuget werden, ſ. 

Friſchens Beſchr. der Inſecte 5. Th. 16.©. 

entftanden find. Diefe Schmetterlinge geben, wie 

verfchiedene andere, bey ihrer letzten Verwandelung, 

einige Tropfen eined Saftes von fich, welcher, im 

Anfehung der Farbe, dem Blute voͤllig gleich fiehet: 

wie man denn auch bisweilen, auf den Fluͤgeln ders 

felben, biutrothe Flecke anfichtig toird, welche das 

ber entfichen, wenn fie mit diefem rothen Unrath ihr 

re eigene Fluͤgel beſudeln. on der andern ange⸗ 

führten Art des fo genannten Blutregens haben wir, 

vor einigen Jahren, verfchiedene Nachrichten, aus 

der Schweiß und aus dem Alpengebürge, in den oͤf⸗ 

fentlichen Zeitungen, gelefen, woſelbſt nicht — 

rother 


300 .. Aurse Nachricht 


Begebenheit anfehen, oder diefelbe wohl gar für 
ein: Zeichen eines herannahenden Friedens ausge- 
ben, und fie daher mit dem Namen der Sriedens- 
roſen belegen, da doc) diefe Gewaͤchſe eben fo, mie 
die befannten Galläpfel, auf der Eiche, und die 
moosförmigen Büfchel an dem Nofenftocfe, von 
gewiffen Inſecten herrühren. 

Wenn man die gemelderen Weidenrofen in 
gehörige Betrachtung ziehet, fo wird man beobad)- 
fen, daß fich diefelben, durchgängig, an einem 
jährigen MWeidenfchößlinge, und zwar an einem 
folhen Orte befinden, wo eine Blätterfnofpe, oder 
ein Anfag zu einem neuen Ausmwuchfe vorhanden 
ſeyn follte. Diefes muß uns nothwendig auf die 
Gedanfen leiten, daß der Wachsthum einer fol- 
hen Knofpe fey verhindert worden, zumal, da man 
zugleich gewahr wird, daß fich die in derfelben über- 

ein- 
rother Regen, fondern auch ein Schnee, von gleis 
her Farbe, in großer Menge, gefallen if. Es ge 
ſchahe aber dieſes fur; vor dem damaligen großen 

Erdbeben, zu welcher Zeit verfehiebene, mineralifche 

Dünfte in Bewegung gebracht waren, die fich, nebſt 

der mwäfferichten Feuchtigkeit, in den Luftkreis erhu⸗ 

ben, und in dem herabfallenden Regen und Schnee, 
eine rothe Farbe verurfachten: welches infonderheit 

Die fchweflichten und brennbaren Dünfte, unter ges 

wiſſen Umftänden, bemerffteligen folen. Man hat 

diefe Meynung in derjenigen Eleinen Abhandlung, die 

bey Gelegenheit des zu Ulm, den 15. Nov. 1755. 

gefallenen Blutregens, unter dem Tittel: Samm⸗ 

. lung von Mieynungen großer Gelehrten, 
die Wunderregen betreffend, heraus gekom⸗ 
men, teitläuftiger ausgeführet, und mit hinlaͤngli⸗ 
hen Gründen unterftüger. 


von den fogenannten Weidenrofen. 301 


einander liegenden Seitenblätter, unter der Ger 
ſtalt einer Roſe ausgebreitet, die mictelften hinge⸗ 
gen weder zu ihrer gehörigen Geſtalt, noch auch zu 
der gewöhnlichen Größe gelangen Fönnen. Im 
übrigen zeiget fih an diefem Gewaͤchſe, außer den 
übereinander liegenden Blättern, nicht die gering- 
fie Gleichheit mit einer Rofe, indem man weder 
den zu diefer Blume gehörigen Blumenkelch, noch 
aud) die Saamenbehältniffe, vielmeniger aber die 
gewöhnlichen Blumenfaden, und die übrigen der- 
felben eigenthümliche Theile, an demfelben gewahr 
wird; zugefchweigen, daß fogar die Blätter diefes 
Gewaͤchſes, mit den Blumenblärtern einer Roſe, 
nicht Die geringfte Gleichheit haben. 

Die Sarbe diefes Gemächfes ift zwar insge⸗ 
mein blaßgrün; allein man hat dennoch auch eini- 
ge andere Farben an demfelben beobachte. De 
vid Herrmann, * gewefener Prediger in Maffel, 
führet verfchiedene Arten an, unter welchen etliche 
eine grünliche, andere eine gelbliche, oder auch eine 
röthliche Farbe follen gehabt haben. D. Wind: 
ler, ** ein fchlefifcher Medicus, meldet, in einer 
befondern von diefem Gewächfe abgefaßten Ab- 
handlung, daß diejenigen, welche er unterfucher, 
zwar von grüner Farbe geweſen wären, inmendig 
aber theils weiße und vöthliche, theils aber nn 

gelb⸗ 
*In ſeiner Beſchreibung des ſchleſiſchen Maſſels, auf 
der 242. S. 

” Ephem. med. phyf. an 1672. obſerv. CXVII. 
pag. ı52.. Folia exteriora fuerunt quidem vi- 
ridia, interiora vero alba & rubicunda; in me- 
dio flavedinis, aliqvid habebanı.- © .. ; 


302.  Auwse Nachricht 


gefbliche Blätter gehabt hätten. Diejenigett, fo 
1693. bey Altenburg gefunden worden, find zwar, 
nah Chriftisn Lehmanns * Berichte, von 
grüner Farbe, an dem eingeferbten Rande der 
Blätter aber bräunlich geweſen. 

Die Größe diefer Weidenrofen feheinet eben 
fo veränderlich, ‚als die Karbe derfelben zu ſeyn; 
Doc) haben die meiften ohngefahr einen Zoll zum 
Durchmeſſer; wiewohlder erwähnte Herrmann ** 
behauptet, daß fie bisweilen auch fo groß als ein 
Handteller gefunden würden. 

Srifch hat ung diefes Gemächfe, in feinen 
Beſchreibungen von allerley Inſecten in 
Deutfchland, in Kupfer vorgeftellet, *** es wei⸗ 
het aber deffen Abbildung in fehr vielen Stücken, 
von denjenigen ab, die wir in Herrmanns Mas⸗ 
lograpbie, **** ingleichen in der angezogenen 
winckleriſchen Nachricht antreffen, ***** welches 
mich auf die Gedanfen bringe, daß man viel- 
leicht eben fo, wie bey andern dergleichen Auswüch- 
fen der Pflanzen, mehr als eine Arc von denfelben 
finden mag. 
Man trift diefe Weidenrofen entweder zu En- 
be bes Sommers, oder beym Anfange des Herb- 
| fies, 
* Siehe deſſen Biftorifchen Schauplag ber natürl. 
Merkw. des meißn, Obererzgebuͤrges, auf der 482; 
und 483. ©. 
+ Sn der Beſchr. des fchlef. Maffeld auf der 242, ©, 
- Im 12. Th: auf der 1. Kupfertaf, 21: Platte, 
“er Auf der 14, Kupfertafel. * 
Eph. med, phyſ. l.c. RER 


von den föttenannten Weidenrofen. 303 


ftes, * und zwar auf folhen MWeidenbäumen an, 
die an feuchten Orten wachfen, auf welchen fie ins⸗ 
gemein, nad) einem vorhergegangenen- trodenen 
und warmen Sommer, zum Vorſcheine Fommen, 
An denjenigen Weidenfnofpen, melde fid) in der« 
gleichen Rofen verwandeln, beobachtet man bereits 
im Frühjahre einige Veränderung, und im Som⸗ 
mer befommen die Außerlichen Blätter derfelben, 
welche feitwärts auswachfen, eine ungewöhnliche 
Geftalt, im Herbft aber gelanget diefes Gewaͤchſe 
3 zu feiner gehörigen Größe und Bollfommen- 
eit. 

Dieſe beſagten Umſtaͤnde veranlaſſen mich zu 
glauben, daß diejenigen Weidenroſen, welche wir, 
zu Ende dieſes Fruͤhjahres, aus einigen um Pirna 
befindlichen Gegenden erhalten haben, bereits im 
vorigen Herbſte auf den daſigen Weidenbaͤumen 
moͤgen gewachſen, und unter den Blaͤttern verſteckt 
geblieben ſeyn, bis ſie endlich, da die Weiden ihres 
Laubes beraubet geweſen, den daſelbſt befindlichen 
Einwohnern in die Augen gefallen. | 

Ich werde im diefer Muchmaaßung um fo 
viel mehr beftärfet, meil diejenigen, fo mir hier: 
von zu Gefichte gefommen find, niche nur völlig ver« 
trocknet, fondern auch, hin und wieder, dergeftale 
von der Feuchtigkeit befchädiger und moderfleckigt 
waren, daß fie mit Feiner von allen denjenigen, h 

| i 


* Der erwähnte Pafor Herrmann bat dieſes Ger 
wächfe gleichfalls zu feiner andern Zeit, als gegen 
. „ben Herbft, auf den Beiden, antreffen können. Sie⸗ 
5 deffen Maslographie auf der 237,238. und 241. 


304 - Kurze Nachricht 


ich fonft gefehen, oder befchrieben und abgebildet 
gefunden, weder in Anfehung ihrer Größe, noch) 
in Betrachtung ihrer Farbe überein famen, indem 
fie vielmehr einem vertrocneten, und in ein blu⸗ 
menförmiges Büfchel zufammen gezogenen Weiden- 
laube, von bräunlicher Farbe, als einer folchen 
Roſe, gleicheten. 


Diefes Gewaͤchſe kommt auf verfchiedenen 
Arten von Weiden zum Borfcheine. Herr Linnaͤ⸗ 
us * nenne diejenige, worauf er daſſelbe ange 
troffen, falicem foliis integris, glabris, ovatis, acu- 
tis. Rajus ** ſaget, daß man es nicht allein auf 
den gemeinen, weiffen und rothen, fondern auch 
auf verfchiedenen andern Arten von Weiden, faͤn⸗ 
de. Herrmann, *** hat diejenigen, welche er be- 
ſchrieben, auf der fo genannten weißgrauen Haar⸗ 
weide angetroffen, und Hopfe *** meldet, daß er 
daſſelbe auf der Weide mitden Pfirfchigblättern 
gefunden habe. Wer die von Srifchen, Herr⸗ 
mannen ımd Wincklern bereits angeführten Ab- 
bildungen gegen einander hält, dem wird der Un- 
terſcheid, in Berrachtung der Weiden, gar leicht in die 

| Yu 
* Spec. plant. pag. 1019. no. I6. 

* Catal. plantar. circa Cantabrigiam nafc. pag. 
146. Fregventer occurrit hec foliorum po- 
fitio apud nos in Salice vulgari alba & rubra, 
vidimus etiam alibi, non femel, in caprea, & 
in Salice qvadam pumila. 

“ YAmangeführten Orte aufder 241. ©. 


Sn feiner Abhandlung von verſteinerten Si hie 
ten und Weiderirofen, u un 


von den fogenannten Weidenroſen. 305 


Augen fallen. Diejenige Art, auf welcher man die- 
fes Gewaͤchſe in den um Pirna befindlichen Gegen- 
den wahrgenommen, ſcheinet von allen angeführten 
unterfchieden, und diejenige zu ſeyn, welche Lin⸗ 
ndus * falicem, foliis ovatis, rugofis: fübtus tu- 
mentofis, undatis, füperne denticulatis, und Ca- 
ſpar Bauhinus ** falicem, folio ex rotundita- 
te acuminato nenne. Man finder diefelbe beym 
Chabräus, *** unter dem Namen falicis latifo- 
lie, inferne hirfutz, befihrieben und abgebilver. 
Sie wächft gemeiniglich auf fandigten und naflen 
Gegenden, ingleichen an fihattigten Orten und in 
Wäldern. Es ift dahero gar wahrfcheinlich, dag 
der angeführte Unterfcheid der Weidenrofen, in An- 
khung ihrer verfchiedenen Größe und Geftalt, von 
den Arten der Weiden, auf welchen diefelben an⸗ 
getroffen werden, inſonderheit aber von der Größe 
und Geftalt der an denfelben befindlichen Blätter 
herſtamme; doch Fann eine feuchte oder trockene 
Witterung , nebſt einigen andern Umftänden, 
gleichfalls gar viel zu der Veränderung diefes Ge- 
waͤchſes beytragen. 


Wenn man die Urſachen dieſes veraͤnderten 
oder verhinderten Wuchſes, an den Weiden, zuer- 
forfchen fich bemüher, fo findet man bey dem 

j Schrift⸗ 


* Spec. plant. pag. 1020. no. 26. 
* In pinace thearr. botan. lib. XII. ſect. III. p. 


474 
”* Stirpium fciagraph. & icon. pag. 65. 
Dresdn. Mag. J. B. * 


306 Aurse Nachricht 


Schriftftellern dieferwegen verſchiedene Erflärun- 
gen, welche aber größten Theils entweder falſch 
‚find, oder aber nur einige Nebenumftände diefer 
-Begebenheit berühren, die wirfende und Hauptur⸗ 
fache aber gänzlich mie Stillſchweigen übergehen. 
Die Meynungen derjenigen, welche diefes Ge- 
wächfe, mit dem Rajus, * für ein bloßes Natur⸗ 
fpiel anfehen, oder deffen Urfprung von der irren 
den Natur herleiten, ** jadaffelbe wohl gar, mie 
Fonfton, *** für einen Ausmwurf der Natur hal⸗ 
‘ten, verdienen nicht einmal in Betrachtung gezo⸗ 
‚gen zit werden. Diejenigen, welche ſich bemühen, 
Diefe VBegebenheit aus einem, bey heißer und fro- 
ckener Witterung, entftandenen Mangel des Saf 
tes in den Weiden, herzuleiten, und daher zube 
Haupten ſuchen, daß hierdurch, der ſonſt gewoͤhnli⸗ 
he Auswuchs des Schoßling®® aus feiner Knoſpe 
verhindert werde, fo, daß ſich die in derfelben ver- 
ſteckten Blätter, bey ermangelndem-Tviebe, in die 
Geftalt diefes Gewaͤchſes vermandelten, **** fchei> 
nen zwar einige Gründe diefer Begebenheit anzu 
geben; allein die Sache läßt ſich nicht füglich, nach 
allen Umftänden, aus diefer Meynung erflären. 
Es würde hieraus folgen, daß man, bey derglei- 
chem trockenen Wetter, Diefes Gewaͤchſe nicht allein 
aufden Weiden, fondern auch auf andern Baͤu⸗ 

men 


* Catal. plant. circa Cantabrigiam naſc. p- 146. 
** Mifcellan. N. C. an. 1671. obſ. 265. 
»® Dentrolog. 


- Herrmann Befchr, des fchlefifchen Maſſels auf der 
234 ©. — 


von den fogenannten Weidenrofen. 307 


men anfichtig werden muͤſte. Man würde Feine 
Hinlängliche Urfache anzugeben im Stande fenn, 
warum die Meidenrofen nur gegen den Herbſt 
um Vorſcheine Famen, indem es zu diefer Zeit 
* an feuchten Wetter fehler. Der verminder- 
te Trieb des Saftes, würde zwar wohl die Größe, 
nicht aber die Figur und die Farbe der “Blätter 
verändern koͤnnen. Und gefeßt auch, man wollte 
die Weidenrofen als eine Wirfung einer allzutro- 
denen Witterung anfehen; fo würde dieſes Ge⸗ 
wächfe eine ganz andere Geſtalt befommen müffen. 
Aus der innern Befchaffenheit, und aus dem 
Wuchſe einer Knoſpe iſt leicht einzufehen, daf der 
Trieb des Saftes mehr gegen die innerlichen, als 
gegen die äußerlichen Theile derfelben gerichter ſey; 
woraus nothwendig folge, daß eine trockene Wit⸗ 
terung vielmehr dem Fortfommen der äußerlichen, 
als der innerlichen Blätter einer folhen Knoſpe 
ſchaͤdlich und hinderlich feyn müfte; wovon wir aber 
an den Weidenrofen das Gegentheil beobachten. 
Diefes alles nebft demjenigen, was ich von der ü- 
brigen Befchaffenheit ver Weidenrofen angeführee 
habe, laͤßt fich hingegen vollfommen erflären, wenn 
man die Meynung derjenigen Maturforfcher an- 
nimmt, welche behaupten, daß dieſes Bewächfe 
von einem gewifjen nfecte zuwege gebracht 
werde, welches feine Zyer in Die Anofpen 
der Weide verwahret, aus welchen nachte- 
bends gewifje Würmer hervor Eommen, die 
die innerlichen Theile einer folchen Anofpe, 
welche zum Auswuchſe eines neuenSchoßlings 
beftimmer find, * Saftes berauben, ſich 

2 aus 


308 Kurze Nachricht 


aus den Blaͤttern derſelben eine Wohnung 
bauen, und daſelbſt ihre gewoͤhnliche Ver⸗ 
wandelungen abwarten. 


Friſch,* dem wir, wegen verſchiedener zu der 
Naturgeſchichte der Inſecten gehörigen Entdeckun⸗ 
gen, vielen Dank ſchuldig ſind, hat bereits beo⸗ 
bachtet, daß ein gewiſſes Inſect an die Spitzen der 
Weidenknoſpen, in eine aus dieſer Abſicht gemach⸗ 
te Oefnung, ſein Ey geleget. Er hat wahrgenom⸗ 
men, daß die aus dem daſelbſt befindlichen Eye 
ausgekrochene Made, einer ſolchen Knoſpe ihren 
Saft, welcher zu der Verlaͤngerung des Zweiges 
beſtimmet geweſen, entzogen. Allein, ob er gleich 
dieſe Made in verſchiedenen Knoſpen anzutreffen 
und in Betrachtung zuziehen Gelegenheit gehabt, 
iſt ihm dennoch ſowohl die Verwandlung derſel⸗ 

en, als auch das vollkommene Inſect, ſo aus 
derſelben hervorkommt, verborgen geblieben. Es 
iſt aber nunmehro ſattſam bekannt, daß ſich dieſe 
Made in ein gewiſſes fliegendes Thier verwandelt, 
das zu dem Geſchlechte der mit vier haͤutigen Fluͤ⸗ 
geln und einem Schwanzſtachel verſehenen Inſecte 
gehoͤret, welche unter dem Namen der Hymenopte- 
rorum bekannt find; unter welchen es eine Stelle 
zroifchen den verfchiedenen Arten der Tenchredinum 
und der Ichnevmonum verdienet, ſich aber, vermit: 
telſt feines Fegelförmigen und gefurchten Stachels, 
aculeo ani conico carinato , von beyden unterſchei⸗ 


det. | 
Die 


Beſchreib. vom allerley Inſecten in Deutſchland, im 
12. Theile auf ber 7. und 8. ©. 


von den fotgenannten Weidenroſen. 309 


Die vornehmften Arten, welche, nebft derje- 
nigen, die fi) in den Weidenrofen aufhält, zu die- 
fen Gefchlechte gehören, find diejenigen Fleinen 
Fliegen, fo aus den Maden, die man in den 
moos⸗ oder ſchwammartigen Gemwächfen des wilden 
Nofenftoces finder, erzeuger werden, von welchen 
uns Mentzel, * Blanckhard, ** Srifch *** 
und Reaumur **** bereits einige Machricht er- 
theilee haben : ingleichen die verfchiedenen Gattun- 
ger von Galläpfelfliegen, und einige andere In⸗ 
fecten, welche bereits hin und wieder beſchrieben 
und angefuͤhret find, **** und die N theils in An- 

3 fe: 


* Ephem. N. C. dec. 11. an. IT. 
Br der Raupen, Würmer und Maben, im 
n, IO, 
* — von allerley Inſecten in Deutſchland, 
6. Th. 1. S. J. Kupferiafel. 

###* Memoires pour fervir A P hiſtoire des inſectes t. 
III. tab. 46. f. 5. 6.7.8. & tab. 47. fig. 1. 4. 
. Die perfchiedenen Arten der hierher —— Inſe⸗ 
cten, welche aus den ſogenannten Gallaͤpfeln, auf 
der Eiche, zum Vorſcheine kommen, führet Linnaͤ⸗ 

us in feiner Fauna fv. auf der 288. und 289. ©. 
unter der 947. und 948. n. ingleichen Friſch in 
dem 2. Th. ſeiner Beſchreibung von Inſe⸗ 
cten, auf der 22. S. an, woſelbſt man auf der 3; 
Rupfertafel, unter der 4. und 5. Figur ſowohl die Mas 
de als auch dag fliegende Tier abgebildet findet. Hier⸗ 

ber gehören gleichfalls diejenigen Arten, deren Mas 
den ſich theild auf dem befannten Gundermaun, 
Hedera terreftri oder Glechomate, ingleichen 
auf dem Hlieracio caule ramofo, foliis 
| us 


310 ZAutze Nachricht g 


ſehung ihrer Größe, theils aber auch in Betrach⸗ 
tung ihrer Farbe, und einiger andern Umftände, 
von einander unterfcheiden. 


Mas diejenige Art anbelanget, die aus der in 
der Meidenrofe befindlichen Made erzeugee wird, 
fo nennet fie Linndus, * 

Tenthredinem oder vielmehr Cyniphem a- 
trum, thoracis tergo virefcente, pedibus 
faltatricibus. ** — 

Nach der dieſer Beſchreibung beygefuͤgten Nach— 
richt, hat ie ohngefaͤhr die Größe 
eines Flohes. SeinKeib,nebft den Süßen und 
Sühlbörnern, ift von fchwarzer Sarbe. Die 
Sühlhörner find fadenförmig, nicht allzufpi- 
zig, und halb fo lang als der Leib, welcher ei⸗ 
ne eyförmige, nach untenzu fpisige — 

at. 


bus ovatis, dentatis, caulino minore, aufhalten, 
und diejenige Abänderung deſſelben verurfachen, wel⸗ 
che Linnaͤus, in feiner Flor. fv. unter der 637. 
n. Hieracium myophorum nennet, und wovon 
man in den Prov. nov. hort. botan. Vitemberg. 
eine Abbildung, unter ben Namen, Hieracium 
myophorum five mures proferens, findet. ©. 
Linnæi fyft. naturz pag. 64. 


* Faun. fv. p 287. 00.941. 


* Der Herr Archiater Linnaͤus rechnete ehebem die 
Arten der Cyniphum unter die Tenthredines, er 
hat aber diefelben, wegen des angeführten Unter⸗ 
{hiedes ihrer Schwanzſpitzen, nachgehends von den 


tegtern abgefondert, und ein befondered Gefchlechte 
aus ihnen gemacht, 


von den fotgenannten Weidenroſen. 311 


bat. Es fpringet mit feinen Sinterfüffen, und 
iſt an dem Ropfe und auf der Bruſt von grüs 
ner Farbe. Eben diefer Schriftfteller hat von der 
in den Weidenrofen befmodlichen Made angemerfer, 
daß fich Diefelbe zwifchen den in der Witte vor- 
bandenen Blaͤttern dieſes Gewaͤchſes aufbalte, 
von welchen ſie auf das genaueſte umgeben 
und eingeſchloſſen wuͤrde, und daß ſich dieſel⸗ 
be, beym Anfange des Monats Junius, in das 
angefuͤhrte fliegende Inſect verwandele. 

In der deutſchen Sprache haben wir zur Zeit 
noch keine gehoͤrige Benennung fuͤr dieſe Art von In⸗ 
ſecten. Es iſt mir zwar nicht unbekannt, daß 
ſie von einigen unter den Namen der Wipfelſtecher 
angefuͤhret werden; allein, da die wenigſten hier⸗ 
von, und unter denſelben nur die Weibchen, auf die 
Wipfel der Bäume, und auf die Spitzen der Zwei⸗ 
ge anden Pflanzen, ihre Eyer niederlegen, fo 
zweifle ich, ob ihnen Diefer Name mit Rechte zu⸗ 
fommen fönne, zumal da man verfchiedenen Ne- 
bengefchlechtern eben diefe Benennung beyzulegen 
pfleget. Dach der griechifihen Bedeutung * mür- 
de man diefe Thiere unter die Mücken zuzählen ha- 
ben, mit welchen fie aber gar nicht in Vergleichung 
zuziehen find. Diejenigen, welche die Geſchicklich— 
feit zubefigen glauben, den unbefannten Inſecten 
gehörige deutſche Namen beyzulegen, finden alfo 

T 4 hier 

“ Das Wort Cynips fcheinet feinen Urſprung von 

wurds, canis, und xi®, culex, erhalten zuhaben: 

dahero es die Ueberſetzer insgemein mit dem beuts 

ſchen Worte, Hundesmuͤcke, ausudrüden pfle⸗ 
gen. 


312 Kurze Nachricht 


hier einen Gegenſtand ihrer Bemuͤhung. Ich 
meines Ortes getraue mich nicht, hierinnen etwas 
zu unternehmen, indem ich glaube, daß diejenigen 
Benennungen, welche die wahre Beſchaffenheit der 
Sache nicht gehörig ausdruͤcken, und daher in ei- 
nem foftematifchen Lehrgebäude Feine Stelle finden 
fonnen, mehr Unordnung und Verwirrung als 
Dortheile zumege bringen. 


Am übrigen ift diefe Art nicht die einzige die- 
fes Gefchlechtes, welche fih) aus den Theilen der 
Pflanzen eine Wohnung, von dergleichen Geftalt 
und Befchaffenheie, zubereitet. An den Eichen 
befinden, fic) bisweilen faft eben dergleichen Ge- 
roächfe, welche unter dem Namen der Kichenro⸗ 
fen nicht unbefannt find; fie gleichemaber eben fo 
wenig, als die vorherbefchriebenen, ven Rofen, ja fie 
weichen fo gar hierinnen von den vorigen ab, daß 

die an denfelben über einander liegende Blätter 
vielmehr den hopfenföpfen, als ven Roſen gleich fe- 

‚hen. Der gemeldete Srifch,: * hat uns nicht nur 
von dieſem Gemwächfe, fondern auch von der in dem- 
felben befindlichen Made, einige Nachricht ertheiler, 
Diefen Sommer habe ich an den Spigen der Eſu- 
la officinarum, oder auf der von Linnaͤus fo ge- 
nannten 

Euphorbia umbella multifida, dichotoma, in- 

volucellis fubcordatis, ramis fterilibus, fo- 
lüs fetaceis, fubrotundis, ** 
ver: 
s — von allerley Inſeeten 12. Th. auf der 


Spec. plantar. pag. 461. n. 49. 


von den ſogenannten Weidenroſen. 313 


verfchiedene Gewächfe angetroffen, fo die vollkom⸗ 
mene Geſtalt einer kleinen Roſe hatten. Die Blaͤt⸗ 
ter an denſelben, welche, wie in einer halbverſchloſ⸗ 
fenen Roſe, über einander lagen, hatten zwar eine 
grünliche Farbe, fie waren aber, hin und wieder, 
infonderheit aber an dem oberften Rande, mit ro- 
then Streifen bezeichnet. In der Mitte diefes 
sofenförmigen Hauptes trafich ein fehr weißes und 
zartes Gefpinfte an, morinnen eine Fleine Made 
verborgen lag. Es ift fehr mahrfcheinlich, daß for 
wohl aus der, in diefen rofenförmigen, als aud) in 
dem auf der Eiche befindlichen Gewächfe verborge- 
ne Made, verfchiedene fliegende Inſecten hervor 
fommen, welche zu dem Gefchlechte der Cyniphum 
müffen gerechnet werden; weil nicht nur ihre Woh⸗ 
‚nungen, fondern auch die in denfelben befindlichen 
Würmer, fo viele Gleichheit mit der Befchaffen- 
heit der Weidenrofen und ihren Maden haben. 


Ob e8 nun zwar nicht zu leugnen ift, daß 
ung annoch verfchiedene Machrichten mangeln, 
welche zu einer vollftändigen Gefchichte des in den 
Weidenroſen befindlichen Inſects gehören; fo ſchei⸗ 
nen dennoc) diejenigen Erfahrungen, welche ich 
von demfelben angeführet habe, hinlänglich zuſeyn, 
die Are und Weife begreiflich zumachen, wie die 
Knoſpe einer Weide in ein folhes Gewaͤchſe ver 
wandelt werden koͤnne. Wir wollen aus den an⸗ 
geführten Umftänden vorausfegen, daß die Arten 
‚der Cyniphum ihre Eyer in verfihiedene Iheile der 
Bäume und Kräuter nieberlegen: daß aus benfel- 
ben eine Made hervorfomme,. die fi von dem 

%5 Safte 


314 Aurze Nachricht 


Safte ſolcher Pflanze naͤhre, und daß ſich endlich 
dieſelbe in ein fliegendes Inſect verwandele. Neh⸗ 
men wir alſo an, daß dasjenige Inſect, deſſen Ma⸗ 
de fich in den fo genannten Weidenroſen aufhält, 
von der Gewohnheit der übrigen befannten Meben- 
arten, ſich fortzupflanzen, nicht abmeiche, welches 
die von Srifchen und Linnaͤus angeführten Er—⸗ 
fahrungen beftätigen, fo ift es höchftwahrfcheinlich, 
daß daffelbe, fo wie die übrigen, im Herbſte feine 
Eyer, entweder in die Spigen der Knoſpen, oder 
aber nahe an diefelben, unter die Schale der Wei- 
den, verfterfe, aus welchenin dem darauf folgenden 
Srühjahre, in jeder folcher Knofpe, eine Made zum 
Vorſcheine kommt, welche den zum Triebe und Aus⸗ 
wahre eines Schoßlinges beftimmten Theilen ihren 
Saft und Nahrung entziehee, und fich endlich, 
beym Anfange des Junius, in das befchriebene 
fliegende Sinfect verwandel. Ob nun zwar auf 
dieſe Weiſe der gehörige Wuchs an einer folchen 
Knoſpe unterbrochen wird, fo kann die in derfelben 
verborgene Made dennoch) nicht verhindern, daß fich 
die äußerlichen Blätter, nach Befchaffenheit der Wir 
terung, nicht bereits im Frühjahre einiger maaßen 
auswickeln follten, die aber, wegen des in derfelben 
befindlihen Widerftandes, nicht aufwärts machen 
fönnen, fondern ſich vielmehr ſeitwaͤrts ausbreiten 
anüffen. Da aber eine folche Knoſpe zu einer Zeit 
ihres Bewohners entlediget wird, da der eindrin-- 
gende Saft noch hinlängliche Kräfte hat, in die 
heile derfelben zumirfen, fo werden die bisher in 
ährem Wachschume, verhinderren Blätter, nach dee 
einmal angenommenen Richtung, vollends hervor⸗ 


- k gefrie- 


von den ſogenannten Weidenrofen. 313 


getrieben, unter welchen jedoch diejenigen, welche fich 
in der Mitte eines folchen Gewaͤchſes befinden, theilg 
wegen des ihnen entzogenen Saftes, theils aber auch 
wegen der erlittenen Preflung, nothwendig viel Flei- 
ner als die übrigen ausfallen müffen, dergeftalt, daß 
hierdurch eine folhe Knoſpe Feine andere, als eine 
rofenförmige Geftalt befommen Fann. 


. Hieraus wird fi) gar leicht begreifen laffen, 
warum man die Weidenrofen insgemein gegen den 
Herbft, in ihrer größten Vollkommenheit, findet. 
Man wird aber auch einfehen, daß auf diefe Weife 
nicht nur die Größe, fondern auch die Richtung 
und Laage der Saftgefüße in den MWeidenblättern 
geändert worden: woraus denn folget, daß der in 
derfelben enthaltene Saft gleichfalls von ganz an⸗ 
derer Beſchaffenheit feyn muͤſſe, als derjenige, der 
zum Triebe und Wachsthume der Weide beftimmer 
war; daher man denn, an dergleichen Gewaͤchſe, 
weder die natürliche Geftalt der Weidenblaͤtter, 
noch die demfelben fonft gemöhnliche Farbe, infon- 
derheit an den in der Mitte beflelben befindlichen 
Theilen, beobachtet. 


So wahrfcheintich nun dasjenige ift, was ich 
Yon den Urſachen umd von der Befchaffenheic der fo 
genannten Meidenrofen gemeldet habe, fo wenig - 
haben wir Urfache, diefes Gewächfe als ein Wun- 
der der Natur anzufehen, fordern wir muͤſſen daf 
felbe unter diejenigen Seftenheiten des Kräuter 
xeichs feßen, weiche: von verfchiedenen natürlichen 
Urfachen hervorgebracht werden. Diejenigen, pr 
. e 


316 - Aurze Nachricht 


he diefelben als ein Zeichen eines bevorſtehenden 
glüclichen Erfolgs betrachten, mögen dahero zufe- 
ben, wie fie den, in eben diefen Gegenden, vor ei- 
nigen Wochen, gefallenen Blutregen, mit ihren 
Sriedensrofen zufammen räumen, da beyde Bege⸗ 
benheiten, nad) der Auslegung des Aberglaubens, 
einander ganz entgegengefegte Folgen nad) fich zie⸗ 
ben follen. 


Man muß fich demnach billig wundern, wenn 
ſich zumeilen ‚Gelehrte, welche doch eine gehörige 
Einficht in der Weltweisheit befigen follten, von 
den Meynungen des gemeinen Pöbels berauben 
laſſen. Noch mehr aber muß man ſich wundern, 
wenn fo gar Geiftliche auf diefen Fehler gerathen, 
und folhen nichtigen Wahn in ihren Schriften ver- 
Sheidigen. Der bereits angeführte Paftor Herr: 
mann, der fich, durch die Befchreibung der maß- 
Jichen Gegend, einen nicht geringen Ruhm erwor- 
ben, ift diefem Irrthume nur noch vor Furzer Zeit 
ergeben gewefen, indem er in dem ı2. Kap. dieſer 
feiner Schrift behauptet, daß die Weidenrofen fei- 
nem Baterlande, Schlefien, zu verfchiedenen malen, 
etwas großes verfündiger hätten, ingleichen daß die, 
im Jahr 1707. im Herbfte, um Maſſel haͤufig ge- 
blüheten Weidenrofen verfchiedene glückliche Folgen 
nad) ſich gezogen, u. ſ. w. Jedoch, diefer Fehler 
läßt fih an einem Manne, deffen Fleiß in verfchie- 
Denen andern Dingen fattfam befanne ift, und zu 
deſſen Zeiten man nichts zuverläßiges von dieſem 
Gewaͤchſe entderfet hatte, noch wohl überfehen;; 
wenn wir aber zu unfern Zeiten dergleichen fabelhaf- 
22* te 


von den fogenannten Weyderoſen. 317 


te Erzählungen aus dem Munde verfchiedener Ge⸗ 
lehrten hören müffen, fo ift es gar fein Wunder, 
wenn fich ein verfchlagener Kopf die Unmifienheig 
derfelben zu Nutze machet, und ihnen, die auf eis 
nem Lindenzweige befeftigten Maßlieben oder Gaͤn⸗ 
feblümchen, als eine befondere Maturfeltenheir, 
theuer genug verkaufet. Wie unrecht haben dahe⸗ 
ro nicht diejenigen gehandelt, weiche ohnlängft Ge⸗ 
legenheit gegeben haben, diefes Spielwerk als ein 
Wunder der Natur, in den öffentlichen Blaͤttern 
befanne zumachen, indem duch folche falfche Nach⸗ 
richten der Lehrbegierige irre gemacht, der, Abers 
glauben hingegen vermehret und beſtaͤrcket wird. 




































































Im — — — 


























3 „| Stand der Wertergläfer, nebft der 
53| .Thermom, Barometer. 

(geh Numit. Ad.Frud. | Nachmit.| Abende, 
ı |53 | 76.162 27 2129: 6137 8 
2|60 | 78 62 27 si. 627 g 
3158166 |545| |27 6|27 7127 7 
“4iss 167 157 | |27 73127 8|j27 8 
5.149 |72 |565| 27 9 127 9 |27 9 
6 4, 75 160. # 10 |27 9127 9 
71502! 773164.| |27 9127 9127 9 
8|60 |64 |59 | I27 93] 27.105| 27 115 
F 67 Issal |: IE ı |28 3 
10 50 | 67 |57 28 - |27 19]27 9 
11.154 176 |60 | |27 9 |27 8|27 8 
| 60 I553| |27 E 8127 9 
13|52 [73 |s9 | |27 10 |27 1053| 27 105 
14 159 177 |70 | |27 9127 8127 8 
ıs |59 | 60 |60 27 93|27 ı1ı |27 114 
16 |59 |73 |59% F ar s |28 3 
17150173 I6ı | |28 3128 5128 - 
18158 168 |s6 | |28 3 |28 3 |28 3 
19 Isı |63tlsg | I28 #128 14128 ı 
20 | sı | 7053| 60 28 13128 ıl2g8 ı 
zı |511| 80 |6ı 28 1127 113|27 105 
22 |53 185 1675| |27 105|27 1053| 27 10 
23 |60 |88 |74 27 10 |27 9|27 8 
241643160 |65 | |27 727 734127 73 
25 |60 | 68 | 60 27 8127 ı0|27 ıu 
26|55 |62 |s7 28 - |28 3 |28 3 
27\51 75 |6ı 28 % |27 1143| 27 10 
28 511177 167 | 27 10 27 gl27 8 
29 |59 [665156 | |2a7 8|27 73127 7 
30|57 168 Issa| |27 5327 6 |27 6 














— ET EEE — — — 


Mirterung im Monat Junio 1759, 
Mitterung. 
Fruh. | Nam. |Abends. |©.] Trüb. Nach. |Ubende, 
Ofchein| belle |16 träbe Oſchem belle 
S ſchein Ofchein|gemitter) Sſchem gervölte | trüße 
|, Wind [Regen |  Igemsift |O fchein 
gewoͤlkt Regen gewoͤlkt gewoͤlkt 
30ſchein 


gewitter gewoͤlkt |18|Ofcheinttwindig helle 
Oſchein —Oſcchein 
gewoͤlkt | 
Oſchein 





























— — 


helle 


belle 


—r —— — 





belle 2o|gewölkt Ofchein 
Ofchein 


—— 117 1 — — — — 


Regen |. belle e gewoͤlft |gewölft 
Sſchein Ofchein 9 Ofchein 

5 Oſchein Oſchein 
gewoͤlkt 





helle 








6, Ofein Ofhein 
Oſchein Regen 
7 gervol£t gewitter gewoͤlkt 22] Ofchein\Ofchein! belle 

Ofchein | — 




















| "gerwöltt Oſchen R I ſcwon 
8|O fein] Regen gewoͤlkt 23 Oſchein Oſchein gewitter 
= a BR RER Bi BEE ER Ku Regen 
gerölkt Oſchein helle gerodlkt gewditt gewoͤſtt 


_Ofbein| ____.|gemölte |?4] Regen | Btegen | Regen 
; Regen gewoͤlkt 
Oſchein Oſchein/ helle25gewoͤlkt Regen gewoͤlkt 


— — — — — — 
— — — — — — — — 


truͤbe 
gewölkt |Ofchein — gemalt | Ofchein 
12 —2 — gerölfe] helle 27 0ſchein gewoͤllt helle 
ein 
23 * ae belle 28 Oſchein Oſchein gewoſtt 
Teer Sſchein gewölkt er trübe 





Io 


gewoͤlkt 











Gene 


belle 


Regen 
Oſchein 


Oſchein 


—.. 


BE gewoͤlkt 


trübe trübe | Regen 


30 














en 
15 gewoͤlkt 


——— e ——— 


320 Schreiben der Frau von X. 


IV. 
Schreiben 
der Frau von X. an die Frau von Y. 
Wuͤrdige Freundin. 


ch habe Ihnen ſchon vielemal geſagt, daß 
ich auf Ihre Freundſchaft ſtolz bin. Nun 
bin ich aber der Anmut Ihres liebenswuͤr⸗ 
I digen Umganges beraubt und fehe Sie in 
den ſuͤſſen und offt fihadfichen Zerſtreuungen einer 
volfreichen Stadt. Wäre nicht Ihr fehönes Herz 
ein Bürge, daß Sie mic) auch in den lebhafteften 
efellfchaften nicht vergaßen und Ihre Freundfchaft 
feiner Wankelmuth fähig fey; fo-mürde mich dieſer 
Fränfende Gedanke ungemein niederfchlagen. Al 
fein ein Herz, dem einmal die edelften Gefinnun- 
gen aus eigner Wahl und ungetriebenen Zleiße ein- 
geprägt find, Fann felten gänzlich verderbt werden, 
Mrd e8 auch in unglücflihen Stunden von unfeli- 
gen Gewohnheiten und fanft lockenden Boͤſewich⸗ 
tern hingeriffen und dem Verfalle nahe gebrachr; 
So bringt es doch ein einziger feliger Gedanfe wie- 
der zur fich felbft, und erregt die liebenswuͤrdigſte 
Schamröthe, und einen weit dauerhaftern Rückfall, 
der den größten Abfcheu vor jene Lockungen unüber- 
windlich hervorbringe. Ich rede aus Erfahrung, 
hiebfte Freundin. Sie willen, daß ich und mein 
Gemahl beynahe zehn Jahr die Herrlichkeit der 
Stadt genoffen haben, in der Sie den erften Auf 
trit machen. So überzeugt ish vonder Größe Ih⸗ 
rer 


an die Frau von P. 321 


ter Seelen bin, fo habe ich doch manchmal einen 
furchtfamen Gedanfen für Sie. Ihre Weltfennt- 
niß, Ihre Tugend, Ihre Frömmigfeit ift mir zwar 
befannt; allein nun follen Sie die erlernten Regeln 
in Uebung bringen, und es ift ein großer Unter- 
fheid unter Regeln und Ausübung. So mannig- 
faltig die erftern find, fo mannigfaltig, und oft 
noch weit mannigfaltiger ift die leßte. Trotzen Sie 
niche blos auf die guten und herrlichen Grundfäge, 
man braucht oft überfchiwengliche Klugheit, die uns 
die höhere Mache verleihen muß, allen Reizungen 
der verführerifchen Welt zumiderftehen. Ich mill 
ihnen erzälen, wie es mir gieng. Die Welelift 
bemühere ſich anfanglich, mic) in der Frömmigkeit 
laulicht zu machen, man tadelte die geiftlichen Ned- 
ner, man zeigte fie von ihrer fehmächften Seite, 
ohne hierbey zugedenfen oder zuermähnen, daß fie 
fo gut Menſchen find, mie wir, man wollte mir 
eine Verachtung vor fiebeybringen, und folche wuchs 
allmälig, dann fehmeichelte man immer mehr mei⸗ 
ner Eitelfeit, brachte mir den Stolz bey, daß ich 
alles fhon wüßte, was die Schwarzröcfe mir fa 
gen Fönnten, (diefer Ausdruck ift der Ausdruck der 
Welt.) So bald ich anfieng diefes zuglauben, 
Machte man einige ihrer Lehren fächerlih. Schon 
hatten diefe neuen Lehren meinen bald völligen 
Benfall, und mit diefem Benfalle wanfere auch 
ſchon meine Tugend, und ic) verließ bereits die ge⸗ 
faßten Regeln ver Weltkenntniß, hielt alles vor 
Schulpedanterien, und wurde nun eine würdige 
Candidatin der Welt, in üblem Verſtande. Das 
ungluͤckliche Schieffal einer meiner Befanntin, die 
Dresdn. Mag. J. B. ich 


322 Schreiben der Srau von X. 


ich noch manchmal beweine, riß mich von dem ſchon 
betretenen Irrwege, und leitete mich wieder aufdie 
edle Bahn der Tugend und Frömmigkeit, ehe ich 
noch den legten Schritt auf die locfende Aue des 
Laſters that. In diefem Zeitpunfte bewarb ſich 
mein Gemahl um mic), und ich fand an ihm den 
Kedlichen, den ich zeitlebens hochfchägen muß, und 
werde. Meine erfte Bemühung war, ihn zuüber- 
reden, dag Geräufche der Stadt zu verlaffen, und 
das ruhige Landleben zuermählen. Ich fand ihn 
geneigter, als ich hofte, und daß er diefes Anerbig- 
ten von mir fehnlich erwartet hatte, weiler aus 
Liebe für mich, mir es nicht felbften vorſchlagen 
wollen. Sollte Ihnen, meine Freundin, hierbey 
wohl einfallen, daß ich Sie aufeine liffige Art wie⸗ 
der in meine Nachbarfchaft locken wolte? Ohnmoͤg⸗ 
lich. Mein, meine befte Freundin, Sie fönnen 
‚von mir nicht folche Gedanfen hegen. Wenigſtens 
Fönnen Sie nicht glauben, daß ich es aus einer bö- 
fen. und Freundinnen unanftandigen Abſicht thaͤte. 
Ich habe zwar noch bey Feiner Freundin Abſchied 
fo ftarfe Traurigkeit gefühlt; allein, ich verfichere 
Sie bey meiner Ehre, daß ich über Ihr gemachtes 
Stück auch die unbefchreiblichfte Freude empfinde, 
Mir werden doch nach einigen Jahren einander 
glücklich wieder fehen. Dann werde ic) die befte 
Freundin wieder zärtlich in meinen Armen haben, 
und an Ihrer Hand beblümte Wieſen und fchat- 
tigte Wälder durchwandeln. Jetzt fchleichen wir 
redend durch diefelben, feßen uns an den einfamen 
Bad, und lefen einander vor. Daß mir oft von 
Ihnen reden, und uns an Ihren Andenfen vergnü- 
Ten u 


an die Frau von Y. 323 


gen, Finnen Sie auf mein Wort glauben. Dieje- 
nigen Buͤcher, fo mir lefen, find Ihnen bekannt. 
Sie wiſſen auch, daß ich mir beftändig feine Ge- 
danken ausziehe und aufichreibe, und damit unfer 
Briefwechſel nicht leer üjt, werde ich ihnen manch⸗ 
mal folche Auszüge mittheilen. Die Gedanken find 
freylich nicht neu, aber gut gefage und richtig. 
Solche Gedanken, halte ich davor, kann manniche 
öfters genug lefen, und wenn es auch blos gefchicht, 
ſich ihrer wieder zu erinnern, und darbey nachzu⸗ 
denfen, wo man folche gelefen, und auf wievielerley 
Art vorgetragen man diefelben gelefen hat. Hier 
find meine zuletzt eingetragene Aufjäge. 

1. Eines Mägdchens allzugroße Lebhaftigfeir, 
ohne eine eben fo große Heberlegung, ift die erfte An⸗ 
lage eitel zu werden. 

2. Ein Mägdchen, das viel Eitelfeit befist, ift 
zu Coquetterie geneigt. 

3. Das eitle Mägdchen fätfigen nur unzählige 
Eroberungen der Männerherzen, und liebfofende 
Schmeicheleyen, ohne daß es bedenft, daß es die 
wahre Hochachtung der vernünftigen Welt hierdurch 
verlieret. 

4. Die liſtigen Schmeicheleyen der Männer 
haben beleidigende Belohnungen zum Endzwed. 

5. Die Coquetteverliererihre Ehre eher, als ih⸗ 
re Tugend. 

S. Die Tugend verliert man bald, wenn man 
gegen feine Ehre gleichgültig ift. 
7 2. Die Coquette genießt nur einige frohe Jah⸗ 
ke, Has firefame und ehrbare Frauenzimmer aber ein 
— zen 
DE) 8. Eig⸗ 


324 Schreiben der Stau von. 


8. Eigne Ueberzeugung und Wahl ift das fi- 
herfte Heilungsmittel wider die Coquetterie. 

9. Wonur Furcht die Coquetterie heilt, iftder 
Ruͤckfall fehr gemein. 

10. Die Glückfeligfeiteiner Frau beſteht in der 
Hochachtung und Liebe ihres Mannes. 

11. Die gegründete Hochachtung des Man- 
nes für feine Frau erzeugt beftandige Verehrung, ” 
und diefe unterhält einedauerhafte Liebe. 

12. Hat man den Benfall aller würdigen Leu⸗ 
te, und die Hochachtung der Welt, fo tagen ſich 
cckelhafte Schmeicheleyen verfuͤhreriſcher Maͤnner 
nicht an uns. 

13. Eine Frau, die ſich in Hochachtung und 
Ehrfurcht erhaͤlt, demuͤthigt den kuͤhnen Stolz wa⸗ 
gender Maͤnner. 

14. Iſt die Eiferſucht eines Mannes erregt, ſo 
wird ſie uns oft ſehr ſchaͤdlich, wenn ſolche der Matin 
mit großer Klugheit nicht zuruͤcke haͤlt. 

15. Eigenſinn und Hartnaͤckigkeit einer Maul⸗ 
coquette machen ſolche bey des Mannes muͤrriſcher 
Eiferſucht bald zur Thatcoquette. 

168. Die Coquette iſt eine Feindin alles Zwan⸗ 
ges. 

7. Die Coquette beſeufzt des Mannes Ei⸗ 
ferſucht ohne ſolche zu heben. 

18. Die Coquette verliert endlich die Hochach⸗ 
kung ihres zärtlichen Mannes, und erfaͤhrt die Ber- 
rathereyen und Zalfchheit unwirdiger Männer: * 

19. Der Verluſt der Ehre iſt eine Beleidigung 
gegen ihren — ſich ſelbſt, und der hochſten 
Macht. 

* 20. Das‘ 


"an die Frau von D. 325 


“20, Das Ende der Coquette ift Schande und 
Verachtung. 

21. Die ehrbare Frau ſieht bey füfler Zärtlich- 
Feit, und bey dem Anblicfe des angenehmen Gefol- 
ges der Freude und der Liebe, -ihr.genoffenes. Leben 
binfchleichen,und das Ende ihrer Tage, als eine Berfe- 
gung in.noch entzücfendere Ergögungen, herannahen. 

Sie werden den Engländer bald errathen, aus 
dem ich diefe Auszüge gemacht. Ich habe fie mir. 
unter den Titel, moralifche Berfuche über die Cor 
quetterie, eingetragen, und da Sie ietzt in einer 
Stadt find, wo man diefe Menfchenarten ziemlich), 
Fennt, werden Ihnen Anmerfungen und Gedanfen 
Darüber leicht, fehrleichtfeyn. Ich muß aber wohl 
fehlieffen, Sie-möchten ſonſt gar noch ungnädig gähe 
nen. Meinen Empfehl an den liebenswuͤrdigſten 
Eaballier Sie kennen ihn doch, oder ſoll ich Jhren 
Gemahl nennen? Mein Mann empfiehlt ſich Ihnen 
beyden. Leben Sie wohl, und vergeſſen Sie mich 
niemals. Ihre 

ergebenſte von X. 
en 
IV: 


-Antivort 


der Frau von’. an die Frau von X. 


Wertbefte Steundin, 
ewiß, ich wäre Ihrer fo zärtlichen Freund⸗ 
fchaft nicht würdig, wenn ich diefelbe nicht 


allen Reizungen der berühmten Stadt, 


in. welcher ich, mich befinde, vorziehen 
3 wollte. 


3236 Antwort der Frau von Y. 


wollte. Wie fehr wünfchte ih, alles Vergnügen 
mit Ihnen zu theilen, und wie unzufrieden bin ich, 
wenn ich bedenfe, daß es jeßo nicht zu hoffen ift. 
Ein für mich fo angenehmer Briefnechfel wird mir 
den Verluft, den ich leide, einigermaßen erfegen. 
Alles, mas mich von dem Andenken einer folchen 
Hiebenswürdigen Freundin überzeugt, ift mir um⸗ 
ſchaͤtzbar. Urtheilen Sie nun, wie groß das Vers 
grügen geweſen ſeyn müffe, das ich bey Erhaltung 

hres Schreibens empfunden. Laffen Sie mi 

och, Werthefte Freundin, diefes Vergnügen fo 
oͤfters, als möglich, genießen. Beſonders aber 
fahren-Sie fort, mir Lehren zu geben, melche mich 
bey dem Geräufche und den Zirftreuungen der 
Stadt, auf meiner Hut zu feyn, erinnern. Ich 
will ghnen davor von Zeit zu Zeit von meiner Art 
zu leben Nachricht geben, und meine Betrachtun⸗ 
gen über einige Vorfälle mittheilen, aus welchen 
Sie leicht werden fehließen koͤnnen ob ich auf Irr⸗ 
wege gerathe. 

Erſtlich muß ich Ihnen fügen, daß oͤftere Ge⸗ 
ſellſchaften und Zuſammenkuͤnfte mir einen großen 
Theil der Zeit wegnehmen; und ohngeachtet mir die 
wenigſten angenehm find, fo mußich doch), will ich 
anders den Wohlitand nicht beleidigen ja ‚biefer 
eingeführten Mode unterwerfen: Sie koͤnnen 
glauben, daß ich ist in Furzer Zeit mehr Menfchen 
gefehen, als fonft in vielen Jahren vielleicht nicht 
würde gefchehen feyn. Und ob ich zwar die mei- 
fen kaum recht von Anfehen fenne, fo find mie 
doch) ſchon fo unterfchiedene Denfungsarten vorge 
Tommen, daß ich Ihnen anendlich viel N zu 

ſchrei⸗ 


an die Srau von X. 327. 
ſchreiben haben, wenn ich alle auf einmal anmer- 
Fen wollte. Ich will deswegen nur einer Art Frau 
enzimmer gedenfen, über melde Sie mir einige mo⸗ 
ralifche Betrachtungen zugefchicfet haben. Diefe 
beygefügten Auszüge find überaus gut und nüglich, 
und e8 wäre zu wünfchen, daß dergleichen Regeln 
mie großer Aufinerffamfeie in unferer Stadt be- 
merfe würden. Allein diefes gefchieht leider nicht, 
denn es ift nichts gemöhnlicher, als daß man unter 
unferm Frauenzimmer folche findet, die, mo niche 
gar in der That, doch wenigftens Scheincogvetten 
find. Und was am argiten ift, fo zeigen ſich diefe 
Character faft mehr im -verehligten als ledigen 
Stande. Würden Sie diefes wohl glauben, wenn 
Sie die Sitten einer großen Stadt nicht befler 
als ich Fennten ?' Sch vermuthete anfänglich, es 
müßten lauter gezwungene Ehen feyn, mo die Frau- 
en hernach aus Mißvergnügen Cogqvetterie wähl- 
ten; abernichtsweniger. Bey vielen, und befon- 
ders ben den Scheincogvetten, ift es eine bloſe 
Nahäffung, wenn bey andern Eigenliebe, Eitel- 
keit und Leichtfinn die Dvelle iſt. 

Sch weiß in der That nicht, welche Gattung 
mehr zu verachten ift, ob die That-oder Scheinco- 
erte. Esift wahr, daß eine üble That allemal. 
ärger ift, als nur der Schein davon; allein fo bald 
die Scheincoqvette eben fo gut Erempel giebt, wo⸗ 
durch andere verführt werden Fönnen ; fo ift fie 
eben fo ftrafbar als jene. Wie foll ich einer Per- 
fon begegnen, die fich recht Mühe giebt, mic) zu 
überzeugen, daß, im Fall fienoch nicht ftrafbar lebt, 
doch gewiß im Stande $ folches zu thun? 

Ä 4 


Sie 


328 Antwort der Stau von Y. 


Sie werden fagen, die Scheincogvette hält 
ihre Art, fi) aufzuführen, vor feinen Fehler, und 
der größte Theil der artigen Welt denft auch alfo, 
Sch will hier Feine Moraliften abgeben, und wider 
das Urtheil der artigen Welt etwas einwenden, oder 
deffen wahren Werth beftimmen; allein die Erfah. 
rung lehrt, daß felbft fie einer Coqvette diejenige 
Achtung verfage, die nur ein dem Verſtand und 
der Tugend eigner Tribut ift, und wenn fie diefelbe 
gleihmohl bewundert und anbeter, fo ift es ‚ihre 
Schönheit und Jugend, die der eigentliche Gegen: 
fand diefer Verehrung if. Wenn daher die Zeit 
diefe Reize entführt hat, wenn die Sinnen durd) 
nichts mehr koͤnnen bezaubert werden, alsdenn fal- 
len felbft dieſe Leute von der artigen Welt ein vich- 
tiges Urtheil über diefe Unglückfeligen. Sie ver: 
achten fie und überlaffen fie dem Verdruß und der 
Unruhe ihrer eignen Seelen. 

Elimmene ift ein Srauenzimmer, an deren 
Bau die Natur faft alle Schönheiten verſchwendet 
hat. Ihre Geſichtszuͤge find nicht allein vegelmäf- 
fig, fondern auch angenehm. Ihr Temperament 
ift fanft und gelaffen. _ Elimmene hat alle Eigen- 
fhaften eines guten Gemüchs; folglich muß fie ger 
fallen. _ Allein zum Unglück ift fie durch unendliche 
Lobeserhebungen und Schmeicheleyen des männli- 
chen Geſchlechts eitel worden, und vertieft fich in 
Eroberungen. Es ijt wahr, Climmene bleibe im⸗ 
mer noch angenehm; allein nicht die Cogqvetterie, 
fondern ihre Perfon ift die Urfache, Wird Clim⸗ 
mene einst ihr fchönes Gefiche verlieren, wie unter 
— wird alsdann die Art ſeyn, mit der * 

ihr 


an die Sran von. 3729 


ihr. begegnen -wird.  Hochachtung wird fich in 
Spott verwandeln, und ftatt des Angenehmen, des 
Reisenden, dag igt jedermann an ihr preißt, wird 
man nichts als etwas Linerfrägliches an ihr finden,;« 

Sollten nicht ‚alle Srauenzimmer Mitleiden 
mie Climmenen haben ? Doc, Corinne denfe an« 
ders; der Trieb zu gefallen feuert fie an, Climme- 
nen gleich zu ſeyn; und meil fie ihre Perfon nicht 
ändern Fann, fo ſucht fie es durch ihr Bezeigen und 
ihre Aufführung zu werden. Kurz, Corinne wird 
eine-Cogvette, und zwar eine Coqpette aus der ans 
dern Hand. Welche efende Ereatur ift ſie nun⸗ 
mehro! ihre Frechen Reden und Handlungen ent⸗ 
fernen ihre eigen Gefchlechte von ihr, und das andes 
ve. entzieht ihr die gewöhnliche Hochachtung, fo bald 
es, gewahr wird, daß ihr Umgang auf eine weit 
leishtere Arc zu erlangen ift. . Corinne erhält zwar: 
noch einige Schmeicheleyen ;. doch wenn fie Verſtand 
genung hatte, fo würde fie diefelben mehr vor ‘Ber 
leidigungen als Lobeserhebungen annehmen. Wird; 
ihre Jugend, der fie allein noch ihre Eroberungen: 
zu danfen.hat, verblühen, fo wird fie öffentlich) ver⸗ 
achtet ſeyn; alsdann fallen die Einfleidungen weg, 
mit denen fich jetzo ſchon der Spott ihr nähert; 
Zum Glück ift fie verheyrathet; diefes wird fie noch 
einer völligen Verachtung entziehen. Aber wie un⸗ 
terfchieden muß ihr Alter von. dem Alter einer Frau 
feyn, deren ganzes Leben vom Bewußtſeyn, nie we⸗ 
der ſich noch andern veraͤchtlich geworden zu ſeyn, 
begleitet wird. Wie leicht muß es einer Mutter 


werden, ihre Tochter in allem Guten zu unterrich⸗ 
ten, wenn ſie blos ihre eigene Auffuͤhrung er 


— N 5 er 


4 


430 Antwort der Stau von P. 


ſter nehmen darf. Sollte fie ja einige leichtfinnige 
Handlungen bey derfelben finden, fo Fann fie ftra- 
fen, ohne fich felbft zu tadeln. Und wie ftarf muß 
die Hochachtung fenn, die man gegen eine folche tu⸗ 

gendhafte Matrone hat, da fie fhon in ihrer Zus 
gend — ſich dieſelbe zu erwerben? 

Es ſind alles ſchon laͤngſt geſagte Wahrheiten, 
würde manches Frauenzimmer denken, wenn fie 
dieſen Brief leſen ſollte. Aber meine Schöne; 
warum werden ſolche Wahrheiten nicht angewen⸗ 
det, eine leichte Denkungsart zu beſſern? ſind ſie 
nicht wichtig? Iſt der Unterſchied, ſich verehrungs⸗ 
würdig oder veraͤchtlich zu machen, nicht entſchei⸗ 
dend genung? Nichts als eine wilde Einbildungs- 
kraft iſt fähig, die Coqpetterie zu unterflügen; und 
gleichwohl ift fie fo gemein. Ich glaube, daß die- 
fer Fehler teils aus einer üblen Erziehung, mehr 
aber aus böfen Benfpielen herrührer. 

Eine Mutter, die leichtfinnig genung iſt, ih⸗ 
re Tochter ſelbſt zu einer freyen Lebensart anzufuͤh⸗ 
ren, iſt in meinen Augen nicht würdig, daß fie in 
Errähnung gezogen wird. Aber ich Habe bemerfe, 
daß auch die beften Abfichten einer Mutter in die- 
fem Fall feuchtlos feyn Fönnen, wenn fie nicht von 
einer gehörigen Klugheit begleitet werden. 

Caaliſte liebte ihre Tochter zärtlich, und wuͤnſch⸗ 
te nichts mehr, als dieſelbe tugenphaft zu fehen. 
Da ihre die leichte Denkungsart vieler Frauenzim⸗ 
mer vollfommen befannt war, fo warnete fie das 
junge Mägdgen fleißig vor folcher Geſellſchaft; fie 
redete ihr beftändig von der abfcheulichen Cogqvette= 
rie vor; ohne zu fügen, warum man diefelbe ver- 
v | abſcheu⸗ 


an die Frau von R. 331 


abſcheuen ſollte. Ein ſtilles eingezogenes Mägdchen, 
—das ihrer Mutter gehorſam ſey, war das Bild, nach wel⸗ 
Schem ſich die Tochter vollkommen machen ſollte; Und fie 
glaubte alles gethan zu haben, wenn ſie nur dieſem Mägds - 
then alle Gelegenheit benähme, ohne ihr in Geſellſchaf⸗ 
ten zu gehen, damit fie im Stande fey, ihre Aufführung | 
> jederzeit zu beurtheilen. Doch iegt muß diefe ehrliche | 
Mutter zu ihrer Betrübniß erfahren, wie diefed Maͤgd⸗ 
chen, nachdem fie verheyrathet iſt, das ganze Gebäube- 
umgeriffen hat, woran fie fo lange bauete. Die Tochter 
glaubt, die Warnungen ihrer Mutter wären blos Gril⸗ 
len geweſen, welchen fie ſich, fo lange fie noch unter ih» 
„ter Gewalt war, unterwerfen müffen. Aber nun babe» 
alles aufgehöret,, vor eine junge Frau ſchicke es fich nicht: 
mehr, fo einfältig zu ehun, und nun müffe fie ſtarke Ger 
fenfchaften befuchen. Hier fand fie. Frauenzimmet, wel⸗ 
che. fidy gleich um ihre vertranete Freundfchaft bemuͤhten. 
Diefes gefiel ihr; fie fuchte, fo viel als möglich, ihren ;‘” 
neuen Freundinnen ähnlich zu werden, und weil die Vor⸗ 
fchriften der Mutter in ihrem Herzen nicht recht Wurzel 
gefaßt, fo wurde das ſtille ehrbare Mägdchen, welches 
fonft faum den Mund aufthat, eine ber größften Coquet⸗ 
»-ten, in welchen Character fie fich num fo verliebt hat, daß 
ſchwerlich eine Aenderung zu hoffenift. Ja fie wird viel⸗ 
mehr manches junge Herz, das vor üble Beyſpiele nicht 
genug gewafnet ift, noch mit verführen helfen.  .; 
Sehen Sie, merthefle Freundin, was ich Ihnen 
ſchon aus einer groffen Stade erzählen fanın. Werden 
Sie mein Geplaudere auch wohl- überdrüßig werden, 
wenn ich fo fort fahre? -ch weiß zwar wohl, daß die 
Sreundfchaft Ihnen nicht zuläft, firenge Urtheile über mei⸗ 
ne Briefe zu fällen, aber dem ohngeachtet wollte ich Ih⸗ 
ce Gedult nicht gerne mißbrauchen.. Empfehlen Siemich 
Ihren Gemahl, und wenn er etwan dieſen Brief leſen ſoll⸗ 
se, fo erinnern Sie ihm nur, daß er iſt von 


ergebenen Freundin 
MNvon P. 


* | VI. Amyntas. 






| A myn⸗tas, der anf: fei-ner Zn fchon 
Un: a - bar deinen Rei, Natut, ef 








4 








| P In: 
— L » 
Besen 
Amyntas. 
myntas, der auf feiner Flur 
I Schon mancher Lenze-fanfte Freuden, 
Unfühlbar deinen Reiz, Natur, 
Sah ungenoſſen von ſich fheiden, 
Saß iezt im Gruͤnen hingeſtreckt, 
Von dicker Buͤſche Nacht bedeckt. — 
Kann wohl ein Schickſal Härter 
Der Himmel läßt mir Freuden lachen;  ° 
Und doch ift ihr Genuß nicht mein; 
Beftimme, mehr elend mich zu machen! -' 
Unſchmackhaft ift durch Ueberdruß 
a jeder Luft mir der Genuß. 


mancher Lenze fanfte Freu = = = 





d 
un⸗ge-noſſen von ſich fehei = = d 





Die Scherze, die ein junges Blur - 
Zu fanften Wallungen erwärmen, 
Die Munterfeit, der frifche Much, 
Erfterben unter trägen Haͤrmen. 
Die Freuden, mit dem Lenz verwandt, . 
Verwelken felbft in meiner Hand. 

- . Durchs öde Herz verbreitet fic) 
Verdrußvoll eine eckle Leere. ER 
Sch wünfch, und fehmnacht; und ſehne mich, 
Und weiß doch nicht, was ich begehre. 
Oft taͤuſcht ein ſcheinend Gut den Sim, 

Und ſinkt mie dem Genuſſe Hin. 

In 0 


Yınyntas. ; 


So fang, dein duͤſtern Sram ein Raub, 
Ampntas euch, ihr ftillen Buchen; 
Und ließ, der Freunde Bitten taub, 
Bergeblich fih von ihnen fuchen. 
Er floh fie, und der dickſte Wald 
War fein geliebter Aufenthalt. 


—Einſt, da er über Berg und Thal, 
Bon feinem Gram geleitet, ivrte, 

Und feine Schritte, ohne Wahl, 

In der durchkreuzten Trifft verwirrte, 

Erblickt er mit beſtuͤrztem Sinn 

Am Buſche eine Schaͤferin. 


Dieß war der ganzen Pflege Zier, 
Die Phyllis, Ruhm der Schaͤferinnen. 
An Anmuth glich fie, ***, dir, 
Am Geift und Wis den Caftalinnen. 
Ein jeder ward entzückt durch fie; 

Nur fie verließ die Schwermuth nie. 
Sie, die im frifchen Schatten fißt, 
Das Haupt, von einem regen Kummer 

Gebeugt, in ihre Hand geftüßt, 
Als wiegte Zephyr fie im Schlummer, 


Springe, vom Geräufch geftört, fehnell auf, 


Und flieht und eilt mic vafchem Lauf. 


Hier ſteht Amyntas, wie vom Bliß 
Ein Schäfer ftaunet, tief betäuber; 
Er wirft ſich auf den weichen, Sitz. 
Sie flieht, indem ihr Bild. ihm bleiber, 
And ftets, mit neuem Reiz geſchmuͤckt, 
Erin unempfindlich Herz entzuͤckt. 


— 


Amyntas. 935 


Ihr edler Wuchs, der Glieder Prache, 
An ſchlanker Lange gleich den Neben, 
Bleibe diefen Tag, Die ganze Nacht, 
Dem Schäfer vor den Augen ſchweben. 
Und, fo befchäftigt, war nunmehr 
Sein Herz nicht fühllos mehr und leer. 


Des andern Morgen falbes Liche 
Bemahlte Faum der Berge Spigen, 
Als ſchon Amyntas, der nun niche 
Konnt eckelvoll und müßig fißen, 
Aus feiner Hütte unvermeilt 
Zum Schatten jenes Bufches eilt. 


Ihm war die holde Schäferin, 
So früh e8 war, fihon vorgefommen; 
Denn von dem Schäfer war ihr Sinn, - I. 
Ihr unbewußt, felbft eingenommen. 
Sie floh zwar geftern, doch fie nahm 
Das Bild mit fich von feinem Gram. 

In diefem Nachſinn fand er fie, 
Der gute Hirt,. aufs neu begraben, 
Dur Mitleid, Liebe, Fannft du früh 
Den Eingang in ein Herz oft haben, 
Das deinem Trieb fich fonft verſchloß, 
Und durch Erbarmen nur zerfloß. 


Schon war ihr ganzer Kummer fein. 
Schon wuͤnſcht er eifrig, ihn zu lindern. 
Für ihn nimmt fie fein Mitleid ein, * 
Und ſcheint ſelbſt ihren Gram zu mindern; 
Und ſchon ſchlich ſich in beyder Bruſt 
Ein ganz geheimer Keim von Luſt. 
Der 


336 Amyntas. 
Der bluͤht und reift in kurzer Zeit 
Zur reichſten Erndte ſuͤßer Freuden. 
In ſanfter Liebe Zaͤrtlichkeit 
Vergeſſen beyde ihre Leiden. 
Beſchaͤftigt nun, beklagten ſie 
Ein leer Gefuͤhl des Herzens nie. 





Innhalt. 


1. Kurze Nachricht von den neueſten Entde⸗ 
ckungen in der Geographie. 259 


U. Kurze Nachricht von den fo genannten 
Weidenroſen. 297 


III. Stand der Wetterglaͤſer, nebſt der Wit 
terung im Monat Junio 1759. 318 


IV. Schreiben der Frau von X. an die Frau 


von. 320 
V. Antwort der Frau von Y, an die Frau 
von X. 325 


VI. Amyntas. | 332 





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Dresdniſches 


Magazin, 


oder 


Ausarbeitungen 
Nachrichten, 


zum Behuf 
der Naturlehre, der Arzneykunſt, der Sitten 
und der ſchoͤnen Wiſſenſchaften. 
Des erſten Bandes ſechſtes Stuͤck. 


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Dresden, 
bey Michael Gröll. 1759. 





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1. 
Kortgefeßte Nachrichten 


den neueſten Entdecfungen in der 
Geographie. 


a8 die nordlichen Theile von Amer 

rica betrift, fo Ffommen uns zu- 

vörderft diejenigen Nachrichten zu 

Handen, die wir von Georgien 

PX) und dem angränzenden Carolina 

erhalten haben, feit dem die 

Salzburgifchen Emigranten fich dafelbft niederge- 

laffen; wodurch man von den dortigen Gegenden 

eine genauere Kenntniß, als man zuvor gehabt, 
erlanget hat, 

Diefe Gegend ift die mittägichfte, und eine 
von den neueften, wo die Engelländer eine Colonie 
im Jahr 1732. hingefchicfee haben. Die Fönigli- 
che Erlaubniß ertheilte diefer Colonie alle diefe Laͤn⸗ 
dereyen, die zwifchen dem Fluße Savannah, 
längft der Seefüfte, und dem Fluße Alatamaha 
gelegen find, nebft den vor diefer Küfte liegenden 

32 In⸗ 


34° Von den neueften Entdeckungen 


Inſeln, die nicht über zwanzig Meilen davon - ent⸗ 
fernet find. Das ganze Land zwifchen diefen bey⸗ 
den Flüffen, wurde zu einer befondern Provinz er⸗ 
richtet, und dem Könige von Engelland zu Ehren, 

Neu⸗Georgien genennet. | 
Diejenigen neuen Entdeckungen aber, die von 

den Engelländern in dem nördlichen America find 

gemacht worden, verdienen hier ebenfalls angemer- 

fee zu werden. Mir wollen vornemlich bey der 

Hudſons Bey, oder Zudfons Meerbuſen, fte- 

hen bleiben. Die Engelländer haben fi) vor an- 

dern länger als zweyhundert Jahre lang große Mü- 

he gegeben, und ungemeine Koften aufgerendet, ei- 

nen Weg durch Nordweſten in die Südfee zuentde: 

fen, um von da nad) Oftindien zugelangen. Die 

Möglichkeit, einen folchen Weg zufinden, war jeder- 

zeit von den gefchiefteften und erfahrenften Seeleu⸗ 

ten behauptet worden, und daß in den dortigen Ge- 

genden eine Durchfahrt vorhanden feyn müfte, mar 

eine Meinung, die fic) theils auf Vernunft und Er- 

fahrung, theils aber auch auf die gemeine Erzaͤh⸗ 

fung gründete... Schon in dem vorigen Jahrhun⸗ 

derte waren, diefe Straffe zuentdecfen, viele Schif- 

fahrten angeftellet: worden, die zwar alle vergeblich 
abliefen, doch aber gieng die allgemeine Meinung 

-dahinaus, daß eine. folhe Durchfahrt nothwendig 
vorhanden ſeyn müßte, ob man gleic) nicht fo glüd- 
lich geweſen wäre, diefelbe zufinden. Dieſen 

wichtigen Entzweck endlich zuerreichen, deſſen Be 

wegungsgrund hauptſachlich iſt, die Handlung und 

Schiffarch in groͤſſere Aufnahme zubringen, hat die 

Engellaͤnder in dieſem Jahrhunderte wieder aufge⸗ 

mun⸗ 


in der Geographie. 341 


muntert, die Sache von neuen zuunternehmen ; 
zu dem Ende ſich eine Gefellfchaft von vornehmen 
und angefehenen Perfonen in Engelland, im Jahr 
1746. vereinigte, und zwey Schiffe nad) Hudſons⸗ 
Meerbufen ausfchicfte, die in den weft-und nordlichen 
Gegenden dafelbft vermuthete Durchfahre in die 
Suͤdſee ausfündig zumahen. Das Parlament 
felbft ſetzte zwanzigtauſend Pfund Sterlinge, alseine 
Belohnung, vor diejenigen auf, welche Die Sache 
unternommen haften, im Fall die Entdeckung ges 
ſchehen ſollte. Weil diefe Schiffe in demſelben 
Jahre nicht wieder zurüce Famen, wie gemeini- : 
glich) bey den vorigen Unternehmungen gefchehen 
war: fo wurde die Hofnung von diefer Reife fo 
groß, daß man wirflic) in Engelland glaubte, daß 
diefe Unternehmung glücklich von ftatten gegangen 
wäre, und daß diefe Schiffe, durch den neuentdeckten 
Weg, nad) Dftindien gefegele feyn müßten. Allein, 
im folgenden 1747ften Jahre Famen beyde Scif- 
fe, auf eben dem Wege, wieder nach Haufe, auf wel⸗ 
chem fie zu diefer Entdecfung abgegangen waren, 
und alfo fehlug auch) vor diefesmal die Hofnung fehl. 
Diefe beyden Schiffe hatten ven Winter über in 
der Hudſons⸗Bey in einer Buche des Haeyes⸗Fluſ⸗ 
fes zugebracht, und dafelbft, wegen der flrengen 
Kälte, viel Ungemach ausgeftanden. Den 
darauf folgenden Sommer waren fie zwar wieder 
ausgefahren, und hatten die weſtlichen Küften 
diefer Bey, mit aller Vorſicht, fo viel möglich, 
befichtiget, waren aber nicht fo glücflic) geweſen, 
daß fie eine Durchfahre hätten entdecken Fönnen, 
und wie wir nur vor Furzen gehörer, fo haben 

"33 die 


342 Don den neueften Entdeckungen 


die Eugellander die Hofnung noch nicht auf 
gegeben, fondern machen ſich wieder bereit, dieſe 
Durchfahrt noch einmal zufuchen. Allein vor we- 
niger Zeit haben wir in den Zeitungen gelefen, daß 
die Kanferlihe Academie zu Petersburg eine neue 
Charte herausgegeben, auf welcher zu erfehen feyn 
foll, daß der nordmweftliche Theil von Californien fid) 
bis nac) Afien ausbreite, und mit dem feften Lan- 
de diefes Welttheils zuſammen hienge. Es wird 
dieſer merkwuͤrdige Umſtand hinzugefuͤget, daß, 
wenn beſagte Academie hierinnen keinen Irthum 
begangen; fo würde die fo lange geſuchte Durch⸗ 
fahrt durch Mordmeften nad) China, eine vergebli- 
che Unternehmung feyn. 

Hier müffen wir auch diejenigen Entde— 
Fungen anführen, die von den Franzofen an den 
beyden beruͤhmten Flüffen Migifippi und St. 
Caurenz gemacht worden. Dieſe beyden Flüf- 
fe find in dem nördlichen America eben das, mas 
in dem füdlichen der Amazonen und der Silber 
fluß ift, nemlich, die gröften in diefem Welttheile. 

Was den Fluß Mißiſippi betriffe, fo hat 
man jeßo von feinem Laufe, und von andern fid) in 
ihn ergieffenden Flüffen, mie auch von den dort 
herum gelegenen Ländern und ihren Bewohnern, 
gar richtige Nachrichten aufzumeifen, maffen verfelbe 
in den neuern Zeiten öfters befahren worden. In 
den weſtlichen Ländern, die an diefem Fluffe liegen, 
will man entdecket haben, daß die dortigen Einwoh- 
ner, welche Siuren oder Siuere heiffen, eine 
Sprache führen follen, die mit der Chinefifchen 

Aus: 


in der Geographie, 343 


-Ausfprache eine. geoffe Aehnlichkeit Habe, wie denn 
auch ihre Lebensart viel ähnliches mie der tatari⸗ 
fehen hat. Allem VBermuthen nad), müffen auf die 
fer Seite noch fehr viel nügliche Entdeckungen zus 
machen feyn, abſonderlich mas die Südfee anbe⸗ 
trift; angefehen es würflid) ven Schein hat, als ob 
diefes Volk fo gar weit davon nicht entfernet ſeyn 
muͤſſe. 

Was den St, Laurenzfluß anbelanget, und 
den großen Seen, woraus dieſer ſo beruͤhmte Fluß ſei⸗ 
nen Urſprung nimmt: ſo hat man nunmehro auch 
davon genauere Nachrichten. Wir wollen nur mit 
wenigen gedenken, woher dieſer Fluß feinen Na⸗ 
men erhalten hat. Dieſe Benennung des Laurenz⸗ 
fluſſes ruͤhret von Jacob Cartier, einem Franzo⸗ 
ſen her, den der Koͤnig in Frankreich Franciſcus 
J. auf weitere Entdeckung, nad) dem nördlichen Ame⸗ 
rica abgeſchicket hatte. Er fuhr mit ſeinem Schif⸗ 
fe den 10. Auguſt 1535. in einen Seebuſen ein, 
und gab ihm zu Ehren des heilgen Laurenz, deſſen 
Tag es damals war, dieſen Namen. Er gab ihn, 
zwar eigentlich zureden, nur der Ben, die zwiſchen 
dem Eylande Anticofty und der Nordkuͤſte lieget: 
man hat aber nachgehends ihn dem ganzen Bufen, 
in welchem befagte Bey liegee, bengeleget; Und 
weil der Fluß, melcher fonft der Canadifche hieß, 
fih in eben diefen Bufen ergießet, fo hat er gleich- 
falls den Namen des Laurenzflufles, den er noch 
heutiges Tages führer, befommen. 

Diejenigen Entdeckungen, die in dieſem Jahr⸗ 
hunderte für die wichtigften in der Geographie Fönnen 
gehalten werden find,die, * an den aͤuſſerſten en 

4 in⸗ 


344 Von denneueften Entdeckungen 


hinterften Theilen von Afien gemacht worden. Wir 
wollen zuoörderft diejenigen Entderfungen anfüh- 
ren, die uns von dennordoftlichen Gegenden diefes 
Welttheiles find befannt geworden, und alsdenn das 
Vornehmſte von den füdoftlihen Gegenden deffel- 
ben ebenfalls berühren. 

Wie das Gerüchte von: den großen Unter- 
nehmungen und Progreffen gieng, welche die Ruf 
fen immer weiter in Afien, und bis an die Grän- 
zen des Sineftfchen Reichs trieben, und auch die 
ſchwediſchen Kriegs-Gefangenen, nad) ihrer unglüd- 
fihen Miederlage bey Pultama, im Jahr 1709. in 
diefe Gegenden waren geführee worden; fo mar. 
allerdings zu vermuthen, daß manvon der Befchaf- 
fenheit diefer nordifchen Laͤnder beffere Nachrichten 
erlangen müßte, ala man bishero von ihnen harte, 
Was man fi) verfprochen, wurde endlich erfül- 
let; denn es Fam bald darauf die vortrefliche Char 
te des Heren Stealenbergs zum Borfcheine, nebft 
einer Befchreibung, wodurch diefe Charte, und ih- 
re Beichaffenheis in ein befferes Licht gefegee wur- 
de. Weil aber doch noch gar viele-Fehler und Un- 
vollfommenheiten in verfelben enthalten waren; 
fo wünfchten diejenigen, die in der Gefchichte des 
neuern Rußlandes, der Tarkarey, und in den ara 
bifhen Gefchichten erfahren waren, noch etwas voll 
Fommeneres, und diefes hat zum Theil der Herr 
Sber-Steuer-Secretaie Ayrillow, oder Cyrilli⸗ 
des erfüllee, welcher ein fehönes Werk von den 
norboftlichen Theilen bis an das außerfte von Aamt- 
zadalia, und den aͤußerſten Küften von Afien heraus 
gegeben, wobey er die Geftale folder Gegenden in 

| einer 


in der Geographie. 345 


einer Charte befchrieben, und uns auch die übrige 
Befchaffenheit diefes fo großen Reichs, nemlich des 
Rußiſchen, befannter gemacht, auf welcher man fie 
het, daß diefe Länder mit America nicht zufammen 
hängen, wie man vorhero geglauber hatte. Diefer 
Mann hat uns auch das merfwürdigfte von den 
Gränzen zmwifchen dem chinefifchen und rußifchen 
Reiche, die durch abgeordnete Commilfarien aufbey- 
den Seiten find feftgefteller, und mit Grundfteinen 
deutlich bezeichnet worden, an die Hand gegeben. 
Diefe Gränzen erftrecfen fih auf dreyhundert 
deutfche Meilen, von dem Fluß Oby bis an den 
Fluß Gorbiza, und von diefem meiter hinaus über 
die oftlihen Gränzen, die den beyden Reichen ge- 
mein find, und laufen noch über hundert und 
fechzig deutſche Meilen fort. Ä 
So wenig fihdie Ruflen bißhero um die Geo⸗ 
graphie ihres eigenen Landes befümmert hatten, 
fo wichtig waren nachgehends die Entdeckungen, 
welche unter der glorwürdigften Regierung des 
Rußiſchen Monarchen Peters I. und auf deflen al- 
ferhöchfte Verordnung gemacht wurden, und die 
nicht nur zu mehrerer Vollkommenheit der rußi- 
fhen, fondern auch der Geographie überhaupt, fehr- 
beförderlich gewefen. Auf deifen hohen “Befehl 
mufte ein geographifches Compendium in rußi⸗ 
ſcher Sprache herausgeben werden, unter dem 
Titel: Geographia ili kratkoe femnajo kruja opifa- 
nie, das ift: Geographie oder Furze Befchrei- 
bung der Erden, welches in der Stadt Mofcau 
im Jahr 1710. in 8. ang Licht rat. Wir wollen 
hier beyläufig anmerfen, daß darinnen unfer deut⸗ 
83 ſches 


346 Von den neueften Entdeckungen 


fehes Reich, Keſarskaja, das Kayſerland, ge- 
nennet wird. Woraus erhellet, daß ſich diejenigen 
fehr irren, welche bishero vorgegeben haben, daß 
das Wort Czaar bey den Ruſſen fo viel als Ray⸗ 
fer bedeute, und von Caͤſar hergenommen fey; 
denn wenn dieſes ſich fo verhielte, fo würden 
Ihro Rußifche Majeftär nicht nöthig gehabt haben, 
fich den Fayferlichen Titel, ausganz andern Urfachen, 
erſt beyzulegen. 

. Hier verdienet die Entdefung, von ber 
wahren Geftale und Größe. des Eafpifchen 
Meeres, eine vorzügliche Erwehnung. Auf 
Befehl Peters I. welcher im Jahr 1717. bey 
feiner Anmefenheit in Paris, von der Föniglichen 
Academie der Wiffenfchaften zu ihrem Mirgliede 
war angenommen worden, muften die Küften die⸗ 
fes Meeres genau unterſuchet, und in eine Charte 
gebracht werden. 

E8 war fein Meer, von deffen Größe und Fi⸗ 
gur fo gar verfihiedene, und von einander fo weit 
abgehende Meinungen entftunden, als eben 
über diefes, Die vornehmfte Urfache davon mar, 
daß eines Theils diefes Meer ganz abgefonderr, 
und überall mit Lande umgeben lieget, es Eonnte al- 
ſo nicht, wieandereMeere, zu welchen man aufeine 
se die andere Art zu Waffer gelangen Fan, be- 
{ “ren werden. Andern Theils war zu Lande der 
ang nicht fo leichte möglich zumachen, maffen 

7 Drittel von den Küften deffelben mie Tataren 
12. Anet waren, die feinen fonderlichen Umgang 
in eo mden hielten. Das andere Drittel hatten die 
ie ie, welche in der Schiffahrr N 
— ehr 


in der Geographie. 347 


ſehr unmiflend find. Da aber jego diejenigen Län- 
der, welche die Tataren bewohnen, mehrentheilg 
unter der Botmäßigfeit der Ruſſen jtehen: fo 
ſchickten Ihro Czaariſche Majeftär im Jahr 1718, 
einige geſchickte Leute in dieſe Gegenden, welchen 
gute Seeleute zugegeben wurden. Carl van Ver⸗ 
ten war dieſer Unternehmung vorgeſetzet, und es 
wurde auch dieſelbe, in einer Zeit von drey Jahren, 
zu Stande gebracht. Die daraus entſtandene 
Charte uͤberſendeten Ihro Czaariſche Majeſtaͤt der 
oberwehnten Franzoͤſiſchen Academie zu einem Ge⸗ 
nke. 

Ob nun wohl, wie vorhin erwehnet, in den 
bisherigen Nachrichten des weitlaͤuftigen Rußiſchen 
Reichs vieles mangelte, das einer mehreren Kennt⸗ 
niß wuͤrdig war: ſo mußte man mit dem, was man 
bereits hatte, zufrieden ſeyn, bis einmal die Aca⸗ 
demie der Wiſſenſchaften zu Petersburg, welche 
Peter I. daſelbſt geſtiftet hatte, ein mehreres da⸗ 
von bekannt machen wuͤrde. Die große Kayſerin 
Anna, welche nach Peter J. den Rußiſchen Thron 
beſtiegen, lies ſich ebenfalls den geographi⸗ 
ſchen Zuſtand ihres Reiches angelegen ſeyn, und 
mußten auf ihre Verordnung die einmal angefan⸗ 
genen Unternehmungen in dieſer Sache fortgeſetzet 
werden. Zu dem Ende wurden die beruͤhm⸗ 
ten Maͤnner in der Mathematik, die ſie aus 
andern Ländern Europens herbey rufte, in dieſes 
große Reich geſendet, Beobachtungen anzuſtellen, 
und die Beſchaffenheit dieſer Länder richtiger zu 
unterfichen. Ehe wir aber von ihren Verrich⸗ 


tungen etwas gebenfen, fo Fönnen wir nicht F 
in, 


348 Von den neueften Entdeckungen 


hin, von derjenigen vortreflihen Charte und merho- 
difchen Befchreibung des ganzen Rußifchen Reichs, 
vorzüglich eine Erwehnung zuthun, die der bereits 
oben angeführte unvergleichliche Profeffor zu Wit: 
tenberg, Herr Haſius, im Jahr 1739. ans Licht 
treten laflen, ehe noch die Welt von den Bemühun- 
gen der Petersburgifchen Academie etwas gefehen 
hatte. Eine Charte, die von den Ausländern, 
die fich beſonders die einzigen wigigen Köpfe zu ſeyn 
bünfen, gar öfters, ohne den Autor zu nennen, 
als ihre eigene Erfindung, genuͤtzet worden. 
Berfpiele davon anzuführen, gehören niche zu um 
ferer Abfiche. 

Diefe Charte ftellet ganz neue Entdeckungen 
vor, und ift von einer folhen Befchaffenheit, daß: 
fie. nicht nur das. Rußifche Reich an und vor fid), 
fondeon auch die angränzenden Länder, alfo vor Au- 
gen leget, daß der ganze Welttheil, den wir Afien 
nennen, dadurch eine ganz neue Geffalt befommen, 
und fich niche mehr ahnlich fiehet, fo, daß wenn 
man fie mit andern Charten von Rußland oder von 
Afien vergleicher, man davor halten follte, daß zwo 
ſolche Charten unmöglid) von, einerley Lande oder 
Welttheile abgefaßt feyn koͤnnten. Man finder ſowohl 
in der Charte felbft, als in ihrer beygefügten Beſchrei⸗ 
bung Nachrichten,die gänzlich neu find, und die Fein 
geographifches Kompendium zuvor angeführet hat: 
dahero es unferm Entzweck allerdings gemäß ift, 
wenn wir Daraus das vornehmfte, und worauf die 
fe Charte gebauet ift, anzeigen: Woraus einiger: 
maßen zu erfehen, was vor. überaus große ur 


‚in der. Gedgraphie. 349 


he und Arbeit zur. Moppirung einer Charte erfors 
dert wird. 

Diefe Charte hat diefes mit allen andern, auf 
welchen viele Reiche vorgeftellet find, gemein, daß 
fie nemlic) aus vielen Machrichten zufammen. gefer 
get werden muͤſſen. Der Unterſchied aber befteher 
bey dergleichen zufammengefeßten Charten nur in 
der guten oder fihlechten Wahl von Huͤlfsmitteln 
und Machrichten, nebſt einer gefihickten Anwen⸗ 
dung derfelben. Man finder heut zu Tage eine 
überaus große Menge von geographifchen Nach— 
richten, man würde fich aber fehr betrugen, wenn 
man folche alle für gleich geſchickt halten: wollte, ei⸗ 
ne Landcharte darans zufammen zu feßen. Hier⸗ 
innen beftehet die Gefchicklichfeie des Weltbefchreis 
bers, daß er aus denfelben das ‚gute zuwaͤhlen, 
das unrichtige aber und wider fich felbft ftreitende 
zuverwerfen weiß. 

Was alfo die politifche Befchaffenheit und Ge⸗ 
ftale derer, in nur belobter Charte enthaltenen, Landen 
beerift, fo find. hiezu alle nöthige Hülfgmittel ange« 
wendet worden, dahin gehören die alten geographi« 
fhen Nachrichten fo wohl, als die neuen, Reiſebe— 
fihreibungen, Charten, Sammlungen, Hiftorien, 
und von diefen legtern vorzüglich diejenigen, fo zu 
Erläuterungen der Gefchichte von der. Tatarifchen 
Zingis -Canifchen Familie dienen. In Anfehung, 
der Stellung der ‚großen Tatarey und Ruß— 
lands ift vor andern des Herrn Ayrillowe und 
Stralenbergs Charten, mie auch des Herrn. de: 
l Isle feine, nicht vergeffen worden. Was Sina, 
und die Sineſiſche Tatarey berrift, fo hat das vor⸗ 

— trefliche 


350 Von den neneften Entdeckungen 


frefliche und prächtige Werk des Pater Halde 
zum Grunde gediener. 
Ferner find die alten Arabifchen Geographen, 
als der Abulfeda, Naßir Etuſaei, Olug Begs, 
ingleichen den Heren de la Croir, fo viel bey ihm 
in den Moten feiner Zingis-Canifchen und Timur- 
begifchen oder - Tamerlanifchen Hiftorie befindlic, 
zu Rathe gezogen, und ihre Nachrichten bey den 
Ländern um den Drus oder Gihon, bey dem Ca⸗ 
fpifchen Meere und bey Perfien, nuͤtzlich angemen- 
Det worden. - Des Heren Garbers Vorftellung 
von den Ländern an der Abendfeite des Cafpifchen 
Meeres, die Charte des glorwürdigften Kay⸗ 
fers Peters von diefem Meere, wie fie auf ver- 
fehiedene Arc nachgeftochen, und ang Licht gebradit 
worden, des Heren Vice-Admirals Cruys und 
des Heren Generals Bruce Charten von den Ge 
genden um den Don und Dniefter find ebenfalls 
mit fonderbarem Vortheil gebraucher, auch dabey 
nicht unterlaffen worden, die älteften Autores, als 
den Arrdanus, die Tabula Peutingeriana nad) 
zufehen, um die wahre Figur und Ausmeffung des 
ſchwarzen Meeres heraus zubringen, dabey aus den 
Nachrichten des Matray, Perry und vieler an⸗ 
dern Schrifefteller nicht weniger Mugen geſchoͤpfet 
worden. Zu noch mehrerer Gewißheit und Erlan⸗ 
gung gründlichererErfänntniß von der politifchen Be⸗ 
ſchaffenheit und von der Hiftorie diefer Theile, find des 
Amfterdamifchen Bürgermeifters Witfens, Ole 
rius, Cornelius le Brun 2c. ihre Werfe, nebſt 
einer großen Anzahl von Neifebefehreibungen aus 
Rußland nad) Sina, und fo gar auch die — 
Zr vet 


in der Geographie: 351 


fhreibung der Sinefifhen Gefandten aus Sina 
nad) Rußland, fo bey dem Pater Sauciet befind- 
lich, zu Hülfe genommen worden. Endlich find 
auch des A. Maaſen, des Griechen Baſilius 
Watazis Charten, des Herrn Muͤllers, Stra: 
lenbergs Werke und des Autors von den No— 
ten bey des Bayadur Chans Hiftorie, in der Ber 
fhreibung diefer Charte, gar nuͤtzlich angewendet 
worden. 

Was die mathematifhe Beſchaffenheit diefer 
Charte betrift; fo ift fiedie einzige inihrer Ark, die 
man vor vollfommen halten kann, maßen fie die be- 
fte und beqvemfte Projection hat, mo das Auge 
allezeit im Mittel derfelben befindlich ift : woraus 
diefer Vortheil entftehet, daß fid) alle Theile, von 
der Mitte an gerechnet, in gleichem Verhaͤltniß 
verwahren, und eben die Geftalt behalten, die fie 
wirklich auf der Erdfugel felbft haben, oder wel- 
ches auf eins kommt, wenn diefe Theile auf eine 
Kugel felbft gezeichnet würden, an flaft, Daß 
fie durch diefe Projection in einer ebenen Fläche: 
neben einander zu liegen Fommen. Dieſes iſt ein 
Umftand, der fonft in der Projections- Wiflenfchaft 
jederzeie für fehr verwickele gehalten worden, wenn 
ein großes Stücfe von der-Oberfläche der Erden in’ 
eine ebene Fläche hat follen gebracht werden. 

Wir haben oben gefehen, was die Engellän- 
der vor große Mühe und Unkoſten aufgewender, 
eine Durchfahrt durch Nordweſten zufuchen. Was 
nun fo vielen gefchickten Leuten wahrfcheinlich zu 
feyn gefchienen, daß dafelbft eine Durchfahrt ver- 
handen feyn müßte, ob man fie gleich nicht “ge: 

funden, 


352 Von den neueften Entdeckungen 


funden,, das brachte andere auf. die. Gedan- 
fen, es müßte eine Durchfahrt durch LTordoften, 
nach Oſtindien zugelangen, auch nicht unmög- 
lich. feyn. Nun ift es gewiß, daß die Ruffen we— 
gerrsihrer Lage gegen Morden von Europa, und 
durch) die Gewohnheit die Kälte auszuftehen, welche 
die vornehmfte Hinderniß, in den dortigen Gegen- 
den zuüberwintern, ift, vor allen andern Nationen 
allezeit einen fehr großen Vortheil gehabe, diefe 
Unternehmung auszuführen. Bor der Negierung 
Peters I. welcher zuerft angefangen hat, in feinen 
Staaten die Künfte und Wiffenfihaften einzufüh- 
ren, haben fie in diefer Sache nichts gerhan, das 
einer Anmerkung werth wäre. Man hat alfo die- 
ſem großen Prinzen die Bemühungen zudanfen, 
welche fie unter der folgenden Regierung angewen⸗ 
det haben, die Gränzen der Tatarey gegen Nordo— 
ften genauer Fennen zulernen, und, zuunterfuchen, 
ob fich diefes weite, Land bis nad) America erftre- 
fe, oder durch ein Meer unterbrochen wäre. Che 
wir aber die Rußifchen Entdeckungen erzählen, wol 
len wir die Sache etwas weiter herholen, und die- 
jenigen Schiffahrten anführen, welche andere Na- 
tionen dießfalls unternommen haben, und woraus 
man fehen Fan, wie viel an der Entdeckung diefer 
Länder gelegen geweſen. — 
Bis zum Ende des ſechszehenden Jahrhunderts 
war die Handlung der Hollaͤnder nur in den Euro⸗ 
paͤiſchen Graͤnzen eingeſchraͤnkt, ſie wuͤrde vielleicht 
auch niemals weiter gekommen ſeyn, wenn ihnen nicht 
die Spanier mit ſo großer Grauſamkeit begegnet waͤ⸗ 
ren. Dieſe Tyranney, an ſtatt daß ſie ihren —— 


in der Geographie. 353 


verurſachen ſollte, befoͤrderte vielmehr ihre Wohl- 
ſahrt. Sie kamen alſo auf die Gedanken, unter 
einem andern Himmel, in den morgenlaͤndiſchen Ge⸗ 
genden, ihren Beyſtand zufinden, und daſelbſt 'ihr 
Glück zuſuchen. Weil fie damals noch ſchwach 
waren, fo fuchten fie zweyen fo mächtigen Feinden, 
als fie an Spanien und Portugall harten, aus dem 
Wege zugehen; dahero fie den Entfchluß fafferen, 
einen andern Weg, als den um Africa, zufuchen, 
und hierzu fehien ihnen derjenige durch Nordoſten 
amibegveimften zuſeyn. Sie wußten, daß nach 
Sebsftian Erboten,der Ritter Hugo Willoug- 
by, im Jahr 1553. ziemlic) weit gegen Norden hin- 
auf gegangen wäre; daß der englifche Schifshaupt- 
mann Stephan Burrougb, 1558. die Weigatz⸗ 
ſtraße, zroifchen dem mittägichen. Theile von Neus 
zembla und dem Sampojedenlande entdecket, und 
eben diefe Unterfuchung unternommen hatte: und 
daß die beyden Engelländer, Pett und Jackmann, 
im Kahre 1580. fehr weit entlegene Länder hat- 
ten Eennen lernen. Dahero fehmeichelten fie fich, 
daß, weil die Kunft zu fchiffen zu ihren Zeiten 
viel vorzügliches habe, fie gar wohl, wenn fie 
duch Mordoften führen, an der Tatarifihen 
Küfte Hinfegeln, in die Morgenländifhen Meere 
kommen, und folgends gar nad) Oftindien, China, 
Japon, den Philippinifchen und Moluckifchen In⸗ 
fein gehen Eönnten. 

Zu diefen Ende vereinigte ſich eine Gefell- 
fhaft Kaufleute, welche zwey Schiffe ausrüfteten, 
deren Führung einem berühmten Seemanne, Nas 
mens Wilhelm Barenß, anvertrauet wurde, 

Dresdn. Mag. 1,2, Aa Die 


354 Yon den neueften Entdeckungen 


Diefe Schiffe fuhren im Brachmonate 1594. aus 
dem Terel, fie Famen aber im Herbitinonate darauf 
wieder nac) Haufe, und brachten weiter nichts als 
die Hoffnung mit, daß ein Weg durch Mordoften, 
nad) Oſtindien vorhanden feyn, und daß man die: 
fen Weg duch die Weigatz oder Naſſauſtraße 
finden müßte. Die Generalftaaten und der Prinz 
von Oranien machten ſich freymwillig anheifchig, 
andere Schiffe auszuräuften, und die Auffuchung 
dieſes Weges fortzufegen. Die Führung derfek 
ben wurde einem berühmten Weltbeſchreiber, Pe 
ter Plencius, anvertrauet, diefer harte die Fahrt 
entworfen, und die Lage von der Tatarey, Cathay 
und China bezeichnet. Barenß aber war eine 
Hauptperſon bey diefer Unternehmung. 

Das Gefchwader beftunde aus fieben Schiffen, 
welches im Brachmonate 1595. aus dem Terel lief. 
Im Auguft Fan folhes in die Strafe Weigas, 
man unterfuchte die Ufer zu beyden Seiten derfel: 
ben, e8 fand aber fo viel Eis, daß es unmoͤglich 
weiter gelangen Fonnte. Endlich Fam das Geſchwa⸗ 
der an eine Inſel, welche Stasteneyland ge 
nennet wurde, Einige Matrofen giengen dafelbft 
ans Land, zwey davon aber wurden. von einem 
weißen Bäre gefreflen, und da fie noch fonft 
viele Hinderniffe wegen des Eifes fanden, weiter 
zufommen, Fehrete das Geſchwader wieder um, 
und fam im November, nad) einer Schiffahrt von 
vier Monaten, wieder nach Haufe, 

Diefe fruchtlos abgelaufenen beyden Reifen hin⸗ 
derten bie Dberhäupter dieferlinternehmung fo wenig, 
daß fie fich vielmehr fogleich über die Mittel 9*— 
han . As 


in der Geographie . 355 


ſchlageten, eine dritte zuthun. Es wurden ʒwey Schif- 
fe ausgerüftee, worauf Barenß und Heemskerke 
zwo Hauptperfonen vorftelleten. Dieſe beyden 
Schiffe lieffen im May 1596. aus, fie entdeckten 
in Norden eine Inſel, welche, wegen eines weiſſen 
Baͤres, mit welchem man zwo Stunden lang ein 
Gefechte hatte, das Baͤreneyland genennet wur⸗ 
de. In dieſer Gegend trenneten fid) die beyden 
Schiffe, indem ihre Befehlshaber, wegen der fer- 
nern Fahrt, davon jeder eine befondere nehmen 
wolte, nicht einig werden fonnten., Das Schiff, 
worauf fih Barenß und Heemskerke befanden, 
gelangte endlic) bis Neuzembla, um welches daj- 
felbe mit vieler Mühe und Gefahr, wegen der grofs 
fen Eisbänfe gegen Oſten, herumfuhr. Je weiter 
man kam, deftomehr verwickelte ſich das Schiff in 
dem Eife, zwifchen welchen daffelbe endlich gar ein- 
fror, alfo, daß fich unfere Holländer gefallen laffen 
muften, in einer fo Falten und abfcheulichen Ge- 
gend, auf Meuzembla, zuüberwintern. Sie bau- 
eten auf dem Lande eine große Hütte, worinnen fie 
wieder die Kälte und den Anfällen der Bären ficher 
feyn Fonnten. Sie muften an diefem Falten Orte, 
neun bis zehen Monate, in einem traurigen Zuſtan⸗ 
de, leben. Als das Werter im folgenden 1597. 
Jahre offen wurde, machten fie die beyden klei⸗ 
nen Fahrzeuge ihres Schiffes zurechte, und verlief 
fen das Schif, welches ſehr Ihadhafftig geworden 
war. Mit diefen beyden Fahrzeugen fuchten fie 
den Rückweg, und nachdem fie unterwegens viel 
Elend ausgeftanden, auch Barenßen, der gleich 
ſam die Seele von diefen dreyen Reifen gemefen war, 

Ya durch 


356 on den neueften Entdeckungen 


durch ben Tod verloren hatten, auch ihre beyden Fahr⸗ 
zeuge mehr als einmal voneinander gefrennet wur⸗ 
den, Famen fie endlich nach Kola in Lappland an, 
woſelbſt fie, zuihrer großen Freude, dasjenige Schiff 
antrafen, das ſich im vorigen Jahre von ihnen ge- 
frennet, und einen andern Weg genommen hatte, 
Auf diefem Schiffe Fam der Reſt der noch vorhan- 
denen Mannfchaft wieder nad) Holland, wo er mit 
großer Verwunderung aufgenommen wurde. Ein 
fo unglücflicher Ausgang benahm den Holländern 
allen Muth, ferner auf eine Entdeckung durch 
Nordoſten auszugehen. 

Mac) diefen Reifen, die gegen Mordoften 
vorgenommen wurden, waren die Reifen Johann 
Woods, eines Engelländers die erften. Er hat= 
te feine Unternehmung auf fieben Bewegungsgruͤn⸗ 
de gebauet, die aus lauter Erfahrungen herge- 
nommen waren, überdiefes hatte er noch andere 
Urfachen, die feinem Vorgeben nach), auf die Ver- 
nunft und aufdie Natur gegründeewaren, Er fuhr 
im May 1676. aus, er litte aber einen traurigen 
Schiff bruch an einer Küfte, welche er zur Unzeit für 
den mweftlichen Theil von Neuzembla angenommen 
hatte. 

Wir kommen nunmehro auf die Reiſen der 
Ruſſen, die ſie ebenfalls in dieſer Abſicht unternom⸗ 
men haben. Aus dem, was bishero angefuͤhret 
worden, iſt klar, daß es bloaß darauf ankommt, ob 
Siberien mit der neuen Welt, nach Nordoſten zu, 
zuſammen haͤnget, oder ob zwiſchen dieſen Laͤndern 
Meer vorhanden iſt, durch welches man entweder in 

die 


in der Geographie. 357 


die neue Welt, oder nad) Japon, und alsdenn fer- 
ner in die Morgenländifchen Meere gelangen Fönn- 
te, 

Diefes ausfindig zu machen, wurden drey ver: 
fhiedene Wege vorgefchlagen. Der erfte und nädy 
fte war, durch das Eismeer zugehen, und zuperfir- 
chen, ob man die außerfte Spitze an den nordlichen 
Siberien umfchiffen koͤnnte.  Diefe Spige ift ein 
Vorgebürge, welches in Rußland und Siberien 
Tſchuketſchol genennet wird, fonft aber auch un- 
ter dem Namen Tabin, befannt if. Wenn alfo 
diefes angienge, fo wäre Flar, daß das nordoftliche 
Ende von Afien mit America nicht zufammen hien- 
ge. Nun waren zwar bereits verfchiedene unglückli- 
che Berfuche befannt, die die Holländer und Engel- 
länder in diefer Abficht angeftellee hatten, das Eis⸗ 
meer aber nichedurchdringen fönnen, wie oben erzäh- 
lee worden; allein es war dadurch noch nicht ausge- 
macht, ob e8 nicht möglich wäre, durchzukommen. 
Die Ruſſen hatten hierinnen mehrere Bortheile als 
andere Nationen vorfih. Sie waren dafelbft zu 
Haufe und in der Nähe, Kälte, und anderes Linge- 
mad) auszuftehen, waren fie beffer aufgeleger, fie 
Fonnten zeitiger in die See gehen, fo bald folche 
wegen des Eifes nur offen war, und wenn ja die 
- Zeit mit diefer Unterfuchung verftrich, fo waren fie 

allezeit in der Nähe, in einen Hafen, oder ineinen 
Fluß, einzulaufen, wo fie überwintern, und von 
neuem wieder auslaufen Fönnten, fo bald das 
Eis gebrochen war, ohne die Unterfuchung von for- 
ne anzufangen, fondern diefelbe nur forrzufegen. 
Diefer Weg wurde auch wirklich durch zwey =” 
— Yaz e 


358 Von den neueften Entdeckungen- 


fe verfuchet, welche von Archangel durch das weiß 
ſe Meer, und aus demfelben in das Mordmeer lie 
fen, und fodann ferner in dag Eismeer giengen. 
Diefen beyden Schiffen begegnete eben das, was 
fonft andern wiederfahren war: nemlich, 
das eine von denfelben, Fonnte wegen des flat- 
ken Eisganges in dem Meere nicht weit Fommen, 
und blieb in dem Eife fißen; von dem andern 
aber hat man niemals feine Nachricht wieder erhal 
ten, wo folches hinkommen ift, wetmuchlich ift es 
im dem Eife zu Grunde gegangen. 

Sonft haben die Ruffen verfehiedene Entde⸗ 
ungen an den Küften des Cismeers, acht Jahr 
hindurch, von Archangel an, bis an den Fluß 
Aovima gemacht, und ein großes Land, im Jahre 
1723. gegen Morden von dem Eismeere, entde 
cket. | 

Der andere Weg ift der weitefte und muͤhſam⸗ 
fte, und beſtehet eigentlich darinne, daß man durch 
die Straffe des Magellans, oder le Maire, oder 
durch einen andern Weg in die Südfee gehe, und 
nad) Californien herauf fegele, die Küften von Ca⸗ 
lifornien follte man vorben, und in dag oftliche Welt 
meer fchiffen, woſelbſt man ferner weſtwaͤrts gehen, 
und dahin trachten follte, in das Eismeer zugelangen. 
Ein Weg, der faft unendlichen Schwierigkeiten unter- 
worfen iſt, befonders, wenn folcher von Petersburg 
aus follte unternommen werden, indem ein ſolches 
Schiff vorhero die Ift-und Nordfee durchlaufen mir 
fte, che es in das groffe Weltmeer gelangte. Matt 
hat nicht gehöret, daß eine foldhe Schiffahrt von den 
Rufen wäre unternommen worden. * 
F e 


- „in der Geographie. 359 


Der dritte Weg endlich) ift vom Kamtſchat⸗ 
Es abzureifen, und diefer ift Fury vor dem Tode 
Peters 1. in Vorfchlag gefommen, und auch ins 
Werk gefeger worden. Diefer große Kayſer gab 
zu Ende des Jenners, im Jahre 1725. einem 
Hauptmanne, Namens Beerings, der ein ſehr ge⸗ 
ſchickter Seemann, und von Geburt ein Daͤne war, 
wirklich Befehl, eine Unterſuchung von den oſtli⸗ 
chen Kuͤſten von Aſien anzuſtellen, und ob gleich die⸗ 
fer Herr kurz darauf ſtarb, fo wurde doc) der ein- 
mal gegebene Befehl, durch die Kayferin Catha⸗ 
rins, ausgeführee. Der Hauptmann Seerings 
hatte fünf Jahr zu diefer Reife nöthig, indem er fi) 
nicht nur zu Lande mit feinen Lenten an das oftliche 
Ende von Afien begeben, fondern auch alles da» 
hin tragen laſſen mufte, was zur Erbauung zwey⸗ 
er Schiffe nöthig war. Er mufte Leute mimeh- 
men, die den Schiffbau verftunden, er ermählce fich 
auch hierzu zwey Lieutenants, Davon der eine eim 
-Deutfcher, Namens Spanberg, der andere aber 
ein Ruſſe, mit Namen Aleris Tſchirikow, war. 

Diefe Schiffahrt hat hierzu gediener, die 
Lage der ‚oftlihen Küfte von Afien genauer zu 
beftimmen. Als ee in den Hafen 
Kamtſchatka wieder zurüce Fam, vernahm er, 
Daß gegen Oſten ein Land wäre, welches man 
‚bey hellem und Flarem Wetter fehen Eönn- 
te: dieſes bewog diefen Hauptmann, dahin 
zufhiffen. Der Verfuch aber war vergebens ; 
‚denn ob er gleich bis vierzig Seemeilen ge⸗ 
gen Often fuhr, fo Fonnte er. doch nicht das 
geringfte Land entdecken, und endlich trieb ihn 
2 " Ya ein 


360 Von den neueften Kintdeckungen- 


ein Sturm wieder zuruͤcke in den Hafen, woraus er 
gegangen war. 

Bey feiner Zurückfunft in Petersburg melde: 
te er dem Herrn de l Isle, daß er, auf feiner Reife 
an der oftlichen Küfte von Afien, alle mögliche An⸗ 
zeige von einer Küfte oder einem Lande gegen O⸗ 
ften gehabt hätte. Der Herr de lIsle erlangte die 
Charte und dag Tagebuch vom Hauptmann Bee 
rings, ‚er bediente ſich diefer Hilfsmittel, eine Char- 
fe zuentwerfen, worauf das oftliche Ende von Afien 
nebft der entgegengefeßten Küfte von dem nordli⸗ 
chen America abgebilder war, damit man auf ein 
mal überfehen koͤnnte, mas nod) zwifchen diefen 
großen Welttheilen zu entdecken übrig feyn moͤch⸗ 
te. Er uͤbergab diefe Charte, nebft einem Auf 
fage, im 1731. Jahre der Kayferin Anna und dem 
dirigirenden Senate, worinnen er die Rußiſche Na⸗ 
tion zur Auffuchung diefer unbekannten Länder zu 
bewegen ſuchte. Dieſes hatte auch die gehöffte 
Wirkung. In dem Auffage hatte Herr de l Isle 
drey verfchiedene Wege vorgefchlagen, denen man 
zur See folgen Fönnte, und wodurch man allem An- 
fehen nach nicht fehlen würde, dasjenige zuentde- 
den, was nod) unbefannt wäre. 

Der eine Weg follte gegen Mittag von Kamt⸗ 
fhatfa genommen werden, und gerade nach Japon 
gerichtet feyn, wodurch man eine beffere Kenntniß 
von dem Lande Yeſſo, von der Stasteninfel und 
dem Compagnie⸗Eylande befommen würde, wel 
ches vor mehr als hundert Jahren von den Hollaͤn⸗ 
dern entdecket worden. 


De 


in der Geographie. 361 


‘Der andere Weg follte gerade gegen Often 
von Kamtfchatfa genommen werden, bis man die 
Küften von America gegen Norden von Californien 
anträfe. 

Der dritte endlihmwar, dasjenige Land aufzu⸗ 
fuchen, wovon der Hauptmann Beerings fo ftarfe 
Anzeige auf feiner vorigen Neife gegen Often von 
Kamtſchatka gehabt härte., 

Diefe legtere Reife wurde dem Haupfmanne 
DBeerings aufgetragen, welcher im 1741. Jahre 
auslief, er Fam aber nicht weit, denn ein grimmi⸗ 
ger Sturm machte, daß er mit feinem Schiffe auf 
einer wüften Inſel ftrandete, auf welcher er, bey 
Elend und Kummer, mit dem größten Theile feiner 
Leute, umkam. Diefe Inſel wurde hernach die Ser 
ringsinſel genennet. 

Spanberg, der zuvor dem Hauptmann Bee⸗ 
rings auf ſeiner erſten Reiſe, als Lieutenant, beglei⸗ 
tet hatte, bekam jetzo das Schiff zufuͤhren, welches 
abgeſchicket wurde, Japon aufzuſuchen. Er lief 
aus dem Hafen Kamtſchatka im Brachmona⸗ 
te 1739. aus, und gieng durch viele Inſeln 
und glaubte endlich bis an die Küften von Japon 
gekommen zuſeyn. Er gieng bis nad) Matis⸗ 
mey, dem vornehmften Orte, und einem von den 
mittägichften des Landes Yeſſo: er flieg aber da⸗ 
felbft nicht ans Land. 

Die dritte und vornehmfte Fahrt, Die gegen 
Oſten von Kamtſchatka bis nach America follte vor- 
‚genommen werden, wurde dem rußifchen Haupt: 
manne Tſchirike w, der auch zuvor bey dem Haupt⸗ 
manne Beerings Lieutenant geweſen war, aufge⸗ 


Aa5 tra⸗ 


362 Von den neueften Entdeckungen 


fragen, und des Heren de l Isle Bruder, Aſtro— 
nome bey der Academie der Wiflenfchaften, gieng 
mit ihm zu Schiffe, aftronomifche Beobachtungen 
an denen Orten anzuftellen, wo fie würden ans 
Land fteigen Finnen. Sie liefen den 15. unit 
1741. aus einem Hafen von Kamefchatfa aus, 
welcher Avatcha oder der St, Peter und Pau⸗ 
Ius Hafen hieß. 
Nach einer Schiffahrt von ein und vierzig. « 
Tagen befamen fie ein Land zu Gefichte, mel 
des fie für die Küfte von America annahmen. 
Sie waren auf ihrer Fahre fo weit fortgeruͤcket, wo 
noch niemand, fo viel man weiß, hingefommen ift. 
Der Hauptmann Tfchirifom konnte an diefes Land 
nicht näher als auf eine Seemeile mit feinem Schif- 
- fefommen. Er entfchloß ſich endlich, zehen be 
waffnete Männer in einer Schaluppe abzuſchicken, 
fie wurden aber aus dem Gefichte verlohren, als 
fie. an das Land Famen, und auch nicht wie 
der gefehen, ob man gleich einen ganzen Monat 
auf fie wartete, und in diefen Gegenden herum 
kreutzete. Er kehrte endlich wieder zurücke, und 
auf feiner Ruͤckreiſe hatte er viele Tage lang fehr 
entfernte Länder im Gefichte, welche nachgehend® 
der Herr de lIsle auf feiner Charte bemerket hat. 
Im Herbitmonate kamen fie nahe an eine bergigfe, 
und mit Graſe bedeckte Inſel. Sie fahen alla 
Einwohner, deren Sprache fie nicht verftunden, 
und weil der Scharborf das Schiffvolf fehr ange 
‚griffen hatte, kehrte man in den Hafen wieber zu⸗ 
rüde, nachdem diefe Fahre über Grey Monate ge 
‚Dauert hatte. - Diefes war der Erfolg der BA 
413 


in der Geographie. 363 


Schiffahrt der Ruffen, einen Weg nach America 
zufuchen. 


An den Ufern des morgenländifchen Meeres, 
Kamtfchatfa gerade gegen über, findet man einen 
Ort, Namens Okhota, oder Okhotskoy Oftrog, 
100 man fich nach Kamsfchatfa und andere — 
barte Orte einſchiffet. Hier hatte der Hauptmann 
Beerings das Schiff gelaſſen, auf welchem er ſeine 
erſte Reiſe gethan hatte. Einige Ruſſen beſtiegen 
daſſelbe, und ſchiffeten im Jahre 1731. eben den 
Weg, den Beerings zwey Jahr zuvor genommen 
hatte. Sie waren gluͤcklicher als er, und trieben 
ihre Entdeckungen weiter. Sie fanden eine In⸗ 
ſel, und darnach ein feſtes Land, aus welchen ein, 
wie ein Groͤnlaͤnder gekleideter Einwohner, in ei- 
nem Fleinen Fahrzeuge zu ihnen Fam; Alles was 
fie von ihm verftehen Fonnten, war diefes, daß er 
in einem fehr großen Lande wohnete, mo es viel 
Pelzwerk gabe. Die Ruffen fuhren zween Tage 
lang gegen Süden, an der Küfte diefes Landes her- 
unter, worauf fie ein heftiger Sturm überfiel, der 
fie wieder zurück an die Küfte von Kamtſchatka 
trieb, ohne daſelbſt angelaͤndet zuhaben. 


Der Herr de l Isle hat im Jahre 1732 neue⸗ 
re Nachrichten von diefen Gegenden erhalten, und 
zugleich vernommen, daß Diefes Land fchon im Jahre 
1728. von Spanbergen von weitem wäre gefehen 
worden. Die Ruflen follen ießo wirklich diefes 
Land befischen, und fchönes Pelzwerf daher brin- 
gen. Man muß alfo von ihnen genauere Nad)- 
eichten, wegen ber Lage und Stärfe diefer * 


364 Yon den neueften Entdeckungen | 


Länder erwarten, die bishero unbekannt gemefen 
iſt. 
Dieſe Nachrichten hat ſich die kayſerliche Acade⸗ 
mie der Wiſſenſchaften zu St. Petersburg, der 
Welt mitzutheilen, vorbehalten. Sie hat auch ih- 
rer Abſicht gemaͤß, dasjenige bereits erfuͤllet, was 
fie verſprochen, maſſen ſie im Jahre 1745. das gan⸗ 
ze Rußiſche Reich in zwanzig Charten, der Welt vor 
Augen geleget. Hierbey koͤnnen wir nicht un— 
beruͤhret laſſen, daß man darinnen Neuzembla 
als eine Inſel abgebildet findet, da man ſonſt zuvor 
geglaubet, daß dieſes Land eine Halbinſel ſey. 
Wenn man die engliſchen Transactionen in dieſer 
Sache zurathe ziehet, ſo verſichert uns der beruͤhm⸗ 
te Amſierdamiſche Buͤrgemeiſter Witzen, daß auf 
ausdruͤcklichen Befehl Detere I. die eigentliche Be: 
fchaffenheit von Neuzembla habe müflen unter- 
fucher werden, da fic) denn befunden, daß diefes 
Land eine Halbinfel fey, und mit der Tatarey zu⸗ 
ſammen hienge, welches auch die dorfigen Ein- 
wohner befräftigten. An einem andern Orte 
diefer Transactionen widerfpricht Herr Wigen die: 
fer Meinung, und berufet ſich auf beſſere Nachrich⸗ 
ten, die er von diefem Lande erhalten, und ſagt, 
daß es eine Inſel fen. Der Herr de l' Isle, wel 
cher fich fo viele Jahre in Petersburg aufgehal- 
ten, und dem es an Gelegenheit nicht fehr 
len Fönnen, von der Befchaffenheit diefes Landes, 
richtige Nachrichten einzuziehen, hält es für fehr 
wahricheinlih, daß Neuzembla an den nordlichen 
Theile der Tataren anhienge. Wem ift nun zu 
glauben? Die obgedachte Eayferliche Academie fr 
re 





in der Geographie, 355 


ret in dem Vorberichte ihrer Charten Feine Gründe 
an, warum fie diefes Land unter der Geftalt einer 
Inſel abgebilder hat. Soll man 8 ihr zugefallen 
glauben, daß es eine Inſel ſey? Es fcheinet alfo 
noch ziemlich ungewiß zufeyn, ob Neuzembla un» 
ter die befannten oder unbefannten Länder muͤſſe ge⸗ 
zählet werden. Diefer Rußifche Atlas enthält auch 
nicht alle Entderfungen, die von den Ruflen, zwi⸗ 
fhen Afien und America find. gemacht worden. 
Denn wie wir unlängft aus den gelehrten Zeitungen . 
erfehen, fo foll diefe Fayferliche Academie, die Geo⸗ 
graphie mit gar wichtigen Entderfungen bereichere 
haben, indem der dafige berühmte Profeflor, Herr 
Müller, eine Landcharte ans Liche geftellet, wel⸗ 
che die Entdeckung vorfiellee, die die Rußiſchen 
Schiffe, an denfonft unbefannten Küften des nörd- 
lichen America, und an den daran liegenden Fän- 
dern gemacht haben. Es wird hinzugefeger, daß 
diefe Charte aus lauter bewaͤhrten Nachrichten fols 
her Männer, die bey diefen Entderfungen felbft 
gegenwärtig geweſen, gezeichnet worden, und zeige 
die Außerften Gränzen eines anfehnlichen Stuͤcks 
des Erdbodens, deflen Dafeyn und Nachtbarſchaft 
von Afiens nordoftlichen Gegenden, viele Gelehrte 
bishero nur gemuthmaffer und gehoffer, andere aber 
in Zweifel gezogen haben. Bon diefen Entde- 
ungen, und was es damit überhaupt vor eine Bes 
wandniß hat, wollen wir Fünftig, in dieſen Blaͤt⸗ 
tern, ausführlichere Nachricht geben. So viel ift 
gewiß, dag man in diefer Charte gar merfwürdige 
Umftände, in Anfehung diefer neuentdeckten Küs 
ften und Länder antrift, die für werth zu ne 

| ind, 


366 Von den neueften Entdeckungen 


find, daß folche genauer unterfucher, und mehrere 
Entdefungen von ihnen Fünftighin gemacht wer- 
den. 

MNachdem wir ung in den Falten und nordofl- 
lichen Gegenden von Afien, lange genug aufgehak 
een: fo fommen wir nun auch auf diejenigen 
diefes großen Welttheils, die mehr gegen 
Süden und Südoften liegen. Arn diefem Or⸗ 
ge ift die erflaunensmürdige Unternehmung an⸗ 
zuführen, welche auf Anordnung des großen und 
mächtigen finefifhen. Königs Camhi, ausge 
führee worden. Diefer hat diejenigen Mißiona- 
rien, die in der Marhematif am meiften erfah- 
ven waren, in die ungeheuren Gegenden und Gr. 
biete feines Reichs gefchickt, nicht allein in diejeni⸗ 
gen, die eigentlich zu Sina gehören, fondern au 
in diejenigen, welche über der berühmten finefifhen 
Mauer gelegen find, nemlich nad) Mugalia oder 
in die Tatarey, die unter feinem Gehorſa⸗ 
me ſtunde. Diefe Mifionarien haben diefen ſo 
weit und breit fi) erfirecfenden Bezirk durch 
Geodätifhe und Trigonomerrifhe Ausmeflungen 
aufgetragen, und nur einige aſtronomiſche 
Wahrnehmungen dabey mit zu Hilfe genom⸗ 
men, und diefe Länder in Charten gebracht, zu⸗ 
gleich aber auch die vortreflichften geographifchen, hi 
ftorifchen und natürlichen Befchreibungen, diefer 
fonft ganz und gar unbefannten Gegenden, beyge⸗ 
füget, welches alles durch die Bemuͤhung des Pr 
ger Zaide in einem der praͤchtigſten Werke, ans 
Licht geſtellet worden. 


Hier⸗ 


in der Geographie. | 367. 


Hierdurch haben wir nunmehro von dem ent» 
fernteften finefifchen Reiche, und von den Orten 
der Tataren, wie folche insgemein genennet wird, 
und welche für mwüfte und unzugänglic gehalten 
wurde, faft eine richtigere Erfanntniß erlanger, 
als man vielleihe von manchen cultivirten 
Gegenden von Europa niche aufzumeifen hat. 
In dieſem Werke findet man eine Nachricht von 
dem Königreihe Thibet, welches emen 
höchften Priefter, ober den Lama, einen Für 
ften in der Religion der Mugalen oder Tataren, 
und unzähligee anderer Völker vieles uns 
geheuren Bezirks, für ihr Oberhaupt erfenner, 
Diefe Nachrichten müffen uns um fo viel angeneh⸗ 
mer ſeyn, je weniger man geglaubet, daß bis da- 
hin der Zugang von den Europäern jemals würde 
bemerfftelligee werden, und wohin einer oder 
der andere, in vorigen Jahrhunderten, mie 
der größten Lebensgefahr Faum Emmen konn⸗ 
te, 

Allhier müffen wir auch von dem großen Reich 
oder Königreiche des Can⸗Taiſcha etwas geden- 
fen, maflen man in den gemeinen geographifchen 
Büchern von diefen Gegenden, Bölfern, und ih- 
ven Beherrfchern nichts meldet. Was die Gröf 
fe diefes Reichs betrift; fo halten wir davor, der Sax 
- he nicht zuviel zuthun, wenn wir daffelbe Franf- 
reich und Deutfchland zufammen genommen, an 
Größe gleic) fegen. Der Beherrfcher diefes Reichs 
heißt der Can⸗Taiſcha, das iſt, großer Can,großer 
RKoͤnig, nad) der Redensart des gemeinen Volks 
aber,fo viel als Kayſer. DasBolfführer Rn 

[03 er 


368 Von denneueften Entdeckungen 


Ralmaten, Kalmukken, Ralpaten, es wird 
aber angegeben, daß fie diefen Namen vor fchimpflich 
halten, und.lieber den Namen der Eleuthen oder 
Mugalen, fuͤhren wollen. Der alte Name diefes 
Landes ift fonft Capſchac, Cipʒak geweſen. Was 
den Urfprung diefes Neichs betrife, fo ift daffelbe 
noch ein Reſt von dem großen Reiche, melches 
ehemals der Zingis⸗Can geftiftet, wenigſtens lei: 
tet von demfelben der Can-Taifcha und die an- 
dern Fürften. ver Kleutben ihr Gefchlechte her. 
Die Religion ift abgörtifch, und erfenner den Da⸗ 
lai Lama, oder höchften Kama, das ift hoͤch⸗ 
fter Priefter der Mugalen und Kalmafen, für 
das Haupt derſelben. Diefer Lama wird von dem 
gemeinen Volke für einen lebendigen Abgott, oder 
lebendiges Ebenbild ihres Abgottes Foe oder Su 
gehalten, und für unfterblich ausgegeben. Der - 
gemeine Mann glaubt, daß er ſich alle Monate mit 
dem Meumonde verneuere. Um nun das Volk in 
diefem Irthume zuerhalten, läflet er fich fehr ſelten 
fehen, und ift beftändig eingefchloffen. Unter⸗ 
deffen fiehee man ſich nach einer andern Per⸗ 
fon im Lande um, die den Lama ähnlich. ficher, 
welche in zeiten eingefangen, und fo lange aufbe- 
wahret wird, bis der alte Lama ftirber, feine Stel⸗ 
le damit wieder: zubefegen. 
Ehe wir uns aus diefem Welttheile entfernen 
wird es unſerer Abſicht ebenfalls gemäß feyn, 
eine Nachricht von den Gränzen zmwifchen Europa 
und Afien zugeben, davon beyden Weltbefchreibern 
verfchiedene Meinungen angetroffen werden, indem 
einer dieſe, eig anderer wieder eine andere Graͤnz⸗ 
fiheidung 


in ber Geographie, 369 


fcheidung diefer beyden Welttheile feftgefeger, oder 
angegeben hat. Die vornehmfte Urfache diefer Ber- 
ſchiedenheit muß in der Befchaffenheif diefer Länder 
ſelbſt gefuchet werden, welche dor dieſem gaͤnzlich, oder 
doch meiftentheils unbefannt geweſen, dahero aller- 
dings unrichtige Urtheile von diefen Gränzen zum 
Borfchein fommen müffen. Der gelehrte Pater 
Ricciolus handelt, in feiner Geographia refor- 
mata, hiervon fehr richtig, und führet fünf, oder viel- 
mehr fieben dergleichen Meinungen von diefer merf- 
würdigen Graͤnzſcheidung an. Weil die Gewiß⸗ 
heit derfelben in der Hiſtorie ſowohl, als in der 
Geographie, von Wichtigkeit iſt, fo wird es nicht 
undienlich feyn, wenn mir dieſe Meinungen vorhe⸗ 
ro erzälen, und alsdenn nad) dem Gutachten unfers 
oben angeführten Lehrmeifters, diejenigen Gründe 
anführen, wie die wahre Scheidungslinie müfle be 
flimmet werden. 
Die meiften von den alten Schrifeftellern und 
Erobefchreibern, haben den Fluß Don oder Ta- 
nais zu den Anfange diefer Gränzen gewaͤhlet. 
Dahero iftdieerfte Meinung derjenigen, wel⸗ 
he von der Mündung diefes Fluffes, mo er bey 
Aſſow in die Mäotifche See fället, bis zu deffen Ur⸗ 
ſprunge, und hernach auf die Riphaͤiſchen Ber- 
e, welche man dazumal nahe dabey gelegen zu- 
yn vermeinet, und ferner bis in das Kismeer 
fortgehen. J F 
Die andere Meinung iſt, welche dieſelben von 
dem Urſprunge des Tanais gerade bis zur Mündung 
der Dwina fortführen, 
Die dritte iſt, welche ſie von der Muͤndung 
Dresdn. Mag. I. B. b des 


372 Von den neueften Entdeckungen 


net worden, jego mit zu Kuropa gezogen wer⸗ 
den müßte. Ferner ift auch nicht möglich, auf 
die natürlichen Gränzen allezeit alleine zufehen. 
Es würde auch unbillig feyn, wenn ein jeder, nad) 
eigenen Gefallen, diefe Gränzen angeben, und nad) 
Willkuͤhr wieder verändern wollte. 

Um aber diefe wichtige Gränzfcheidung von 
zweyen fo groffen Welttheilen feitzufegen, jo muͤſſen 
wir hierbey die Vernunft mit zu Rathe ziehen: Sol⸗ 
che giebt ung diefe allgemeine Regel an die Hand. 
Daß man, nebft den beyden vorhin angeführ- 
ten Umftänden, was nemlich den politifchen 
Zuftand, und die von der Natur gemachten 
Graͤnzen betrift, vorzüglich auf die Gewohn⸗ 
beit und auf den Gebrauch der Einwohner fein 
Abfeben zurichten babe. Diefem Sage zufolge, 
wird es nunmehro weiter nicht ſchwer feyn, Die 
Gränzen zmifchen Europa und Afien, nad) einem 
fihern und beftändigen Fuße einzurichten. 

Wenn man alfo fein Augenmerk auf diefe Um⸗ 
ftände richtet, fo werden die Gränzen von Europa, 
und zugleich des Europäifchen Rußlandes folgender- 
geftalle Fönnen gezogen werden. Wir fegen den 
Anfang derfelben an den Ausfluß des Dons, als 
der ſchon in den älteften Zeiten zu diefer Graͤnze 
erwählet worden, und gehen an diefem Fluffe fort, 
bis zu feiner Wendung, wo er am weiteſten gegen 
Morgen lauft. Hernach ziehen wir fie bis an 
denjenigen Fluß, der, nad) dem Stealenberg, der 
Wedweditza zu feyn feheiner, und der das Aftra- 
canifche Gebiete fcheidet, bis an den Fluß Sura, 
indem diefer ebenfalls bereits vor vielen Jahrhun⸗ 

derten 


in der Geographie. 373 


derten für den Gränzfluß zwifchen Europa und A⸗ 
fien, Rußland und der Tatarey, nemlich der Cafa- 
nifchen, von den Einwohnern gehalten «worden, 
Alsdenn folget diefe Scheidungslinie den Grän- 
zen des Cafanifchen Aönigreichs, als mwel« 
ches von allen zur Tatarey, und alfo zu Afien ges 
rechner wird; Bis diefelbe auf denjenigen Strich 
des Gebürges gelanget, welches neben den Oby hin, 
wiewohl in einer ziemlich weiten Entfernung fort⸗ 
gehet, und welches von den Alten das Hyperbo⸗ 
teifche oder Mitternaͤchtige Gebirge, genennet 
worden. Mach dem Striche diefes Gebürges 
rücfee diefe Linie alsdenn immer fort, bis an die 
Gegend von Soilfamsfoy, mo fie endlich) auf 
den fleinen Fluß Uſcolat eintrift, welchen ebenfalls 
alle Anwohner deffelben für die Graͤnze zwifchen 
Siberien, und Afien, und Rußland, oder Europa, 
halten: da fie denn zulegt nach dem Striche dieſes 
Gebürges ferner fortgehet, und mit demfelben fich 
endlich am Eismeere endiger. 

Wir dürfen hier auch dasjenige anzuführen 
nicht vergeffen, mas große Herren und Monar- 
hen in unferm Europa zur Verbeſſerung der Geo- 
geaphie beygetragen haben. Es kiefle fich hiervon 
fehr vieles fagen, wir wollen aber alles kurz zufam- 
men faflen, maßen zu einer andern Zeit von diefer 
Materie weiter wird gehandelt werden. LCud⸗ 
wig XIV. ift zwar, aus einer ganz andern Abfiche, 
dem politifhen Zuftande der Geographie fehr zu 
ftatten gefommen, indem er nemlic) die berühmte 
Frage, wegen der Figur und Größe der Erdfugel, 
wollte entfchieden wiſſen, worüber bishero die Ge- 

Bb 3 lehrten 


372 on den neueften Entdeckungen 


Iehrten fo gar verfchiedene und von einander weit 
abgehende Meinungen geheget hatten, wovon in 
dem folgenden Abfchnitte wird Nachricht gegeben 
werden: es hat aber diefer große König doc) eigents 
lic) nicht die famelichen Provinzien feines Reichs 
geodärifch ausmeſſen laffen, aufer mas bey der bes 
rühmten Ausmefjung eines Mittagszirkels durch 
ganz Frankreich zufälfigerweife gefchehen if. Es 
haben aber andere große Fürften und Monarchen in 
unferm Europa, diefen Theil der Geographie voll 
Fommener zumachen, ein groffes beygetragen. Cart 
VI., glorwürdigften Andenfens, hat das Königreich 
Böhmen, Schlefien, Mähren, das Herzogthum 
Mayland ꝛc. von feinen Feldmeffern geodätifch auf 
nehmen und in Charten bringen laffen, wie denn 
auch auf deffen allerhöchfte Verordnung eine fehöne 
harte von Ungarn ans Licht gegeben worden. 
Don Siebenbürgen und der Wallachey follen gleich. 
falls Charten vorhanden feyn, ob fie aber wirklich 
zum Vorſcheine gefommen, ift ung nicht bekannt ges 
worden. 
Gleichergeftale hat der höchftfeelige König in 
Polen, Auguſt II, die Gebiete feines Churfürften- 
thums Sachen auf geodätifche Art aufnehmen, 

und in Charten, unter dem Titel Atlas Au 
ftäus verzeichnen laffen. Es haben befagte Ihro 
Koͤnigl. Majeftät, in Anfehung des gemeinen Mus 
gens und der Nachwelt, durch diefes wichtige Werk, 
den Ruhm Ihres höchftens Namens und Ihrer 
Ehurlande verewiger; indem Sie, um den bes 
meldten Atlas zu Stande zubringen, auch noch = 
die 


in der Geographie, : 375 


die Ihore aller Hauptorte fo wohl, als auf den 
Straßen, bey einer jeden halben und viertel Meile, 
nach den gefundenen Weiten, fteinerne, fauber aus- 
sehauene Poftfäulen fegen, und in die erfteren den 
Eours aller Poftftationen von einem Hauptort zum 
andern, oder bis an die Gränzen, nebſt den Kö- 
nigl. Wappen, einhauen laſſen. Ein Werf, das 
zuvor in Deutſchland noch niemals gefehen worden, 
und faft allein ein ewiger Ruh des alten Noms 
geweſen if. Daß auch die meiften hohen Häupter 
des Roͤmiſchteutſchen Reichs in dieſer Wiſſenſchaft 
viele Sorgfalt anwenden, ihre Laͤnder in richtige 
Charten bringen zulaſſen, giebt die taͤgliche Erfah— 
rung zuerkennen. Wodurch alſo diejenige Hoff⸗ 
nung endlich einmal koͤnnte erfuͤllet werden, daß 
wir von der eigentlichen Groͤße dieſes Reichs, und 
dev Menge fo vieler darinnen enthaltenen und nicht 
zufammenhängender Staaten, und der faft unend- 
lichen Abtheilungen eine beffere Nachricht erhalten 

werden, als man zur Zeit davon aufzumeifen hat. 
Endlich müflen wir auch noch derjenigen Be⸗ 
mühungen gedenfen, die eine koſmographiſche 
Geſellſchaft angewendet, welche ſich vor einigen 
Jahren vereinigte, alles das zufammlen, mas zur 
Aufnahme und Wahschum der Geographie und 
Kofmographie überhaupt gehöret. Der rühmliche 
und Einſichtsvolle Eifer diefer Gefellfehaft hat ver⸗ 
urfachet, daß bereits verfchiedene vorfreffliche und 

gründliche Proben zum Vorfcheine gefommen find. 

Die Einrichtung und Stiftung diefer Gefellfchaft 
hat, fo viel uns befanne ift, zu. ihrem Urhe⸗ 
ber den in der Geographie und Gelehrfamfeie über- 
3b 4 haupt 


376 Yon den neueften Entdeckungen ac. 


haupt fehr erfahrnen Herrn Rath) und Profeffor 
Stanz zu Göttingen, einen Mann, der fich ehe 
mals um die Homannifche Officin zu Nürnberg wah⸗ 
re Berdienfte erworben hat, indem durch feine Vor⸗ 
forge, Wahl und kluge Einficht die beften Land- 
harten ans Licht Fommen find. Es wäre aller 
dings zumünfchen, daß die Fofmographifche Gefell- 
fchaft von den Großen diefer Welt möchte beffer uns 
terftüget, und ihre nüßlichen Abfichten und Bemuͤ⸗ 
hungen befördert werden. Es hat zwar nicht art 
Leuten gefehler, wie fich nicht geſchaͤmet, verfchie- 
denes an diefer Gefellfehaft auszufegen, beſon⸗ 
ders aber ihre neuen Erd-und Himmelsfugeln 
zutadeln: iedoch wer ein unpartheyifches Gemürhe 
hat, wird fogleich wahrnehmen, daß eines Theile 
der Meid, andern Theils aber die Bosheit an die: 
ſem Bormurfe großen Antheil genommen. 

Wir befchlieffen hiermit diefen Abfchnitt, mit 
dem aufrichtigen Geftändniffe, daß uns gar vieles 
entgangen, welches Kenner in diefer Wiffenfchaft 
Hermiffen werden, mir wollen dahero diefelben er- 
ſuchet haben, daß fie mit ihren gelehrten Nach: 
richten zu dieſer Materie einen Beytrag thun, und 
* in gegenwaͤrtigen Blaͤttern der Welt mitthei⸗ 
en. 


(Die Fortſetʒung folge kuͤnftig.) 





I. H. 


0 24 377 
IL 
H. C W. 


Beytrag 
zu der Meßkunſt. 
Erſte Aufgabe. 


u dem bekannten Diameter, die Länge der 
© Circumferenz zu finden, daß das Verhaͤltniß 
diefer Linien mit den erften vier Ziffern det 


. Proportionalgahl des Ludolphs von Coͤlln 
uͤbereintreffe. 


Aufloͤſung ‚Fig. 1. 

Durchſchneidet den gegebenen Cirkel winfel- 
techt mit feinen beyden Diametern a b. und c d. 
und ziehet die Chorde a c. Reiſſet aus dem Pun⸗ 
cte a den Bogen e f. und theilet a f in 3. gleiche 
Theile. Setzet 3 oder ag von a in h. ziehet hd fo 
wird diefe Finie hd der vierte Theil von dee Cir⸗ 
cumferenz feyn. Die begehrte ganze Länge derfek 
ben aber, zeiget die Linie A B. - 


Beweiß. 


Der Radius a e oder e c ſey 100000. und 
deſſen Quadrat 10000000000, das Duplum bef- 
felben 30000000000, und die Witrjel aus dei 
Duplo iff 141421. vor die Chorde ac. 


Bb 5 Der 


378 Beytrag 

Der Bogen a f ift 60. Grad, % beffelben 
20. Grad. Der Sinus zu 20. Grad ift 34202. 
Das Duplum von diefem Sinus ift 68404. vor 
die Chorde a g. und fo viel ift auch a h. 

Findet hc alfo. ac ift 141421. von die 
fen ziehet ab ah 68404. fo ift der Reſt 73017. 
vorh c. 

Finder hi oder c i alſo. Dvadriret hc 
73017. Halbiret das Qvadrat 5331482289. 
fo ift die Hälfte 2665741144. vor dag Dvadrat 
hioder c i. hieraus ziehee die Avadratwurzel, fo ift 
dieſelbe 31630 vor h i oder ci. 

Endlih findet hd. Der Diamerer ift 
200000. Hiervon ziehet ab c i 51630. fo bleiber 
Heft 148370. vor i d. Dovadrirer i d zu diefem 
Dvadrate 22013656900. addiret das Qvadrat 
son h i 2665741144. Aus der Summe 
24679398044. ziehet die Qvadratwurzel, fo ift 
diefelbe 157096. vor hd. oder vor den vierdten 
Theil der Circumferenz. 

Da nun der Diameter 2000,00. ift, fo ift die 
Gircumferenz 628384. und wenn man von diefen 
beyden Zahlen die Hälftenimmt, fo ift der Diameter 
1000,00, und die Circumferenz 3141,92. oder die 
begehrte Circumferenz; A B. davon die erften 4, 
Ziffern, als 

1000. Diameter und 

3141. Circumferenz 
mit den erften 4. Ziffern der Proportional- Zahl 
bes Ludolphs von Coͤlln übereintreffen, 


Zwey⸗ 


zu der Meßkunſt. 379 


Zweyte Aufgabe. 

Zu ber befannten Circumferenz C D den Di⸗ 

ameter nach bemeldetem Verhaͤltniß zufinden, 
Aufloͤſung Fig. II. 

Macher einen Eirfel von beliebiger Größe, und 
finder hierzu nad) der erften Aufgabe den vierdren 
Theil der Circumferenz, felbiger ift die Linie kl. 

Theilee die gegebene Circumferenz CD in 4. 
gleiche Theile, und feßet 4 davon aus Im. ziehet m 
p paralell n o. fo ift | p ver Diameter des begehrten 
Cirkels. | 

Beweiß. 

Wie ſich verhaͤlt 1 k als der vierdte Theil 
des nad) Belieben angenommenen Cirfelbogens zu 
dem nach Belieben angenommenen Diameter | 0. 
alfo verhält fich aud) 3 der gegebenen Circumfereng 
CD. zu. dem begehrten Diameter Ip. Das übri« 
ge erhellee aus vorhergehenden Beweiſe Fig. L 






























































3 
S$| Thermom. Barometer. 
5 \Fra0.1 Mic] %b. | | Srüb. 1 Nacmit.] Mbends, 
ı|s3 [69 |s9 | |27 &|27 &|27 & 
2|53 723162 | |27 627 6327 7% 
3156162 |59 | |27 9|27 9327 10 
4161 163 ı$7 2 1054| 28 - |28 - 
sisa4 |s8alsa3 | 128 - |28 - 129g = 
6|55,|573159 | |27 113128 4 j27 1% 
7116574 165 28 - 128 - 28 - 
8is4 178 1633| Iag ı lag ıl2g ı 
9155 187159 | |28 1328 128 5% 
10 |$93|85 |7ı | |28 13128 ı |28 - 
11 |6z |87 |zı 28 - |27 ıı3]l2z ı 
12 | 62 |-80 |67 27 111) 27: 8115| 28 - 
13166 |842170!| |28 - |27 113]27 113 
14168 ı75 65 28 - |28 - 128 3 
15 165 er 28 - a - 128 - 
16/55 |8ı I655| |28 _- |27 11 |27 ıı 
17 | 165! 865 72 IE ıı !27 ıo!l27 11 
ı8 | 70 |8ı 166 — 28. 9 
1968 81 |69 — ı1l2g 12128 5 
e 62 |80 71 FR ııl2g 3 IE 
s9 | 754] 64 28 153128 1 j28 I 
22 | 553179 168 28 13128 ı|28 - 
23 543184 |705| |28 - |27 113|27 11 
24 | 60 |86 173 27 1127 9%|27 9 
25 164.184 1673| |27 9 |27 [27 9 
26 | 65318621734] |27 91l27 8il27 8% 
ei 64 182 |70 | |27 8|27 8127 & 
28 | 62z 77 170 27 9,27 93127 18 
29 | 653 * 67 | |27 10 |27 ı0 [27 10 
30 |65 64| |27 93127 - 279 
31.156 34 8 








7 68 | 127 9127 


ss [8481 . 





























Stand der Wettergläfer, nebft der 





























Witterung im Monst Yulio 1759. 1 
—— 


— — — — — —— 


— — Regen * Ofbein Ofen 
aewoͤlkt gewoͤlkt bee e 


IS ſchein Ofen 
2!gemölft — gewoͤlktſts 













kt [Oft 
ein gewoͤlkt 


— —j — — — — — —— — 


























—— — — — 


— helle 





Wind 
* — 


Igewont gerodlkt |. Igemodltt gewoͤnt 
1 Negen | | Regen | [OfcheiniOfhein 


6 trübe | Megen | trübe |221OfcheinOfchein Obele 


— mm en | matter m rn nn Km m nn — 


gewoͤlft windig | belle Ofdein' Ofchein! belle 
7, O fein; Oſchein G66en 
8 Sſchein Oſchein heile 24 gemöltt Oſchein helle 
— Sa Oſchein gewoͤllt 
Sſchein Oſchein helle“ ISſchem Sſchein bee 
Bi Ngewoͤltt gewoͤltt 
10 Ofdbein belle 26 Ofdhein gemölkt gemölft, 
Ofdhein helle | —_1Ofhein/gewoltt| belle 
* Dgewoͤlkt Oſchein 
& ſchein gewoltt 
28gewoͤlkt Oſchein 


—— | (nein 


gewoͤltt gewolft 


Igewoͤſtt 


0 ſchein —— 20 


























Ofibein 
IOſchein 




















— — — 


gewoͤlkt 


— 


Ofchein 
12/Ofhein! Regen helfe 


Isewditt 
Oſchem 
14 Igewoͤlkt 


Mſchein 
Igewoit 
150ſchein 


Oſchein 








— — — — — 


Ofchein gerodlft |, 
gemwitter 


— nn — 


Ofchein|gemöltt 
Wind 30 


Ofdyein 


Ofchein 


— 


gigerosikt 














geronftt gewoſtt Helle 
© 


Oſchein 


Sſchen Hehe 


Be u on ZU BEE 


be ae! BD 


dee } | gerodite 
31 Ofchein 


16 














382 Yon dem wunderbaren Ausgange 

IV. 
Bon dem | 
wunderbaren Ausgange 


eines 


gefährlichen Fieber, 


| in Sieber ift eine allgemeine Krankheit der 
- Menfchen, wovon der wenigfte Theil der⸗ 
felben befreyet bleibet, ja eher, nad) dem 
Urtheildes berühmten Hofmanns, der Ze 
hende Theil daran ſtirbet. Ein Fieber ift eine all 
gemeine Krankheit der Glieder, e8 nimme den gan- 
zen Cörper ein, hat unzähliche Urfachen, und läffee 
feinen Ausgang nicht allezeit gewiß und heilſam be- 
flimmen. { 
Wird das Blut durch ein Fieber gereinigee 
und verbeflert, fo ift das Fieber nüglich und öfters 
unentbehrlih. Wenn aber ein Fieber das Blut 
in größre Faͤulniß feget, oder die darinnen liegende 
Faͤulniß nicht überwinden kann, fo ift dergleichen 
Fieber gefährlich und toͤdtlich. Diefes ift eine all- 
gemeine Regel in Fiebern. Wie man ſich aber im⸗ 
mer mehr nad) der Ausnahme einer Negel, 
als nad) der Kegel felbft richten muß, fo werde ich, 
dem zu Folge, einen fehr feltenen und außerordent⸗ 
lichen Caſum erzählen, der verftändigen Medicid 
wundernswürdig bleibet, wo eines der heftigftert 
Fieber die Faͤulniß des Blutes auf den hoͤchſten 
Grad verkhlimmere, und nachdem dieſes ar 


eines gefährlichen Fiebers. 383 


Fieber endlich überwunden worden, die Faͤulung 
dennod) die Natur und Bewegung (craſin & mo- 
tum) des Bluts beynahe deſtruiret, und die feſten 
Theile dergeſtalt angegriffen, daß eine Menge fau⸗ 
les und alsbald geliefertes Blut, durch den Mund 
und die Nieren, viele Tage lang weggegangen, 
und der Patient nach dieſen und andern erlittenen 
Zufaͤllen, dennoch zu ſeiner Geſundheit gelanget. 
Ein gewiſſer Geiſtlicher, in deſſen Blut Cholera 
praͤdominiret, der von Jugend auf etwas hypochon⸗ 
driſch geweſen, und etliche 40. Jahr alt war, be⸗ 
komimt ein Fieber mit allen denen Zufaͤllen, welche 
gefaͤhrlich genennet werden Fönnen. Das Fieber 
an ſich war epidemifch, nie €8 denn auch dem Pa⸗ 
fienten aus Scheu angefallen hatte. Die Zufälle 
waren alfo befchaffen: Die Kräfte fiengen an al» 
bald und jähling abzunehmen, daß ſich verfchiedene 
Ohnmachten einftelleten, der Athem war ſchwer, 
und überaus aͤngſtlich, der Pulsſchlag ſchwach und 
friechend, auc) öfters nachlaffend, der Urin fehr 
fcharf, Taugenhaftig, und legte oben eine Haut am, 
die in alle Farben fpielte; der Patient hatte ein be⸗ 
ſtaͤndiges Zittern und Beben der Glieder, ein un« 
ausgefegtes Phantafiren in Schlafen und Wachen, 
wobey er immer das Bette zupfere, und zumejlen 
eine folhe Unempfindlichfeit, daß man ihn zwey 
mal ſchon vor todt gehalten. 

Ich muß einige Saͤtze zum voraus ſetzen, ehe 
man meine Methode zu curiren dabey berurtheilet. 
Man kan uͤbrigens davon urtheilen, wie man will, 
denn ich glaube, daß jede Krankheit eine eigne Eur 
inet ‚ amd diefes das ficherfte Merkmal iſt, 

wo⸗ 


386 Von dem wunderbaren Yusgange 


fen Tage wurde zugleich ein Cliſtir und epiſpaſli- 
cum angewendet. 
In acht Tagen fieng fid) an, einige Berände- 


rung der Fiebermaterie zuzeigen, ohne einige, au _ 


nicht die geringfte, Crifin zufinden, es verlohren ſich 
auch einige Zufälle; Das Fieber war naͤmlich in 
materia, aber nicht in motu verändert, Ich fun⸗ 
de ftatt des vorher Friechenden Pulfes, einen vollen 
und heftigen. Man lies Ader, und damit, nebſt 
Fühlenden Dingen, wurde es befänffiget, und ich 
freuete mich, in 12. Tagen ein Fieber überwunden 
zuhaben, welches ohne einige Beyhulfe der. Natur 
gefihehen mußte. 
Aber meine Freude wurde mir bald vergäller, 
Denn nachdem der- Patient ſich zuerholen-anfieng, 
alle Phantafien, und auch die Zufälle des Fiebers 
felbft entwichen waren, fo fande ich bey einem Mor- 
genbefuch denfelben Blut ausſpucken. Wie ich es 
unterfuchte, fo Fam das Blut geronnen, ſchwarz, 
und mit einem höchft faulen Geſchmack aus dem 
Zahnfleifch gedrungen, und je öftererich es abwiſch⸗ 
ge, je mehr fi) davon fammlete, daß es einer Sa- 
livationi fanguineae ähnlich fahe. Den andern Tag 
fande ich ftart des Urins lauter geronnen und ſtin⸗ 
kendes Blut, über denganzen Eörper lauter fchwar: 
ze kleine Flecken, welche eben nichts anders, ale 
ausgetretenes Blut waren, der. Puls gieng harte, 
und der ganze Körper fieng an, die, Kalte eines To 
den. anzunehmen. 5. Bey allen diefeh war der P 
tient feines Berftandes fo mächtig, daß er ſich 
über dieſe außerordentliche Zufalle „verwunderte, 
Man lies wiederum eine Ader oͤſnen, u. ein 


eines gefährlichen Siebere, 387. 


Blut von durhdringender hoher Nöthe ohne Sera, 
fande, verordnete ein adftringivendes. Decoct, den 
Mund auszufpülen, und gab innerlich eine gewiſſe 
Tinetur Martis, die mit Aceto verfertiget iſt, ein, 
Ich bache mir bey diefen Umftanden einen Medi- 
cum aus, der mir auc) die Güte erzeigte, in Diefer 
defperaten Sache benzuftehen. Er wurde über die 
Matur des da gewefenen Fiebers, und meiner da⸗ 
gegen geftellten Cur, die er approbirte, deswegen 
in Berwundrung gefegt, daß fich dergleichen Fall 
noch ereignet hätte. ° Hier war ein weit fchlimme- 
rer Umftand, als felbft in der Peft, worinnen doch 
die Adern das faule Blut in fi behalten ; man 
mußte demnach diefer höchften putrefaction, durch 
Hinlangliche Mittel zumiederftehen, und die ſchlapp⸗ 
gewordnen Adern wieder zufammen zuzichen fuchen, 
das war fo viel, wir wollten einen Körper, deſſen 
Blut in folche Faulniß gegangen, daß es fich aus 
den Adern preflere, sein neues Leben, welches Doc) 
im Blute befteher, zugeben fuchen. Das Bluten 
des Zahnfleifches, und das Blue ſtatt des Urins, 
hielte, nebft dem abominablen Geſchmack 6, Tage 
und Nächte an, bis. e8 ſich wieder, unfern Zweifel 
und Vermuthung änderte. ° Alsdenn Fam ein neu- 
er Auftritt, und der Patient fieng an, einen zähen 
Schleim viele Tage lang auszufpucken, der eine 
Aehnlichkeit mic einer Salivation harte; wir fuh« 
ven mit dem einmal feftgefesten Mitteln, um-un- 
fern angeführten; doppelten Endzweck zu erreichen, 
fort, bis ſich auch diefes aͤnderte. Der Patient 
fieng an, ‚nach undnac wieder einenatürliche War- 


me, und alles was zum Leben gehörere, zubekom⸗ 
oe Ce 2 men. 


338 Der Weiſe. 

men. Man verorduete ihm alsdenn den egeriſchen 
Brunnen, der unſre Cur beſchluͤſſen ſollte, wie es 
denn durch die Guͤte desjenigen, der uns Leben 
und Geſundheit giebt, geſchehen, daß dieſer ehrwuͤr⸗ 
dige Freund nunmehro Jahr und Tag fein Amt 
wiederum verrichten Fönnen. - - u 


BT 


v. 
Der Weile, 


ER: diefer Zeit von unruhvollen Tagen, 

WoStadeund Dorfnah Neuigkeiten geißt, 
u 9 Srlaube mir, Freund, dir vertraue zufagen, 

Was für ein Wunfch ist meine Seele reitzt. 

Du Fenneft fie genau, wie deine Geele; 

Sie fühle das Gluͤck, von dir geliebt zu ſeyn, 

Hegt einen Trieb, den fie vor dir verheele, 

ünd lehremein Herz dir Ernft und Scherze weihn. 

Dem Freund, den ich, wie dich, fo zärtlich liebe, 

Eroͤfnet gern ſich meine ganze Bruft. 

Er hat ein Recht auf alle meine Triebe ; 

Er hat ein Recht auf meine befte Luft. 
Ex, deſſen Geift Verftand und Tugend adeln, 
Hält, ohne Scheu, mir meine Fehler vor. 
Taͤuſcht mich ein Wunſch. Er eile, mic) zu tadelm, 

‚Gern leiht ſich ihm in mir ein folgfam Ohr. 
Dieß Vorrecht ſoll dergreundſchaft niemand nehmen. 
Bertraut zu ſeyn, iſt waͤhrer Freunde Pflicht. 
Ein Thor mag ſich der edlen Schwachheit ſchaͤmen, 
Die mit dem Freund zu ihrer Beßrung — 
— ollt 





Sollt ich mich heut im ernften Wunſch verlichren: 
So lehre mich, o * * *! meine Pflicht. 

Dein fen dies Lied. Gelinges ihm, dich zu rühren: 
So reißt der Welt. untreues Lob mic) nicht. 


Mich täufche kein Dunſt nach dem nur Thoren trachten 

Wann ihr Gehirn der Schwindel uͤberfaͤllt; 
Kein todter Schatz, bey dem Geitzhaͤlſe ſchmachten, 

Die nichts ergetzt, als nur ihr Gott, und Geld; 
Kein Autorſtolz, die Peſt von unſern Zeiten, 
Mit dem ein Schwarm hirnloſer Stuͤmper reimt, 
Der, voll von ſich, von Autorewigkeiten 

Und von dem Ruhm der ſpaͤten Nachwelt traͤumt; 
Dieß Blendwerk ſey die Wolluſt kleiner Seelen! 

Der fluͤchtge Traum, dem ſich ihr Herz geweiht, 
Soll nie mit Neid mein freyes Herze quälen. 

Ein ſolches Gluͤck verdient nicht meinen Neid. 
Laß Staren nur fein größtes Glück erlangen; 

Laß ihn am Hof des Pöbels Wunder feyn. 
Wird feine Bruft nicht mie Verdienften prangen: 
So bleibt doch Star in Flügern Augen Elein. 
Es zähle Greif, mit juͤdiſchem Ergögen, ’ 
Sein Gold bey Tag, und hür es ſchlau bey Nacht: 
Er bleibt ein Knecht von ungebrauchten Schägen, ° 

Und wird mit Recht vom weifern Mann verlacht. 
Ein Sfriblerfhmier, in hofnungsvollen Bänden, ; 
Mand) prächtige Werk für unfrer Enkel Zeit. 
Noch weilerlebt, zerreißt, mit ſchmutzgen Händen, 

Der Krämer Bolf Band, Ruhm und Ewigkeit. 
Ein folher Tand betrogener Gemüther, | 
Den Stolz ernährt, und Eigennuß erdacht, 


Cc 3 Der 


490 Der Weife: 
Der Nachwelt Lob, die Wolluſt todter Güter, 
Hat mic noch nie um meinen Schlaf gebracht. 


Ein Weiſer braucht, vergnuͤgt zu ſeyn, nur wenig. 
Ißt er ſich ſatt, ſo hat er ſchon genug. 
Er trinkt mit Luſt, und froher, als ein Koͤnig, 
Zufriedenheit, auch aus dem irdnen Krug. 
Er ſucht ein Gluͤck, das keine Zeit zernichten, 
Kein Fuͤrſt, kein Dieb, kein Kraͤmer rauben kann; 
Wird groß am Geiſt, durch Uebung from̃er Pflichten, 
Ein Menſchenfreund, und ein rechtſchafner Mann. 
Er uͤbt die Kunſt, die ſchwerſte Kunſt von allen, 
Die Narren ſtets, und Weibern oft gebricht; 
Er ſchmaͤhet nie, um andern zu gefallen; 
Schweigt mit Verſtand, und ruͤhmt ſich ſelber nicht. 
Der Heuchler Zunft, das Volk andaͤchtger Schwaͤtzer, 
Das oft die Welt, doch niemals GOtt betruͤgt, 
Schilt ohne Scheu auf ihn, als einen Ketzer, 
Bloß, weil er GOtt nicht fo, wie ſie, beluͤgt. 
Er hoͤrt ihr ſchmaͤhn. Gelaſſen und im Stillen 
Denkt er: Du, GOtt! du kennſt mich mehr, alsdie, 
Die mich hier ſchmaͤhn; und übe mir fanftem Willen 
Mehr Tugend aus, meht Menfchentieb, als fie. 
An andern wird er Fehler gern vergeben ; 
Doc) an fich felbft entſchuldigt er fie nicht. 
Gt wiederfpricht den Fäftrern durch fein Leben. 
Und dieß zu thun, hält er für feine Pflicht. 
Lacht ihm ein Glück, das ihin des Himmels Seegen 
Zu feiner Ruh wohlchätig zugedacht: 
So weis er es nicht beſſer anzulege 
Als daß dadurch ee Menifchen gittihmnache 


£ 22 Er 


Der Weiſe. 391 


Er ſpricht: Dies Gluͤck ward mir darum geliehen, 
Um mitleidsvoll den Duͤrftgen es zu weihn; 
Zum Dienſt des Staats den Weiſen zu erziehen; 
Der Wittwen Troſt, der Armen Stab zu ſeyn. 
Sollt ihm dieß Gluͤck ein banger Unfall rauben, 
Den ihm fein GOtt zur Prüfung zugeſchickt: 
Wird er fich drum von GOtt verlaffen glauben, 
Wird er vom Gram ſchwermuͤthig unterdruͤckt? 
Er fehe fih von aller Welt verlaffen; 
Ss gar fein Freund fey taub, ihm benzuftehn ; 
Auch da wird noch fein großes Herz ſich faflen ; 
Dann wirſt dir erft die Kraft der Tugend ſehn. 
Nie wird fein Mund der Vorfiht Schluß entehren. 
Der Kleinmuth Angft drückt feinen weifen Mann ; 
Und meint er ja, fo weint er ftille Zähren, 
Daß er nicht mehr, wie vormals, nügen Fan. 
Des UnmuthsGroll ſchwaͤrzt niemals feinen Morgen. 
Es wird fein Tag und feine Mitternacht, 
Der, nie vermurrt mit unzufriednen Sorgen, 
Die, kummervoll nie feufzend durchgemacht. 
Gelaſſenheit ſchmuͤckt fein unfträflich eben; 
- Gern nimmt er an, was ihm der HErr beftimmr, 
Er pries die Huld, die ihm fein Glück gegeben, 
Und ehrt fie noch, da fie e8 wiedernimmt. 
Sein inner Werth wird ihm durch nichts entriflen; 
Sein freyer Geift trotzt der Gewalt der Zeit. _ 
Der Tugend Kraft, ein unverlege Gewiſſen, 
Begleiten ihn bis in die Ewigkeit. 
Mein Reim entwirft, Freund! nur mit matten Zügen 
Bom Weifen dir ein unvollfonmes Bild. 
Er faße kaum Halb dag reigende Vergnügen, 
Das meine Bruft, ihm gleich zu ſeyn, erfüllt, 
J— Cec 4 Dieß 


494 Der Wäre. 
Die fen mein Ruhm dieß nenn ich meine Pflichten, 
Erfuͤll ich die, fo ift meint Wunſch erfülle, 
Erlang ich bieß dann fehlet meinem Herzen 
Nur noch ein Glück, zur Fülle feiner Nuhr 
Ein treuer Freund behymTrauren und — 
"Ein zaͤrtlicher, ein kluger Freund, mie du; 
Der immerzu die Kräfte meiner Seele, 
Boll Holden Ernft, zu edlen Thaten — 
Der mich beſtraft, wenn ich aus Irrthum 
Und ſtrafend noch mein wahrer Freund — 
Ein Freund, der mich, und alle meine Triebe, 
Der mich, wie di, geliebter * * * kennt, 
Und den mein Hetz mit ewigreiner Fiebe 
Sein beftes Gluͤck und feine Wolluſt nennt. 
O! kaͤmſt du bald auf unfre Flur zurädfe! 
Wie froh wollt ich den fehönen Tag erhöht, * 
Und unverweilt, mit ſegnendheiterm Blicke, | 
Durchs Feumme Thal dir rafch entgegen 'aehnt | 
Stolz auf das Glück bey deiner beften — 
Auch Tagelang mie dir vertraut zur ſeyn, 
Trotzt ich dann Fühn der Misgunſt und dem De 
„Und wagt es frey, mein * dir ganz su 








> Ve VI. Die 


ER 0 395 
Die weiſe Ameiſen. 

Ar Aſia und Africa findet ſich in verſchiedenen 
Gegenden eine Art Ameifen, die wegen des 
befondern Baues ihrer Wohnungen, ihe 
rer Art zu ziehen, und wegen des großen 
Schadens; fo fie anrichten, merfwürdig find. In 
Africa, an dem Fluffe Gambra, werden fie Buga⸗ 
bugs, auf der. Infel Ceylon Bacos, und in Japan 
do Toos, daß ift, die Bohrer genannt. Sie find 
von mittelmäßiger Größe, an der Gambra jedoch ſo 
dick als ein Gerftenforn. Der Leib ift ganz weiß, 
der Kopf und die Brüft aber rorh, oder vielmehr 
braun. Sie haben große Schneidezähne, und find 

fehr lebhaft und: fchnell. fi 
Sie bauen runde und oben zugefpigte Haufen, 
wie ein Kegel, welche unten vierzehn bis funfzehn 
uß in der Rundung haben, und acht bie zwölf 
ß hoch find, daß fie in der Ferne wie Hütten aus⸗ 
fehen. Sie haben nur einen Eingang, etwa ein 
Drittheil der Höhe, ihr Weg geher gewunden hin: 
auf. Auswendig find diefe Haufen fo glatt und 
wohl geleime, als wenn fie mit Gips überzogen waͤ⸗ 
ren, und daben fo ftarf und feſte, daß es Mühe 
Foftet, durchzubrechen. Inwendig beftehen fie aus 
Gewoͤlben oder Bogen und Abtheilungen, davon 
einige voll Vorrath, andere voll Unreinigkeiten, und 
ändere zu Wohnungen angerichtet find.: Bruͤe ließ 
eine Hand voli Reiß bey einen von Diefen Haufen 
hinwerfen. Obmun gleich, als dieſes geſchah, nicht 
I eine 


396 Die weiſe Ameifen; 


eine einzige zu ſehen war: ſo kam doch in einem Au⸗ 
genblicke eine Legion heraus, welche den Schatz in 
ihre Vorrathgewoͤlber fuͤhrte, ohne ein Korn zuruͤ⸗ 
cke zu laffen, und wieder verſchwand, bald nichts 
mehr wegzutragen war. 

2. Die Sonne ift ihnen zuwider, und toͤdtet fi de | 
wenn fie derfelben lange ausgefeßr find. Sie ver: 
bergen ſich daher forgfältig für diefelbe, arbeiten 
und ziehen nur des Nachts, und. machen fi ich, wel⸗ 
ches das ſonderbarſte an ihnen iſt, allezeit einen be⸗ 
deckten Gang, wie ein Gewölbe. Sie arbeiten an 
demfelben fehr fchnell, und machen m ;ı2. Stun 
den diefe Röhre, in der fie reifen, 8. bis 9. Ellen 
lang, fegen felbige auch fo gar fort, wenn fie an ei- 
ner Mauer hinauf ziehen. - Wenn diefes Gewölbe, 
fo.fie von Erde verferfigen, an einem Drte bricht: 
fo kehren fie insgeſammt wieder zurüce, ihr Ge 
baͤude zu ergänzen, und feßen hernach ihren Zug 
fort. Sie unterlaffen diefen Bau auch nicht, wenn 
fie in ein Haus gefommen find, und freflen fi ich 
durchs Holz einen Weg. Als Rämpfer fich einft 
fpat zu Bette gelegt hatte; bemerfte er des folgen- 
den Morgens auf feinem Tifche Spuren von ihrem 
gewöhnlichen hohlen Aufwurfe oder Gewölbe. Als 
er genau nachfahe; fand er ein Loch, darein man 
den Fleinen Finger ſtecken Fonnte, und das fie ins 
nerhalb erlichen Stunden in einen Fuß des Tifches 
bey dem Heraufſteigen ausgefreflen hatten. Cin 
anderes gieng quer durch das Tifchblart, und das 
dritte mitten durch einen andern Fuß des Tifches 
— ie ie * Pr — 


Sie 


Die weife Ameifeit; 397 
ur Ste find Überäns gefräßig, und laſſen nichts. ale 
Steine und Merall verfhont. "Sie freflen Stroh 
von den Dächern, und ſo gar das Holz vonden Haus 
feen, wenn ihnen nicht geſteuert wird. Vornehm⸗ 
lich find fie den wollenen Zeugen gefährlich, - wenn 
fie in ein Kaufmannsgewölbe gerathen, fo richten 
fie in einer Macht einen enefeglichen Schaden an; 
Wenn fieineinehölzerne Küfte eindringen; ſo ma⸗ 
hen fiefo viel Löcher hinein, als wenn fie mit Schroot 
durchſchoſſen waͤre. Das ſonderbarſte dabey ift, 
daß, wenn ſie auch in eine leere Kuͤſte koömmen, fie 
das innerſte ganz ausfreſſen, aber allemal auſſen 
eine Schaale übrig laſſen. In den Gegenden; wo 
ſie ſich auf halten, darf man es nicht wagen, das Ge⸗ 
ringſte an einem Orte zulaſſen, der nicht bewo 
iſt. Man hat Fein anderes Mittel; Sachen fuͤr ſie 
zu bewahren, : als dag man fie mit Salz beſtreuet 
oder auf ftarf mie Theer beſchmierte Füfle ſetzt. So 
gar lebendige Thiere find für ihre Gefraͤßigkeit nicht 
ficher,, zumal wenn he lahm, krank oder-angebun- 
den ſind, daß fie nicht entfliehen koͤnnen · Es iſt 
nichts ſeltſames, daß man morgens junge Hühner; 
wohl auch Schaafe, man ſagt ſo gar Kuͤhe, von ih⸗ 
nen ſkeletiſiret findet. Selbſt die hurtigen Ratten 
ſollen ihnen manchmal zur Beute werden. So 
ſchwer dieſes zu glauben iſt: ſo gewiß iſt es, daß viel 
kleine Feinde oft maͤchtiger als ein ſtarker ſind. 
Vielleicht geſchicht es dadurch, daß ſie bey einem 
Angriffe von Ameiſen, ſich, ſtatt zu fliehen, nur be⸗ 
muͤhen, ihre Feinde von ſich zu ſchaffen, und dabey 
von der Menge uͤbermaͤchtiget werden. Denn es 
iſ fo ſchwer, ſie von einem Ort wegzubringen, 7* 
——— ie 


Innhalt. 
: 1. Fortgeſetzte Nachrichten von den neueſten 
Entdeckungen in der. Geographie, 339 
"IL. H. C. W. Beytrag zu der Meßkunſt. 377 


II. Stand der Wetterglaͤſer, nebſt der Wit⸗ 
terung im Monat Julio 1759. 380 


W. Bon dem wunderbaren Ausgange eines 
gefährlichen Fiebers. 382 


V. Der Weiſe. 388 


VI Die weiſe Ameiſen. 395 


dby Google 





| 








Dresdniſches 


Magazin, 


oder 


Ausarbeitungen 
Nachrichten, 


zum Behuf 
der Naturlehre, der Arzneykunſt, der Sitten 
und der ſchoͤnen Wiſſenſchaften. 
Des erſten Bandes ſiebendes Stuͤck. 





Dresden, 
bey Michael Groͤll. 1759. 








— Wun einem Zeifignefte 
und demiehr ſonderbaren Verhalten der 
beyderVoͤgel, die daſſelbe gebauet 


haben. 
wenig die fabelhaften Erzaͤhlungen, 
S welche unfere Vorfahren von den Zei⸗ 
ſigneſtern gemachet haben, anitzo 
Glauben finden, ſo ſehr muß mar. 
ſich wundern, daß zur Zeit noch nie⸗ 
mand etwas zuverläßiges davon ge⸗ 
meldet hat vhnerachtet Herr Srifch, in feiner Be⸗ 
fchreibungder Vögel, zu Erlangung derfelben 
ein begvems Mittel anzeiget, wodurch man auch 
zu demjenin, wiewohl nur zufälliger Weiſe, ges 
Fommen ift von. welchem ich hier handeln werde. 
Alles, was an gegenwärtig davon weis und muth⸗ 
maſſet, beehet blos darinnen, daß fie entweder 
auf den häften Erlen, oder in ſolchen Brüchen, 
wo wenig $ute hinkommen, gebauet werden follen; 
allein, die ıgentliche Form und Bauart derfelben 
habe ich nor an feinem Orte befchrieben oder ab- 
gebildet geftiden. Man trifft zwar hier und da 
| Dd 2 | ‚ges 








404 Don einem Zeiſigneſte 


gewiſſe beutel- oder focfenförmige Neſer an, die ei⸗ 
nige den Zeifigen zutheilen: man ift ch inne ges ı 
worden, daß die. nur genannten Baxel bisweilen 
wirklich in folhen Neftern brüten; es at aber der, 
wegen reiner gründlichen Willenfchaftn, fehr bes 
ruhmte Here Profeffor Titius, in feine Beſchrei⸗ 
bung des Remizvogels, davon im achtzehn⸗ 
ten Bande des hamburgiſchen Mgazins ein 
Auszug ftehet, fattfam dargethan, dafdergleichen 
Nefter von ganz andern Vögeln, als on den Zei⸗ 
figen, "verfertiget werden. Da mir un vor etlis 
hen Jahren ein wahres Zeifigneft zuHaͤnden ge- 
Fommen; fo achte mich um fo vielmeht verbunden, 
eine öffentliche Nachricht und Abbildun davon zu⸗ 
geben, meil ich zugleich von den Zeifien, Die fol 
ches gebauet haben, verfchiedene Höchkmerfruurdi? 
ge Umftände beyfügen Fann, welche DENaturfor 
ſchern zu weitern Nachdenfen überlaffeftiwerden, 

Nachdem eine mir fehr werthe Prſon zween 
kirren Zeifigen, beyderley Gefchlechts, ie Freyheit 
gelaffen hatte, nad) eigenem Gefallen, aus und in’ 
ihre Gebauer zufliegen, fo haben dierlbigen, im 
Monat März des ı7541en Jahres, ir einem auf 
dem Fusboden der Wohnftube ftehenien Schach⸗ 
teldeckel, ein Neft zubauen angefangen und über: 
folcher Arbeit ohngefähr vierzehn Tage zugebracht. 
Die gar Fennelihe Baumaterialien, welche aus 
Strohe, Federn, abgefchnittenen Stifchen von 
Leinwand, Meffeltuche, Zwirn und duͤmen Bind⸗ 
faden, ingleichen aus Moofe, Pferdeharen und al- 
lerhand Ünrathe beftehen, find von dieſen Vögeln, 
theils aus der nur gedachten Stube, fheils aus 

z der 


Don einein Zeifignefte. 405 


Ger gleich dchey befindlichen Schlaf fammer, zufam- 
men getragen worden; die grünen Faͤſerchen aber, 
womit fait der ganze oberfte Theil des Meftes über- 
zogen ift, heben fie von. den an den Tifchen ange- 
machten Bchängen abgerupfet, und ſich in ſolchen 
ihren Verrihfungen durch niemandes Gegenwart 
ſtoͤhren laffen. 

:° "So bald diefer Ban vollendet, und die Mitte 
des Meftes, durch das fehr oft wiederhohlte Herum- 
drehen der darinne fißenden Sie, fattfam nieder- 
gedrückt und rund gemacht geweſen, hat fich diefel- 
bige faft beftändig darinnen aufgehalten, und vom 
gten bis zum: rzten April täglich ein Ey geleget. 
Gleichwie nun die oben erwähnte, und noch eine an⸗ 
dere bey ihr wohnende Perfon, auf die ißt gemelde- 
te Handlungen diefer beyden Voͤgel ein fleißiges 
Augenmerf gerichtet, alfo haben diefelben auch fer- 
nerweit wahrgenommen, daß aus vieren, der in 
nur bejtimmter Zeit gelegten. fechs Eyer, einen Tag 
nad) dem andern ein Junges zum Vorſcheine ges 
kommen; die noch übrigen zwey Eyer aber hat die 
Sie, fo, wie die fanmtlichen leer gewordenen, und 
von ihr in Fleine Stuͤcken zerbiffene Eyerſchalen, 
nebſt den erften Excrementen der vier jungen Voͤ— 

gelchen, dvenenfelben nad) und nach eingeflöfee. Den 
22ten April ift das erfte ausgebrüter gewefen: als 
an welchen: Tage die vorfichtige Sie das eine Ey, 
mie ihrem Schnabel, nicht nur angehacket, fondern 
auch das darinne befindliche Junge damit heraus 
gelanget, und nachdem fie, durch eben diefes Hülfs- 
mittel, deffen Kopf, Flügel und Beine ordentlich 
auseinander gezogen, ſolches bey feinem Schnabel 

Dd 3 gefaf 


| 406 Von einem Zeifignefte: 


gefaſſet und gerade geleget. Aüf eben diefe Weife 
hat fie.es aud) mit den andern, in. den naͤchſtfol⸗ 
genden Tagen, :ausgebrüteten drey Wgelchen ge- 
halten, und fich nicht eher, als den Gtm May von 
ihnen: wegbegeben. 
Den ?ten eben: diefes Monats, hat fich der 
Hahn, welcher die bis anhero beftänd:g im Mefte 
gebliebene Sie fehr fleißig gefüttert, * und ſowohl 
diefen,. als aud) Den: vorher gegangenem Tag, das 
nunmehro von derfelben verlaffene Meft immer bes 
fehen hatte, die vier Jungen mit Gewalt heraus 
geteieben:. worauf es die unermüdere Heckmutter, 
bald hier, bald.da, ein wenig augeinander.gezogen 
and aufgelocfert,- auch, auf die ſchon vorher bes 
fhriebene Art, wieder rund, und, durch noch mehr 
zufammen- getragene Federn und Faͤſerchen, weich 
gemachet. — —J 
Weil nun aus dieſen Anſtalten leicht zuver⸗ 
muthen war, daß fie ſich aufs neue zum. Bruͤten 
anſchickte, ſo gab man abermals genau Achtung 
auf ſie, und ſahe nicht ohne Vergnügen, daß die⸗ 
felbe, vom ı7ten bis zum 2oten May, wieder je- 
den Tag ein Ey geleget hatte; aus welchen vier Ey⸗ 
ern jedoch nicht mehr, als zwey Junge hervorfa- 
men, und zivar das eine den Zıten May, das ans 
dere 
*Von dieſem überflüßig herzugetragenen, und jebed« 
mal in ihren Schnabel gefteckten Sutter, haben als⸗ 
denn die vier Jungen bintwiederum den nöthigen 
Unterhalt von derfelben empfangen: wobey ich nicht 
unanzemerfet laffen fann, daß aus dieſer Hede 
noch anitzo ein Hahn am Leben if, da hingegen bie 
— dreye, im erſten Vierteljahre, geſtorben 


* Von einem Zeifignefte. 467 


dere aber den ıten Juny. Mit den andern bey« ' 
den Eyern umd leer germordenen Schalen, verfuhr 
fie auf die fchon oben gemeldere Weiſe: wie denn 
auch ihr übriges Verhalten, den zuerft befagten 
Handlungen, in allen Stücfen gleich war. Von 
biefen zum andernmale ausgebrüfeten Bögelchen, 
ift der eine, da er ohngefähr ein halbes Jahr ale 
geweſen, enfflohen, und der en etliche Wo⸗ 
hen darauf, geftorben. 


Als endlich die oft erwaͤhnte Si, den 14ten 
Juny, ihr Neſt verlaſſen, und ſich ſowohl dieſen, 
als den ganzen folgenden Tag, nach ihrer ſonſt ge⸗ 
woͤhnlichen Art, recht munter bezeiget hatte, fieng 
dieſelbige, ohne daß man eine Urfache davon ange⸗ 
ben kann, den 16ten eben dieſes Monats, ein er⸗ 
bärmliches Gefchrey an, welchem der Hahn, mie 
einem eben fo Fläglichen Tone, beyſtimmte ‚ und 
kurz darauf fiel fie todt darnieder. 


Man hat. ihr, dieſes und der’ vorher angezo- 
genen befondern Umftände wegen, nachhero die Ch- 
ve gegönnet, und diefelbe, nebft vem bier, nach 
feiner eigentlichen Beftslt und Größe, abge⸗ 
bildeten Neſte, in die hiefige koͤnigliche Natura⸗ 
lienfammer geliefert ; im übrigen aber mie niche 
geringer Verwunderung beobachtet, daß der zurück 
gebliebene Hahn, von dem Tage ihres Todes an, 
gar wenig Futter zus fi genommen, und die gan⸗ 
zen fünf Monate über, fo er 'annoch gelebet hat, 
ſtets traurig, ja faft auf einer Stelle geſeſſen; 
ohnerachtet ihm unterdeſſen wieder eine andere Sie 
— worden. | 

Dd 4 So 


408 Merkwärdige Simmelserfehtinungen 


So unglaublich diefer Bericht: einigen fcheis 
nen möchte, fo zuverläßig. Fann ich gleichwohl ver⸗ 
fihern, daß derfelbe um fo viel gewiſſer ift, ie red⸗ 
licher diejenigen Perfonen find, auf deren Anzeige 
ſich folher gründer. . 


a 0 nn a 
Te er 
Merkwürdige — 

Himmels⸗Erſcheinungen 

im Jahr Chriſti 1760. 
1.) Von Sonn-und Mondfinfterniffen. 


a n diefem Jahre ereignen ſich nicht drey Ver⸗ 


finfterumgen, wie Zanorti angiebe, fon- 
dern wir haben an beyden großen Him-' 
melslichtern 4. zu erwarten, als 2. an 
dem Monde, und 2. an der Sonnen, von wel- 
hen wir dreye derfelben vom Anfange. bis zum En- 
de betrachten Fönnen, wenn der Himmel zur felbi- 
gen Zeit helle und ohne Wolfen fenn wird. 
Die erſte ift zwar eine ganz Eleine fichtbare 
Mondsfinfternis, Donnerftags den 29. May 
Abends, der Anfang wird. gefchehen zu Dreßden 
nad) fcheinbarer Zeit um 10. Uhr 7. Min. rechter 
Hand unten am Monde, mit blofen Augen wird 
man ſchwerlich etwas fehen Fönnen,: 6. Grad rech⸗ 
ter Hand vom Monde ftehet Antares, das Scor⸗ 
pionsherz. Das Mittelioder größte Verfinſterung 
ift um 10. Uhr 36. Min. da vom. Monde nur 37% 
Ps, Seru: 


aan Jahr Chriſti x760. 40 


Scrupel, oder ein wenig über 4. Zoll ſuͤdlich ver— 
finftert feyn wird. Das Ende gefchiehet vechter 
Hand um ır. Uhr 4. Min. waͤhret faft eine Stun; 
de; Weil folche fo gar Flein ift, fo Habe Feine Figur 
beyfügen wollen. 4 RK 
Die zweyte aber ift eine merfliche partiale 
Sonnenfinfternis, Freytags den 13. Zunii Bor 
mittags. Der Anfang gefchieher vechter Hand an 
der Sonne zu Drefden nach der feheinbaren Zeit, 
nemilich der Sonnenzeit, aus P. Nicaſi Sonn-und 
Mondstabellen um 7. Uhr 36. Min. der Mond 
rückte immer mehr rechter Hand abwärts in die 
Sonnenſcheibe, um 8. Uhr 32, Min, ift die Son⸗ 
ne am ftärfften, juft fiebendhalb Zoll unten verfin⸗ 
ftert, da 
es etwas 
dunkel 
wird/ und 
& man, mit 
Z en fen 
ugenin 

Ei die Son⸗ 
DD ne hau 
en kann. 
, Per Tu- 
⸗ bum wird 

⁊ die Venus 
Linde gröfteBerfinft. tie vens 
finden feyn 17. Grad von der Sonne rechter Hand, 
auch der Mercurius, welcher nicht gar 2. Grad von 
der Venere linfer Hand ftehet, auch der Aldebaran, 
dag füdliche Stiersauge muß ſich finden laſſen fünft- 
Dd5 halb 





#16 Merkwuͤrdige Simmelserfcheinungen 


Halb Grad, oder 9. Sonnen -Diametros unter der 
Veneie,;- ingleihen Sirius, der große Hundftern, 
wird in Suͤdoſten funkeln. Sie werden aber kaum 
v¶ Stunde zu ſehen ſeyn. Um 9. Uhr 30. Mini 
das Ende, nachdem fie zu Dreßden nicht gar 2. 
inden-lang gedauree hat., Der Mond ift in 
dieſer Finſternis groͤßer als die Sonne, derowegen 
wirb die Sonne in einem Strich Landes total mit 
einer kleinen Verweilung verfinſtert. Dieſer To- 
tal: Strich gehet durch Egypten, uͤber Serufalem; 
Derfien und durch. die Tartarey. 
"Signör Zanotti hat diefe Finfternis aus P. Nica- 
fi Sonn-und es auf folgen. Städte 
berechnet. — sang Si 

































































"Fahnen derer Anfang | Mittel] Größe] Ende ee. 

Otte, _ (U. MM. 30:6: 8, B. &St. E 
Amfteidamm |7 67 555 1818 46| ı 40 
7 67 5816 3318 5611 50 

74018 3316 10/9 30| ı 5o 

71418 ı17 4619 ı2Jı 58 

7448 35|5 28|9 291 45 

18 399 27 3010 512 2 

eipzi 47358 2916 2019 26Jı 51 

moon: = 162517 314 4608 1911 34 

Kl 7 2218. 25) Io 219 32]2 10 
. 9 44,10 5018 ıolı1ı56|2 ı2 

n 2172 176 3519 ıslı 51 
Paris = = 164817 3715 3818 z0lı 42 
Peretsburg 19 8lio 3l6 alırıln szl 
Rom = -=.171318 1218 3819 162 3 
Stockholm » | 8.2019 1115 18110 61 46 
Bien - - 174518 4317 3519 4512 0 


im Jahr Chriſti 1760. 7 gr 


Die dritte iſt eine ſichtbare partiale Mond⸗ 
finſterniß, Sonnabends den 22. Nov. Abends 
Der Anfang wird geſchehen zu Dreßden fiheinba- 
rer Zeit um 8. Uhr 43. Min. oben linfer Hand am, 
Monde, der Erdfihatten rückt alsdenn mehr in der 
Mond, oder der Moud rückt in den Schatten, um; 
9. Uhr 57. Min. it das Mittel und größte Ver⸗ 
finfterung, da der Mond oben 6. und Z. Zoll ver⸗ 
finſtert wird, und alfo juft fo groß, als zu Drep- 
J— den die Son⸗ 
nenfinſternis 
wird, aber o⸗ 
ben verfin⸗ 
ſtert. Wer 
einen guten 
Tubum hat, 
der kann im 
Mittel der 
Finfternis 
die kleinen 
Sterngen im 
Stierkopf ſe⸗ 
hen, Aldeba- 
ran ift vom Monde unten linfer Hand mic bfofere 
Augen zufehen. Bey diefem Vollmonde, inglei- 
den den 24. O4. und 22. Dec. wird der Mond 
am größten, Und per Tubum am deutlichiten zu fe- 
hen feyn, und heller als an andern Bollmonden 
fiheinen, meil er in diefen Vollmonden erdnahe iſt. 
Diefe Finfternis waͤhret dritthalb Stunden, das 
Ende ift am Monde oben rechter Hand um ır, 
Uhr 12. Min. Die Mondsjinfterniffe find auf 
' der 





416 Merkwördige Simmelserfcheinungen 


curio, und geht nur 1. Grad ſuͤdlich vorbey, allein 
es iſt auch per Tubum ſolches unſichtbar; ‘der € 
culminirt um 10. Uhr 32. Minuten, und Mercu- 
rius um 10. Uhr 36. Min. 

Den 22. Maji Abends nad) 9. Uhr geht der > 
von Marte 3. Grad nördlich vorbey. 

Den 5. Jun. früh um 3. Uhr ſteht der C vom 
Jove 6. Grad rechter Hand ab. 

Den 7. Jun. früh n 3. Uhr ſteht der € noch 
weit vom Saturno td 

Den 8. aber früh * 1. Uhr geht der < auf 
(öon 6. Grad öftlicher. 

-Den 12. Jun. früh um 3. Uhr geht der € auf 
* Conjunction mit dev Venere, und geht von iht 

; Grad füdlich vorbey, Man obfervire diefe 
Conjondion durch einen guten Tubum, denn det 
<, die-Venus und der Mercur ftehen in den Hya- 
den, Mercurius ftehet von der Venere 1. Grad juft 
oͤſtlich, und das nördliche Stiersauge muß nahe. 
am fühmweftfichen oder obern C Horn rechter Hand, 
und 'Aldebaran das füdliche Stiersange 2. bis 3. 
Grad unter dem € ftehen. 

Den 17. Jun. Abends um 9. Uhr geht der > 
vom Loͤwenherz vierthalb Grad nördlich vorbey. 

Den 19. Jun. Abende um 12. Uhr geht der ) 
inter vom Marte etliche Grad rechter Hand. 

Den 2. Jul. früh um 3. Uhr ſteht der € noch 
weit vom Jove, und Abends um ıı. Uhr ift er im 
Aufgang fehon weit Öftlich. 

en 5. Jul. früh um: 1. Uhr geht der < * 
vom Saturno 6, as ich. 


“ 


Den 


im Jahr Chriſti 1760. | 417 


Den 18. Jul. Abende um 9. Uhr ſteht ver > 
bey 6. Grad über dem Marti, Conjunctio ift Nach: 
mittags um 3. Uhr auch nicht nahe. 

Den 29. Jul. Abends um 9. Uhr geht der < 
auf 5. Grad unter demSaturno. 

Den 1. Aug. früh um 3. Uhr 10. Min. cul- 
minirt Saturnus und der C um 3. Uhr 16. Min, 
vom Saturno 3. Grad füdlich. 

Den 16. Aug. Abends um 8. Uhr fteht der >. 
5. Grad über dem Marti. 
Den 25. Aug. Abends um 8. Uhr ſteht der > 
+ 5. Grad unter dem Jovi, die Conjundio it ſchon 
vorbey, 

Den 28. Aug. früh um 4. Uhr fteht der C vom 
Saturno 3. Grad füdlich. 

Den 21. Sept. Abende um 8. uhr geht der D 
vom Jove 4. Grad füdlich vorbey. 

Den 24. Sept. Abends um 7. Uhr fteht der > 
5. Grad unter dem sans, die Conjundtio ift ſchon 
zu Mittage. 

Den 5. 04. Morgens um 5. Uhr geht der C 
vom Löwenherze 4. Grad nördlid) vorbey, 

Den 13.04. Vormittags um 7. Uhr geht wohl 
der D nahe über dem Marti vorbey, allein es ge- 
ſchieht folches noch unter dem Horizont, und da die 
Sonne fihon fcheinet. Unfere Antipodes koͤnnen 
folches Phenomenon fchön betrachten. 

Den 18. 04. Abends nad) 11. Uhr geht der > 
unfer 5. Grad unter dem Jovi. 

Den 21.04. Abends um 7. Uhr geht der D 
4. bis 5. Grad unter dem Sarurno vorbey. 

Dresdn. Mag. J. B. Ee | Den 


418 Mertwirdige Simmelserfeheinungen 


Den 9.Nov. Abends nach 5. Uhr geht der D 
unter von der Venere 2. Grad meitlich, die Venus 
wird wohl bedeckt, aber erſt um 9. Uhr; fällt nad) 
Americam fichtbar. 

Den 11. Nov. Abends um 5. Uhr ſteht der > 
vom Marte etlihe Grad linfer Hand. 

Den 15, Nov. Abends um 5. Uhr geht der > 
vom Jove 5. Grad füdlic) vorbey. 

Den 18. Nov. früh um 1. Uhr geht der D un- 
ter in Conjundion vom Saturno vierthalb Grad 
ſuͤdlich. 

Den 10. Dec. Nachmittags culminiren die Ve- 
nus um 2. Uhr 9. Min. der Mars und >. zugleich 
um 2.Uhr 21. Min. der Mars bleibt anderthalb Gr. 
über dem Monds-Centro ; folglich machen diefe 
dreye, Abends um 5. Uhr, einen ftumpfen Winfel. 

0 


2 2,” 

Den 12. Dec. Abends nach 8. Uhr gehe der D 
unter vom Jove 6. Grad füdmweftlich. 

Den 15. Dec. Abends um 5. Uhr ſteht der » 
etliche Grad unter dem Saturno. 

Den 26, Dec. früh um 2. Uhr geht der C vom 
Lömwenherze vierchalb Grad nördlich vorbey. 

Es geht der Mond wohl bey vielen Fleinen 
Sterngen vorbey, oder bedeckt folhe, allein wer 
obfervirt e8? Nur die Aftronomi ordinarii: dieſe 
Fönnen ſich diefe langmeilig und ſchwere Parallax- 
Rechnung felbften auf ihren Horizont ftellen. 

4) Don 


ih Jahr Chrifti 1760. 419 


4) Don fichtbsren Zuſammenkuͤnften der Pla⸗ 
netfterne mit den Fixſternen. 
ı) Bon dem # Saturno. 

Den 31. Dec. 1759. Morgens geht 5 Satur- 
nus von hA. im 11.Gr. 13. Scrupel, einem 
Sternlein fechfter Größe 33. Ser. füdlic) vorbey. 
Die Sterne fechfter Größe find die Fleinften, und 
Die erfter Größe, die größeften Firfterne. Die Lo- 
ca der Firfterne find aus des Flamſteeds Caralogo 
auf die Mitte des Jahrs 1760, reducitt, 

Den 27. Jan. geht h von „ im X 13.Gr, 
46. Ser. fünfter Größe 55.Scrup. nörblich- und 

Den 28. Jan. geht er von ¶ Mk im = 13.Gr. 
54. Ser. auch) fünfter Größe aber ſuͤdlich vorbey, 
ſteht alfo am 27. Jan. Abends recht zwifihen beyden 
Fleinen Sterngen. 

Sm Mittel Febr. verliehrt er fich in der Abend⸗ 
Demmerung. 

Zu Ende des Aprilis wird er wieder ſichtbar in 
der Morgendemmerung. 

Den 9. Jul. ftehe h ftill im SS 28. Gr. 29. 
©er. füdlih 2. Gr. 16. Ser, wird darauf rüd- 
gangig. 

Den 17. Sept. Nachmittags ftehe H in Pit 
der O im 25, Gr. 2. Ser. füdlid) 2. Gr. 30. 
Sr. Nun ift er am größten zu fehen. 

Den 24. Nov. ſteht h ftill im SS 21.Gr. 40. 
Ser. füdlid) 2. Gr. 22. Ser. und wird rechtläufig. 
2) Bon dem 2, Jove oder Jupiter. 


Jupiter wird gleich mie Eintritt des Jahrs in 
der Abenddemmerung unfichtbar. 
Ee 2 Am 


4420 Merkwuͤrdige Simmelserſcheinungen 


Am Ende Febr. läßt er ſich wieder gegen Suͤd⸗ 
often in der Morgendemmerung fehen. 

Den 26. Marr. früh geht 4 von „AR im 4 
18. Gr, 27. Sc. dritter Größe 1. Gr. 48. Ser. 
nördlich vorben. | 

Zu Ende des Martii fteht 4 mit „ und IRAK 
nst+ 

Den 4. Apr. zu Mittage geht M von 2 RE 
im 20. Gr. 13. Ser. dritter Größe 1. Gr. 
49. Ser. nördlic) vorben. 

Den 17. Apr. zu Mittage geht + vom weftlie _ 
hen uRrK, fo fechfter Größe ift, im M 22. Gr, 
29. ©c. ftehet, 33. Serup. ſuͤdlich, und 

Den ıgten Nachmittags vom öftl. fo fünfter 
Größe ift, im MB 22. Gr. 40, Ser. ftehet, 28. 
©er. aud) füdlich vorbey. 

Den 9. Maji zu Mittage geht 2 von s Ms 
im $ 25. Gr. 26. Ser. vierter Größe 1. Gr. 
12. Scr. nördlich vorbey. 

Im Mittel des Junii ftehe 2% ftille im 27. 
Gr. 35.Ser. ſuͤdlich 57. Ser. und wird rückgängig. 

Den 23. Jul. zu Mittage geht 22 Ruͤcklaufs 
twieder von » Mb nördlich vorben, aber nur 54. Ser. 

Den 14. Aug. Abends geht + vom oͤſtl. „ LE 
55. Ser, ſuͤdl. vorbey. | 

Den 15. Aug. Morgens um 5. Uhr ftehe 24 
ind mit der © im M 22. Gr. 38. Ser. ſuͤdlich 
1. Gr. 10. Ser. Iſt jest am größten zu fehen. 

Den 16. Aug. Nachmittags geht 24 vom weſtl. 
e & juft 1. Grad füdlich vorbey. 

Den 3. Sept. zu Mittage geht 4 von JRR ı. 
Gr. 17. Ser. nördlic) vorbey. In diefer Gegend 
haͤlt fich 24 lange auf, Den 


im Jahr Chrifti 1760. er 


Den 10. und 11. macht er wieder einen A. 

Den 22. Sept. Abends geht + von„RE 1. Gr. 
15. Ser. nördl. vorbey. 

DM 13. 04, fteht 2 ftille im 17. Gr. 44. 
Ser. füdlih 1. Gr. 9: Scrup. und wird wieder 
rechtlaͤufig. 

Den 2. Nov. Abends ſpaͤt geht er zum dritten⸗ 
mal von „RE 1. Gr. 20. Scr. nördlich vorbey. 

Den 14. Nov. macht er wieder einen A. 

Den 21.Nov. Nachmittags geht er von 3 KB 
1. Gr. 26. Ser. nördlich vorbey. 

Den 7. Dec. Nachmittags geht 24 vom weſtl. 
aRE 52.©cr. und 

Den 8: Abends vom öftl. 47. Scr. ſuͤdl. vorbey. 

Den 24. Dec. zu Mittage geht 24 von + Aa 
59: Ser. nördlich vorben. 


3) on dem Marte. 

. Den 2. Jan. Abends fpäc gehe Z vona Pin 
der # 23. Gr. 45. Ser. dritter Größe 2. Gr. 9. 
Ger. nördlich vorbey. 

Den 8. Jan. Abends gehe Z von b # in der er 
25. Gr. 9. Ser. fechfter Größe 31. Ser, füdlich 
vorbey. 

Den 28. Jan. ſteht J ftille in der # 27. Gr. 
24. Ser. nördlich) 3. Gr. 34. Ser. und wird hier⸗ 
auf rückgängig, auch fehnell größer. 

Den 16. Febr. zu Mittage geht Z rücdfwärcs 
von b # 25. Ser. nördlich vorben. 

‚ Den 21. Febr. Nachmittags geht M von a #° 

3, Gr. 19. Ser. nördlich vorbey. 
Den 1, Mart, zu Mittage geht Avon » 8 in 
Erz der 


422. Merkwuͤrdige Simmelserfcheinungen 


der &# 20. Gr. 46. Ser. fünfter Größe 31. Sır. 
füdlich vorbey. 

Den 8. Mart. Morgens um 6. uhr: fteht 7 in 
ES mit der @inder # 18.Gr. 10. Ser. nördlich 
4 Gr. 1. Ser. Iſt jetzo am größten zu ſehen. 

Den 16. Mart. geht 1 zwifchen zweyen Ster- 
nen durch von a uk vierter, und s IK dritter Groͤſ⸗ 
fe, bleibt aber von jeden 2. Gr. 

Den 18. Apr. ſteht 7 ftille in der # 8. Sr. 
6. Ser. nördlid) 2. Gr. 31. Ser. noch 2. Gr. von 
IK öftlih), wird — wieder rechtlaͤufig, und 
nimmt an Groͤße ab. 

Den 12. Maji Morgens geht A! von „RE it, 
der # 11. Gr. 11. Ser. vierter Größe 14. Ser. 
nördlich vorbey. Ä 

Den 26.Maji früh gehe Avon» kinder # 15. 
Gr. 19. Ser. vierter Größe 32. Ser. füdlich vorben. 

Den 2. Jun. Abends geht Avon rk in der # 
18. Gr, 10. Ser, vierter Größe 1. Gr. 28. Ser. 
nördlich vorbey. 

Den ı5. Jun. Abends geht „7 von B# zung 
drittenmale aber jeßo nur 8. Ser. füdlic) —— 
Iſt ſchoͤn zu ſehen. 

Den 1. Jul. Nachmittags geht Avonn# in 
der #8 1. Gr. 29. Ser, vierter Größe 1. Gr. 10. 
Er. ſuͤdlich vorbey. 

Den 11. Jul. Nachmittags geht Avon y v in 
der 58 6. Gr. 48. Ser. dritter Groͤße 2. Gr. 47. 
Ser. ſuͤdlich vorbey. | 

Den 4. Aug. gegen Mittag geht c’ von «#, 
die Kornähre genannt, in der #3. 20. Gr. 30. Sers- 
ee Größe. 1. Gr. 42. Ser. noͤrdlich ae 

en 


im Jahr Chrifti.1760. 4423 

Den 6.' Aug. Abends um 8. Uhr geht Z von 
h& inde #8 21. Gr. 57. Ser. ſechſter Größe 
nur 2. Scrupel füdlich vorbey. Das Sternlein 
ift zwar nur per tubum in der Demmerung zu fin« 
den, allein es ift werth, daß man nachfiehet, ob SF 
just um diefe Zeit und fo nahe beym Sternlein vor⸗ 
bey gehet, oder folches wohl gar bedeckt. 

Nun verlieher fich auch der F wegen Schräge des 
Thierfreifes, p. Tub. iſt er aber alle Abende zu finden. 

Am Mittel des Nov. fan man ihn wieder mie 
blofen Augen fehen. 

Den 16.Nov. Abends geht er von A im 
3. Gr. 0. Ser. vierter Größe 48. Ser. nördlich 
vorbey. 
Zu Ende des Jahres verlichre er ſich wieder. 


4) Bon der Venere. 


Den 1. Jan. Nachmittags gehrdie 2 von „SE 
im 396 24. Gr. 1. Ser. vierter Größe 32. Ser. 
ſuͤdlich vorbey. 

Den 4. Jan. fruͤh um > ur geht 2 von 5 
im 26. Gr. 29. Ser. vierter Größe nur 2. Scr 
füdlich vorbey; Iſt betrachtungswuͤrdig. Die 2. 
geht gleich nach 4. Uhr wie ein Fleiner Mond auf, 
und ift per Tubum halb, wie das legte C Viertel, 
zu ſehen. 

Den 8. und 9. Jan. ſteht 2 optice am weite⸗ 
ften von der © 46. Gr. 52. Ser. und nimmt hier⸗ 
auf an Sichtbarkeit ab. 

Den 23. Jan. Morgens geht die 2 von g Offju- 
chi im 16. Gr. 36. Scrup. dritter Größe 51, 
— noͤrdlich vorbey. | 

y Ee 4 Den 


424 Merkwuͤrdige simmelserfcheinungen 


Den 4. Febr. Morgens um 7. Uhr geht die 2 
von„ K im K 29. Gr. 54. Ser. vierter Größe 
nur 1. Ger. füdlich vorbey. _ Diefe. Conjundio 
wird von den Aftronomis genau beobachtet werden. 

Den 13. Febr. Morgens geht die 2 von — 
im &R 10. Gt, 9. Scer. vierter Größe 29. Scrup. 
nördlich. vorbey. 

Den 15. Febr. Nachmittags geht die 2 von 
7 KR im RER 12. Gr. s6. Ser. auch vierter Gröf- 
fe 13, Ser. auch nördfich vorben. 

Den 23. Febr. früh geht die 2 von f.K im 
21. Ör. 37. Ger. fechfter Größe ı1. Ser. aber 
füdlich vorbey. | RE 

Venus iſt hierauf fehleche zu fehen, den 14. 
Mart. beym 2,, den 14. April. beym. 5; 

Den ıı Jun. Morgens geht die 2 von. mt 
im X 2.Gr. 41. &cr. fechfter Größe nur 8. Ser. 
nördlich vorbey. Hierzu wird ein guter Tubus 
opticus erfordert. = 2 

Zu Anfang Julii verliere fih die 2.als Mor- 
genftern. En ee, 

Um den 10. 09. erfcheint fie als Abendſtern, 
geht aber lange bafd unter, nemfich vor 6, Uhr. | 

Den 17. 04. Abends um 10. Uhr geht die 2 
von «85 im HH 11. Gr. 44. Ser, zweyter Gröf. 
fe nur 11, Ser. füdlich vorbey. Der Firftern iſt 
Hvar. nur per Tubum zu fehen, und die Ageht fehon 
Svor 6. Uhr unter, doch werden die Aftrohomi die 
Diftanz nehmen. ; ei 

Den 28. 04, fruͤh geht die 2 von «Et im 9 
34: Gr. 24. Ser. Ater Groͤße 13. Sc. ſuͤdl. vorbey. 

Den 30. Oct. Morgens von A-atk im. ar 
— ER 173 


2* 


- im Jahr Chriſti 1760. 425 


Er. 16. Ser. vierter Größe 9. Scerupel, aud) 
füdlich vorbey. 

Den 16. Nov; früh geht die 2 von o Offjuchi 
im & 8. Gr. 4. Scrup. dritter Größe 50. Ser. 
nördlich vorbey. 

Den 28. Nov. früh geht die 9 von a KimeR 
.3.Gr. 0.Ser. vierter Größe 37. Ser. nördl. vorbey. 

Den 31. Dec. Nachmittags geht die Q von 
RR im 14. Gr. 20. Ser. fünfter Größe 3% 
Er. füdlic) vorbey. 


5) Bon dem felten fihtbaren Mercurio. 


Um den 19. Jan. läßt fih 2 in der Morgens 
demmerung in Süboften finden. 

Den 25. Jan. Nachmittags um 4. Uhr geht ð 
von Kim RE 10. Gr. 9. Ser. vierter Größe 
nur 13. Ser. füdl.vorbey. Die Aftronomi werden 
verfuchen den Morgen vorher und darnach, ob fie ei- 
nen Stern vierter Größe bey ihm erblicfen Eönnen. 

Den 26. Jan. fteht $ optice am meifeften von 
der © dismal 25. Gr. 4. Ser: und iſt am beften 
zu fehen. 

Den 27. Jan. früh um 4. Uhr geht $ von o M 
im AK 11. Gr. 41. Ser. aud) vierter Größe nur 

3. Scrupeln ſuͤdlich vorbey. % geht auf nach 6. 
Uhr, Diefe Conjundtio muß betrachtet werden. 

Um den 6. Febr. verliehrt ſich 3 wieder. 

Zu Ende Mareii läßt er fich in der Abenddenm 
merung in Welten finden. 

Den en 28. Märt. Abends fteht er nur noch 1,Gr, 
von X im 24. Gr. 25. er fünfter Größe, 
a Conjunctio iſt 

es Den, 


426 Merkwuͤrdige Simmelserfeheinungen 


Den 29. Mart. früh um 4. Uhr, da $ 23. Ser. 
füdl. vorbey gehet. 

Den 7. Apr. ift feine größte Entfernung von 
der O 19. Gr. 15. Ser. gehtunter nad) halb 9. Uhr. 

Um das Mittel des Aprils wird er. wieder un- 
fihrbar. - 2 
uUm den 12. Sept. kommt er in der Morgen 
deinmerung in Often nad) Mordoften hervor. 

Den 18. Sept. ift & optifch am meiteften von 
der ©, dismal aber nur 17. Gr, 48. Ser. er gehet 
auf früh bald nac) 4. Uhr. | 

Den 21. Sept. früh um 2. Uhr gehe $ von 
x kinder # ı1. Gr. 11. Scr. vierter Gröf 
fe nur 1. oder 2. Scrupel ſuͤdlich vorbey. Ob— 
gleich 3 erſt nach 4. Uhr aufgehet, fo werden Altro- 
nomi doch dieſe nahe Conjunction ſuchen und 
fchlieffen, wie ſich $ in Long. & Latitud. gezeiger 
hat. 
Den 23. Sept. Abends fpäat um ır. Uhr geht 
% von RK inder # 15. Gr. 19. Ser. vierfer 
Größe nür 3. Ser. füdlic) vorbey, den Morgen 
darauf fehe man nad), mie weit ð von dem Stern- 
fein ſchon weg ift. 

Den 29; Sept. früh um 2. Uhr geht ð von 
⸗ * in der # 23. Gr. 45. Ser. dritter Größe 
1. &r. 10. Ser. nördlich vorbey: 

Den 3. O4. gegen Mittag geht $ von, # in 
der #6 +. Gr. 29. Ser. vierter Größe 24. Ser. 
nördlich vorbey. er 

Um dein 5. OA: verliehre ſich 9. ° 
In den Weynachtsfeyertagen wird er wieder in 
der Abenddemmerung fihtbar. ©: 


6) Bon 


im ehr Chrifti 1760. daR 


6) Bon dem wandelbaren Sterne im Wallfiſch. 

o Ceti im Hals des Wallroffes ift vom Anfang 
des Jahrs bis in das Mittel Mart. Abends zu ſe⸗ 
hen, da er fich mit dem Zodiacal- Schein in We⸗ 
ften verliehret. Um Jacobizeit läßt er ſich wieder 
Morgens in Often gegen Suͤdoſten fehen. 


7) Bon dem wandelbaren Sterne im Hals 

des Schwanen. 

Diefer wird Bajer genennt, er ift dis Kahr am 
beften um den zı. Febr. oder um Peterstag zu fer 
ben; aufs längfte ift er 4. Monate lang — 
alſo vom Neujahr bis Georgentag. 


8) Von dem Zodiacal- Schein. 
Diefer ift ein heller Glanz wie eine Pyramide, 

und ift erft 100. Jahr befannt, der Engelländer, 
D. Childrzus, hat ihn Anno 1659. entdecft. Ich 
glaube und halte dafür, daß er vorher fehon. zu fe- 
hen geweſen ift, und daß diefer Schein herrühree 
von dem Laufe der Erde, wodurch die Luft oder der 
Ather zertheilee wird, dieweil folcher allezeit in der 
Ecliptic, worinnen die Erde lauft, und am Hori- 
zont am breiteften gefehen wird. Mun wird er. 
zwar alle Jahre nur am Ende des Febr. und der 
erften Helfte des Martii Abends, da er bis an das 
7. Geftirn reicher, und. am Ende des Sept. und. der. 
erften Helfte des Octobris früh Morgens beobach- 
tet, da er bis in den Loͤwen kommt, die Erde lauft 
aber doc) das ganze Jahr durch. Daraus fchlieffe 
ich, daß wir diefen Schein nur fehen Fönnen, went 
das Crepufculum am Eleinften und unter 7. — 
tel⸗ 


! 


423 Mertwürdige Simmelserfeheinungen 


telftunden ift, im Winter währee folches 2. Stun- 
den, und im Sommer 3. Stunden und noch) drü- 
ber, aber in diefer Zeit feiner Sichtbarkeit dauret 
es nur anderthalbe Stunden; alfo müßte unter der 
Linie der Zodiacal- Schein alle Morgen und Aben- 
de Fönnen gefehen werden. Ob es aber- alfo ift, 
habe ich noch nicht erfahren Fönnen. Wer. einen 
richtigern Beweiß zeigen Fann, der entdecke folchen. 


Berichte von unterfchiedlichen Sachen. 


- Der Auf-nnd Untergang des 7. Geſtirns, Per 
tersftabs und des Hundfterns Fann aus dem 1756; 
Friedrichsftädter Calender erfehen werden, denn «8 
kommt eben wieder auf den Tag in diefem 1760. 
Jahr, außer daß die Longitudines der Sterne 3. 
bis 4. Minuten weiter fortgeruͤckt find, | 

Der Sonnen und des Monds Auf-und Unter: 
gang auf alle Tage findet man im Leipziger verbef- 
ferten und im Nürnberger Himmelsbothen⸗ Calen⸗ 
der, und der Planetenftand und Auf-und Unter- 
gang von 5. zu 5. Tagen im verbefferten, von 10. 
zu 10. Tagen aber im Himmelsbothen, Chriften 
Juden- und Türfen-wie auch im Altenburger und 
Bautzner Calender. 

Es wird ſich nächftens des Morgens ein vor 
trefflich großer Stern zwifchen Often und Suͤdoſten 
zeigen, den man au) bis Mittags mic blofen Au: 
gen fehen kann. Den 17.Nov.diefes Jahrs 1759. 
geht er rechter Hand etliche Grad über dem Mond 
ber, den 18. Nov. geht er auf um 5. Uhr, den 7. 
Dec. um 4. Uhr und den ganzen Dec. etliche Mic 
nuten vor 4. Ude, den 15. Dec, wird man ur 


im Jahr Ebrifti 1760. ' 19 
Nachmittags um 1. Uhr noch einen Grad Tinfer 
Hand vom Mond fehen koͤnnen. Mancher wird 
fagen, es ift ein neuer Stern oder ein Comet. Ak 
fein es ift die alte Venus, der Abend-und Mors 
genftern, die jeßo fo ſchoͤn feuchter, fo, daß fie Schat. 
ten von ihrem hellen Lichte wirft, wie der Mond, 
wenn er nur etliche Tage alt ift, nemlich in der an⸗ 
dern Helfte des Nov. Dec. und Jan. 1760, da der 
Mond des Morgens nicht ſcheinet. Die Urfachen, 
daß fie fo gar fhön feuchter, find 1) meil fie jego 
erdnahe ift, und Faum 6. Millionen Meilen von 
der Erde abfteher, da fie erdfern auf 33. Millionen 
Meilen entfernee ift, und jego ihr Diameter über 
eine Minute begreift, erdfern aber nur 12. Secun- 
den. 2) So ift fie jeßo rücfgängig bis den 19. 
Nov. und die Sonne geher ftets vorwärts, daher fie 
fehnell aus den Sonnenftrahlen heraus Eommt, und 
alle Morgen eine halbe Viertelftunde früher aufge 
bet. 3) Bekomme fie auch höhere Declination, 
als die Sonne hat. Es ift wereh, daß man jie 
per Tubum betrachtet, denn jego ift fie wie eine Si⸗ 
chel, oder wie der. alte Mond, 2. oder 3. Tage vor 
dem Neumond, fie nimme aber am Lichte zu, zu 
Ende des Dec. ift fie fhon halb. Im Dec. ift fie 
am fhönften zu fehen, und geht wie ein kleiner 
Mond uͤber dem Horizont auf. 


Weil kuͤnftiges Jahr, nemlich in Anno 1761. 
zwey befondere Begebenheiten vorfallen, fo will ſol⸗ 
che hier auch bekannt machen. Erſtlich faͤllt 
Oſtern am fruͤheſten, nemlich am 22. Mart. der⸗ 
gleichen in dieſem Seculo noch nicht geſchehen fi 


! 


430 Merkwürdige Simmelserfcheinungen 


amd koͤmmt in den folgenden 7.Seculis nur viernial 
or, neinlih) Anno 1818. 2285. 2353. 2437. 
Ob es aber recht ift, fo frühe Ditern zu feyern, und 
‚zwar 1761, vier Wochen vor den Juͤden, daran 
‚zroeifle ich. Künftig werde ich meine Beweiſe von 
dieſer Marerie den Herren Gelehrren zur Ueberle- 
gung zeigen. 
zZweytens fommt.die Venus optice indie Son: 
‚ne, nemlic) fo juft zwifchen die Erde und die Son- 
ne, dergleichen nur einmal, feit die Welt fteher, iſt 
geſehen worden. Ob es gleich oft und faft in je- 
Dem Seculo einmal gefchehen ift, fo Fonnte man doch 
folche ‚Rarität nicht ehender fehen, als bis man Tu- 
bos,-opticos erfunden hatte. Solche Erfindung 
gefihahe Anno 1609. Anno 1639. den 24. Nov. 
Styli Juliani, oder 4, Dec. Gregoriani fam die 
Venus in die Sonne, folches obfervirte Jeremias 
Horoccius , ein Aftronomus mit feinem Gehiül- 
fen, Crabtrio zu £iverpol in Engelland, Nachmit: 
tags vor Sonnen Untergang, und wünfchte, daß, 
wenn es wieder gefihehen würde, er wieder aufite- 
hen möchte, um einen Calculum aus diefen Ob- 
fervarionen zu ſtellen. Nun freuen ſich zwar auf 
diefes Phænomenon nicht nur Aftronomi, fondern 
aud) alle Mathematici, Phyfici, Philofophi und 
auch Theologi. Ich habe deromegen die Conjun- 
&ion der Venus mit der Sonne aus fechferley aftro- 
nomifchen Tabellen geſucht, und weil ich ſchon aus 
de la Hire Tabellen gefunden habe, daß der ganze 
Tranſitus bey 7. Stunden währer, fo habe auch 
beyläufig auf andere Tabellen den Ein-und Aus« 
tritt beftimmer, 
Con- 


im Jahr Chrifti 1760. . 431 


Conjunctio Solis & Veneris Anno 1761. den 
6. Junii Morgens nad) fheinbarer. Zeit zu Dreßden 
 Ein-|Conj.|Au8:- 

© Aufgang 3. Uhr. 56. Min. griff) vera. |eriet 
Nach denen Tabellen. Uhr U. M.| Uhr 
Keppleri den 5. Jun. Nachm. um. 36 7) . 30 
DelaHire d, 5. Jun. Abends um rol2 . ; $ih.-. 6 
Caflini den 6. Jun. frühe halb als 10ſu. 9 
Streetii corr. 6. Jun. früh um. 3/6 24. 10 
Dunturni den 6, Jun. frühe nah 316 39l0. 10 
Halleji den 6. Jun. frühe halb 46 s6ln. 10 
Streetii den 6. Jun. Borm. halb olıı 54|n. . 3 
WUebers Jahr um diefe Zeit werde ich auch. den 
Ein-und Austritt in Minuten, und die Diftanzeg 
in Fig. bey Scrupeln und Linien liefern. er 
Wenn man in des Streetii Sonnen-Calculo vor; 

die jahrlihe Preceflion 49. Sec. oder Linien, und 
vor die groͤßte Æquationem Centri Splis 3, Minus 
ten oder Scrupel weniger, als er, nemlich ı. Grad 
56. Sc. annimmt, und bey der 2. Venere vor die 
jährliche Bewegung der Anomalie 7, Zeich. 14. Gr. 
46. Ser. 43. Lin. forifft fein © u. 2 -Calculus mie 
den neuen ® u. 2 » Tabellen fehön überein; die E- 
pocham aber vom Jahr 166 1,muß man behalten, mie; 
er. fie angefegt hat, weil er um diefelbige Zeit gelebt 
und obfervirt hat, Alfo gefihähediefe fd © 2 5. St. 
30. Min. früher, als feine Tabellen geben...  ..: 
Es giebt uns alfo der vortreffliche Aftronomus, 
Herr Halley die Hoffnung, daß wir zu Dreßden 
beynahe den ganzen Tranfictum fehen Fönnen. Weil: 
die Venus im Diametro 70, Linien oder Grad⸗Se— 
eunden hat, fo braucht fie 23. bis 24. a 
eit, 





433 Merkwuͤrdige Himmelserſcheinungen ꝛc. 


Zeit, bis fie ganz ein-oder austritt; folglich wird 
fie kaum ganz eingetreten feyn, wenn die Sonne 
aufgehet. Der Diamerer der. Veneris verhält fich 
gegen die Sonne wie 1. zu 27, da Mercurius ſich 
gegen die Sonne wie 1. zu 105. verhält. Curioſe 
Sternfreunde Fönnen fic) alfo bey Zeiten Tubos an- 
fhaffen, fie find jego nicht mehr fo theuer als vor 
Diefem, man Fauft jeßo einen, dadurch man die Sa- 
tellites Jovis fehen kann, vor 3. oder 4. Ducaten, 
nachdem er ausgeziert iſt. Und in Drefden find 
fie am beften bey Herr Rudolphen, Optico, in det 
Srauengaffe zu befommen: Zn 
“ Nora. Man muß ohne Sonnenglaß nicht per 
Tubum in die Sonne fehen, fonft kann man erblin- 
den; Hat man aber fein Sonnenglas, fo läßt man 
die Sonne durch) den Tubum auf ein’ weiſſes Bret 
oder Pappier fiheinen, fo ftelle fih) das Bild der 
Sonne und die Flecken in derfelben dar. 


Don dent Test erfchienenen Cometen. 
Denjenigen Cometen, welchen der Engelländi- 
ſche vortreffliche Aftronom, Herr Halley, fehon 
lang voraus calculire hatte, der nad) feiner Mey- 
nung und Rechnung einmal in 75. das anderemal 
in 76. Jahren fic) bey uns zeigen werde, und der 
Anno 1682. (nicht 1680. wie der Herr Adelbulner 
in feinem Nürnberger Himmelsbothen angiebt) und 
1607. 1531. 1456. 1380. und 1305. ift gefehen 
worden; den habe ich am 30. Apr. 1759. zu Preß- 
burg, als ich etlichen Sternfreunden den Mercur 
und andere Geftirne zeigte, wahrgenommen. Weil 
mir num bewußt war, daß in diefer Gegend nie- 
mals 


im Jahr Chrifti 1760. 433 


mals ein folcher Nebelftern geftanden, fo fagte ic) 
‚gleich, diefes fen der Comet. Er ftund beyläufig 
10. Grad vom Becher rechter Hand und abwärts, 
nemlic unter der Waflerfihlange, er war wie ein 
Ey geftaltet, an der Weftfeite rund, an der DOftfeite 
aber zugefpigt,in Größe eines Viertelgrade, Man 
fahe aud) einen ſchwachen Strahl, welcher unter 
dem Becher fic) verlohr. Am 1. Maji war e8 frü« 
be, am 2ten aber fahe ich, daß er etliche Grade 
rechts aufwärts gerückt war, und unter einigen 
Sternen in der Wafferfchlange ftunde. Weil aber 
Das Mondenlicht alle Abende heller wurde, fo Fonn- 
te man ihn nur erliche Abende mit blofen Augen fe 
hen. Als der Mond gegen die Mitte des Majı 
wieder fpäter aufgieng, war er nicht mehr zu fin- 
den, und ich hatte feinen Tubum bey der Hand. 
Zu Wien har ihn der fleißigeund erfahrne Kaiferl. 
Aftronomus, P. Maximilian Hell, e Soc. J. bis zum 
28. Maji obfervirt, da fich der Comet im Sertan- 
ten verlohr. Die genaue Bahn, wie er folche 
wahrgenommen hat, ift im Kupferftich in feinem 
lateinifchen O&tav-Calender, worinne auch die Con- 
figurationes der \upiters-Trabanten befindfich, zu 
erfehen. 

Ein Landmann, Nahmens Johann Georg Bah- 
litzſch, von Prolis bey Dreßden, in Wiffenfchafften 
erfahrner Mann, hat am 25. Dec. 1758. Abends 
um 6. Uhr einen Cometen entdeckt, im Knoten 
der Fifhbande zmwifchen „ und IS, doc näher 
bey „ in Longitudine im aM 13. Gr. 40, Ser. in 
Latitudine 1. Gr. 5. Ser. Am 26. Dec. wurde 
er gewiß, daß es ein Comer fen, weil er fortgerü- 

Dresd.Mag.I.B. Ff cket 


434 Merkwürdige Simmelserfcheinungen 


cfet war, am 27. Dec. fund er im m 10. Gr, 
25. Ser. nördlic) 2. Gr. 10. Ser. Die weitern 
Obfervationes find ihm durch vieles Aus- und Ein- 
räumen der MWinterguarfiere verlohren gegangen, 
So viel errinnert er fich, daß er ihn bis: in die Mik- 
te Febr. durch den nördlichen Fifch hat gehen fehen, 
aber aflezeit nur Elein und per Tubum. Am 30, 
Apr. und :. Maji hat er ihn wieder gefehen und be- 
Fannt gemacht: 


Don der Abweichung des Magnets. 

Bon diefer Abweichung habe ic) noch nichts ger 
wiſſes gelefen, ob fie beftandig bleibt, oder. je laͤn⸗ 
ger je mehr abweicht, oder ob fie wieder umkehret, 
ch glaube, der Magnet weicht je langer je mehr ab, 
und das daher, weil der Æquanoctial-Punkt ſich 
ftets ändert, fo muß ſich auch die Mittags - und 
Mitternachtlinie andern, der Magnet aber bleibet 
bey feiner erfchaffenen Gegend Fräftig ftehen. Weil 
nun die Mitternachtlinie von Norden nach) Oſten 
rückt, fo muß die Abweichung des Magnets gegen 
Weſten fters größer werden. Ich Habe in einem 
Declinations- Caralogo gefehen, Wien o. Gr. o. 
Min. dag alfo in Wien der Magnet juft Norden 
zeigen foll. Sch habe aber vorigen Sommer. vor 
dem Rußiſchen Kayſerl. Herrn Borhfihaffter, Gra: 
fen von Kanferlings Excellenz, eine. Mittagslinie 
in feinen Luſtgarten zu Herrenals ziehen müffen, 
und habe die Abweichung faft 14, Grad, oder ge 
nau 14. Grad befunden. Bon Dreßden. fteht 
auch 3. Grad 30. Minuten, allda habe ich ı2. 
Grad gefunden. Ich glaube ” daß die. Vers 
au aͤnde⸗ 


im Jahr Chrilti 1760; 435 


änderung nach Weften jährlich) 13. Secund. eines 
Grads waͤchſet, in fünfthalb Jahren 1. Gradminu- 
te, in 270, Jahren 1. Grad, und in 3780. Jahr 
ren 14. Grade. Weil aber die Erde ſchon über 
3780. Sjahre fteht, fo fan der Magnet nicht in 
Norden geſchaffen feyn, fondern in Oſten, dahero 
wäre die Erde ſchon 24570. jahre alt. Wir ha- 
ben aber den Gebrauc) des Magnets erit 300. Jah⸗ 
re, alfo koͤnnen wir Feine Obfervationes zeigen, wie 
er vor etlihe 1000. Jahre geftanden ifl. Cs 
kommt alfo darauf an, daß mir feine Abweichung . 
jährlic) etliche mal unterfuchen, fo wird man in ei« 
nigen 100. Jahren eine Richtigkeit Davon erlangen. 
Daß wir Feine Veränderung an der Mittagslinie 
fpüren, kommt daher, meil ſich alle Longitudines 
der Erde ändern, und fich die Erde dreher, fo muß 
doc) ein Mittagsftrich, und zwar immer der alte, 
gültig feyn. S. 

{6 le Te el sele sel sein el sie sele ee inne 


IM. 
Bon einem glücflich geheilten 


Reebögefchtoiie ein der Bruſt. 


er traurigſte Anblif und das beflagungs: 
mwürdigfte Uebel, das den Sterblichen 

unter fo unendlich vielen Krankheiten zus 

ftoßen fan; ift wohl ohnftreitig ein of 
fenbsrer Arebs. Die beherzften Wundärzte, 
welche durch eine lange Reyhe von Erfahrungen 
und Fügline Schanfpiele abgehärtet worden, N 
Sf en- 


436 Ooneinem Krebsgeſchwuͤt in der Bruſt. 


kennen aufrichtig, daß man ohne Ruͤhrung, derglei- 
chen Liebel zu behandeln, unfähig if. Das Be 
wuſtſeyn, wie man mit allen bis hieher wider den 
Krebs befannt gewordenen Mitteln und oft felbft 
mit einem granfamen Schnitt dennoch nur felten 
was fröftfiches ausrichten Fan; die fücchterlichen 
Zufälle, welche gemeiniglic) diefe Krankheit begfei- 
ten, der empfindliche Schmerz, der unerfrägliche 
Geſtank, welcher diefen Patienten zur graufamften 
Folter wird, und nicht felten verurfacht, daß folche 
Elende felbft von ihren nächften und beften Freun⸗ 
den verfaffen werden; ift die Urfache, daß auch 
rechtſchaffene Aerzte fich glücklich fehägen, wenn fie 
von den fraurigen Dienft, dergleichen Unglückfelis 
gen beyzuftehen, befreye bleiben. Gleichwohl ver- 
bindet die Chriftenpflicht und ein befonderer Ruf 
die Aerzte, ihre unglückliche Miebrüder auch in den 
fheußlichften Uebeln nicht zu verlaffen. Die Men 
fchenliebe hat fehon mehrmalen die Aerzte ſinnreich 
gemacht, vielleicht glücft es einmal einen Menfchen- 
freund, zum allgemeinen Wohl der Sterblichen, 
auch wider den fürchterlichen Krebs ein fpecifiques 
Mittel zu entdecken, Es bleibt daher ein löbliches 
Bemühen, wenn Aerzte in zweifelhaften Fällen al- 
fe mögliche Mittel verfuchen, und der Ausſpruch 
des Hippocratis ift eine richtige Wahrheit: Artem 
experientia fecit, exemplo monftrante viam. 

In Betrachtung deffen wäre nun wohl zuwör- 
derft zu münfchen, daß wir die Natur des Frebs- 
haften Giftes genauer erfennen lernten; allein bis 
hieher find die Aerzte hierinnen noch ungluͤcklich 
gewefen, und ihre Meynungen find deshalb noch 

immer 


Von einem Krebsgeſchwuͤr inder ruft. 437 


immer fo getheile als unentfcheidend. Boerhaave 
und fein Yugleger vanSwieren,* Faget,** Louis, *** 
de Gorter, + und Gmelin, ++ fegen die Eigenfchaft 
Der Krebsſeuche in eine alcalinifche Schärfe der 
Lympha. Andere ältere und befonders franzöfifhe 
Aerzte, welchen Berchelmenn ganz neuerlich in ei- 
ner eignen Abhandlung vom Krebs beytrift, bes 
Haupten, die Urfache des Krebfes fey in einer ſau⸗ 
ern corrofivifhen Schärfe, die in den Drüßen 
ftocket, zu ſuchen. Es ift hier nicht mein Zweck, 
mich in die Unterfuchung diefer Meynungen einzu⸗ 
laſſen. Der Wahrfcheinlichfeie nach kommen je- 
Hoch diejenigen der Beſtimmung der Natur der 
Krebsfeuche am nächften, welche fie von der Art eis 
nes fehr fharfen brennenden flüchtigen Laugenfale 
zes erklären. Indeſſen werden von Herr Gmelin 
Dennoch nicht alle Zweifel gehoben. Die Seuche 
eines offenen Krebs bleibe allzeit eine befondere 

Öf 3 Schärfe, 


# van Swieten Comment. in Boerh. aphor. de 
cogn. & cur. morbis. Tom.l. p. m. 877. wo 
die Krebsfchärfe acrimonia putrida genennet 

wird, 


** Memoires de l’acad. Royale de Chirurgie 
T. I. p.75 3. wofelbft auch angeftellte Verſuche 
mit der Krebsjauche beſchrieben werden. 

PR Obfervations & remarque fur les effets du 
virus cancereux, pP. 80. 

} Chirurgia repurgata, 'p. 346. Herr Gortei 
nennt dieſes Gift acrimonia rancida. 

' tr Gmelin Diff, de noy. CAnc, — method. 


*24 —— 2 


438 Von einem Arebsgefchwür in der Bruſt. 


Schärfe, die eine faft giftige Eigenfchaft hat, und 
nad) den Erfahrungen eines Hildans, eines The 
befit * fo gar anftecfend if. Wie vielen Danf 
verdienen demnach die Aerzte, wenn fie wider eine 
fo fürchterliche Rranfheit heiffame Mittel zu erfor⸗ 
ſchen fi) bemühen. Wir fönnen billig mie einem 
van Swieten ausrufen: Quam felix ille, qui hoc 
inveniret! & quanta poena dignus, qui inventum 
celaret, turpis lucri caufa! 


Sind wir gleich mit der Natur des Krebfes 
noch niche hinlänglic) genug befannt; fo ift es doch 
dem ohngeache möglich, zuverläßige Mittel dage- 
gen zu erlangen, Haben wir nicht an dem Gift der 
geilen Seuche und an den Gegenmittel wider die- 
felbe ein deutliches Benfpiel. Wir Fennen nod) 
nicht das flüchtige und wuͤrkſame Gift, ſo von den 
Biß toller wuͤtender Thiere in uns fo ſeltene Fol: 
gen verurſacht, und doch find wir ſo gluͤcklich, ſiche⸗ 
te Mittel darwider zu haben. Da die Arzeney- 
wiffenfchaft and Wundarzneyfunft duch den Ei⸗ 
fer und Fleiß gelehrter Männer von Zeit zu Zeit 
in ein groͤßer Licht gefege wird; da man nunıneh- 
vo fo geſittet ift, daß man es ſich zur Ehre rechner, 
wenn nran zum.bejten der Menfihen mag nügliches 
entdecken, und eine Wahrheit durch Erfahrungen 
und Beweiſe beftärfen fan; da auch wuͤrklich 
fihon hier und da endlich Aerzte glückliche Bemer- 
Fungen von Fraftigen Arzneymitteln wider Krebs- 
geichwüre -befannt gemacht haben ;. fo ift es fehr 
— daß wir in Zitut 18 wie in an: 

dern 


* &, ala nat. a T. x. 63: Abe. p. 229. 


[3 


r Von einem Krebstgeſchwuͤr in der Bruſt. 439 


dern Theilen der Mediein und Chirurgie, alfo auch 
hierinnen mehrere nügliche Entdeckungen machen 
werden. Da inzwiſchen afle Specifica nur unter 
gewiſſer Einſchraͤnkung ſtatt finden, da die Krebs: 
ſchaͤden fo verfchiedener Art fern koͤnnen, als die 
Werfihiedenheiten der Perfonen und der befchädig- 
ten Theile des menſchlichen Coͤrpers; da alle Kranf« 
heiten, wenn fie ihren höchiten Grad erreiche ha« 
ben, die bewährteften Mittel verlachen ; ſo hofft 
man freylich-vergeblich den fihon fo fang wuͤtenden 
Krebs, deffen Schärfe die Mifchung der Säfte fo 
fehr verändert, jemals zu bandigen und zu filgen, 
Eben fo wenig wird man ausrichten, wenn.er an“ 
innerlichen Theilen feinen. Sitz hat, und von hier 
aus ein Theik deffelben, in den äuferlichen Iheilen 
fich abgefege hat. * Hier wird der Krebs, auch) 
nach der Eur, durch den Schnitt allzeit wieder 
Eommen, und die Wahrheit beftätiget werden, daß 
wir leider noch wenig Mittel wider chirurgifche 
* Ff4 Krank: 


* &, Norford Eflay on the general method of 
treating cancerous tumors &c, Woſelbſt er ans 
zeigt, daß daB Gift des Krebfed manchmal als ein 
Auswurf der Natur anzufehen fey, von dem fie fich 
äußerlich in den Drüßen als den Reinigunswegen zu 
entledigen ſucht. Wenn in-diefem Fall der Ausflug 
der blutigen Jauche fehr beträchtlich; fo folgt ge 
meiniglich eine toͤdtliche Auszehrung; wie die Exem⸗ 
pel eines Monro in dem 5. B. der Edimburgiſchen 
Verſuche beweiſen. Indeſſen ſind mir doch Bey⸗ 
ſpiele dieſer Art bekannt, wo die Peruvianiſche Rin⸗ 
de taͤglich in einer ſtarken Dofi mit oͤftern abfuͤhren⸗ 
den Mitteln gegeben; und äuferlich der: Gebrauch 
vitriolifcher Mittel heilſam geweſen ift, 2 


440 Don einem Krebsgeſchwuͤr in der Bruſt . 


Krankheiten haben, die aus innern  Urfachen ent 
fiehen. Mur in denjenigen Krebsſchaͤden, welche 
fih an folhen Theilen befinden, woman frey zu= 
fommen fan, bey weldhen die Säfte des Cörpers 
noch nicht mit den fremden Gifttheilgen angefülle 
find, welche von äußerlichen Urfachen entſtanden, 
und noch nicht fang gedauret haben, Fan der Arzt 
fein Heil verſuchen. 
Principiis obfta, fero medicina paratur,’ 
Cum mala per longas invaluere morat. 
Benyn einem offenen Krebsgefchwüre ift anfang- 
lich die ausfließende Jauche nicht allzeit fo freffend: 
Eine verfehrte Curart, unzeitige Schamhaftigfeit 
der Patienten u. d. g. fragt vielmals das meifte Das 
zu bey, daß fie erft bögartig und. gend wird. Man 
muß daher einen Unterfcheid unter. einem Frebsartis 
gen Geſchwuͤre und dem offenen wahren Krebs felbft 
beobachten. Benfpiele der erftern Art ereignen fid) 
nicht felten bey Sechswoͤchnerinnen oder ftillenden 
Meibern nad) einem fo genannten Anfchus, * oder 
von andern außerlichen Urfachen. _ Dergleichen 
Frebsartige Geſchwuͤre koͤnnen fich aber gar leicht⸗ 
Jich in den wahren Krebs verwandeln, bey welchen 
ein in 'höchften Grad feharfes freffendes und ſtinken⸗ 
des Waffer ausfließt, das in die Tiefe um ſich greift, 
wo die Lippen der Wunde auffchwelfen, ſich umdre⸗ 
ben, und bald weiß, bald roch, bald blau oder 
ſchwarz ausfehen; wo ein abmechfelnder — 
| ren⸗ 
*S. bed Herrn Prof. Delius Abh. von einem geheilten 
krebsartigen Knoten in der Bruſt ꝛc. in dem 16 


Stüd der beliebten und wüglichen Fraͤnkiſchen 
Sammlung sc. p. 323, 


Von einem Krebsgeſchwuͤr inder Bruſt. 441, 


brennender Schmerz macht, daß dergleichen elende 
Menfchen ihres Lebens ſatt find, wo heftige Zuckun⸗ 
gen, Blutfluͤſſe, fehleichende Fieber, Verluſt des: 
Geruchs und Gehörg, nebft Ohnmachten zulege ſich 
vorfinden; bey ſolchen betruͤbten Umſtaͤnden blei⸗ 
ben wir freylich noch leider troſtloſe Zuſchauer. Und 
iſt es ſich billig zu verwundern, wie bey dergleichen 
gewaltigen Zufaͤllen ſolche elende Patienten dennoch 
zuweilen noch uͤber Jahr und Tag leben koͤnnen. 
Alles, was wir hier thun koͤnnen, iſt, daß wir uns 
bemühen, diefe berührten fhlimmen Zufälle zu lin⸗ 
dern, und die Laſt jenen Ungluͤckſeligen ertraͤglicher 
zu machen. 

Mein Vorſatz iſt gegenwaͤrtig nicht, eine Ab⸗ 
handlung vom Krebs zu ſchreiben; zu Ende dieſer 
Anmerkungen von Krebsgeſchwuͤren werde ich jes 
doch Gelegenheit nehmen, noch etwas von dieſem 
Punkt zu beruͤhren; anjetzo aber mich zu meinem 
vorgeſetzten Zweck wenden, und Nachricht von ei⸗ 

nem gluͤcklich geheilten Krebsgeſchwuͤre in der Bruſt 
geben. Eine jede richtige Wahrnehmung eines be⸗ 
ſondern Falls kann zur Aufnahme der Chirurgie 
etwas beytragen, und die Quellen vermehren, in 
aͤhnlichen Faͤllen davon Nutzen zu ſchoͤpfen. Ich 
ſchmeichle mir daher, daß auch folgende Krankenge⸗ 
ſchichte von jungen Aerzten mit Vortheil gelefen 
werden koͤnne. 

Eine sojährige Frau von einer holerifch-fan« 
guinifchen Leibsbefhaffenheit, die nur einmal ge⸗ 
bohren, und niemals eine fonderliche Kranfheit ge: 
habe hatte, fpürte vor 6. Jahren, nad) einem längft 
ve von hngefehr ln Stoße an die 

86 linke 


442 Von einem Rrebsgeſchwuͤr in der Bruſt. 


linke Bruſt, einen harten Knoten in derſelben, der 
die Groͤße einer mittelmaͤßigen welſchen Nuß hatte, 
dabey aber keine Schmerzen, noch die geringſte 
Empfindung verurſachte, und vielleicht auch Zeitle⸗ 
bens ruhig geblieben wäre, oder fi auch wohl 
durch eine gefchickte Hand noch hätte Fönnen zerthei- 
fen laffen, * wenn fie nicht auf Anvathen einiger 
Freunde und alter Weiber allerhand Schmiralien 
aufgelegt, und dadurd) den Scirrhum in der Bruſt 
immer mehr und mehr vergrößert, ſchmerzhaft, 
und mit einem Wort, zu einen verborgenen Krebs 
gemacht hätte. Dem ohngeacht fuhr fie mit dem 
Gebrauche ihrer Salben getroft fort, und glaubte, 
der jucfende Schmerz fen, nad) dem durchgängig 
angenommenen Wahn des Bulgi, ein guter Bor: 
bothe zu einer glücklichen Zertheilung. Da aber 
die Schmerzen je länger je mehr, befonders nach ei- 
niger Gemüchs- oder Leibsbewegung, ſich vermehr: 
ten, auch) die Geſchwulſt ſich vergrößerte; fo ſuchte 
fie weiter Rath, und hatte auch das Glücf, in die 
Hände eines gefchickten Wundarztes zu gerarhen, 

der 


Ob es gleich ſchwer Hält, einen Seirrhum zu zerthei⸗ 
—len, fo geht es doch manchmal glüclich an, wenn 
er noch nen ift. Ich habe ohnlängft an einem juns 
gen Menfchen von 32 Jahren mit Vermunderung 
wahrgenommen, daß fich, nach einem ausgeftanden 
hitzigen Fieber, das von der Art war, welche im vo⸗ 
rigen Fahr hier in Dreßden fo Häufig graßirten, fein 
fchon über 2. Jahr lang getragene, eine Fauſt grof 
fe und fchon fchmerzhafte, auch an einigen Stellen 
entzündete Verhärtung in der Bruft, mit dem Fie⸗ 
ber fich gänzlich verlohr, und befindet fich dieſer jun« 

ge Menſch noch bis jeho volllommen gefund, 


Voneinem Krebsgeſchwuͤr in der Bruft. 443 


der ihre harte nicht allzu feft figende Geſchwulſt mie 
mwahrfcheinlich guten Erfolg und möglichiter Behut⸗ 
famkeit auszufchneiden verfprady, * bey Unterfaf 
fung diefes Vorfchlags aber alle‘ Folgen verfündig- 
te, die, wie fie felbft geftund, endlich würflich ein» 
geeroffen find. Der gute Rath der Klugen hat 
aber gemeiniglich das Schieffal, daß er am felteften 
befolgt wird. Die Patientin wollte demnach von 
feinen Schnitt nichts hören, und ihr beſtimmtes 
Unglücf abwarten. Gegen ihr sıftes Jahr ver 
lohr fich allererft ihre monarhliche Reinigung. Mit 
diefer Veränderung fanden ſich bey ihr allerhand 
gemöhnliche Befchwerniffe ein, die jedoch mehren: 
theilg 
* Das Augfchneiden der Krebfe ift mohl ohnftreitig 
der fürzfte Weg. Die Beftimmung der Folgen ift 

nur noch ziemlich ungewiß. Er kommt gemeiniglich 

an einem andern Theil wieder. Ben gefunden Pers 
fonen, und nicht feft fitenden Krebfen von dußerlis 

chen Urfachen, fie mögen verborgen oder offen ſeyn, 

wird der Wundarzt inbeffen nicht zu viel wagen, 
wenn er fie augfchneidet. Selbft die unter der Ach⸗ 

fel angelaufenen Drüßen find nicht immer Verbie⸗ 
tunggzeichen des Schnitte. Herr Prof. Zinn hat 

in der Abh. der Goͤtting. Gef. der Wiffenfchaften in 
2.8. auf das Jahr 1755. bemeri daß fich die 
ſcirrhoͤſen Drüfen unter der Achfel verlohren, als 

ſich nach dem Abfeen der Bruft eine gute Eiterung 
eingeftellt. So einfach man indeflen heut zu Tage 

diefe Operation verrichten fan, indem man weder 

des Helvetii Zange, moch eine Gabel, noch dag fi 
helförmige Meffer u. d. 9. dazu ndthig hat, ſon⸗ 

dern ein Bifouri und bie Finger binlanglich find 
dergleichen Geſchwuͤlſte augzufcheelen, fo fehr verabs 
ſcheuen jedoch die mehrefien Menſchen das a 

| r 





444 Don einem Krebsgeſchwuͤr in der Bruſt. 


theils. durch Die Beyhülfe eines Medici gehoben 
wurden. Allein.in Anfehung der verhärteren Bruft 
wurden nachhero alle in folchen Umſtaͤnden gewoͤhn⸗ 
liche Zufälle lebhafte und heftiger. Nichts defto 
weniger vertraute fie ſich noch nicht jenem fürchter« 
lichen Wundarzte, der ihr vom Schneiden vorge: 
fagt hatte, -fondern quackfalberte mit verfhiedenen 
Afterärzeen noch ſo lang, bie der Schade aufbrad), 
und ein wuͤrklich Krebsgeſchwuͤr zum Vorſchein Fam. 
Eine unglückliche Neigung treibt die Menfchen viel 
eher zur Wahl der großen Ignoranten und Groß» 
fprecher ; diefen gefährlichen Mitgliedern des menfch- 
lichen Gefchlechts vertrauen fie lieber. ihren Foftbars 
ſten Schag auf Erden, als rechtſchaffenen Aerzten, 
3 und 


Wir müffen daher vielmals nachgeben und auf Mit 

tel denken, welche theilg einen verborgenen Krebs 
vertheilen, oder zur glücklichen Eiterung difponiren, 
theild wenn er offen, diefelbe unterhalten, und die 
fremde unnüge Portion der Bruft abfondern koͤnnen. 
Db nun gleich viele Aerzte die Zertheilung verborges 

ner Krebſe laͤugnen, fo halte ich fie doch vor eben 
fo möglich, ald möglich e8 ift, fie dann und wann 
in einen Abſceß zu vertvandeln. Nur hat man fich 
bey dieſ Abſicht vor ermeichende fette Dinge zu huͤ⸗ 
ten. At nüglichften find Emplaftra e gummatibus, 
und glaube ich, daß man dag fo genannte Empl. ni- 
grum fulphuratum, das in Gangrena ſo vorzügliche 
Dienfte thut, und in Leefecks Abh. augerlefener Arz⸗ 
nepmittel, p. 533. ingleichen auch. in Kleinii Sele- 
&u rat. medic. p, 80. befchrieben wird, auch Hier mit 
Nutzen wird anwenden koͤnnen. Die Aehnlichkeit 
ber Krebögefchwüre mit der Gangrzna ift groß ges 
nug, daher jene auch nicht mit Anrecht der eingefal« 
gene Bignd genenne werben, 


Vone einem Krebsgeſchwuͤr in der ruft. 445 


und fie werden gemeiniglih ihren Irrthum nur 
dann getwahr, wenn fie der Schade Flug gemacht 
hat. Ein ohngefehrer Zufall brachte vor 3. Jah⸗ 
ren endlich auch mich in ihre Befanntfchaffe und 
Vertrauen. Man verlangte injtandig von mir 
Huͤlfe. Ich fonnte aber fogleich wenig Troft ges 
ben; Denn ich fand nach Umterfuchung des Schar 
dens leider die berrübten Merkmale eines Krebsge⸗ 
ſchwuͤrs. Die Bruft war Außerlich entzündet, und 
Hatte auf den erhabenften Theil derfelben verſchie⸗ 
dene Deffnungen, die nur durch eine duͤnne Haus 
von einander unterfihieden waren; aus denfelben 
floß feit 4. Wochen eine waͤßrichte Feuchtigkeit, die 
widrig und faul roch, ſchon ziemlich fcharf, jedoch 
nicht fo häufig war, daß der Patient dadurch wäre 
geſchwaͤcht worden. Der Umfang des Knotens 
hatte überhaupt die Größe eines Gänfeeyes, und 
nahın die untere und äußere Helfte der Bruft ein, 
faß ziemlich feſt, und war hoͤckericht, doch mehr 
ſchwammicht als derb anzufühlen,' fo wie auch 
wuͤrklich durch die Deffnung ein zaͤſerichtes ſchwam⸗ 
michtes Gewebe zu bemerken war. Mac) der Aus: 
fage der Patientin hatte fich jedoch erft die Härte 
der Bruft gemindert, feit dem fich die Feuchtigkeit 
einen freyen Abflug gemacht. hatte, man fühlte 
gleihfam Abfäge in der Bruft ; durch eine innere 
Bewegung mußte daher das ftorfende an einigen 
Stellen aufgelöft worden fen. Im übrigen fan- 
den fich weder aufgeriebene Blutadern noch allıu 
heftige Schmerzen dabey. : Diefe waren mehr 
brennend und jucdend, als wenn ftets eine heife 
Aſche in der Bruſt verborgen. läge. Anbey 


446 Don einein Arebsgefchwür in der Bruft: 


empfand fie fehr öfters eine Beängftigung in der 
Bruſt, und Herzklopfen. Bey fo bemandten Um- 
fanden war num freylich guter Nach) theuer. Da 
jedoch diefes Krebsgefchwur noch in feinem Anfang 
und Wachschum war; und die Patientin noch gute 
Säfte und Kräfte hatte; fo wurde ich um fo viel 
beherzter, die Beforgung einer Eur zu überneh- 
men, von welcher der. Erfolg endlich auch meine 
Erwartung: überftieg.. Ob mir nun gleich dazu 
mal fchon verfchievene Mittel befanne waren, wel- 
he die Aerzte in dergleichen Fallen angerathen, 
oder auch wohl felbjt glücklich angemender hatten; 
fo gefiel es mir doch aus beſondern Urſachen, ‚den: 
jenigen Weg zu wählen, wozu ich vor langer Zeit 
auf meinen Reifen von einem gefchicften Wundarzt 
die Spuren befommen. Da id) aber von dem 
glücklichen und eigentlichen Verfahren diefes num 
mehro- verftorbenen Mannes, in einem ähnlichen 
Falle, eben fo genau nicht unterrichtet worden, fo 
war ich genöthiget, mir bey jenen dunfeln Begriffen 
einen eignen Plan zu entwerfen. Dem zu folge 
richtete ich meine. Abfiche einzig. und allein dahin, 
die Schärfe und Faͤulnis des Geſchwuͤrs zu filgen, 
den fremden ſchwammichten Theil von der annoch 
gefunden Bruft abzufondern oder wegzubeißen, und 
dann daflelbe gehörig zu reinigen. und zu heilen. 
Um nun diefen. Indicationibus mit innerfichen. Mer 
dicamenten zu ftatten zu Eommen, verordnete. ich 
zuvörderft einen Tranf aus dem Guajaco, Saflapa- 
rill, $trobulis Pini, Polypodio und etwas von der 
peruvianifchen Ninde, diefen ließ ich eine Zeitlang 
mie Mild) oder Molfen trinken, fodann aber waͤh⸗ 

J render 


Don einem Rrebsgefchwüt in der ruft. 447 


render Cur pro potu ordinario fortfegen. Wobey - 
ich) eine gute Dier vorfchrieb, taͤglich eine gute Do- 
fin von Liquore anod. min. Hoflm. nehmen ließ, und - 
dann und wann mit Laxantibus antiphlogifticis ab« 
führte. Aeußerlich aber machte ich meinen erften 
Verſuch durch den mit Waffer verdünnten ſchmerz⸗ 
ftilfenden Liquore des Hoffmanns. * Der Schas 
den ließ fich hierauf nach einigen Tagen auch ganz, 
gut an, durch das öftere Benegen und Auswaſchen 
mit diefem Liquore wurde der uͤble Geruch) der Jau⸗ 
he gemindert, und das ſchwammichte Wefen fing 
ſich an in etwas zu fegen. Da meine Patientin 
bey deflen Gebrauch jedoch allzeit über vermehrte 
Schmerzen Flagte, fo wählte ich ein gelinderes Mite 
tel, nemlic) die wäfferige Solution eines beſondern 
Lapidis medicamentofi, welchen ich) mir aus 2. Thei⸗ 
len Bitriol, 1. Theil Alaun und eben fo viel Sal- 
peter bereitere. Mit diefen allzeit gewaͤrmten kla⸗ 
ren vitriolifchen Waſſer befeuchtere ich Charpie, be⸗ 
deckte damit die ganze offene Fläche des Geſchwuͤrs, 
und-wiederhohlte den Verband täglich 3. bie 4, 
mal. Um die ganze Bruft legte ich ein Pflafter, 
das aus dem Emplaftro Diapompholigos, Empl. 
de 


* Der Liquor mineralis anodinus Hoffmanni 
iſt, wenn er nur vecht bereitet worden, aͤußerlich 
bey ulceribus putridis &c. von vortrefflicher 
Wuürkung. Er reinigt, abftergirt und heilt, Mit 
fehe gutem Nutzen habe ich ihn verfchiedene mal 

in curieufen Knochen zur Abblätterung gebraucht, 
Mehrerd fan man davon in Hoffm, Med. ſyſt. 

Tom, IV. p. 5. c. 6. p» 450: nachleſen. 


448 Von einem Krebstgeſchwuͤr in der Bruſt. 


de Minio, * worunfer etwas von Sal.C.C. gemifcht 
war, beftund. sn die Mitte diefes geftvichenen 
Dflafters wurde ein fo großes Loch gefihnitten, ale 
der Umfang des. mit-Charpie' bedeckten Geſchwuͤrs 
war, damit ein-Fleineres, diefe Deffnung bedecfen- 
des Pflafter, fo oft als nöthig war, die Charpie 
enzufeuchten, oder reine aufzulegen, bequemlich 
Fonnte abgenommen, und wieder aufgelegt werden. 
Auf diefe Art behandelte ic) eine Zeitlang diefes Lie- 
bel, und fahe zu meinem Vergnügen den gehofften 
Erfolg. Das ſchwammichte Gewebe trocknete im- 
mer mehr und mehr zufammen, und fonderte fich 
in Fleiner Portion nach und nad) ab, fo, daß ich 
mir die wahrfcheinlichfte Hoffnung zu einer glüclis 
chen Eur machen Fonnte. Indeſſen gieng fie mir 
zu langweilig. Ich glaubte daher, die Eur zu bes 
fihleunigen, und das faßigte Weſen geſchwinder 
zu tilgen, wenn ich das vitriolifche Waſſer mir ei- 
nem dem Liquore des Hoffmanns ähnlichen Mictel, 
nemlic, dem Elixirio acido Dippelii vetftärft, ge- 
brauchte... Und ich verfehlte hier abermals im ge= 
ringften nicht meinen Zweck. Die darnach wieder 
um- erfolgten geringen Echmerzen achtete ich nicht 
mehr, da fie zumal bald vorüber giengen. Mit 
diefem verftärften Mittel fuhr ich alfo fort, mein 
Krebsgeſchwuͤr täglich öfters zu reinigen, Abends 
legte ic) fodann eine Salbe auf, die aus zween Thei- 
len einer fügen balfamifchen Vitriolerde, (derglei- 

chen 


. * Das Minium fol in Krebsgeſchwuͤren des Penis 
ein vorzuͤgliches Mittel feyn; S. Legon de Chi- 
mie de l’Univerfis€ de Montpellier&c. 1750. 


Yon einem Arebsgefchwür in der Bruſt. 449 


chen man nach der Verbrennung und Auslaugun 
des Colcothars des Bitriols erhäle) und einen Sheil 
des feinften ausgelaugten Pulvers des oben erwehn⸗ 
fen medicinifchen Steins und einer hinlänglichen 
Menge Olei hyperici beftund. Wodurch ich im- 
mer merflicher die Abfonderung und Vertrocknung 
des ſchwammichten Wefens in der Bruft beförder- 
te; in einige Höhlen oder vielmehr Gänge deſſel— 
ben, wo der lockerſte Theil fih ehender abgelöft 
hatte, ließ ich öfters von dem warmen vitriolifchen 
Waſſer einfprigen, verhinderte den Ausflug deffel- 
ben eine Zeitlang, und erhielte mie diefem Verfah—⸗ 
ren, daß endlich nach 4. Monathen weder ein 
ſchwammichtes Wefen. noch Härte in der Bruft 
mehr zu bemerken war. Die frifchen Nänder nä- 
herten fich hierauf an einander, fo, daß fich ſodann 
in wenig Tagen die übergebliebene Fleine Deffnung, 
ohne mweitern Gebrauch anderer balfamifcher Mit 
tel, vollfommen ſchloß. Kein würflich gutes Pus 
fand fid) jedoch) in der ganzen Cur, fondern nur ei- 
ne fette graue Materie floß zulegt aus, dergleichen 
man gemeiniglich bey Furunculis wahrnimmt. So 
empfand die Patientin auch in den legten Zeiten 
immer weniger Schmerzen, und genießt nunmeh- 
vo feit zween Jahren eine vollfommene Geſundheit. 
Auf erzehlte Art begegnere ich alfo einem Uebel, 
welches man nur felten zu überwinden das Gluͤck 
hat. Ich weiß wohl, meine angemendeten. Mit: 
tel find nicht neu; man findet hin und wieder Spu⸗ 
ren, wo die Schriftfteller wider den Krebs Medi: 
camente aus dem Bitriol angeprieſen. Allein.noch 
jego ift mir doch noch Feine Gefchichre bekannt, die 
Dresdn, Mag. J. B. Gg mit 


450 Don einem Krebsgeſchwuͤr inder Bruſt. 


mif der meinigen, in Anfehung. der. Arzneymitsel, 
eine Aehnlichkeit hätte. Und gefeßt, man fünde 
auch würflic) eine angemerft; fo werde ich es mir 
Doch zur Ehre rechnen fünnen, wenn ich zum Wohl 
der Menfchen ein veraltetes, oder nicht fonderlich 
befanntes Mittel, durch eine neue Wahrnehmung, 
wieder belebt, in Gebrauch gebracht und beftäti- 
get habe. Baſilius Valentinus hat ſchon eine 
Salbe in Krebs angerathen, die aus Olei hyperi- 
ei Unc. iij. Olei olivarum Unc. f. und Olei vitrioli Unc. 
3). durch die Digeftion mit Zu- und Abgieffung gemei- 
nen Waſſers, bis es nicht mehr fauer ſchmeckt, bereis 
tet wird. Und ich zmweifle nicht, daß Diefes Mittel, 
fo wie der denfelben- ähnliche Balfamus vulnerarius 
Henfingii, in Krebsgeſchwuͤren nuͤtzlich anzuwen⸗ 
den wäre. in den Ephemerid. Nat. cur. Cent. 
VI. Obf. 43. finder fi) ein Benfpiel, wo ein Krebs 
an den Lippen mit den blauen Vitriol geheilt wor- 
den. Herr van Swieten erzehlt 1. c. p. 884. daß 
Boerhaave mit den fiharfen Vitrioloͤl felbft einen 
Krebs an der Mafe weggebeitzt. Und in Endters 
Sammlung vom offenen Krebs, p, 638. wird ei- 
ne der meinigen faft ähnliche Bereitung eines me- 
diciniſchen Steins befchrieben, ‚welchen denfelber 
ein ungenannter Arzt mitgetheilt, und wider den 
Krebs angepriefen hat, Allein es finden fic) Feine 
Nachrichten, ob derfelbe von jemanden in folchen Fat: 
len inGebrauc) gezogen worden. Die Geſchichte, wel⸗ 
che in des fo berühmt gemwefenen Plattners, Chir. * 
zu Ende der Abhandlung vom Scirrho und Krebs, 
von dem glücklichen Gebrauch eines Liquoris acid 

in 

” Deutfche Ausgabe, P- 93: 


Don einem Krebsgeſchwuͤr inder Bruſt. 45 
in einer ſchwammichten krebshaften Bruſt, ange: 
merkt worden, verdient hier nicht minder eine Be⸗ 
trachtung. Nach Teichmeyern und anderer Aerzte 
Meynung ſoll ſelbſt das Kortholtiſche, ſo oft 
wider den: Krebs bewaͤhrt befundene Geheimniß, 
vitrioliſch geweſen ſeyn. Und ſo findet man bey 
ſehr vielen Schriftſtellern Beyſpiele, wo das aci- 
dum vitriolicum wider den Krebs angerathen wird. 
Es ift daher zu bedauern, daß dergleichen Mittel 
von den nenern Aerzten ſo wenig in Erwegung 
gezogen werben, Ein herrfthender Geſchmack zu 
den neuen verurſacht, daß wir oft mürffich viel zu 
leichtſinnig alte Mittel verlaffen, ehe wir. fie noch 
genugfam-geptüft haben. Ich will zwar noch 
nicht behaupten, daß in dem acido —— etwas 
fpecifiques wider den Krebs verborgen liegt. Es 
Fan ſeyn. Indeſſen getraue ich mir noch niche 
völlig, das’ Verhältnis diefer Krankheit zu den ſau⸗ 
ern Mitteln zu beftimmen. Ueberdies ift mir gar 
wohl befannt,; wie groß manchmal die Abweichun⸗ 
gen der Krankheiten einer Arc find, und wie wahr 
daher der Ausſpruch ift, was öfters gut gethan, 
trifft doch niche immer ein, Eben daher hat man 
bey Krankheiten einen gefchieften und rationellen 
Arzt nöthig, der nad) der befondern Befchaffenheie 
derſelben beſondere ſchickliche Mittel ordnet; eben 
Daher ift es aber auch niche fo-leiche ein vernuͤnfti⸗ 
ger Arze zu ſeyn. Nur dann wird die ganze Arz⸗ 
neywiſſenſchafft ein Werk vor das Gedaͤchtnis al⸗ 
lein, und vor alte Weiber ſeyn, wenn wir wider 
jede Kranukheit ein fogenanntes Specificum haben 
werden, Und Doch würde auch da noch unendlich, 

; Gg 2 in 


452 Don einem Krebsgeſchwuͤr in der Bruſt. 


in Anſehung der Erkaͤnntnis der Krankheiten, gefehlt 
werden koͤnnen. Es iſt unterdeſſen genug, wenn 
wir aus einem gewiſſen Vorrath von Arzneymitteln, 
die uns Vernunft und Erfahrung gegeben, in aͤhn⸗ 
lichen Faͤllen zum Wohl der Sterblichen ein adae- 
quates Mittel waͤhlen koͤnnen. Und hierinnen be- 
ſtehet die groͤßte Geſchicklichkeit der Praxis. Ich 
hoffe demnach wenigſtens bey einigen Wundaͤrzten 
Dank zu verdienen, wenn ich hier noch einige wi⸗ 
der den Krebs bekannt gewordene Mittel anführe, 
von welchen man ſich, bey vorfommenden ähnli- 
hen Fällen, eines nad) feinem Gefallen ausfuchen 
Fan. ©. Sch werde, um alle Weitläuftigfeit zu ver« 
meiden, nur einige,würdige ausleſen, die ſich ſchon 
durch. Erfahrung beſtaͤtiget haben; da vielleicht 
eine Menge von denen, ‚Die man noch hin und wie 
der. in den Autoribus antrifft, ſo wie noch unzeh⸗ 
lich andere Arzneymittel in der Materia, medica, ih⸗ 
re Erfinder betrogen haben. 

Zu den vorzuͤglichſten Mitteln. Fan. man 
Demnach die Salbe-des Nortfords rechnen, wel⸗ 
ce er an oben angeführten Orte befchreibt, und wo⸗ 
mit er eine mit einem Frebshaften. Schwamme be= 
haftete Bruft völlig und dauerhaft geheilt hat. 
Sie befteher aus.dem Safte des Saamens der 
Springwurzel, (Catapuria) diefer wird in einer 
bieyernen Schaale an die Sonne geftellt, bis er fo 
dick wie Honig wird; unter-einer Unze dieſes Safts 
wird ein Scerupel;gebrannt ‘Bley, umd eben fo .viel 
mit Kalchwaſſer niedergefihlagenes- weiſſes Queck⸗ 
ſilber gemiſcht. So dann ruͤhmt Bernhard ir 
fern. chymiſchen Sen, und, Erfahrungen, 

P. 164 


Don einem Rrebsgeſchwuͤr inder Bruſt. 453 
P- 164. & ſeq den grünen Salpetergeift mit Ey⸗ 
weiß vermifcht, ingleichen auch die Effenz des Gal- 
bani, als fehr Fräftige Mittel zur Heilung der Krebse 
geſchwuͤre: wo eraber auch anjeigt, daß er hierbey 
die Speichelcur völlig fhAdfich befunden habe; wel⸗ 
ches auch) das Benfpiel beffätiger, fo Schaarſchmidt 
in dem 3. Th. feiner medie. und chirurg. Nachrich- 
ten anführt. Quesney * hat mit dem Safte des 
Sedi vermicularis fl. albo, dag ſchwammichte Fleiſch, 
Das wie eine Fauft groß war, verzehret, daß es 
wie Schuppen abgefallen. md erft vor kurzer 
Zeit hat ein Arzt zu Neu⸗York die Phyrolacca Tour- 
nef. fd von unfern Gärtnern Amaranthus baccif. 
— und häufig aus dem Saamen fortgeflanzt 
ird, ‘wider den Krebs zu verſchiedenen malen heil- 
fam befunden. Es waͤchſt diefes Gewaͤchs in Ame- 
rica, auch in Mayland und Florenz wild, und 
Fan, wenn es jung ift, wie Zugemüs gegeffen wer 
den, wenn es aber älter wird, fo ift fein Saft ſcharf 
nnd aͤtzend. Aus diefem ganzen Gewaͤchſe preßt 
man den Saft, läßt ihn an der Sonne zu einer 
Honigdicke werden, und ftreiche ihn als ein Pfla- 
fter auf ein Tuch, und lege ihn auf den Schaden. 
Einige zerftoßen nur das Kraut, fo grün, und le- 
gen es als einen Breyumfihlagüber. Mit dieſem 
Safteifoll ein. Krebs im Gefichte in Zeit von 8. Wo⸗ 
hen, und ein Krebs in der Bruſt in 6. Wochen 
gänzlich geheile worden feyn. Die Schmerzen, fo 
varnach 24. Stunden anhalten, muß man aushal- 
2, . 693 Ge ten. 


* Siehe deſſen Trait& de Part de guerir par la 
Saignee’&c. p, 171. 6 — 


* Don einem Krebsgeſchwuͤr in der Bruft? 


Es waͤre alſo wohl der Muͤhe werth, daß 
— die ſes Mittel, da es bey ung in großen Gaͤr⸗ 
ten überall zu finden, weiter anwendete. Schrei⸗ 
ber * lobt in Fleinen Krebfen das Beigen mit dem 
Safte des Cardui tumentofi, und den Gebrauch 
des Baumöls, in welchen plumbago digeriret wor⸗ 
den; nicht minder eine Salbe aus Colcothar und, 
Honig, und einen Tranf von Guajaco. Perry’ ** 
die Tinct. martis Mynſichti mit dem Unguento ba- 
Älici zw einen Balſam gemacht. - Lambergen, 
hat den von vielen Schriftſtellern wider. den Krebs. 
ongerühmten, Saft der Belladonnae äußerlich ver- 
geblich gebraucht: Er gab. daher das. Infufum der⸗ 
felben innerlich, und hat das Glück gehabt, einen, 
Krebs. zuverlaßig damit, zu heilen. *”* Ritter, 
xühme dawider die Fieberrinde, und verfichere von 
Derfelben, daß man fie in den Miederlanden mit 
MNutzen zur Heilung des Krebs anwendet. }  Lins 
3er erhebe bey offenen Krebs und Frebsartigen Ge⸗ 
ſchwuͤren, als ein innerlich und äußerlich Mittel, 
Bat Dal lei tt ie hingegen den 
thio- 


* S. bdeffen Erkaͤnntnis und. Eur der vornehmſten 
Kranfheiten, P- 68. 


S deſſen Accunt of the hyfter. paff, Lond, 
1755. im Anhang vom Krebs. 


9 &, gambergen Ledio inauguralis Siftens Ephe- 
meridem perfanati Carcinomatis Grœn. 1754. 


‘+ Ada nat. curiof. V. X. p. 153. 
tt ©. Hamb. Magajin 9. B. pı 481: . . 


Von einem Ärebsgefhwür inder Bruſt. 455 


ZEthiopem mineralem. * Here Jacobi hat in ei 
nem Krebsgeſchwuͤre den mie Mohnöl ausgekochten 
Spiesglasſchwefel unter der Silberglättfalbe, dazu 
er den Eßig mit Vitro antimonü digerirt hat, kraͤf⸗ 
tig befunden. ©. nova adta acad. nat. curiof. T.I. 
P- 233. Unter denen Mitteln, die aus dem Queck— 
filber bereitet werden, muß id) auch noch dasjeni= 
ge anführen, welches Herr Gmelin evt Fürzlich 
in der ſchon oben angeführten Differtation befchrie= 
ben hat. Es. befteht aus dem freflenden Queckſil⸗ 
berfublimat, von welchem 4. gr. in 48. Unzen Bran⸗ 
Demein aufgelöft werden, davon laßt man Mor- 
gens und Abends einen, höchftens 2. Löffel voll 
nehmen. Hierauf muß man aber häufig von eis 
nen demulcirenden Trank nachtrinfen, und des 
Morgens jedesmal einen Schweiß abwarten. Yeuf 
ferlic) lege man aufden Krebsfchaden täglich 4. mal, 
jedesmal eine halbe Stunde lang, eine Baͤhung mie 
wollenen Tüchern aus Aceri famb. Unc. f. Aq. rof. 
Unc.vj. Sal. Xc. Drach.f. Spirit. matric. Drach. j. 
Vitrioli de Cypro gr. V. Sodann verbindet mar 
mit folgenden. Unguento. Rec. Aceti Lithargirit 
Drach. i. ..Sacchari faturni gr. X. Succi fedi rec. 
Unc. i. Ung. nurriti Unc.i. m. f. Ung. Auf 
Diefe Ark foll die Eur in 3. Monathen verrichtet 
feyn. So vielen Beyfall zwar diefes Mittel felbft 
bey großen Aerzten gefunden has; ** fo bedenklich 

4 iſt 
* S. deſſen medic. und chirurg. Anmerk. des kazareths 
der Charite in Berlin, P. 57 


PR Einer der größten Aerzte unſerer Zeiten, Hert Van 
Swieten 


456 Don einem Krebsgeſchwuͤr in der Bruſt. 


ift jedoch deffen Gebrauch. Außer diefem hat es 
einen abfcheulichen Geſchmack, daß e8 die Parien- 
ten kaum nehmen fönnen. Wenn man diefen Ge 
ſchmack auch gleich endlich noch mie gewiſſen Din: 
gen verbeffern Fönnte, fo glaube ich, jede Eur, fo 
man damit anftelfe, fen doch nur überrünche; indem 
feine natürliche Abfonderung darauf erfolge. Dann 
amd wann erweckt man wohl einen Speichelfluß, 
und dann gehe die Eur auch beffer, wie ich bey ei- 
nem Wundarzte wahrgenommen habe, der auf die» 
fe Art die geile Seuche fo wohl, als alle alte dene: 
tifche Geſchwuͤre, gemeinigfich mit gutem Erfolge 
feit langer Zei heilet. 
Endlich hat nur vor weniger Zeit Herr Ber: 
chelmann zween Salben befannt gemacht, die zu 
gleichem Endzwecke Fräftig feyn follen; "Die ſchwar⸗ 
je Salbe, welche er alg die vorzüglichfte betrachtet, 
befteht aus Theer, * roggen Mehl und dem Pul- 
ee Tune 
Swieten, preißt es fo wohl in dieſem Falle, als 
auch in der geilen Seuche, als ein ficheres und zu. 
verlaͤßiges Mittel an. S. Benevenüto Diff. hi- 
ftorica epiftolaris ad Clar: Jac. Barth; Becca- 
rium, qua epidemicae febres in Lucenſis Do- 
minii quibusdam pagis grafläntes deferibun- 
tur, nec non mercurii atque Corticis Peruvi- 
ani uſus in earum ufü rationis examini fub 
jicitur &c. und in andern Schriften mehr. 

* Das biofe Theerwafler erhebt fchon Berckeley 
in Krebsgefchwüren. Da im Theer eine Säure, 
ein ätherifches wie Zimmer riechendeg Del, und 
ein ſaures Effentialfalg fich befindet. S. acta — 

curioſ. 


Von einem Krebsgeſchwuͤr in der Bruſt. 457 


ver der Goldwurzel. Die rothe aber aus ungeſal⸗ 
jener Butter, rothen Bolus, Gold und Enziars 
wurzel, gelb Wachs, Frofchlaichpflafter und meif 
fen Bitriol, wodurch in Krebsgeſchwuͤren gut Ei 
ter erzeugt, und eine glückliche Heilung bewuͤrkt 
werden foll.* Die erfte Salbe wird nur Falt ges 
mifcht, und zu einem Unguent gemacht, die ande» 
re aber wird bey dem Feuer zu einem Pflafter ge- 
kocht. Herr Berchelmann hat zwar Danf ver- 
dient, daß er ohne Eigennuß diefe Mittel entdecket 
hat; allein meine und anderer ihre Bemerfungen, 
die Beftandeheile meiner in einem Krebsgefchwüre 
gluͤcklich angewendeten Mittel, und der Satz: con- 
traria contrariis curantur, fheinen feiner Erflärung: 
daß die Natur des Krebfes in einer fauern Schät- 
fe beftehe, entgegen zu feyn. - Ich will aber, um 
alle Streitigfeiten zu vermeiden, den Vorſchlag ei- 
nes Eberhards ** folgen, und nicht eher Theorien 
machen, bis ich genugfame Erfahrungen habe, die- 
felbe darauf ficher zu gründen, Ich wende mich da 
her zum Schluß meiner Bemerkungen, und erweh⸗ 
ne nur noch etwas weniges von der Behandlung 
eines würflichen und unheilbaren Krebfes, wo, wie 
Heifter angemerft har, felbft die berühmten Kort⸗ 
holiſchen Mittel öfters nichts ausgerichtet haben. 

635 Eini⸗ 


curioſ. Vol. X. p. 157. fo glaube ich vielmehr, 
‚ die gute Würfung diefer ſchwarzen Salbe hänge 
vielmehr von dem Theer, und nicht von der trocke⸗ 
nen Goldwurzel oder Schöllfraut ab. 
° ©, beffen Abb. vom Krebs, 1756. 
ve ©, deffen Sammlung ver ausgemachten Wahrheis 
ten in der Naturlehre. Halle 1755. p. 221 


458 Voneinem Krebstgeſchwuͤr in der Bruft; 


Einige: große Aerzte vathen hier, zur Stillung der 
graufamen Schmerzen das Opium unter lindern: 
de Salben zu mifchen. Lambergen hat ebenfalls 
eine- Mifchung aus dem Unguento Diapomph. 
si. Unze, amalg. mercurii und plumbi 12. Drach. 
Sperm. ceti $. Drach. wozu noch) etwas Opium ge= 
fest, bey feinem Cafu angewendet. Ich muß aber 
Die Wundaͤrzte warnen mit dem Zufaße des Opii, 
befonders in den Salben bey. offenen Schäden 
nicht allzu frengebig zu feyn. Ich habe gefehen, 
daß nach dem Gebrauch einer Salbe aus 3. Unzer 
Ung. nutrici und 4. Scrupel Opii ein Wundarze in 
einem offenen Krebs. zwar. auf einige Zeit den 
Schmerz in der Bruft geftille, es folgte aber dar: 
auf ein gewaltiges Reiſſen und Schmerz in dem 
Rüden und Frampfigtes Ziehen in den Füßen, und 
bald darauf endigte diefe. Patientin ihr elendes Le- 
ben. . Man Fan daher den Srfahrungen eines 
Doungs* um fo ehender frauen, wenn er fo 
gar, das Opium; innerlich gebraucht, bey dem 
Krebs vor fhädlich-hält; ‚da überdies auch nod) 
Here Loreys ** nach defielben Gebrauch in Pfla- 
fern und in Wunden ebenfalls ein Reiſſen und 
Zucungen beobachtet haben will. Ich halte da« 
vor, das oberwehnte vitriolifche Waſſer foll ftate 
des Opii zuträglicher feyn. Es mildert die Schär: 


fe Basen md eben daher ift es ſchmerzſtillend, 
und 


* S. deſſen Abh. vom Mohnſaft eꝛc. A treatiſe an 
opiuu. Edimb. 175 3. &c. 
Kecueil periodique d’ ehr " miedecine, 


* ".y ii x 24 edaer.s 224 fü $ 35 


Don einem Arebstgefehwür in der Bruſt. 459 


und hält das Gefchwür rein... Zu eben dem Ende 
fan es mit Silberglatteßig und Dele vermiſcht, zu 
einem Unguento gemacht werden. .. Hierdurch wird 
man den Schmerz doch wenigjtens. erträglicher ma« 
chen, und in Feiner Gefahr feyn,- fo wie mit dem, 
Opio, Unheil anzurichten, A — 
| u. Rumpelt. 
— v000 
IV. F 

Die Remora. | 
ie. Remora hat ihren Namen von den Roͤ⸗ 
mern daher erhalten, weil man vorgege- 
ben, daß viele diefer Fifche, wenn fie ſich 

Ran ein Schiff hiengen, daffelbe in ſeinem 
Laufe aufhielten oder hinderten. Die Franzoſen 
nennen ihn daher auch Arretesnef. Sonft heift 
er auch der fangende Fiſch, wie auch die Seelam- 
prete, weil er fich wie die Lamprete anhaͤngt. Die 
Holländer nennen ihn den Unflarhfifeh, weil er ſich 
von den Unreinigkeiten nähret, fo aus dem Schif 
fe. fallen. ee — 
Dieſer Fiſch iſt in ſeiner voͤlligen Groͤße etwa 
drey Fuß lang, und hat eine glatte Haut ohne 
Schuppen, wie ein Aal. Der untere Kinnbacken 
iſt etwas laͤnger als der obere, und der obere Theil 
des Kopfs iſt flach. Auf ſeinem Kopfe hat er ei⸗ 
nen Kamm, oder ein knorpelichtes oval und et— 
was plattrundes Fieiſchgewaͤchſe, ſo ſich auch noch 
uͤber einen Theil des Ruͤckens erſtreckt. Dieſer 
— Kamm 


460 Die Remora, 


Kamm wird nach hinten zu immer duͤnner, und 
laͤuft gleichſam ſpitzig zu. Er iſt etwa ſieben bis 
ächt Zoll lang, vorne fünf bis ſechs Zoll breit, und 
etwa einen halben Zoll erhaben. Diefes Fleiſchge⸗ 
waͤchſe iſt voll’ Eteiner Erhöhungen oder Spitzen, 
fo zwölf Reihen machen, und mit welchem fich der 
Fiſch an alles anhängt, was er antrifft, und zwar 
fo feft, daß Fein Menfch ihn abreiffen fan. Wenn 
er ein Schiff antrifft, fo verläßt er es nicht leichte. 
So lange es gut Wetter und nicht windig ift, fpie- 
let er um das Schiff herum, und fange die Unrei- 
nigfeiten auf, ‚fo aus demfelben fonmien. Wenn 
aber ein ftarfer Wind entftehet, und das Schiff ges 
ſchwind gehet? ſo Hänge er fich unten an den Bo⸗ 
den deſſelben, da denn die heftigſte Bewegung 
beym größten Sturm ihn nicht losmachet. Er 
hänge ficd) auch an Breter, und mas fonft auf 
dem Meere ſchwimmet, fo gar an Iedendige Thie: 
te, ale Schildfrören, Hayen und andere große Ft 
ſche, deren heftigfte Bewegung ihn nicht herab: 
fhleudern fan, Er bleibe auch an felbigen han 
gen, wenn fie gefangen, und aus dem Waſſer ge- 

z0gen werden. DO HR 
. Wenn das Fleifch diefes Fiſches eingeſalzen, 
und wohl zugerichtee wird; fo läße es fich eflen. _ 
Er finder fi) vornenlid in dem Meere zwi: 
fhen Africa und America, am häufigften aber an 
den americanifchen Küften. | = 

Allgemeine Keifebefhr. 12.8. 

°  Dampiers Reife um die Weit. 
Prien. 9 7 CHE. > 705, 1700 α 
 * V. Der 


ze ze 41 


. V, > \ 
Der Salamander, 

Anfer den vielerley Arten von Enderen auf 
der Kuͤſte Guinea ift eine graue, fo nicht 
gar zween Fuß lang, und weniger haͤß⸗ 

. lich, als die uͤbrigen iſt. Sie kriecht 

nebſt andern die Zimmer auf und nieder, und rei⸗ 
niget fie von allem kleinen Ungeziefer, ſo ihre 

‚Nahrung find. Die Europäer nennen fie Sala 

mander. Sie ift von fo Falter Natur, daß fi 

ſich in die Sonne auf einen Stein legt, der ſo 
heis ift, daß man ihn nicht in der Hand haften 

‘Fan, und fie fühle ſich dabey ſo kalt an als ein 

Froͤſch. Dieſes mag vermuthlich zu der Fäbel 

‚Anlaß gegeben haben, daß der Salamander im 

Feuer leben fünne, en 

Smichs Ri, 

Allgemeine Reifebefhr. 4. B. 


rk 





| Stand 


























































































































58] Thermom. ] | 28 
| Teer 
1641757 5 BI” ometer. 
55 2;|:|2 1 Rabmit.] Abends. 
3 3| 79. |61 7 2%127 | Abends. 
6 35. 70 6; \ 27 10. 2 .-.9 127 10 
„4883| 65 ent; 7 ir | 7. 11,27 pi 
Dash Zi, ‚sägl. | 27 5 27; 8 —— | 
22 473 74 Br „127 IL 27,10 2: 
— ga: 128.A Zi K| 
NER mi . 2 4 21* a! 
ns — 
s 7 242 7 II 
31 55 1251 128 a3 Auſa, 
15 ale 76 128 > 27 . 28 “ 
DSH 28 [a7 1x [a7 ie) 
17 3 71 24:20 > 105] 27 10 
18 8 86: 7! 27 10 2 > 9 27 J 
644178 6 128 4 7 1035| 28 2 
sa 58 — 28 — . 2.1.28 = 
1|52 | :7 1127 108 105 
2216 733161 27 10 |2 10;| 27 105 
23 gt 69 1 27.8 s 9127 9 
2 55; | 67 |6 2| 127 7 7127 
[ 4157: (6) 1297 7 
25 6 Is8° 4 1l27 3 27 8 
—— :7 95127 ‚27 9 
27 ru 763 |64 7 1032| 27 Ya 27 10 
28! 67 79 69 27 94|27- 927 9 
al 69 6 27 10 11,7 5 
9 | 60 3 27 7 9 
=16 27 Io ı2 x 
30|6ı a 611] |2 7127 6 79 
[31157 : 59 Ri 6|l27 8 ni 6 
7 10:|27 10! 27 10% 
2127108127 10: 
2 

















Ss — — — — —ñ —e  — 







































= 

= Sein, Früh. |Nachm. Abends. |.| Sei: |Nachm. |Abende. 
gewoͤlkt gewoöltt 

1| Regen |Ofchein! heile: Iı7 Oſchein Oſchein helle 
Oſchein 
Oſchem õ ſchein gewoitt gewoͤſtt -- 
2gewoͤlkt Sturm Regen 18 Ofchei Sſchein gewoͤlkt 

Regen): Degen |: 
ofen gewoͤlkt wer Megen 
3gewoͤlkt Regen Igewölft 19 mindig — gewoͤlkt 
truͤ 

Sfepein/gemditt| rũbe Igewoitel 

4gewoͤlkt Ofen helle |zojgemölfe Oſchei gemälft 














&ſchem gewoͤltt Rn _ \Ofayein gewoſtt gewoͤlkt 








TE ——— 
m 

























































gewolkt Oſchein 
6 geölt gewoitt gerodltt|__ Ri Regen Oſchein bene 
= Regen windig windig | ae 
gewoͤlkt Regen Regen Sſchem 
7| Regen ren helle |23igemwölft | gewoͤlkt Helle 
gemölkt 
Agersölft Se helle 24, Ofigein gerwölft|..bele’ } 
ordein) | ofen 
Sſchein Ofchent belle 25 Sſchein gewoltt Heer; 
gewoͤlkt Oſchein 
1 10/Ofgein Ofbein belle |26 ai 26 Sſchem Oſchein helle | 
* Sſchein Oſchem helle — Sſchein DSſcheim gewoͤſtt 
SR gewoͤllt ——— gewoͤllt helle helle 
Oſchein truͤbe 
12gewoͤlkt Oſchein Helle u trübe | trübe 
Regen | 
„zlOlsen Ofdhein Hee s "Regen |Ofehein| srübe- 
geroölfe| | gemölft\gemölfe| ___ 
= oe On helle |__| Regen | trübe | Regen 
——— 30 Nwindig windig truͤbe 
Dſchem Sſchein / belle gewoͤltt gewoltt gewditt 
ee ne. 
16 Oſchein Oſchein belle BI ii 


























Innhalt. | 


| 1. Bon einem Zeifignefte.und dem fehr ſon⸗ 
. derbaren Verhalten der beyden Vögel, 
die daffelbe gebauet haben. 403 


TI. Merfwürdige Himmels: Erfcheinungen- 
im Jahr Ehrifti 1760. nebft einigen Ger 
danfen von der Abweichung des Ma⸗ 


gnets. 408 

in. Don einem glüclich geheilten Krebsge⸗ 
| ſchwuͤre in der Bruft. 435 
IV. Die Remora. 459 
V. Der Salamander. Ä 461 


VI. Stand der Wetterglaͤſer, nebft der Wit: 
terung im Monat Augufto 1759. 462 


Dresdniſches 


Wagazin, 


oder 


Ausarbeitungen 
Nachrichten, 


zum Behuf 
der Naturlehre, der Arzneykunſt, der Sitten 
und der ſchoͤnen Wiſſenſchaften. 
Des erſten Bandes achtes Stuͤck. 





Dresden, 
bey Michael Groͤll. 1759. 






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| REGIA 





I. 
Zufällige Sedanfen 
über 
Die Eintheilungen und über die Ver⸗ 
bindungsarten der Vögel. 


ms find zwar, feit einigen Jahren, ver- 





fhiedene Eintheilungen ver Voͤgel 
zum Borfcheine gefommen, ich habe 
aber beobachtet, daß man diefe Thie- 
ve, in Feiner von denfelben, weder mit 
den übrigen vierfüßigen Thieren, noch) 
mit den Inſecten in eine gehörige Verbindung zu 
bringen bemühet gemefen, vielmeniger daß man auf 
die Berbindungsarten der Vögel felbft fein Augen- 
merk gerichtet feyn laflen; da es doch außer aller 
Ziveifel gefeßet ift, daß fich alle Merfe der Natur, 
von der geringften Stauberde an, bis zu den herr- 
lichften Gefchöpfen, wie eine Kette, unter einander 
verbinden: ob ung gleich die zu derfelben gehöri- 
gen Glieder zur Zeit noch nicht alle befannt find. 
Es hat zwar ohnlängft ein Gelehrter zu be- 
haupten geſuchet, daß man fich vergebens bemühe- 
te, dergleichen Zufammenhang unter den nafürli» 
Hh 2 chen 


468 Sufällige Gedanken 


chen Dingen ausfindig zumachen, indem man faft 
alle Arten der Gefchöpfe Fenne, deren Befchaffen- : 
heit ung von der Nichtigfeit diefer Bemühung fatt- 
fam überzeuge; allein, wenn. fi) diefes alfo ver- ; 
hielte, fo würden wir nicht immer noch neue, und 
vorher unbekannte Arten von Vögeln ausfindig 
machen, welche die in einem folchen Zufammenhan- 
ge vorhandene Lücken ausfüllen, und als Mittel- 
arten verfchiedener Verbindungen unter denfelben 
anzufehen find. 

Bey fo geftalten Umftänden, liefere ic) dem ges 
neigten Pefer gegenwärtigen Berfuch, um zufehen, 
in mwieferne die Vögel, nicht nur mit den vierfüßi- 
gen Thieren und Inſecten, fondern auc) unter ſich 
felbft in einer Verbindung ftehen. Einen Ver 
ſuch fage ich: denn ich fehe die gegenwärtige Ge- 
danken felbft noch nicht für etwas vollfommenes, 
vielmeniger aber für ein fuftematifches Lehrgebaͤude 
an, indem mein Endzweck nur blos dahin gehet, 
hierdurch Gelegenheit zugeben, daß man Fünftig 
auf die Gewohnheiten und auf den Fras, fo wohl 
der ausländifchen, als auch der einheimifchen Voͤ—⸗ 
gel beffer, als bishero, acht haben möge, worzu 
ung der Herr Paftor Zorn * bereits, in verfchies 
denen Stücfen, den Weg gebahnet hat. 

Man hält fih, bey der Betrachtung der Bor 
‚gel, insgemein bey der Geftale und bey den Far- 
ben derfelben auf, ohne daß man ihre Lebensart, 
ihre Nahrung und dergleichen einer gehörigen Un 
terfuchung mwürdige. Ob es nun zwar nicht zu 
läugnen iſt, daß die betrachtete Geftalt der — 


*In feiner Petinotheologie. 


N 


über die Kintheilungen der Voͤtzel. 469 


bei und der Füße, bey der Eintheilung diefer Thie- 
re, unentbehrlich ift, fo ift es doch auch eben fo nö- 
thig, daß man fih, um eine gehörige Erkenntniß 
von denfelben zuerlangen, zugleich um ihre Lebens, 
art. und Aetzung befümmere. Wenn man, ben der 
Eintheilung diefer Thiere, nur blos bey der Geftale 
ihrer Füße und Schnäbel ftehen bleibet, fo wird 
man zwar im Stande feyn, aus dem beobachteten 
Unterfchiede diefer Theile, hinlängliche Kennzeichen 
für eine Eintheilung anzugeben; allein, man wird 
dennoch beobachten, daß hierdurch, in den unter- 
ften Abeheilungen, Arten zufammen kommen, wel⸗ 
che, in Betrachtung ihrer Gewohnheit und ihres 
Srafes, gar nicht in Verwandſchaft mit einander 
ftehen, fondern, wie Tag. und Nacht, von einander 
unterfchieden find, Ä | 

Was die Farben anbelanget, fo Fönnen diefel- 
ben, bey der Eintheilung der Vögel, gar nicht in 
Betrachtung gezogen werden, indem fie fic) insge- 
mein nad) dem Clima richten, worinnen fi) ein 
Vogel aufhält: daher diefelben in den heißen 
Weltgegenden fehr fhön, in den gemäßigten fchlech 
ten, und in den ſehr Falten meiftencheils, infonder- 
heit aber im Winter, weiß zufeyn pflegen; derge- 
ftalt, daß man ſowohl ſchwarze, graue und weiſſe 
Naben, vörhliche und weiſſe Fafanen, graue und 
weiſſe Sperlinge und dergleichen antrifft. 

Um nun die Vögel in gehöriger Ordnung zu—⸗ 
betrachten, fo muß man erftlich die Befchaffenheit 
ihrer Schnäbel und Füße, fodann ihre Lebensart, 
und endlich ihren Frag Fennen lernen. Hat man 
Sic) diefe Kenntniß erworben, fo wird es leicht feyn, 

a 953 unter 


470 Zufällige Gedanken 


unter denfelben, diejenigen Arten, welche eine Claſ⸗ 
fe mit der andern verbinden, ausfindig zumachen, 
die ich, diefer Urfache wegen, Derbindungspögel 
nennen will. 

Es ift mir nicht unbekannt, daß die ſyſtemati⸗ 
[hen Naturforfcher nur folche Kennzeichen bey den 
Eintheilungen der natürlichen Dinge gelten laffen, 
welche zu allen Zeiten, und fo, mie fie in der Na⸗ 
fur find, in die Augen fallen, daher fie z. E. den 
Aufenthalt, den Fras, den Flug, den Gefang, und 
die Ark zuniften, als unzulängliche Kennzeichen bey 
Der Eintheilung der Vögel anfehen.* Nun bin 
id) zwar felbft der Meynung, daß eine Eintheilung 
der Vögel, die fich blos auf ſolche Kennzeichen, 
welche nicht jederzeit in die Augen fallen, gründet, 
fehr unvollfommen ſeyn dürfte; allein, wenn mar 
die Eincheilungen der Elaffen und Gefhlechter, fos 
wohl auf die Befchaffenheit der Füße, als auch auf 
Den Unterſchied der Schnäbel gründet, und ſich 
nachgehends, bey der betrachteten Ordnung der Ar- 
ten, die Gewohnheiten und den Fras diefer Thiere 
zugleich bekannt machet; fo getygue ich mich zube= 
Haupten, daß man mit einer folchen Eintheilung 
viel weiter kommen möchte, als mit derjenigen, 
welche blos die betrachtete Eigenfchaft der Füße 
und Schnäbel zum Grunde hat, indem man hier- 
dutch, die Maturhiftorie der Vögel in ein weit bef 
feres Licht zufeßen, Gelegenheit an die Hand giebt. 

fange dahero meinen Verfuch einer Ein 
theilung der Voͤgel mit den haarichten und fliegen 
den Thieren, als mit den fliegenden Katzen, in 
Yınaı 

* ©. Hamb. Mag. 4, B. 4. St. 399. S. — 


über die intheilungen der Voͤgel. 471 
Amerifa, mit den fliegenden Kichhörnern, in 
Rußland, und mit den werfchiedenen Arten der 
fliegenden Maͤuſe an, bey welchen ſich einige Ei⸗ 
genfchaften ſowohl der vierfüßigen, als der geflü« 
gelten Thiere dergeftalt mit einander verbinden, 
daß man fie eigentlich weder zu den Vögeln, noch 
zu den vierfüßigen Thieren rechnen Fan, fondern 
Diefelben als Mittelarten zroifchen beyden anfehen 
muß. Sie haben einen mit Asaren bedeck« 
ten Leib. Sie gebähren ihre Jungen leben⸗ 
dig. Sie haben eine Aarnblafe, ein Zwerg 
fell und Zaͤhne, wie die vierfüßige Thiere; 
allein, die meiften haben nur zween Süße, wie 
die —— und man findet an ihnen eine Art 
von Sluͤgeln, vermittelſt welcher ſie ſich in 
der Luft erhalten koͤnnen, ja verſchiedene von 
denſelben fangen ihren Raub, wie die Raub⸗ 
vögel, aus der Luft und im Fluge. Gehet 
man in diefen Berrachtungen nur einen Schritt 
foeiter, fo entdecfee ſich uns ein gewifles fliegendes 
Thier, welches zwar unftreitig zu den Bögeln ge« 
höret, das aber annoch verfihiedene Eigenfchafter 
der vierfüßigen, haarichten Thiere ie hat. Die- 
fer Vogel ift unter dem Namen der Nachtſchwal⸗ 
be, Caprimulgi, befannt. Gr gleicher zwar in 
fehr vielen Stüdfen einer Schwalbe; allein, er hat 
sn dem G©ber-und Linterfchnebel Borſten⸗ 
haare, wie die Katzen⸗ und Miäufesrten. Kr 
bauet fein Neſt wie die vierfüßigen Thiere, 
‚und Fan mit feinen Süßen eben fo gefchwind 
wie diefelben laufen. Verſchiedene Natur⸗ 
forſcher ſehen dieſen Vogel fuͤr eine Art von 
— Hh 4 Schwal⸗ 


472. Zufällige-Gebanken: 


Schwalben an; da aber derfelbe nicht nur, in vers 
fehiedenen Stüden, von den übrigen. Schwalben- 
arten unterfchieden ift, fondern auch überdiefes nur 
des Nachts fliege, und geoße Inſecten, inſonder⸗ 
heit die fo genannte -Manlwurfsgrille, zu feiner 
Nahrung aufſuchet; fo betrachte. ich-denfelben als 
denjenigen Berbindungsvogel, vermittelftwelchen, 
die kurz vorher angeführten Mittelarten-mit allen 
Reubvögeln in einem Zufammenhange ftehen, 
welche nur des Nachts ihre Nahrung füchen, 
und-von Inſecten, Kaͤfern, jungen und, alten Bö- 
geln, von Mäufen, Maulwürfen, Hamſtern, jun- 
gen Haafen 2c. leben, und die erſte Klaffe meiner _ 
Eintheilung ausmachen. Ich rechne dahero zu dies 
fer ‚last U 
1... Clafje das. Fleine Rauschen, den Kautz mie 
den, Federohren, die graue Eule, die Perleule, die 
Schleyereule, die braune Stockeule, und endlich 
den großen Buhu. Alle diefe Voͤgel kommen, nicht 
allein in Anfehung der Beſchaffenheit ihrer Füße 
und Schnäbel, fondern auch in Betrachtung ihrer 


gen, und ihre Nahrung fuchen. Die ı 
I. Claſſe enthält alle diejenigen Raubvoͤgel, 
welche am Tage herum fliegen, und ſich von 
Inſecten, Vögeln und andern Thieren nähren, als: 
die verfchiedenen Arien der Adler, die Geyer mit 
den verkehrten Federn, der Buflaar, mit dem na- 
enden Halfe, die Falken, die. Habichte, und die 
verfihiedenen Arten von Eleinen Stoͤßern; unter 
——— | welchen 


über die Eintheilungen der Voͤggel. 473 


welchen ich die fo genannte Tageeule als den Ver⸗ 
bindungsvogel meiner erften und andern Cfaffe an⸗ 
fehe, Denn obgleich diefelbe vor nichts anders, als 
vor eine Eule gehalten werden kan, fo unterfcheis 
det ſie fich doch hierinnen von allen übrigen Neben: 
arten, Daß fie. nicht blos des Nachts, wie die 
übrigen Kulen, fondern auch.am Tage ihre 
Nahrung ſuchet. Edward * har diefen Vo⸗ 
gel ſehr deutlich beſchrieben, und in Seligmanns 
Beſchreibung von auslaͤndiſchen Voͤgeln fin⸗ 
det man zweyerley hierher gehörige Arten anges 
führer und abgebilder. ** * OR 
VWon der andern Claſſe werden wir, vermittelſt 
der Beſchaffenheit und Lebensart des ſo genannten 
Neuntoͤdters, Laniimajoris cinerei, auf die folgende 
dritte Claſſe geleitet. Die in derſelben befindliche Voͤ⸗ 
el leben zwar, wie die vorhergehenden, vom 
aube, allein, ihre Fuͤße ſind mit keinen ſo ſtarken 
Klauen und Krallen, wie bey denen, die zu der an⸗ 
dern Claſſe gehoͤren, verſehen, wie denn auch ihre 
Schnaͤbel ganz anders beſchaffen ſind, als mit wel⸗ 
chen dieſelben nicht allein Sleifch, ſondern 
euch Obſt und Roͤrner freſſen, ihren Fras mie 
den Füßen halten, und mit dem Schnabel aufreiſ 
fen. Unter diefen kommt der fo genannte kleine⸗ 
fie Neuntoͤdter, nicht nur in Anfehung feiner 
Größe, fondern auch in vielen andern Stüden, 
mit den Meyſen überein. Daher ich die 
IH. Claſſe mit. den Arten der Menfen anfan- 
ge, mit welchen fich die Heeher, die Dohlen, die 
Be Sh5 Elſtern, 
In ſeiner Reiſebeſchreibung nach der Hudſonsbey. 
» Im 3. Th. auf der 27. und 28. Kupfertafel. 


ra Zufällige Gedanken 


Eiftern, die Kraͤhen und die Naben verbinden, und 
die fih insgefammt fo wohl vom Fleifche der vier: 
füßigen Thiere, von DBögeln, Fifchen und Inſe⸗ 
eten, als auch vom Obfte und Körnern nährem. 
Aus diefer Claffe werden wir zu der folgenden, ver⸗ 
mittelft des fo genannten Rronenvogels, Tau- 
raco, geleitet. »Diefer Bogel hat zwar, in Anfe 
hung feines Gebäudes, vieles an fi), welches ſich 
mit der Beſchaffenheit ver Elſtern, der Krähen und 
der Naben in Vergleihung ziehen läße; allein, er 
lebt nicht vom Raube, fondern nährer fich 
vom Obſte, und hacker feinen Fras entweder mie 
feinem befonders geformten Schnabel auf, oder 
zerfprenger mit demfelben die harten Schalen der 
Früchte und Körner, in welchem Stüde er ſich 
mit den verfchiedenen Papagoyarten verbindet, wie 
denn aud) feine Füße mie dem Füßen derfelben eine 
große Gleichheit haben. Es enthaͤlt dahero die 
= IV. Claſſe alle Arten von’ Papagoyen, von 
dem befannten Cacatou, bis auf den Fleinen gruͤ⸗ 
nen Papagoy in ſich. Alle zu dieſer Elaffe gehöri- 
ge Arten nahren fih vom Obfte und KRörnern, we 
che fie mit ihren Klauen halten, die Körner mie 
dem Schnabel auffprengen, die Schalen hinweg 
werfen, und das Marf aus denfelben verfihlingen. 
Sie flettern an den Bäumen hinauf, an welchen 
fie fich nicht nur mit ihren Füßen, fondern aud) mie 
ihren Schnäbeln, auf eine gefihiefte Art anzuhaͤn⸗ 
gen wiffen, und auf diefe Weife langen fie die Koͤr⸗ 
ner aus den Pinienäpfeln und aus andern derglei⸗ 
en Zapfen mit ihren krummen Schnäbeln heraus, 
Der Kreutzvogel oder Grinis, ‚Coccothrauftes 
. cutvi- 


über die Eintheilungen der Vögel. 47% 


curviroöftra crucifera, kommt in Anfehung der Bes 
Tchaffenheic feines Schnabels mit den Papagoyar: 
ten ziemlich überein, feine Süße und fein Lock 
aber find den Süßen und dem Aufe der Sin- 
ten gleich, dem ohngeachter klettert er mit denſel⸗ 
ben und durch Hülfe feines Schnabels an den Baͤu⸗ 
men hinauf, holet den Saamen aus den Fichten 
und Tannzapfen heraus, ſprenget denfelben mit 
feinem Schnabel auf, und ſchlucket das Mark, wie 
Die vorigen, hinunter. Aus diefen Urfachen fehe ich 
denfelben als den Berbindungsvogel diefer und der 
V. Claſſe an. Zu welcher ich alle diejenigen 
Arten von Vögeln rechne, 'welche blos von Kö 
nern und Gefäme leben, die fie mit ihrem Schna- 
bel auffprengen, und dag in denſelben enchaltene 
Marf hinunter fchlingen, als die Finfen, die Haͤnf⸗ 
Yinge, die Ganarienvögel und alle Arten von Ams 
mern. Diefe Claffe verbindet ſich mit der folgen: 
den, vermittelft des Ortolans oder des fo genann⸗ 
ten Settammers, Paflere emberiza oder milliaria, 
welcher zwar, in Anfehung der Befchaffenheit feines 
Schnabels und feiner Füße, mit den vorher genann⸗ 
ten übereinfomme, allein die Aörner, theils 
wie die vorhergehenden, suffprenget, theils 
aber auch, wie die zu der folgenden fechften 
Claſſe gehörigen Arten, ganz hinunter ſchlin⸗ 
get. Die 
VI. Claſſe enthaͤlt dahero alle diejenigen Voͤ⸗ 
gel in fich, welche die, zu ihrer Nahrung beftimmteen, 
Körner und Beere ganz verfchlingen. Sie ift ſehr 
meitläuftig, und enthäle alle Arten von Lerchen, 
Droffeln, Amſeln, Ziemern, Schnerren, den 
Kibig, 


476. > Zufaͤllige Gedanken - » 


Kibis, die Brachvögel, die Trappen, den Strauß, 
den Cafuarius, die. wilden und zahmen Huͤnerar⸗ 
ten, und endlich alle Arten von Tauben. Man 
beobachtet zwar, daß alle diefe Arten auch biswei- 
len Inſecte auffuchen und verfchlingen, man fan 
aber diefelben nicht für ihren geröhnlichen Fras an- 
fehen, indem fie fich deffelben nur zu gewiſſen Zei- 
£en, und vermuchlich zu ihrer Gefundheit bedienen; 
wie fie denn auch bisweilen Steine und andere har⸗ 
fe Dinge verfihlingen, welche die in ihrem Magen 
befindlichen Körner zermalmen, und die Verdau- 
ung befördern helfen. 

Aus diefer Claſſe werden wir zu der folgenden, 
vermittelft des Kuckucks, geleitet... Diefer naͤh⸗ 
tet fich zwar eigentlich von allerley Gewuͤr⸗ 
me, das fich unter dem Mooße und an den 
Ainden der Bäume aufhält; allein, er ver- 
ſchlinget auch Fleine Grasgefame und Körner, mel 
che ich. gar oft noch ganz in feinem Magen ange: 
troffen habe, Ich rechne dahero zu der 
: VI. Elaffe alle diejenigen Arten von Voͤgeln, 
welche fi von verfchiedenen Gewuͤrme und Inſe⸗ 
eten nähren, die fie mit ihrem Schnabel aus den 
Rinden der Bäume heraus fuchen, als die Spech⸗ 
te, die Wendehälfe, die Baumläufer und die Baums 
Fleber. Der Zaunkönig, welcher die Inſecten 
theils, wie die vorhergenannten, an den Bäumen, 
theils aber auch, wie Die in.der folgenden Claſſe 
befindlichen Arten, im Fluge fänget, und ver- 
— iſt daher als der Verbindungsvogel der 
iebenden und achten Claſſe anzuſehen. Zu der 

VIII. Claſſe rechne ic) diejenigen Voͤgel, m 

e 


über die Eintheilungen der Osgel. 477 


he ſich zwar eben fo, wie die verſchiedene angefuͤhr⸗ 
ten Arten der Raubvoͤgel, von Inſecten, welche ſie 
im Fluge fangen, ernaͤhren, die aber in Anſehen 
der Beſchaffenheit ihrer Schnaͤbel und Fuͤße, von 
denſelben unterſchieden ſind, und daher eine beſon⸗ 
dere Claſſe ausmachen, als die Graſemuͤcke, der 
Rothſchwanz, die Nachtigall, die Schwalbe, der 
Weſpenfreſſer und die Bachſtelze. Dieſe Claſſe 
ſtehet mit der folgenden, vermittelſt des Staares, 
Sturni, in der genaueſten Verbindung, indem der- 
felbe niche nur verfchiedene fliegende und Friechen- 
de Gewürme zu feiner Nahrung auffuchet, ſondern 
fich auch von allerley Waſſerinſecten näbret, 
wie fich denn derfelbe auch gemeiniglich. am 
—— aufzuhalten pfleget. Die 
X. Claſſe enthaͤlt diejenigen Voͤgel in ſich, 
Kette fich am Maffer aufhalten, und fic) nicht al« 
fein von verfchiedenen Wafferinfecten, fondern 
auch von Schnecken und Fifhen nähren, als die 
Waſſeramſel, der Eisvogel, die Seelerche, die 
MWafferhüner, die Aufterdiebe, Derjenige Vogel, 
welcher diefe und die folgende Claſſe mit einander 
verbindet, iſt der fo genannte Waſſerralle, Ral- 
lus agvaticus, welcher nicht allein Fiſche, ſondern 
auch Sröfche und andere Amphibien zu feiner 
Nahrung aufſuchet. Die 
X. Claſſe enthält alle diejenigen Vögel, wel⸗ 
che ſich um und an dem Waſſer und moraſtigen 
Gegenden aufhalten, und nicht nur von Schne⸗ 
en, Mufcheln, Fifchen, fondern auch von Am⸗ 
phibien leben. Alle hierher gehörige Arten find, 
Br Urſache wegen, mit langen Füßen und er 
bein 


478. Zufällige Gedanken 


bein verfehen. Die vornehmften von benjelben 
find die Rohrdommel, die verfihiedenen Arten von 
Kengern, die Baumpelifane, die Braaker, die 
Stoͤrche und die Kraniche. | 
Diefe Claffe verbinder fih mit der folgenden, 
vermittelft des fo genannten SIammingo, wel⸗ 
cher fich, nicht nur wie die vorhergehenden, von Fi- 
fchen und Amphibien, fondern aud) wie die zu ber 
elften Claſſe gehörige Arten von verfchiedenen 
Geſaͤme naͤhret, indem derfelbe mit feinem befon- 
ders geformten Schnabel den Seehaber, und ande- 
re Körner und Gefäme aus dem Waſſer an fi) 
ziehet und hinunter ſchlucket, wie denn derfelbe 
zwar eben fo, wie die folgenden, Schwimm: 
füße bat, deren er fi) aber niemals zum Schwim⸗ 
men bedienet, und welche ihm blos darzu nugen, 
daß er auf den fumpfichten und moraftigen Gegen- 
den gemifler fußen und fortfommen Fan. Die 
XL Claſſe begreift alle Arten von Schwimm- 
voͤgeln von dem Albatros und dem größten Kriegs: 
ſchiffsvogel bis zu den Fleinften Taucher in fich, wel⸗ 
che ſich insgefamme auf dem Waffer, aufhalten, 
und zum Theile auch eine geraume Zeit unter dem 
Waſſer leben Fönnen. Alle die hierher gehörige 
Arten machen fi) durch ihre Schwimmfüße Fennt« 
lich, und leben nicht nur von Fifhen, Schneden, 
Krebfen und Wafferinfecten ; fondern aud) von 
verfchiedenen Geſaͤme und Körnern. Die folgen- 
de Claſſe ſtehet, vermiftelft der fo genannten Waſ⸗ 
ferdrofjel, mit den Schwimmvoͤgeln in der ge 
naueften Verbindung. Diefer Vogel ift zwar für 
nichts anders, als für eine Art von Schnepfen ans 
zu⸗ 


über die Kintheilungen der Vögel, 479 


zufehen, allein, er hält fich nicht nur an, ſon⸗ 
dern auch auf dem Waſſer auf, und ift die: 
ferwegen mit halben Schwimmfüßen verfes 
ben. “m übrigen naͤhret er. fich, fo wie die 
Schnepfen, von allerley Waſſer⸗ und andern 
Inſecten. Zu der | 
XII. Claſſe gehören endlich alle diejenigen Voͤ⸗ 
gel, welche fi von Gewuͤrmen und Inſecten naͤh⸗ 
sen, die fie theils aus den Sümpfen, theils aber 
aud) aus den Blumen und aus dem Mooße here 
aus fuchen, als alle Arten von Schnepfen, der Wie- 
dehopf, die Mooß⸗ und Blumenfauger, ingleichen 
das langfchnäblichte Collibrit. Hierauf folget end- 
lich das Fleinefte Collibric, dag Hummvoͤglichen 
oder die Vogelfliege, welche die Arten der Vögel 
mit den Inſecten zuverbinden fcheiner, indem die⸗ 
felbe, wie verfchiedene Inſecten, vermittelft 
ihres wie eine Röhre geftallten Schnabels; 
den Thau und Honig aus den Slumen fau- 
get, die Slätter eines gewiſſen Baums zufam- 
men wickelt, zwifchen diefelben ihr Neſt be- 
feftiget, und daſelbſt feine Eyer verwahret. 
Diefer Bogel hat dahero eine große Gleichheit mit » 
denjenigen Nachtvoͤgeln, welche, vermittelt ihres 
röhrenförmigen NRüffels, die Honigtropfen aus den 
Blumen heraus faugen, und welche von dem Hrn. 
Archister Kinndus*, unter dem Namen der 
phalznarum fpirilingvium, angeführet werden. 
Sch muß hierbey zufälliger Weife erinnern, dag 
nicht alle Arten von Collibriten zu diefer Clafle ge 
rechnet werden Fönnen, indem die fo genannten 
— FF Hauben⸗ 
EFaun. fvec, pag. 248: n. 809. 


480 Nachricht: 


Sanbencollibriten zu den Baumflebern gehören, 
das Hummvögelchen aber, als das Fleinfte Collibrit, 
für den Verbindungsvogel diefer Elaffe mit ven In⸗ 

feeten zuhalten ift. E“ — — 
Sollte im uͤbrigen meine gegenwaͤrtige geringe 
Betrachtung, uͤber die verſchiedene Gewohnheit und 
Nahrung der Vögel, bey den Liebhabern der Na— 
turhiſtorie, einiger Aufmerkſamkeit gewuͤrdiget wer⸗ 
den; ſo werde ich mich bemuͤhen, gegenwaͤrtigen 
Blaͤttern, von Zeit zu Zeit, einige Nachrichten von 
verſchiedenen, noch nicht hinlaͤnglich beſchriebenen, 
Voͤgeln einzuverleiben, da ich denn zuvoͤrderſt mei⸗ 
ne Abſichten dahin werde gerichtet ſeyn laſſen, die 
Hiſtorie der angefuͤhrten Verbindungsvoͤgel in ein 
beſſeres Licht zuſetzen. 
J. G. R. 


. 


II. 
Nachricht 
von den paraboliſchen Brenſpiegeln, 
welche von Hrn. Peter Höfen, Hof 
tiſchler in Dresden verfertiget 
worden. 


ie Zubereitung der Brenſpiegel, und die 
erſtaunende Wirkung derſelben iſt zwar 





bereits, vor geraumer: Zeit, bekannt ge 
| wefen; allein, man hat doch immer noch) 
etwas an denfelben zuverbeflern gefunden. Der 


von den parabolifchen Brenfpiegeln, 481 


berühmte Tsfehienhaufen und Gärtner haben 
dieferrvegen viele Mühe und Fleiß angemendet, un« 
ter melchen fich der erftere mit feinen aus einer Zus 
fammenfesung, von verfchiedenen Metallen, ver« 
fertigten Spiegeln, der andere aber hierdurch be⸗ 
Eannt gemacht, daß er. dergleichen Spiegel aus 
Holze, fo er mit Blaͤttchengolde überzog und poliers 
te, verfertiget hat. Da aber die erftern nicht nur 
fehr ſchwer, fondern aud) fehr zerbrechlich ausfies 
len, und über diefes beym Gieffen und Polieren 
viele Arbeit und eine fehr genaue Obſicht erforder« 
ten, die von der andern Arc hingegen fehr vergaͤng⸗ 
lich waren; fo wurde der hiefige Hr, Hoftifchler 
Hoͤſe, der fi von Jugend auf den mechanifcher 
Künften gewidmet, und auf feinen Reifen durch 
Frankreich, Italien und Engelland mit verfchiedes 
nen Gelehrten dieferwegen Unterredungen gepflos 
gen, veranlaffet, darauf zudenfen, wie man die 
Mängel der beyden angeführten Arten verbefiern, 
und diefe Brenfpiegel in einen vollfommenen 
Zuftand ſetzen möchte. Gr bemerfftelligte ſol⸗ 
ches, indem er eine Scheibe, aus verfchiedenen 
Stuͤcken von . dem beften Lindenholze, zufammen 
ſetzte, jedoch dergeftalt, daß die in derfelben erfore 
derliche Vertiefung nach dem Abſchnitte einer 
gehörigen parabolifhen Linie, auf das genaues 
fie bearbeitet wurde. Diefe Vertiefung bederfte 
derfelbe mie verfchiedenen an einander gefügten Ta⸗ 
fein Zines nicht allzuftarfen meßingenen Bleches, 
welches endlich auf das genauefte angefchliffen und 
polieret wurde. Dieſe, auf gemeldete Weife, zu⸗ 
bereitete Spiegel ruhen, vermittelſt zwey eiſerner 

Otesd.Nas.l.B. i Zapfen, 


482 Nachricht 


Zapfen, auf zween hölzernen Armen, die, durch ei 
ne eiferne Spindel, auf einem mit drey Füßen ver- 
fehenen Geftelle befeftiget find, an welchem fich end» 
lich drey Fleine Räder befinden. - Auf diefe Art laf 
fen fich) die von Hr. Höfen verfertigte Brenfpie- 
gel nicht nur gar leicht von einem Orte zu dem an- 
dern bringen, fondern man Fan diefelben auch mis 
leichter Mühe, nach allen Ständen der Sonne, 
drehen und lenfen. Die Metalle, Mineralien und 
andere Dinge, welche man an diefen Brenfpie- 
geln zu unterfüchen gefonnen ift, werden, vermit- 
telft einer Dille von Eifenblehe, an zwo eiferne 
Gabeln befeftiget, die an einem eifernen Bogen an⸗ 
gebracht find, welcher ſich über den perpendifular 
Durchmeffer diefer Spiegel erhebet, und, vermit⸗ 
telſt zwoer Schrauben, dergeftalt an dem Rade der⸗ 
felben befeftigee ift, daß man die zum Schmelzen 
und Probiren erfieften Dinge, nad) dem Abftande 
des DBrenpunctes, fehr bequem in der gehörigen 
Entfernung von der Oberfläche des Spiegels er: 
halten Fan. | 

Auf diefe Weife find von dem Hrn. Hoftifchler 
bereits verfchiedene, ſowohl große als Fleine Bren- 
fpiegel verfertiget worden, von welchen fid) annoch 
viere in feinen Händen befinden, die, in Anfehung 
ihres Maaßes und ihrer Größe, folgender Geftale 
befchaffen find. 

Der erfte hat in feinem Umfreife 29. Schuh) 
4. Zoll. Seine Breite beträgt 9. Schuh 7. Zoll, 
Der Eofinus feines Bogens, oder feine größte 
Vertiefung it ı. Schuh 4. Zoll, und der Abftand 
feines Brenpunctes erſtrecket ſich anf — 
* — r 


von den parabolifchen Brenfpietgeln. 483 


- Der andere beträgt in feinem Umfange 21. 
Schuh. Seine Breite ift 6. Schuh 8. Zoll. Der 
Eofinus feines Bogens 10. 3. Zoll, und die Ent- 
fernung des Brenpunctes 3. Schuh 1. Zoll. 

Der dritte hat in feinem Umfreife 16. Schuh 
4.301. Seine Breite beträgt 5. Schuh 1. Zoll. 
Seine größte Vertiefung 10.. Zoll, und der Ab- 
fand des Brenpunctes erſtrecket fih auf 1. Schuh 
20. Zoll, | | 

Der vierte hat zum Maafe feines Umfreifes 
13. Schuh ı!. Zoll. Seine Breite ift 4. Schuh 
2.300. Der Cofinus feines Bogens beträgt 7. 
Zoll, und die Entfernung des Brenpunctes 1. 
Schuh 9. Zoll. | 

Wenn man diefe Spiegel in eine folhe Stel: 
lung bringer, daß der Mittelpunct ihrer Vertie- 
fung, in gerader Pinie, gegen die Sonne gerichtef 
ift, dergeitalt, daß die auf diefelben fallende Son«. 
nenftralen, unter gewiffen Winfeln, gegen die Are 
zurücfe geworfen werden, fo vereinigen fie fich, 
nad) der Befchaffenheit der Oberfläche eines folchen 
Spiegels, in verfchiedenen Entfernungen, und 
verurfachen dafelbft die erftaunenften Wirfungen 
bey denjenigen Dingen, welche diefem vereinigten. 
Sonnenfener ausgefeßt werden. Ich will folgen- 
de wenige Verſuche, welche mit dem unter der drit⸗ 
ten Nummer angeführten Brenfpiegel unternom- 
men worden, als einen Beweis anführen. 

Hin gefchlagnes Aupferblech, deffen Dice, 
ohngefähr zwo Linien betrug, mar bey der vierten 
Secunde durchbohret, und das Kupfer, an dem; 


L i 2 Um⸗ 


484 Nachricht 


Umkreiſe der gemachten Oeffnung, in Tropfen zu⸗ 
ſammen gefloſſen. 

Ein geſchlagnes Kifenblech, welches gleich⸗ 
falls ohngefaͤhr zwo Linien dicke war, fieng bey der 
andern Secunde an zu ſchmelzen, und war in der 
fechften durchbohree. Die gemachte Deffnung war, 
wie bey dem Kupfer, ziemlich rund, und hatte eis 
nen halben Zoll zu ihrem Durchmeſſer. Das Ei- 
fen war, in feinem Umfreife, in Tropfen zufammen 
gefloſſen. 

Fin gegoſſenes Stück Kifen fieng in einer 
Minute an zu fehmelzen, und am Ende der füuf: 
ten Minute floffen große Tropfen von demfelben 
herab, welche, da fie theils auf den Spiegel, theils 
aber auch auf die Erde fielen, einen herumfprühen- 
den Feuerregen verurfacheren. Das gefchmolzene 
Eifen war hierdurch fpröde und brüchlich geworden. 

Zinn und Bley floffen fogleich bey Berührung 
des Brenpunctes, dergeftalt, daß von beyden grofs 
fe Tropfen herab rollten. Diefe Metalle hatten 
ähre Gefchmeidigfeit und übrigen Eigenfchaften un 
verändert behalten. 

Grobfpeifichter Bleyglanz flog, bey Be 
rührung des Brenpunctes, in eine tropfenförmige 
Mafle zufammen, die in einer metallifchen, ſchwarz⸗ 
— Schlacke mit inliegenden Bleykoͤrnern be⸗ 

nd. 

in weiffer und halb durchfichtiger Kie⸗ 

fel ſchmolz in der fünf und zwanzichiten Secunde, 
und machte ein fehr feines und meiffes Glas. 

Zarter, weifje: Sand, in welchem hin und 
wieder ein ſchwarzer Glimmer eingemifche * 

eng 


von den parabölifchen Brenſpiegeln. 485 


fieng in der fechften Secunde an zu fhmelzen, und 
gab ein ſchwarzes Glas. - 

Fine Kugel von weiſſen Glafe wurde bey 
Der vierten Secunde weich, dergeftalt, daß man Dies 
felbe, vermittelft einer angehaltenen gläfernen Roͤh⸗ 
ze, in lange Faden ziehen Fonnte, bie fie endlich, 
nach der achten Secunde, gänzlih, wie Waller, 
serfloß. | 

Fine blaue Kifenfchlacke ſchmolz in der vier⸗ 
ten Secunde, und floß wie Waller von einander, 
dergeftalt, daß von derfelben große Tropfen herab 
rofften, wobey fich zugleich ihre vorige blaue Farbe 
in eine geünliche, fie aber felbft in eine glasartige 
Maſſe verwandelt hatte. 

Sächfifcher Asbeft, welcher fonft durchs Feu- 
er nicht leicht zuzroingen ift, ſchmolz in der fieben- 
den Secunde, und machte ein fehr derbes und grüs 
nes Glas. 

Gelber Jaſpis wurde binnen einer Minute 
zu einen grauen und ſchlackichten Glafe. 
Grauer Dachſchiefer ſchmolz bey der fünften 
Secunde, und bey der dreyßigſten war derfelbe, 
ohngeachtet er über vier Linien diefe war, durch 
bohret. Das aus demfelben gefchmolzene Glas 
war von ſchwarzer Farbe und ziemlich derb. 

Gemeine, weiſſe Areide war binnen einer 
Minute zu einer grauen, ſchlackichten Maffe ver- 
härter. Ein anderes Stüd floß, indem der Bren⸗ 
punet zugleich das Eiſenblech der Dille berührte, 
in der zwölften Serunde, in ein ſchwarzes, ſehr 


derbes Glas. 
Ji 3 meif 


486 Nachricht 


Weiſſer Marmor calcinirte anfaͤnglich, und 
nach zwo Minuten verwandelte ſich derſelbe in ei⸗ 
ne ſchlackichte, graue und rißige Maſſe, welche mit 
dem Scheidewaſſer, keine merklich aufwallende 
Bewegung verurſachte. 

Verſchiedene Knochen von allerley Thieren 
wurden anfaͤnglich zu Kalke, ſie verwandelten ſich 
‘aber, in verſchiedener Zeit, m ein perlfarbenes, 
ziemlich derbes Glas. Fa: 

Die Schalen von Miufcheln und Schne⸗ 
cken wurden gleichfalls anfanglic) zu Kalke, der 
ſich aber, durch die Gewalt des Feuers, dergeftale 
— daß von demſelben gar nichts uͤbrig 
blieb. 
Die meiſten von dieſen angefuͤhrten Dingen 
habe ich zwar gleichfalls, vermittelſt eines ſtarken 
Schmelzfeuers, unterſuchet, ich bin aber nicht im 
Stande geweſen, hierdurch diejenigen Wirkungen 
bey demſelben zuwege zu bringen, welche die von 
dem Brenſpiegel zuruͤck geworfenen Sonnenſtralen 
verurſacheten. Man kennet, außer der Gewalt 
des Donnerſtrals, gegenwaͤrtig kein ſtaͤrkeres Feu⸗ 
er, als dasjenige, welches durch die Brenſpiegel. 
und DBrengläfer zumege gebracht wird. . Denn ob 
man gleich in den Defen der Glasmacher eine faft 
gleihe Wirfung beobachtet, fo wird doch nicht nur 
eine beträchtliche Zeit, fondern auch a 
Zufäße erfordert, um den gehörigen Grad der Ber 
glafung zu bewerfftelligen.. Der Ar. Profeffor 
Adftner hat in dem 14. Bande des hambur⸗ 
gifchen Magazins, und zwar in denjenigen An⸗ 
merfungen, welche er der Abhandlung des Herz 

Cr 


von den paraboliſchen Brenſpiegeln. 487 


Soeſens von dieſem Brenſpiegel beygefuͤget, be⸗ 
rechnet, daß ſich die Hitze der in dem Brenpuncte 
Des unter der erſten Nummer angeführten Spies 
gels vereinigten Stralen, zu der Hiße, welche die- 
felben auf deffen Oberfläche verurfachen, wie 52900. 
7. verhalte : woraus fich nicht nur die Wirfung 
Diefes Spiegels gar leicht begreifen läßt, fondern 
man wird auch, auf gleiche Weife, auf die Wir- 
fung der übrigen, in Anfehung ihrer verfchiedenen 
Groͤßen, einen Schluß machen Fönnen. 

So vortrefflich nun diefe Brenfpiegel find, fo 
außer fic) Doch fo wohl bey diefen, als bey den übri« 
zen befannten Arten diefe Unbeqvemlichfeit, daß 
fh die ftaubartigen Dinge nicht füglih, in dem 
Brenpuncte wollen befeftigen und erhalten laſſen; 
man hat dahero auf Mittel gedacht, wie man die= 
gelben, gleichfalls mie gehöriger Beqvemlichkeit, 
unterfuchen Fönne, und diefes hat man auf folgen» 

de Weiſe bewerkſtelliget. Man leget einen großen, 
ganeinen Planfpiegel, nad) ven Stande der Son⸗ 
2, unter einen geriffen Neigungswinkel, auf die 
Eve, dergeftalt, daß die auf demfelben einfallende 
Sralen von dar zurücfe, auf die Oberfläche eines 
DBenfpiegels, fallen, welcher nunmehro fo geftel- 
lee ſt, daß deſſen perpendifular Durchmeſſer mie 
der Horizontallinie einen ziemlich fpisigen Winfel 
madet, daher fich denn die zurückfallende Stralen 
niedewärts in einem Brenpuncte fammlen, wo⸗ 
ſelbſt man, wenn derfelbe auf einen Schmelztiegel, 
oder uuf ein Fleines Anfiedefcherbchen gerichtet 
wird, die ſtaubartigen und andere dergleichen Din- 
ge anziſchmelzen, und gehörig zunmferfuchen im 
' Ji 4 Stande 


488 Nachricht 


Stande ift. In dem 16. Bande des hambur⸗ 
giſchen Magazins wird man hiervon eine aus⸗ 
führlichere Nachricht antreffen. 

Da bey den Brenfpiegeln der Grund ihrer 
Wirkung auf den von der Oberfläche, unter gewiſ⸗ 
fen Winfeln, zurücpralfenden Stralen beruhetz 
fo wird man gar leicht begreifen, daß das gemeine 
Feuer eine ähnliche Wirfung bey denfelben zumege 
bringen müfle. Wenn man wohl angeflanımte 
Kohlen, in einer gemwiffen Weite, vor einen ſolchen 
DBrenfpiegel aufftellet, dergeftalt, vaß fich der Bren⸗ 
punct zwifchen dem Spiegel und den Kohlen befins 
det, fo werden, an dem Orte des Brenpuncteg, 
Holz und andere brenbare Dinge, in Furzer Zeit 
entzuͤndet, Zinn und Bley hingegen in Fluß ge 
bracht. Ruͤcket man die Kohlen in den Bren 
punct, dergeftalt, daß nunmehro die auf dem Spie 
gel fallende Feuertheile, in gleicher Entfernung 
von ihrer Are zurück prallen, fo Fan man in dem 
Brenpuncte eines andern Spiegels, welcher fid 
diefem in einer geraden Linie gegen über befindt, 
‚gleichfalls Holz und andere brenbare Dinge, in ei⸗ 
ner Entfernung auf vierzig bis ſechzig Schrite, 
anzuͤnden. 

Die Bewegung des Schalles macht bey ie 
felben eine gleiche Wirfung. _ Denn wenn nan 
das Ohr an'dem Dre des Brenpunctes einesfol- 
hen Spiegels hält, fo Fan man auf das. deulich- 
fie vernehmen, was in einer berrächrlichen Eitfer⸗ 
nung vor dem Spiegel ganz leife .gefprochen wird. 
Hänge man eine Tafchenuhr an den bemuderen 
Ort eines Spiegels, fo wird man bey benydrene 

| — puns 


von den parabolifchen Srenfpiegeln. 489 


puncte eines andern dergleichen Spiegels, der fich 
in gerader Linie, auf vierzig Schritte weit, von jes 
nen entfernet befinder, alle Schläge derfelben ver- 
nehmen. Hieraus erhellet, daß die Materie, wel- 
he durch den Schall in Bewegung gefeget wird, 
in diefem Falle, eben ven Gefegen der Bewegung, 
wie die Lichrftralen und dieMaterie des Feuers, uns 
terworfen fey. Ich bin hierdurch auf die Gedanfen 
geleitet worden, ob man nicht an dem Feuer der’ 
Brenfpiegel einige Eigenfchaften der electriſchen 
Materie entdecken Fönnte? Allein, ich muß geftes 
ben, daß alle meine bisher angemwendte Bemühung 
fruchtloß abgelaufen: wie ich denn auch mit dem 
Compaſſe, fowohl hinter, als vor dem Brenpuns 
cte, in verfihiedener Entfernung, Verſuche ange⸗ 
ftellet, um zufehen, ob der Ausflug der Stralen 
den Stand der Nadel in etwas ändern möd)te; ich: 
habe aber niemals die geringfte Veränderung ih⸗ 
ver gewöhnlichen Stellung wahrnehmen Fönnen. 
m übrigen hat der Herr Hoftifchler auch eini- 
ge Brenfpiegel, aus Marmor, Gypfe, Glafe, ja 
fo gar aus großen Perlmufcheln, nad) einer gehöris 
gen parabolifchen Linie, verfertiger, welche zwar: 
insgefamme gute Wirfungen thun, dennoch aber 
als Beweiſe anzufehen find, daß es bey denfelben: 
nicht allein auf die Bearbeitung nad) einer parabos 
lifchen Linie, fondern auch auf eine Materie, mel 
che die auffallenden Stralen gehörig zuruͤcke wirft, 
anfomme, in welchem Stuͤcke vielleicht bey der 
Brenfpiegeln annoch einige Berbeflerung angebracht 
werden koͤnnte. | S 


r 


iz Ueber 


190 Rei 
II. 


Ueber das Gluͤck der Menfihen, 


| iefen moralifchen Artikul will ich nicht voll- 

ftandig ausführen; ich will nur allerley 

Gedanken davon mittheilen. Die Welt: 

mweifen halten e8 vor eine günftige Berbin- 

bung Fleiner und zufälliger Umftände, welche ein- 

zeln weder fihaden noch nugen Fönnen, doc) in fol- 
her Verbindung vortheilhaftig ausfallen. 

Die ftarfen Geifter fagen mit dem Juvenal: 

Nullum numen habes, fi fit prudentia, fed te 
Nos facimus fortuna Deam, cœloqve locamus. 
Man darf, heißt es bey ihnen, nur Flug genug ſeyn, 
fo ijt man Meifter über das Glüf, und es muß 
ſich unter unfern Willen fchmiegen. 

Der gemeine Haufe der Menfchen bilder fich 
ein, das Glück fey ein blinder Zufall, der blog von. 
ohngefähr diefen oder jenen ſuche; daher entſtehen 
die Sprühmörter: Das Glück ift blind, und das 
Stück iſt kugelrund. Diefe laffen ſich auch vernuͤnf⸗ 
fig deuten, wenn man damit fo viel fagen will: daß 
es eben nicht allezeit auf den Flügften und wuͤrdig⸗ 
ften falle, und auch fehr unbeftändig fen. Ä 

Ehriften verbinden ihres Orts die fehriftmäßi- 
gen mie den vernünftigen Begriffen, und fagen dem⸗ 
nah: Was Gottes Vorfehung, nad) der Ver: 
knuͤpfung der Dinge, über den und ienen, zu fei- 
nem wahren Wohl, verfüge, das fey das, was 
man Glück nenne, und wenn e8 auch anfanglich 
ganz widerwaͤrtig fhiene. 

| . Stren- 


Ueber das Glück der Wienfchen. 491 


Strenge Sittenrichter , dergleichen die alten 
Stoifer waren, find der Meinung, man müffe, da 
alles nad) einer ftrengen Nothwendigkeit fich ereig- 
ne, ſich allzeit vor glücklich halten, fo werde mare 
es auch fenn, und allem Misgeſchicke kuͤhnlich die 
Spiße biethen Fönnen. Daher rührer das Spruͤch⸗ 
wort noch unter ung Deutfchen: Ein jeder fen fei- 
nes Gluͤckes Schmidt. ch leugne hierbey Feines» 
weges, welches auch hiermit geſagt werden Fan, 
daß man fein Glück verfcherzen oder erhalten Fönne, 

Ein unzufriedener und neidifchee Menfd) bils 
det fich ein, als ob das Glücf nichts anders, denn 
eine ungleiche und misgünftige Austheilung des 
Guten, nach dem eigenmilligen Gutbefinden der 
Borfehung; oder diefe vielleicht gar nicht. wirklich, 
fondern alles fo, wie es fället, nach einem fatalen 
Schickſaal fy. In ſolcher Einbildung führe er 
immer die Klage: Das Glück ift mir feind, das 
Glück verfolgt mich, oder es ift mir gram. 

Es ift Fein Wunder, daß fi, in einer fo dun⸗ 
keln Sache, Wahres und Falfches unter einander 
menget, und die Begriffe der Menfchen davon fo 
fehr unterfchieden find. Etwas, das alle haben 
wollen, und doch nur die wenigften erlangen, muß 
nothwendig den meiften feltfame Begriffe von ſich 
machen. 

Das Glück zu vergöftern und anzubeten, ift al« 
kerdings unvernünftig; aber ift denn das Flüger 
gehandele, fi) und feinen Verſtand dargegen zur 
Gottheit zu machen? Das aber wird allzeit ruͤhm⸗ 
fich und nüglich bleiben, die Zufälligfeie des Glü- 
des vernünftig zuerwaͤgen, und fi) daſſelbe, * 

uge 


492 Ueber das Gluͤck der Menſchen. 


Klugheit und Einficht, zu Nutze zumachen, und es 
zuerhalten fuchen. Wollen wir e8 zu unfern Scla- 
ven machen, fo wird es zuleßt unfer Henfer werden, 
Es iſt wahr, die Umftände fallen gemeiniglich 
den Unwuͤrdigſten und Dümmften aufs günftigfte: 
Aber ift denn das ein fo unumftößlicher Beweiß, 
daß alle Zufälle in der Welt, ohne Borfehung, fich 
biindlings fügten, oder daß das Geſchick und die 
Vorſehung haͤmiſch und mißgünftig fen? Wie ge- 
recht handelt fie nicht vielmehr, da fie dem einen 
Verſtand, und dem andern, an deflen ſtatt, Gluͤck 
und Vortheile gönnee? Welche Weißheit zeiget fie 
zugleich eben hiermit, indem fie hierdurch bemeifer, 
Daß fie der Menfchen innerften Grund und Befchaf- 
nn: zu entdecfen, und ſich darnach zu richten 
wife. 

Man fege den Fall: Es hätten die Klugen 
auch zugleich den Vortheil des Glücks, welch Elend 
würde nicht hieraus vor den übrigen Haufen erwach⸗ 
fen? da nicht alle Kluge zugleich tugendhaft, und 
wahre Menfchenfreunde find: fo würden Vorſe⸗ 
hung und Geſchick viel billiger den Vorwurf haben 
und auf ſich nehmen mäflen: mie das allju par⸗ 
theyifch gehandelt wäre. 

Wie vorträgfich ift nicht dieſe Eintheilung her⸗ 
gegen dem menfchlichen Gefchlechte? nun muß der 
Dumme fein Giuͤck mit dem Klugen theilen, da 
ihm diefer mit feinem Verſtande und Klugheit aus: 
hilfe. Wie mancher Sachwalter würde verhun⸗ 
gern muͤſſen, wenn alle fette Erbfehaften an lauter 
Fiuge Erben famen? Wie viel taufend Leuten ge 
brad) es an Brod und Nahrung, wenn mn 

17 


Ueber das Glück der Wienfchen, 49% 


Simplicia, oder Windfang und Meffaline nicht mie 
Gluͤck und Gürhern überhauft wären. 

Es iſt wahr, fie haben allerfeits weder Ver⸗ 
ſtand noch Verdienfte; aber eben davor haben fie 
das Gluͤck: ihrer feits einen erbarmlichen Vortheil, 
aber. vor andre ein gutes Loos. Das um fo vick 
mehr, wenn man noch hiernächft deffen Unbeftand, 
und die Bitterfeit und Folgen von deſſen Entfer- 
nung und Verluſt darzu feßet, und in Betrachtung 
ziehet. Die doc) aber fo gewöhnlich damit verbun«: 
den find. 

Ein Tugendhafter, Kluger und Weifer ift alle 
zeit glücklich, das hat feine gute Nichtigkeit; aber: 
nicht darum, daß er fich einbilder, er ruhe auf Ro⸗ 
fenblättern, wenn er auf die Folter gelegt wird; 
fondern deswegen, daß er von der Borfehung über: 
zeugt, bey allen Widerwärtigfeiten ruhig und’ zu⸗ 
feieden, auch des beſſern Erfolgs und erwuͤnſchten 
Ausganges feines Mißgefchicfes Daher verfichert ift. 
Welchen Vortheil aber, auch noch vor diefen, hat 
nicht ein Ehrift, den der Glaube fein vorbehalteneg 
Theil auf ewig verfichert? ‘ | 

Sinnlos zu werden, um glücklich zu heifen, iſt 
eben fo viel, als ſich, um nicht am Galgen zu ſter⸗ 
ben,:felbft erhaͤngen: doch, auf die gütige Leitung 
der Vorſehung und die väterliche Regierung GOt⸗ 
tes ſich verlaffende, allzeit ſtille und. ruhig: zublei- 
ben, heißt fid) aus den Händen des Peinigers ent⸗ 
reiffen, und in die. Arme des Waters ‚werfen, nad) 
feinem Rath geleiter,- und zuletzt mit Ehren ange» 
nommen werden, Man begreifer ſofort, welches 
Die 


496 Bo A 
| FW 
Anzeige 

von — 

den heuer ſich in unzaͤhliger Menge 

zeigenden Raupen und daher entſtande⸗ 

nen Schmetterlingen; nebſt dienlichen 
Anmerkungen hieruͤber. 


Meine Herren! 


o viel ſie jeto dort Schaaren der Krieger 

ſehen, und das arme Deutſchland, nach 

GOttes Verhaͤngniß, deren überall, in 

faft nie vorher gewöhnlicher Menge, fie: 

bet; fo ift doc) deren Menge nur ein Häuflein, 

gegen ein andres Heer Eleiner, aber höchft ſchaͤdli⸗ 
her Feinde. 

Die Heere der Kriegsleute ziehen hin und her, 
fodern Brandſchatzungen, fihreiben Lieferungen 
aus, zehren alles auf, thun auch vielfältig den Feld- 
und Gartenfrüchten, ja felbft den Wohnungen der 
Menſchen Schaden : Diefer unzählige Schwarm 
ift unangemeldet erfchienen, legt ſich überall, ohne 
Abtheilung der Quartiere ein, zehret ohne Ziel und 
Maafe, und greift die Natur felbft an, mit wel 
her er Krieg zu führen ſcheinet. 

Im vorigen Sommer fahe man. wenig Unge⸗ 
ziefer von Raupen. und Zwiefaltern, denn die öfte: 
ve Naͤſſe daͤmpfte fie, oder hiele fie doch von ihren 
Zügen und Wanderung zuruͤcke; doch) gegen den 

. x ..i@ Herbſt, 


‚Anzeige vonRaupen u. Schmetterlingen. 497 


Herbft, der freundlich und gemäßige war, merkete 
man an den Bäumen und Xeften eine ziemliche 

enge kleiner Eyerlein, wie ſchwarze Mavdelfops 
pen, in ein zartes granliches Gewebe, gleich der 
Spinnen ihren, eingefponnen. Man glaubte, der 
Froſt des Winters würde fie dämpfen, und achte 
‚te Dahero der Gefahr nicht; allein diefer war, wie 
befannt, nur allzu gelinde, denn daß er ihnen den 
Drudf hätte geben Fönnen. 

Kaum fchlugen, hiefiger Gegend, bereits ums 
» Ende des Märzen, die Bäume aus, fo wurde auch 
dieſe Bruch in erftaunender Menge lebendig, und 
fieng fih an zu regen. Der April und May ma- 
ren zwar theils ziemlich naß, theils Fühle und luf— 
fig, und hoffere man, vermittelft deffen, ihren Un— 
fergang mwenigftens noch zum Iheil, aber auch ver: 
geblich; vielleicht zu unfern Schaden, um ihnen 
nicht noch möglichen Abbruch zu thun: wiewohl 
es ihre Menge faft ohnmöglich machete. 

Sonach hiengen nun im May alle Blätter und 
Aeſte, fonderlih an den Pflaumenbaumen, voller 
‚grüngranlicher großer und Fleiner Raupen; denn 
es ſchien nicht anders, als ob fie damit bedecft wä« 

ren. Um das Ende des Mays, oder auch eher, 
»fiengen fie ſich bereits an einzufpinnen und zu Päpp- 
chen zu werden, und nun im ‘unius haben wir fie, 
in der Geftale weiffer, mit fhwarzen Strichen be— 
zeichneter Zwiefalter oder Schmetterlinge, in folcher 
Menge, daß fie bey Millionen zu zählen find. 
: . Es fiheinet, daß fie fich recrutiren wollen, denn 
"man merft noch, hier und da, Fleine und größere 
er und Päppchen, die noch nicht leer find, 
Oresd. Mas.I.B. Kk wel⸗ 


498 Anzeigevon Raupen u.Schmetterlingen. 


welche entroeder darzu dienen, oder den Nachzug 
abgeben, oder aber gar Freybattaillons formiren, 
und auf Partey ausgehen werden. Auch fo meit 

ahmer die Natur unfern menfhlihen Hnndlungen 
nad); da wir ihr ferner nicht, wie fonft, folgen und 
nachahmen wollen. Taͤglich kommen dahero neue 
Schwaͤrme, oder doc) in den bereits verhandenen, 
deren eine größere Menge zum Borfchein. 

Gleichwie ihre Anfunft, bereits vom Anfang 
her, befonders an den gegen Mittag und Abend ge= 
fegenen, und in Nord und Oft mit Häufern verbaue⸗ 
ten, oder von daher bedecften Gärten und um hie- 
fige Stadt gelegenen Anhöhen bemerfet worden, 
und die gegenfeitigen Gegenden und Gärten damit, 
wo nicht gänzlich, doch meiftens verfchonet geblie- 
ben; alfo haben fie auch fogar, an erftbefagten Dr- 
ten, alle diejenigen Bäume, welche im Schatten 
und zwiſchen den Gebäuden gelegen, verfchonet, 
felbft die Pflaumenbäume diefer Lage, da doch die 
übrigen diefer Gattung gänzlich entlaubt, und nicht 
anders, denn die Befen da ftehen. Sie werden 
hieraus urtheilen, daß fie gute Duartiere fuchen, 
und Feine Wintercampagne fhun werden. 

Iſt ein windigter und Fühler Tag, wie eben 
heute, da ich diefes fhreibe, fo find fie ganz verbor- 
gen und wenig zu fehen, weil fie ſich ganz zuruͤck 
ziehn, und in dem inneriten der Baͤume unter dem 
‚Raub und Blättern cantoniren ; blicft aber Die Som 
ne, und wird e8 warm, oder gar heiß, denn mar— 
fhiren fie die Creutz und die Quere, in ſtarcken und 
ſchwaͤchern Truppen oder auch wohl einzeln, auf 
Kundſchaft. Bald lagern fie ſich am die — 

bald 


Anzeigevon Raupenw,Schmetterlingen. 499 


bald im Grafe, bald auch an Holz und Mauerwerk 
der Haͤuſer. Doc) fie find nicht lange an einem 
Orte, denn e8 fiheinet, daß fie immer im Zug und 
Operation feyn wollen. 

Wird es Abend, und die Schatten nehmen über- 
band, fo legen fie ſich an die oberften Spigen der 
Aeſte und Blätter hoher Bäume, im Gipfel der- 
felben, fo zahlreich an, daß man, wegen ihrer mei- 
fen Farbe, von ferne, glauben follte, es ftünden 
diefelben über und über in voller Blüte. Und fo 
find fie auch noch früh, bis die Sonne die Luft er= 
wärmer, etwa bis gegen 8. Uhr gelagert : denn 
aber breiten fic) ihre Schaaren, vorbemeldeter Maa⸗ 
fen, aus, und erfüllen die Luft. Diefes ift nur 
von warmen Nächten zu verftehen: denn bey Fal- 
ten ziehen fie fic) ebenfalls tiefer unter das Dach 
der Blaͤtter zuruͤcke. 

Jetzo ſeh ich, daß ſie ihre Fourage beſonders 
von den Blüten des Holunders ſuchen, doch zweif— 
fe ic) nicht, daß fie auch noch fonft von andern Blu⸗ 
men, Blättern, Gras und Gewächfen ſtarcke Ab» 
lieferungen erhalten werden. Inzwiſchen mag ih- 
nen vielleicht, auf den Nothfall, alles gleich ſeyn; 
wie e8 denn immer bey den Kriegsleuten fo zu;ges 
hen, und bald gute Duartiere und fette Malzeiten 
zu fallen pflegen, bald aber das liebe Commisbrobd 
mit Salz und ein wenig Zugemüfe aud) den Hun« 
ger ftillen, und den Bauch füllen müffen. Dar- 
innen möchten fie von menfchlichen Kriegsvoͤlckern 
abgehen, daß fie nicht durftig zu feyn feheinen: Es 
fey nun daher, daß.fie fo mäflerichte oder doc) fafti« 
ge Speifen genieflen, oder daß fie nicht, wenn fie 
| gta getrun · 


500 Anzeige von Raupen u. Schmetterlingen. 


getruncken haben, ſo viel Lerm und Unruhe, denn 
jene, anrichten. | 

Man hat bemerfet, daß, wenn fie an ftarf und 
balfamifch riechende Blumen, wie z. E. an die Vio- 
lam Matronalem, fonderfich die rörhliche, wie fie 
denn fehr zu thun pflegen, ſich in Menge angelegt, 
fie ganz wie kraftlos und unberührlicd geworden. 
Es ſcheinet diefes eine Art der Berauſchung zır feyn. 
Hier follte man fie nun überfallen und todtſchlagen. 
Doc) es ſcheint nicht, daß fie Feinde haben, welche 
fi) diefes zu Nutzen machen; denn die Menfchen 
find jetzo viel zu unempfindlich und gleichgültig ge- 
‚gen ihr Schieffaal, denn daß fie ſich zu dergleichen 
verbunden, und auf Rettungsmittel zu denfen nö 
thig erachten follten; fo lange fie nur noch, fehöne 
Kleider anzuziehen, und etwas in Bechern, Glä- 
fern und Schüffeln haben. 

Der Schaden wird fic) hinfünftig von dieſen 
natürlichen Heeren GOttes, welche er, nach der 
Schrift, zur Strafe über die Menſchen, niche felten 
ausſendet, in der Folge noch weit empfindlicher zei⸗ 
gen; denn das, mag fie jeßo verzehren und verrich- 
‘ten, möchte noch hingehen, ob es gleic) einen groſ 
fen Antheil von Obft und Früchten, bey jesigen def- 
fen fo bedürfenden Zeiten, ung entziehet: allein die 
von ihnen abgefreffenen Bäume, da fie jetzo, auf 
fer der Zeit, wieder treiben und ausfchlagen, wer: 
den num auch aufs Fünftige oder auf das naͤchſtfob— 
gende Jahr untragbar gemacht und enefräfter: umd 
was follte nicht vor eine unendliche Menge folchs 
Ungeziefers ſich denn erft aͤußern term der Fünftige 
‚Winter ihnen günftig und gelinde ausfallen follte & 
re Wegen 


Anseige von Raupen u.Schmetterlingen. sor 


Wegen ihrer Montirung muß ich Ihnen an- 
noch melden: Wie fie alle eine wirkliche Uniform, 
nämlich weiß, jedoch merklich ins geibliche fpielen- 
de, tragen, welche mit ſchwarzen Linien, Die gegen 
das Mittel ihrer vier Flügel faft parabelmäßig zus 
ſammen, gegen das breite Ende derfelben aber aus 
einander laufen, gleichfam galloniret find; doch) hab 
ich befunden, daß fid) aud) bey denen, welche län- 
ger zu Felde gewefen, ſolche freylich auch, wie bey 
den Soldaten, ändert und immer gelblicher wird; 
da fie bey der jungen Mannfthaft ganz weis ift, wie 
denn auch jener ihr Coͤrper viel ſchwaͤrzlicher, denn 
diefer ihrer if. Ich münfchte: daß fie und alle 
jeßige Kriegesheere auf immerzu in ihre Duartiere 
gehen, und auf hundert Jahr ausruhen moͤch⸗ 
sen: 


Gr. 





— — — — 


































































































































































3 „Stand der Wetterglaͤſer, ‚nebft:vorgefall. 

s:| Thermom. | |7 Barometer. 

5 (Fein. 1Nmie. 9. | | Früh. | Nachmit.] Mbende. : 
1\49 |\s9 |s2 | I27 9227 9 |27 9 
2149 |60 |58 27 10 |27 10 |27 ıo 
3157 |753161 27 10 | 27 1035| 27 10 
4159 |79 163 | |27 94 27 9327 10 | 
5158 |70 |s6 | |27 103127 11 | 27 11 

| 6\s8:|75 |s7:| |27 9227 IE 10 | 
7161 !6941625| |27 11 27 10 ,27 IO 

| 8156 166 |53 27 11 |27 113|28 3 
g|sı |585|505| |28 328 1 28 ı 
10|44 | 563 | 60 28 ı |27 ıı |27 10 
sılssalzosls4 | 127 9|27 11 27 113 
12151 |65 Isı 28 - |28 ıl28g ız 
131423167 |sz | |28 z2|28 128 3 
14| 5532| 70 |615| |27 1153| 27 1123| 27 10% 
15156 |69 |s4 | |27 ıı |27 11 |27 10% 
16\54 |59:|so | |27 10328 - |28 5; 
ı7lsı 485) |28 #128 1128 ı 

E 44 |62 |sı | !28 ı3|28 I 
ı9|sı |ss 150 | |27 9|27 9127 9 
20148 | 55 B 27 10 ® 1051 27 108 

121|493|60 49. 127 10 |27 9:27 9 
22148 |58:|53 | |27 93127 9127 9 
23|53 |6o:|s$ | |27 9 |27 9327 10 
24|f2 169 |ss 27 104|27 103] 27 ıo! 
as Ist 161 |56 27 10 |27 ı0 | 27 Io 
26114 |592153 | I27 9327 ı0 |27 103 
2715264 's2 | I27 114l2g - 128 ı 
28|44:|59 49) |28 ı3l2g 3/28 - 
29|46 |65 |53 23 - |27 ı0l| 27 10 

:130|49 160 |sız| 127 93127 94127 9 


















































—|gewölkt gewölft trübe trübe 
ı| Regen Oſchein gewoͤlkt 16 Regen |mindig gewoͤlkt 
Regen 
Sſchein hee Oſchein helle 


17 trübe 
Wi 


„[ofgein " 

windia ind 

gemoift Oſchein ‚helle = Nebel Oſchein Hele 
3 0ſchein Oſchein 


















































M ſchein geroölfe] heile |,.| trübe | Wind gewoͤſtt 
Degen 19 [Dem] 
Oſchein MWınd | Regen 

z windig IOfchein! belle 120] Regen | Wind | trübe 

Ofchein 
6 "trübe | nd” heile "trübe Igemoite| delle 
6Oſchein Oſchein er Oſchein Oſchein 
gewoͤlkt gewoltt gewoͤlkt * DSſchein gewoͤltt He 
7| Wind | Wind | Wind_ | Wind 
gewoſtt Oſchem [Ren geölt / 

8 Wind | Wind | helle, |23/gervölkt | Regen | trübe 
TOBganl a1: 1 21. Ehe 2 
—/gemöltt Oſchein Oſchein Oſchein 
Wind Imindig helle I24lwindig windig gewoͤllt 








Oſchein 





— IoOfcheinigewoltt 
10 Ofchein Oſchein belle I25| Wind | Wind 

























Regen 
7 
&ſchein gewoitt | belle „gl trübe | trübe | bele 
I Wind | Wind Regen | _ 
12 "rübe [Ofcpein| Helle | a7 Negen Igemölte | belle 
Ofchein Oſchein Oſchein 


— — — — — —— — — — — — — 


Oſchem õ ſcheiu helle 


ein elle 
13 windig windig ee 


windig windig 


Igewoͤſtt iger gewoſtt Sewitirſũbe Sſchein bene 
windig Dſchein Regen NOſchein 
"Ofhein|gemölft| Helle 30 Ofgein Ofen) helle 
S|geroolkt Oſchein gewdikt 























504 x 9 x 
VI. 
Von den in Annaberg 


geprägten Schreckenbergern, 

welche Muͤhlſteine ſollen ſeyn genen- 
net worden. 

Mnter die Merkwuͤrdigkeiten Sachßens, und 
vornemlich des Erzgebuͤrges, welche in der 
N Geſchichte der Aufmerkſamkeit werth find,ge- 
hoͤren billig die alten und ehemahls gangba⸗ 
ren Muͤnzen. DieSchreckenberger, oder ſogenann⸗ 
ten Muͤhlſteine rechnet man mit Recht hierher, wel⸗ 
che in Annaberg zu erſt ſollen gepraͤget worden ſeyn. 
Ein gewiſſer Albert von Schreibersdorf iſt ohn⸗ 
gefehr ums Jahr 1507. hieher gekommen, hat 16. 
Jahr allhier in Dienſten geſtanden, und iſt ao. 1523. 
geſtorben. Ohngefehr iſt er der erſte Muͤnzmeiſter ge⸗ 
weſen. Deñ es iſt wohl nicht wahrſcheinlich, daß gleich 
mit Erbauung der Stadt ao. 1497. auch ſchon eine 
Muͤnze allhier geweſen ſey, indem man anfaͤnglich 
noch nicht einmal ſogleich Schmelzhuͤtten hier hatte, 
fondern es wurden in den erften Jahren dieSilber zum 
Schmelzen nad) Geyer gebracht. Es ift demnach die 
ganze Erzehlung, daß die erfte Münze hier in Anna- 
berg, anfanglic) bey Erbauung der Stadt, fey unten 
. bey Fronau inderMühle gefchlagen worden, gar niche 
wahrfcheinfich, fondern vielmehr zu glauben, daß das 
hier gewonnene und in Geyer gefchmelzte Silber in 
Freyberg, wohin Annaberg, welches herzoglich war, 
ins Oberbergame gehörte, wie denn auch der’ Bergmei⸗ 
fter von Sreyberg, Johann Fiſcher, die erfte Sehr \ 

| | glei 


Don teprägten Schreckenbergern. 505 
gleich allhter verliehen, oder auch ih Zwickau, als wo⸗ 
Hin Geyer, welches churfürftlich' war, daher denn auch: 
auf dem Aversder fo genannten Mühlfteine, die Chur⸗ 
ſchwerdter ftehen,feineSilber in die Münze lieferte, iſt 
ausgemuͤnzet worden. Es war auch die Muͤhle in Fro⸗ 
nau damals noch Fein fo großes Gebaͤude, wie jeßo,daß 
eine Münze darinnen hätte Raum haben Ffönnen, fon: 
Dern fieift vielleicht, nach dem Berhältniffe des kleinen 
Darbey liegenden Dorfes Fronau, welche Innwohner 
Darinen gemahlen,nur ein Fleines und fchlechtes Werk 
Damals noch geweſen, hat auch nicht an dem Orte, wo 
fie fich jeßo befindet, fondern etwan da, wo jeßo der‘ 
Zahnhammer in Fronau angericheer iſt, geſtanden. 
Mithin folgerüberhaupt, daß die erften fo genanmteit 
Schreckenberger, oder, wie fie auch fonften heiſſen En⸗ 
gelsgrofchen, von ao. 1498-1506, keinesweges in An⸗ 
naberg gepräget, ſondern vielleicht nur dieſerwegen 
nach dem hiefigen Gebürge Schreckenberger find ge? 
nennet worden, weilfie von dem, aus dem Schrecken⸗ 
berg gewonnenen, Silber gemuͤnzet geweſen. Hieraus 
aber widerlegt ſich auch die ſeit ſo langen Zeiten fortge⸗ 
pflanzte jedoch gaͤnzlich ungegruͤndete, Nachricht, daß 
es ehemals Schreckenberger gegeben, die noch vorhe⸗ 
ro, und alſo etwan ao. 1496. und 1497. gepraͤget, und 
Muͤhlſteine darum waͤren genennet worden, weil die 
Münze, wo man ſolche geſchlagen, unten in der Mühle 
bey Annaberg, geweſen; theils auch, weil auf dem Re- 
vers derſelben drey Muͤhlſteine geprägt zu fehen geme- 
fen. Niemand hatvdiefen vorgegebenen erften Schlag 
diefer faͤlſchlich fo genannten Mühlfteine bisher Fön: 
nen zußefichte friegen. Man hat dahero ſolche Muͤn⸗ 
ge vor hoͤchſt rar gehalten, und fich an dem, in der von 

| Kke5 den 


— 


506 Von geprägten Schreckenbergern. 


den Schocfgrofchen, zu Wittenberg in 4to ao. 1728. 
gedruckten gründlichen Nachricht, befindlichen Abdruck 
müffen begnügen laffen. Es find folglich, weil Fein fol- 
her Muͤhlſtein felbft wo ift aufzutreiben gemefen, ver- 
ſchiedene falfche Muthmaßungen von diefen vorgege- 
benen Mühlfteinen gemacht worden. M. Paul, Mart. 
Sagittarius, Rector ehemals in Altenburg, ſagt in fei« 
ner Differt. Vta de Nummis Seren. Saxoniz Du- 
cum, daß etliche fich irrten, und fich unter folchen. 
Mühlfteinen einen gewiſſen raren Schlag von An- 
nabergifhen Thalern vorftelleten. Tenzel in Sa- 
xon. Numismat. hält fie, als einen unbefannten 
Schlag, mehr vor eine Gedächmiß-als Current- 
münze, Allein, erftlich ift es zuverläßig falfch, daß 
unten in der Mühle bey Annaberg anfanglid) eine 
Münze errichtet geweſen, daß andere aber alles wi⸗ 
derleger fich nunmehro durch den Augenfchein, Wir 
haben gegenwärtig einen folchen faͤlſchlich fo genann- 
ten Annabergifhen Mühlitein zu fehen befommen, 
welchen der allhiefige Stadfchreiber, Tit. Herr Jo⸗ 
bann Carl Gutmann, vorjego befiget, und fol- 
hen nur Fürzlich in einer alten Brandftatt, auf der 
ehemals fo genannten Münzergafle hier in Anna- 
berg, welche feit anno 1604. in ihrer Berwüftung 
gelegen, bey dem Abräumen gefunden. Es kommt 
auf felbigem das Gepräge, welches fehr fauber und, 
nad) damaligen Zeiten, Fünftlid) genug ift, mit 
dem bereits angeführten, und in der zu Wittenberg 
gedruckten Machricht von den Schodfgrofchen be: 
findfihen, Abdrucke ziemlich überein, und hat er 
die Größe, Runde und Dicke eines jeßigen Zwey⸗ 
groſchenſtuͤckes. Auf dem Aveıs ftehen-die — 

ur⸗ 


Don geprägten Schreefenbergern. 507 


Churſchwerdter in einem, auf einem runden italid- 
nifchen liegenden, fpanifchen Schilde, um welchen 
runden italiänifchen Schild vier halbe Zirfel anſte⸗ 
hen, mit der in felbigen gefeßten Umfchrift: MA- 
TER DEIo MISERE Eo MEI. In dem Wors 
te miferere ift das legte R aufengelaffen. In je= 
dem halben Zirfel unter der Schrift, ftehr ein Fleis 
ner geferbter, und wieder darinnen noch ein Fleine- 
rer ungeferbter, halber Zirkel, an dem runden itas 
ltänifchen Schilde anftoßende, und mo jeder halbe 
Zirfel mit dem Fuße an des andern feinen Fuß an« 
ftößt, ſtehet oben darüber, aus dem MWinfel naus⸗ 
wärts, bis bald an dem Rand, ein Fleines Bluͤm⸗ 
gen. Auf dem Revers aber ftehen nicht, wie man 
fatfchlich bisher geglauber, drey Mühlfteine auf ein⸗ 
ander geleget, fondern die fächfifche Raute in einem, 
wieder auf einem runden italiänifchen Schilde, lie- 
genden fpanifchen Schilde, um welchen runden ita⸗ 
liänifchen Schild wieder 3.halbe Zirfel dran anfte- 
hen, in deren iedem ein Blümgen, mit Blättern 
gepräger, zwifchen jedem halben Zirfel ift eine ge- 
Ferbte Linie von dem einem zu Dem andern gezogen, 
und bey jeder folchen- Linie ftehet oben drüber: 
OHILF? °SAN? °ANNA° Hieraus fehen wir nun- 
mehro, mie falfch die fonft fo allgemeine Nachricht 
von den Annabergiſchen fo genannten Mühljteinen 
ift, wie auch, daß felbige Feine Annabergifchen Tha- 
ker find. Endlich aber hat auch Tenzel nicht recht, 
der diefelbe lieber vor eine Gedächtniß-als Eurrent- 
münze dem Anfehen nad) hat halten wollen. Erft- 
lich Fönnen wir Herr Tenzeln nunmehro überzeu- 
‚gen, daß er niemals feinen folchen fo genannten 
ZZ Mühl 


sog Von geprägten Schreckenbergern. 


Mühlftein gefehen habe. Es find aber auch) folche, 
wie ich vermurhe, zuerſt bey Erbauung der Stadt 
Annaberg, in Freyberg oder Zwickau, wie wir ſchon 
oben berühret, gefihlagene und fälfchlich fo genann- 
te Mühlfteine, weder eine Gedähmiß-und Cur⸗ 
rentmüngze, fondern, wie nunmehro der Augen» 
ſchein meifer, mir eine Kupfer-und Scheidemünge: 
gensefen, vor die damaligen hiefigen Bergleute und 
nerien Anbauer der Stadt, als woran es befann- 
ter maßen, da unter die Gewerfen und Bergleute 
fein gemüngtes Geld, fondern nur fo genannte Sil- 
berfuchen, anfanglich ausgetheilee wurden, damals 
bat fehlen wollen. Wäre aber diefer Schlag, wie 
Here Tenzel will, eine Gedaͤchtnißmuͤnze gemefen, 
fo müßte er, weil die Worte HILF-SAN ANNA 
drauf ſtehen, etwan anno ı 501, da die Menue Stadt 
den Namen St. Annaberg von dem Kayfer Maxi- 
miliano I. befommen, oder ao. 1518, da das grof 
fe Heiligthum St. Anna in einer großen Proceßi- 
on hier herumgetragen wurde, gefihehen feyn. Je⸗ 
doch wuͤſte ich wieder nicht, wie zu einer Gedaͤcht⸗ 
nißmuͤnze fo wichtiger Dinge nur Kupfer wäre ge 
nommen worden, und wenn man auch fagen woll⸗ 
te, daß ſolche nur unter die gemeinen Bergleute 
wäre ausgetheilet worden, fo. ift ja Feine andere fil- 
berne vorhanden, und zu dem gaben die Bergwer⸗ 
fe allhier fo viel Silber. her, daß man auch vor dein 
gemeinen Mann Feine Zuflucht zu dem Kupfer hät 
te nehmen dürfen. Endlich ift es noch die Frage, 
ob diefer Kupferfchlag, der alſo Anleitung zu den 
erdichteten Mühlfteinen gegeben, nicht ganz und 
gar, nach damals gewöhnlicher Art zu rechnen, ein 

bloßer 


Don geprägten Schreckenbergern. 509 


bloßer Rechenpfennig gemwefen, jedoch da müßte, nach 
damaliger Gewohnheit, der Mame des Münzmei- 
fters daranf ftehen. Bielleicht wird nunmehro die- 
fe unfere Nachricht, von den fälfchlicd) alfo genann- 
ten Annabergifchen Mühlfteinen, denenjenigen nic)e 
unangenehm ſeyn, welche ſich darunter eine höchft 
rar gewordene Silbermanze haben traumen laflen, 
wie mir denn felbft, mehr als einmal, ein anfehu- 
liches ift geboten worden, wenn ic) einen folchen, 
wie wir nunmehro fehen, erdichteren, Annabergi- 
fhen Mühlftein hätte verfchaffen Fönnen. Die- 
weil es aber nur eine Kupfer-und Scheidemünze 
gewefen, und man ſchon anno 1498. die filbernen 
Engelsgrofchen, oder fo genannten Schrecfenberger 
gefchlagen, fo ift leicht zu ſchluͤßen, daß ſolche fo 
genannte Muhlfteine vielleicht nicht weiter, als nur 
das erfte Jahr 1497, da die Stadt erft erbayer 
"wurde, find gefchlagen worden, und daß dahero Die 
Menge derfelben nicht groß, folche auch nach der 
Zeit nicht weiter werden geachtet geweſen ſeyn, fo 
daß ſich folche endlich gar verlohren haben.  n- 
zwoifchen ift dennoch, zu einem fichern Beweiß von 
der Wahrheit diefer unferer gegebenen Nachricht, 
diefe von dem hiefigen Heren Stadtfchreiber gefun- 
‘dene und jego befihriebene Kupfermuͤnze, wegen der 
fälfchlich bisher gehegten Meynung, (weil Jenifius, 
der es doch beffer harte wiſſen follen, wider ‘alle Waht- 
heitin feinem Annabergifchen Chronico erzehlet, daß 
die hiefige Münze zuerft in der Mühle unten bey 
‘der Stadt geweſen, und man dahero Anlaß genom- 
‚men, die auf dem-Revers geprägten 3. halben Zit- 
kel vor 3, Muͤhlſteine anzufehen;) als waren en er⸗ 
en 


510 Von Arten und Mitteln, 


ften Schredfenberger in Annaberg gefchlagen, und 
Muͤhlſteine genennet worden, nicht ohne allen Werth, 
wohl aber würdig, in einem Münzcabinet aufbe- 
haften zu werden, zumal da foldye, ob fie gleich 
länger als 150. Jahr in der Erde gelegen, noch un- 
befchädiget, nicht im geringften verdorben, vielme- 
niger dag Gepräge darauf verlofchen ift. 


VII. 
Von verſchiedenen 


Arten und Mitteln, 


uͤber 


die Fluͤſſe zu ſetzen. 


undern Sie ſich nicht, daß ich bey den je⸗ 

bigen kriegeriſchen Zeiten Ihnen etwas 

je hiervon zufende ; wie mich denn letzthin, 

als ic) in einer gröffen Stade war, die 

Betrachtung einer geoßen Anzahl fogenannter Pon⸗ 
tons hierzu geleitet hat. 

- Da ic) vom Ueberfegen fchreibe, fo verftehen 
Sie fhon, daß ich mein Augenmerf hauptſaͤchlich 
auf dergleichen Vorfälle richte, welche die Noth« 
mwendigfeit im Kriege, oder doch der Vortheil er- 
fordern. Und ſo haben Sie mich auch) recht ver- 
fanden. 

So wie die Menfchen alles nur nad) und nad), 
‚entweder in Nachahmung der Natur, ‚oder durch 
den Zufall, veranlafler erfunden und ernet haben ; 
: o060 


über die Fluͤſſe zu ſetzen. 511 


ſo iſt es auch hierbey gegangen; nachdem ſie ein⸗ 
mal eben ſo begierig, andern den Hals zu brechen, 
denn ſich zu retten, geworden. 

In den aͤlteſten und erſtern Zeiten ſchwamm 
und wadete man uͤber die Fluͤſſe und durch dieſel⸗ 
ben, da zumal an der Montirung, Proviant, Ge⸗ 
wehr und Pulver nichts zu Schaden kommen oder 
verlohren gehen konnte. Und noch jetzo geſchicht 

das in Faͤllen, wo die Fluͤſſe nicht allzu reiſſend, 
tief und ſchnell, oder doch feichte Derter und Far- 
then darinnen zu finden find, oder auch bey Paßi⸗ 
rung ftehender- Wäffer und Moräfte. 

Iſt das Waſſer tiefer, und gleichwohlder Strom 
niche allzu fehnell, fo ſchließt man die Fußvölfer 
zwifchen die Reuterey, gegen und abwaͤrts dem 
Strom ein, oder man läßt auch wohl vom Fußvolf 
fo viel als möglich mit auf die Pferde fißen, und 

" mit den Neutern überfegen. Oft muß das Fuß- 
volf bis am Hals in Waffer gehen, und Patronen 
und Schüßgemwehr auf dem Kopfe tragen. Doch 
dag gemeiniglih.nur im Nothfalle, oder um den 
Feind unerwartet zu überfallen. Diefes mag 
man gewagt, und wenn e8 glückt, gelungen heißen. 

Doc) Leute, Pferde und das übrige Gefolge des 
Heeres zu fehonen, und fie nicht, ohne North, fo 
augenfcheinlicher Gefahr: blog zu ftellen, hat, bald 
vom Anfang her, die Kiugheit gerathen, auf andre 
Mittel bedacht zu feyn; um auch zumal nöthige 

Lebensmittel vor Menfchen und Vieh, nebft den 
übrigen Erforderniflen des Krieges, mit fi) fort 
und hinüber zu bringen; da zumal der Feind nicht 

ſo höflich ift, folcherley Beduͤrftniſſe einem jenfeite 
: im 


512 Don Arten und Witten, 


im Wege liegen zu laſſen; auch außer der Befchwer- 
lichfeit des Waffers zu durchdringen ,. fonft noch al« 
le erfinnliche Schwierigfeiten und. Hinderniffe, nebft 
der muthigen Gegenwehr, entgegen fteller. 
Konnte man fid) nun niche allezeit, nach Gele- 
genheit der Umftande, der bereits erbauten Brü- 
- fen zum Uebergange verfichern, oder e8 waren de- 
ven Feine verhanden, oder der Feind hatte folche ver- 
branne und abgemorfen, und die Zeit geſtattete nicht, 
folhe zu erbauen und wieder herzuftellen;, fo wa- 
.ren wohl die Schiffe das natürlichfte und naͤchſte 
Mittel, einen Uebergang zu bewirfen; denn nur 
weymal iſt es geſchehen, daß ein Heer, naͤmlich 
Iſrael, das Schilfmeer und den Jordan, durch ein 
übernatürliches und wunderbares Nachgeben des 
Waſſers, paßirer ift, als uns, die Gefchichte der 
Schrift melden. 
Doch da auch) dag, wegen Zerftreuung der 
Schiffe und ungfeicher Anlandung derſelben, be» 
ſchwerlich fiel, der Kriegsapparat fi immer mehr 
vermehrte, und die Erforderniffe hauften, folches 
aud) zu bequemerer Ausführung des Leberganges 
viel dienlicher fhien, fo fügte man entweder die 
Schiffe an einander, oder befeftigte folche, wo de- 
ren nicht fo viel verhanden, in maßiger Weite auf 
dem Strom, neben einander, dergeftalt, daß man 
ordentlic darüber Bruͤcken, und das Heer mit ale 
len Bedürftniffen nach einander übergehen, auch 
dergeftalt einander fo viel naher feyn, und fich mit 
zufammengefegten Kräften vertheidigen Fönnte, 
Des. herrfchenden Monarchen Eerpes: erftaunende 
* bruͤcke, die er uͤber den Helleſpont flogen 
”" lies 


über die $lüffe zu ſetzen. 513 


fies, mag wohl, wo nicht die erfte und ältefte, we— 
nigftens die einzige in ihrer Are feyn, welche ung 
die Gefchichte anzeiger. 

Da aber nicht jeder Feldherr fofort, wie diefer, 
taufend und zweyhundert Saleren und zweytauſend 
Srachefchiffe zufammen zu bringen im Stande, aud) 
dergleichen Menge, wie er felbjt mie Schaden er- 
fahren, mehr eine Laft denn ein Vortheil ift, indem 
deren Befegung und Verficherung allein ein grof- 
fes Heer erforderte, fo war dieſe auch nicht allewege, 
wo man deren benöthiget war, über Land und Ge- 
buͤrge hinzubringen und fortzufchaffen, als welches 
Sulian im Feldzuge gegen die Parther und an 
Dre zwar verfucht, auch theils möglid) gemacht ha- 
ben, fo brauchte man, in folgenden Zeiten, wo es 
möglich war, glei) auf der Stelle erbauter Flöfe 
oder Fähren und gleichfam ſchwimmender und flie- 
gender Brücen, deren Alerander und Cäfar fich, 
nach ihren eigenen Erfindungen, zu mehrern malen 
bedienet. | 

Alle diefe Mittel find, nach Gelegenheit und Er- 
forderung der Umftände, zwar noch jego im Ges 
braud); doc) hat man aud) hiernächft auf weit be- 
quemoͤre gedacht, welche mic weniger Befchmwerlich- 
Feit fortzubringen, überall bey der Hand zu haben, 
und ohne Zeitverluft in Stand zu feßen find, um 
gemächlich darüber zu gehen. An einander befe- 
ftigte leere Fäffer, Füpferne und blecherne Fahrzeu⸗ 
ge, von mäßiger Größe, die auf darzu verferfigte 
Wagen geladen, und leicht mit fortgefchaft werden, 
auch fofort bequem an einander, oder doch) nicht weit 
von einander verbunden werden Fönnen, vertreten 

Dresd. Mag. J. B. Ll anjetzo, 


514 Don Arten und Mitteln, 


‘ 


anietzo, gewöhnlicher Maafen, die Stelle ungang— 


barer Fahrzeuge. Diefe, da fie eben fo leicht bey 
der Hand zu haben, denn, mit einer mäßigen Be⸗ 
deckung, wiederum in. Sicherheit zu bringen find, 
haben viel Bequemlichfeie und Vorzüge vor den 
Schiffen, und die Franzofen, als deren Erfinder, 
haben ihnen den Namen Pontong bengeleget. 

Da man auch, nad) Erfindung und Gebrauch 


des Schüfpulvers, mit groben und ſchwerem Ges 


ſchuͤtze die Flüffe zu paßiren noͤthig hat; fo iſt es 


ſo viel dienlicher und ein unfchäsbarer Vortheil, 


dergleichen leichte Fahrzeuge, um Brücken, darüber 
zu legen, immer bey der Hand zu haben. So 
wird die Noth eine Lehrmeifterinn, und fo leiter fie, 
durch die Gefahr, auf noͤthige Vorſichtigkeit und 
zu neuen Erfindungen. Erfindungen, welche fo 
viel bewundernswuͤrdiger feyn würden, wenn fie 
nicht zum Verderben der Menfchen unter einander 
gereicheten, und oft denen felbft, weiche ſich deren 


bedienen, fo halsbrechend ausfielen. 


Ob die neue Erfindung einer ledernen Bruͤcke, 
je gar einer andern von Leinewand, welche man, 
vor nicht allzulanger Zeit, in Franfreich gemacht, 
zu Ueberbringung des Volkes und der Geräthichaft 
tauglich gewefen, Fan ich! nicht fagen ; doc) durch⸗ 
aus auch nicht glauben, daß die Neuterey, dag Ge- 


HUB und die zum Proviant und der Munition ge 


hörigen Wagen über diefelben füglich paßiren mö- 
gen. Allzuhoch getriebene Erfindungen find ing- 
gemein vergebliche Verfuche und unnuͤtze Spielmer- 
fe. Dahin mag man auch wohl Herrn Sache 
ſtroms Kunft zu ſchwimmen vechmen, nach welcher 

, . ve rt ein 


über die Stüffe zu feen. 515 


ein von Kork verfertigter Harniſch oder Anzug, ſo 
wie die Bluderhoſen und Schwimmguͤrtel wohl ein⸗ 
zelen Perſonen, ſchwerlich aber ganzen Heeren nüß« 
liche Dienfte leiften koͤnnen. 

Wär der Krieg noch eine natuͤrliche Nothwehr, 
und nicht auch, gleich allen andern Dingen in der 
Welt, zu einer Art der Kunſt, ja gar in gewiſſer 
Maafen zu einem fürchterlichen Gepränge gemor- 
den, fo würde die Art, deren ſich hierinnen unfte 
alten Deutfchen bediener, die vorzüglichfte ſeyn. 
Sie beftund darinnen, daß ſie ihre großen aus 
Baumrinden bereiteten Schilde an einander hien= 
gen, fi darauf fegten oder legten, und dergeftale 
glücklich über die Fluͤſſe ſchwommen. Ihnen thun 
es jetzo faſt die Canadier und Iroequer gleich, wel⸗ 
che ihre leichten Fahrzeuge von eben der Gattung, 
wie dieſe, mit ſich fortnehmen, und von einem Fluſſe 
zum andern fragen, wenn fie in Krieg gehen. Doch 
wie jene ihre Fahrzeuge auch) zum Schilde brauchen, 
fo brauchen diefe die ihrigen nachmals im Felde zum 
Zelte und Wohnung. Wie nuͤtzlich ift nicht die 
Einfalt der Natur, fo lange fie die Kunſt nicht mei⸗ 
fer. Ich wünfchte überhaupt, daß man mehr, 
nach der aften Weife, auf Schugfafpen und Rüs 
ftung, denn blos auf Wehrmaffen denfen möchte. 
Wir find gewiß nicht fefter, fondern noch gebrech⸗ 
licher geworden, 

Das waren und find, werden Sie vielleicht ſa⸗ 
gen, Barbaren; aber ich werde Ihnen antworten: 
Mit nichten, fondern Leute, welche der Natur, oh⸗ 
ne Ztvang, folgeten. Aber fragen Sie ferner, mo 
haben wir jetzo — — und ” Baum: 

rin⸗ 


516 Don den Diamantgruben. 


rinden, ſo kan ich freylich nichts weiter darauf ant⸗ 
worten, denn nur ſo viel: Wie dieſe anjetzo in dem 
lieben Deutſchland eben ſo ſelten, denn das unver⸗ 
faͤlſchte Geld und die alte deutſche Redlichkeit find. 

* Gr. 


© Ofoskocfeofeofockoofoofpofonx offer“ 

| VII. F 
Bon - 

den Diamantgruben, 


Ss ift ein Irrthum, wenn man ſich einbildet, 
daß die Diamanten eckigt wüchfen. Die: 
fer Irrthum, in welchem aud) felbft Here 
Wallerius gerarhen, mag vielleicht daher 

fommen, weil die Diamanten ordentlich ſchon ge 
fohliffen zu ung gebracht werden; oder weil man 
unfere Kryſtallen und die Schnecfentopafen eckigt 
germachfen zu fehen gewohnt ift. Cie wachen aud) 
nicht in Drufen, noch in Gängen und Klüften, wie 
unfere erwehnte Evelgefteinarten; fondern fie wer- 
den einzeln in der Erde zerftreut gefunden. Sie 
find Fiefelförmig, und haben Feine beftimmte Figur. 
Und ob gleich manchmal einige ecfigt ausfallen: -fo 
ift doc) diefes eine irreguläre Geſtalt, fo man nichts 
weniger als eine den Diamanten eigene Figur an: 
fehen fan. Ob auch gleich die Grube Raolkonda 
in Dftindien aus Adern in Felfen, oder nach unfe: 
ver Arc zu reden, aus Gängen zu beftehen fiheiner: 
ſo ſind es doch nicht. fo wohl Gange oder Steina= 

N i dern, 


Ä 


Von den Dismantgeuben. 517 


dern, als vielmehr mit Sand oder Erde ausgefül« 
lete Felſenritze. Will man fie aber indefjen doch 
Gänge nennen: fo liegen die Diamanten in felbi- 
ger Erde, wie man zumeilen in unfern Bergwer—⸗ 
fen einzele in Lerten fteckende Marchafiten findet. 


Die Diamantgrube, welche Methold 1622 
befah, lag nur zwo Meilen von der Stadt Golkon⸗ 
da. Die Zahl der Arbeiter betrug wenigftens drey⸗ 
fig taufend. Einige gruben Erde aus, andere fül- 
leten fie in. die Faͤſſer, noch andere fehöpften das 
Waſſer aus, das fi) in den Gruben ſammelte. 
Wieder andere trugen die Erde auf einen wohl abs 
geebneten Platz, breiteten fie etwa vier bis fünf Zoll 
dick aus einander, und lieffen fie trocfnen. Den 
folgenden Tag zerrieben fie diefelbe mit Steinen, 
Rahmen alle Fleine Kiefel, die fie darinnen fanden, 
heraus, und zerfchlugen folche ohne viele Weitläuf- 
tigfeit. Zumeilen fanden fie inwendig Diamante, 
. gemeinigfich aber feine. Man verficherte den Me: 
thold, fie Fenneten die guten Pläge an der Farbe, 
der Erde, ja auch an ihrem Geruche. Daher 
fhürften fie an einigen Orten die Erde nur ein we⸗ 
nig auf; anderswo hingegen fehlugen fie bis auf 
zehn, zwoͤlf Lachtern tief ein. | 


Die Erde in diefen Gruben ift roch, mie weiß 
fen oder gelben Adern von einer dem Kalche glei- _ 
Heiden Materie durchzogen, und mit Kiefelfteinen 
vermiſcht. An ftatt Schachten und Stollen zu 
treiben, wie in, den europäifchen Gruben, fo gräbe 
Man gerade untermärts, und mache gleichfam vier- 

813 erfige 


518 Don den Diamantgruben. 


efigte Brunnen. Das Waffer aus den Gruben 
zu bringen, ftehen viele Kerle, immer einer höher 
als der andere, und reichen das Waffer aus einer 
Hand in die andere. Welche Art unfere Bergleute 
te ihnen wohl nicht ablernen werden, ob fie gleich 


Methold ſehr ruͤhmt. 


Die Grube war einem reichen Kaufmanne, 
Namens Marcanda, aus der Goldſchmiedezunft 
verpachtet, welcher jährlich dreyhundert tauſend 
Dagoden, fo ungefehr eben fo viel Ducaten aus» 
machen, dafür bezahlete, und über diefes dem Koͤ⸗ 
nige alle Steine, die über zehn Karat mögen, lie 
fern mußte.  Diefer Dberpachter hatte den Plas 
än gemwifle vierecfigte Bezirke abgerheiler, und an 
andere Kaufleute verlaffen. Der Unterfchleif wur⸗ 
de fehr hart beftraft, dennoch aber wurde — 
ſchoͤne Diamant untetgefchlagen. 


Die Grube liegt am Fuße eines BR Ber 
ges, nicht weit von einem Fluſſe, Chriftena genannt. 
Die umliegende Gegend ift dermaßen unfruchtbar, 
daß fie vor Entderfung derfelben nichts, als eine 
Wuͤſteney, vorgeftellee. Sie wurde aber mit uns 
glaublicher Geſchwindigkeit volkreich, und man zaͤhl⸗ 
te damals uͤber hundert tauſend Einwohner, theils 
Arbeiter, theils Kaufleute, Die Lebensmittel wa- 
ren cheuer, weil man fie fehr weit herbey fchaffen 
mußte. Die Häufer waren fehlecht gebauer, weil 
man fie auf feine langere Zeit bauete, als- man da- 
felbjt zu bleiben gedachte. Bald darauf mußte auf 
des Königs Befehl die DR zugeſchuͤttet werden, 

und 


Von den Diamantgruben. 319 


und alle Einwohner die Gegend verlaffen. Mar 
meynte anfänglich, er wollte etwan den Preis der 
Diamanten fteigern, es erfuhr aber Meihold von 
einigen Indianern, welche beffern Befcheid wuß⸗ 
ten, diefer Befehl fen durch eine Geſandtſchaft des 
großen Mogols. veranlaffet worden, welcher von 
dem golfondifchen Könige. drey Pfunde von feinen 
fhönften Diamanten verlangte. So bald .beyde 
Höfe wieder einig waren, fieng man die Arbeit von 
neuem an, und bey Metholds Abreife war die Öru- 
be meiftens erfchöpfer, 

Wilh. von Methold Reiſe. Allgemeine Rel- 

befchr. 10 B. 


Tavernier beſchreibt noch einige andere Dia⸗ 
mantgruben im Koͤnigreich Golkonda, welche er 
1652 befehen hat. Eine liegt ſieben Meilen von 
der Hanprftadt. Er fand dafelbit fechzig taufend 
Perfonen in unaufhörlicher Arbeit begriffen. Matt 
erzählte ihm; daß die Grube vor etwa hundert Jah⸗ 
ren durch einen armen Mann entdecket worden, 
welcher ein Fleckchen Landes mit der Schaufel um⸗ 
arbeiten, und Hierſe darein ſaͤen wollen. Bey 
dieſer Arbeit fand er einen von Natur eckichten 
Stein von fuͤnf und zwanzig Karat. Dieſen brach⸗ 
te er wegen feiner Geſtalt und Glanzes nach Gol- 
Fonda, wo die Juwelirer über feine Größe erftaune- 
ten, meil die geößeften, die man zuvor hatte, nicht 
über zehn oder zwölf Karat wogen. Indem nun 
das Gerüchte von diefer Entdeckung in kurzer Zeit 
durch das Land erfcholl: fo machten einige bemit⸗ 
gelte Perfonen ben ann zum Aufgraben der Erz 
; 4 de, 


520. Don den Diamantgruben. 


de, und feit dem hat man beftändig fehr große Stei- 
ne dafelbft gefunden. Mod) damals gab es Dia- 
manten von zehn bis vierzig Karat im Ueberfluffe, 
ja zumeilen weit größere, indem nad) des Verfaf- 
fers Berichte ein indianifcher Feldherr Mirgimola 
dem großen Mogol Drang Zeb einen Diamant aus 
diefer Grube verehrete, welcher vor dem Schneiden 
neunhundert Karat wog. Allein diefe großen Stei- 
ne find felten rein; und ihr Wafler hat allezeie et⸗ 
was von der Beſchaffenheit des Bodens an ſich. 
Iſt folcher feucht und moraftig: fo fpielee der Stein 
ins ſchwarze. Iſt ſelbiger rörhlich, fo ſpielet auch 
dieſer ins rothe, und fo ferne, nad) Beſchaffenheit 
des Bodens bald iys grüne, bald ins gelbe. Ih— 
ve Oberfläche ift beftandig mit einer gewiſſen Fet⸗ 
tigfeit überzogen, fo daß man das Schnupftud) al 
- fe en zur Hand nehmen, und fie abwifchen 
muß. : 


Was ihr Waſſer betrifft, fo bemerket Taver- 
nier, daß, an ſtatt daß wir in Europa die rohen 
Steine bey dem Tagelichte befahen, die Indianer 
fi) der Mache darzu bedienen. Sie machen ein 
vierecfichtes Loch, ungefehr eines Schuhes groß, . 
in die Wand, feßen eine Lampe mir einem ftarfen 
Dachte hinein, und beurtheilen bey diefem Lichte 
das Waller und die Neinigfeit des Steines. Das 
fogenannte himmelblaue Waffer ift das fchlimmfte 
von allen. Man Fan es unmöglich erfennen, fo 
lange der Stein nod) roh ift. Hat man ihn aber 
ner einiger maßen auf der Mühle abgefihliffen, fo 

"geht es unfehlbar an, wofern man ihn unter gem 


Von den Dismantgruben. za: 


diefbelaubten Baume befiehtz denn der Schatten 
des grünen Laubes läßt es leicht merfen, ob es blau 
ſpiele. 


Hat man ſich einen Platz zum graben ausge⸗ 
ſucht: ſo ebenen die Graͤber einen andern bey nahe 
eben fo großen Platz ſehr fleißig ab, und ziehen ei- 
nen etwa zween Schuh hohen Damm herum. In 
denfelben machen fie unten Fleine Deffnungen, da= 
durch das Waſſer ablaufen Fan ; verftopfen fie 
aber bis zu feiner Zeit. 


Die Männer graben, die Weiber und Kinder 
fragen die Erde auf den ummauerten Platz. Man 
graͤbt zehn, zwölf, auch vierzehn Fuß tief, fo bald 
. man aber auf Wafler koͤmmt, ift weiter nichts zu 

hoffen. Wenn nun die ausgegrabene Erde alle 
auf den befagten Plas geſchuͤttet worden: ſo ſchoͤ⸗ 
pfet man das Waſſer mit Kruͤgen aus den gemach- 
ten Gruben, und gießt es auf die Erde, um folhe 
zu ſchwemmen. Zugleich werden die Löcher zum 
Ablaufen geöffnet. Dergeftale fahre man mic dem 
Begießen fo lange fort, bis das Waffer. allen 
Schlamm weggeführet hat, und nur der Sand zu- 
rück bleibt. . Diefen trocfnet man an der Sonne, 
welches in einem fo heißen Lande fehr bald geſchieht. 
Jedweder Graͤber hat einen Korb, in Geſtalt einer 
Futterwanne. In dieſen fullet er etwas Sand, 
und ſchwingt ihn, wie unſere Pferdeknechte den Ha⸗ 
ber. Auf dieſe Art fliegt der Staub davon, und 
die groben Koͤrner ſchuͤttet man wieder auf den Platz. 
Wenn nun aller Sand auf dieſe Art geſchwungen 
215 wor⸗ 


322 Don den Dismantgruben. 


worden: fo breitet man ihn mie einem Rechen eben 
auseinander. Sodann treten ſaͤmtliche Arbeitsleu⸗ 
te auf den abgeebneten Sand, und ſtoßen ihn mit 
großen hoͤlzernen und am untern Ende anderthalb 

Schuhe breiten Stempeln, und zwar auf jedweden 
Fleck zwey bis dreymal mit aller Macht. Hierauf 
koͤmmt der Sand abermals in die Wanne, wird ge⸗ 
ſchwungen, und wie zuvor abgeebnet, aber nicht 
mehr geſtoßen, ſondern er geht jetzo nur durch die 
Hände. Sie nehmen eine Hand voll nad) der an⸗ 
dern, drünfen ihn, und fühlen, ob ein Stein darin⸗ 
nen fey oder nicht. Vor Zeiten fließen fie-die Er« 
de mit Kiefelfteinen’ ftatt der hölzernen Stempel: 
allein dadurch wınden fehr viele. Diamante sehredt, 
und befamen Sedern, 


-. Man hatte noch eine andere Grube zwifchen Co- 
lur und Raolfonda entdeckt.  Dafelbft fand man 
‚Steine, die eine grüne ſchoͤne durchſichtige Schaa⸗ 
le hatten; auch äußerlich weit fehöner ausfahen, als 
‘alle andere Steine: aber fie zerfprangen, fo bald 
man fie abfchleifen wollte, mwenigftens dauerten fie 
doch auf dem Rade nicht. Der König von Gol- 
Fonda ließ alfo die Grube zumerfen. 


Die andere Grube, fo Tavernier befahe, hieß 
Raolfonda, und liege fünf Tagereife von Golfonda. 
‚Hier werden die Diamanten auf eine andere Art, 

als in der vorigen, gefunden. 


+ Die Gegend um den Ort, wo dee Diamant ge⸗ 
graben wird, ift ſandis, auch voll Felſen und — 


Von den Diemantgeuben, "523 


büfche. Der Felfen hat Adern, welche zuweilen 
nur eines halben, zuweilen aber eines ganzen Fin⸗ 
gers breit und mit Sand ausgefüllet find, Die 
Gräber nun nehmen ein Furzes am Ende gebogenes 
Eifer, und Fragen damit den Sand oder die Erde 
aus diefen Adern oder Nigen heraus. In dieſer 
Erde finden fieDiamante. Allein, weil die Adern 
nicht immer gerade, fondern bald höher bald tiefer 
- fortlanfen: fo müffen fie den Felfen fprengen, da 
mit fie ihre Spur nicht verlieren. Iſt der Felſen 


geöffnet: fo ſammeln fie die Erde, oder den Sad, 


und ſchwemmen ihn einige mal, um die Steine her: 
aus zur feheiden. Die Diamante aus diefer Grube 
find die fhönften, und haben das hellefte Wafler. 
Es gefchieht aber zumeilen, wenn man den, Zelfen 
mit einem großen Brecheifen fpaltet, um den Sand 
heraus zu Friegen, daß man durch das heftige 
Stoßen den Diamant erfchredft, und er eine Feder 
bekoͤmmt. Iſtt folcher von ziemlicher Größe, fo 
wird er gefpalten, womit fie beffer als wir umzuge⸗ 
hen wiſſen. Ein dergleichen Stein wird in Euro- 
pa ein ſchwacher genenmer, fpielet aber nichts defto 
weniger fo gut als ein anderer. Iſt der Stein ge- 
- hörig rein, fo ſchleifen fie ihn nur auf dem Rande, 
ohne daß fie ſuchen follten, ihm eine gewiſſe Geſtalt 
zu geben, aus Benforge, ihm etwas von feinem 
Gerichte zu benehmen. . Hat er etwa ein Fleines 
Federchen, oder einige Puncte, oder auch ein ſchwar⸗ 
308 oder rothes Kern: fo fchleifen fie den Stein voll 
Rauten, damit man die Fehler nicht fiche. Eine 
fehr Fleine Feder koͤmmt unter die Ecke von einer 
Raute. Hat der Stein einen rothen Punct: fo 
Ä wird 


524° Von den Diamantgruben. 


wird er gebrannt, welches den Punct ſchwarz macht, 
weil die Kaufleute lieber einen ſchwarzen als einen 
rothen Punct leiden wollen. 


Die Bengalifche Grube ift die alletältefte. Man 
benenner fie entweder nach dem unmeit davon lie- 
genden Flecfen Sumelpur, oder nach) dem fandig« 
sen Bad) Guel, der in den Ganges fällt, und in 
deffen Sande man eigentlich die Steine finder. 
Wenn die Regenzeit, wie ordentlich gefchieht, im 
December ein Ende genommen hat: fo wartet man 
noch den ganzen Jenner, bis das Flußwaſſer ver- 
laufen, indem es fodann hier und dort nicht über 
zween Fuß tief ift, und allemal Sand genug unbe- 
deckt laßt. Mit Anfange des Hornungs machen 
fi) wohl acht bis zehn taufend Perfonen an die Ar⸗ 
beit. Die erfahrenften darunter wiffen aus der 
Beſchaffenheit des Sandes zu urtheilen, ob man 
an einem Orte Diamante finden werde oder nicht? 
Ein ſolcher Platz wird ſo dann mit Pfaͤhlen, Flecht⸗ 
werke und Erde umdaͤmmet, damit man das Waſ⸗ 
fer heraus bringen, und ihn völlig trocken machen 
.Eönne. Der Sand wird niemals über zween Schu- 
he tief ausgegraben, und hernach auf einen am Ges 
ſtade des Fluffes hierzu bereiteten großen Plage ge⸗ 
ſchuͤttet, den man wie zu Raolkonda mit einem 
zween Schuh hohen Damme umfaßt. Man ſchwem⸗ 
met hernach den Sand mit Waffer, und verfähre 
Abrigens auf eben diefelbe Weife, als bey der Gru⸗ 
be zu Golfonda. 


Aus dieſem Fluſſe Fommen alle die ſchoͤnen Dia- 
mare 


Don den Dismantgruben. 52 


mante, die man Spitzſteine (Pointes naives) nen⸗ 
net. Sie ſehen den ſogenannten Donnerkeilen 
ſehr aͤhnlich. Da einige Jahre Feine mehr nad) 
Europa famen: fo glaubte man, die Grube wäre. 


erfchöpfet. Es war aber nur das Suchen durch die - 


Kriege verhindert worden. 


Taverniers Reifen nach den Diamantgruben 
Allgemeine Reifeb. 10 Band, 


Sonft find nur aus Oftindien die Diamanten 
gefommen, bis man etwa vor. 30 Jahren entdecke 
hat, daß auch Brafilien fehr reich an folchen Eoft- 
baren Steinen if. Sie werden dafelbft, wie in 
Hftindien, in der Erde zerftreut gefunden, und zwar 
in den Betten der Flüffe, und mo von Regengüfe 
fen die Erde weggeſchwemmt worden; doch werden 
fie auch nicht überall, fondern nur an einigen befon- 
dern Orten angetroffen. . Man fand fie vorher öf- 
ters beym Goldwafchen, ohne daß man mußte, daß 
es Diamanten waren. Sie wurden daher mie 
dem Sande,und Kies, aus welchem. das Gold ge⸗ 
wafchen, weggeworfen ; bis endlich ein Mann, tel- 
cher wußte, mie die rohen Diamanten ausfehen, 

auf die Gedanfen kam, daß diefe Kiefeliteine, wo⸗ 
für man fie damals hielt, eine Art davon wären. 
Allein man fagt, daß noch eine geraume Zeit ver- 
gangen, bis diefe Muthmaßung durch die von ihm 
angeftellten Proben und Unterfuchungen beftätiger 
worden. Es war ſchwer, die Einwohner zu bere- 
den, daß dasjenige, was fie nad) alter Gewohnheit 
zu verachten pflegten, eine fo wichtige Sache fen. 
Endlich wurde. es von gefihickten Jubelierern in 
Euro- 


Ps 


526 don den Dismantgruben, 


Europa, die man zu Rathe zog, befräftiget, daß 
es wahre Diamanten wären, von denen viele fo 
wohl an Glanz als andern Eigenfchaften ven oftin- 
difchen nichts nachgäben. 2 


Auf diefe Verficherung fiengen die Portugiefen 
an, mit großem Fleiße an den Orten nachzufuchen, 
wo man fie fonft. wahrgenommen hatte. Allein 
man ftellete dem König von Portugal fo gleich vor, 
daß wenn eine folhe Menge Diamanten gefunden 
werdet follte, als die Muchmaßungen anzuzeigen 
fhienen, diefes ihren Werth fo herunter fegen, und 
den Preis fo vermindern würde, daß nicht allein die 
Europäer, welche eine Menge Diamanten befäßen, 
darüber zu Grunde gehen müßten; fondern audy 
die Entdeckung felbft von Feiner Erheblichkeit feyn, 
und dem König feinen Bortheil bringen würde. In 
Betrachtung deſſen hat der König für gut befun- 
den, daß nicht alle und jede: ohne Lnterfchied Dia- 
manten ſuchen follten, und hat zu dem Ende eine 
Diamantengefellichaft aufgerichtet, welcher er einen 

Freyheitsbrief ertheilee hat, wodurch alle’ andere vor 
diefem Gewerbe ausgefchloffen werden. Diefe Ge- 
fellfchaft hat alfo vermikteljt einer Summe, welche 
fie dem König bezahle, das Eigenthum von allen 
Diamanten, welche in Brafilien gefunden werden. 
Um aber zu verhindern, das ihrer nicht eine allzu- 
Große Menge gefammele, und dadurd) der Preis 
herunter gefegt werde: fo ift der Gefellfchaft verbo- 
then, über acht hundert Sflaven zu Auffuchung der 
felben zu gebrauchen. "Damit auc) andere portu= 
giefifche Unterthanen abgehalten werden re 

> i 19* 


Don den Diamantgruben. 527 


Diamanten zu fuchen, und damit die Gefeltfchafe 
für den ihr zum Schaden gereichenden Schleichhan- 
del der Zmwifchenläufer in Sicherheit gefeßt werden 
möchte: fo hat der König eine große Stadt und ei« 
nen beträchtlichen Strich Landes um diefelbe verwuͤ⸗ 
fen lLaffen, und die Einwohner, welche ſich auf ſechs 
tauſend follen belaufen haben, genöthiget, ſich in ei⸗ 
ne andere Landfchaft zu begeben. Denn meil die⸗ 
fe Stadt in der Nachbarfchaft der Diamanten lag: 
fo hielte man es für unmöglich, eine ſolche Menge 
Volks, welches auf der Stelle wäre, vom Contra⸗ 
bandgewerbe abzuhalten. ” 


Anſons Reiſe um die Welt. 





Innhalt. 


Innhalt. 


I. Zufällige Gedanken über die Eintheilun⸗ 
gen und über die Verbindungsarten der 
Voͤgel. 467 

II. Nachricht von den paraboliſchen Bren⸗ 
ſpiegeln, welche von Hrn. Peter Hoͤſen, 
Hoftiſchler in Dresden, verfertiget wor⸗ 
den. 480 


IT. Ueber das Gluͤck der Menſchen. 490 


IV. Anzeige von den heuer fich in unzähliger 
Menge zeigenden Raupen und daher ent- 
ftandenen Schmetterlingen; nebft dien⸗ 
lichen Anmerfungen hierüber: 496 

V. Stand der Wettergläfer, nebft vorge 
fallenen Witterung im Monat Septem⸗ 
ber 17859. 502 

VI. Von den in Annaberg gepraͤgten Schre⸗ 
ckenbergern, welche Muͤhlſteine ſollen 


ſeyn genennet worden. 504 
VII. Von verſchiedenen Arten und Mitteln, 
uͤber die Fluͤſſe zu ſetzen. 0 
VIII. Von den Diamantgruben. 516 


Regiſter 


BRARPAHTZERSBASPAHTPERTTR 
WERNER NENNEN NIKON NIE NEIL IH IE 
VEIESWIETH IE IGTHEICH TEN 


Kegifter, 


4. " 
We meifen, die weiſen, wo fie zu finden, und wie fie ge⸗ 
flaltet find, Seite 395. bauen ſich einen verdeck⸗ 
ten Gang, ©. 396. find fehr gefräßig, S. 397. 
ſchwarze, © 390: große rothe, S. 399. gelbe, S. it. 
Amintas, ein Schäferlied, S. 332. 


j B. * 
Baum, verſteinerter, von Hr. David Ftenzeln gefunden, 
©. 39. defien Gewichte und Größe, S. 41. matt fin« 
det in ber fiebeneliigten Teufe beftändig Waffer, S. 44. 
Befchreibung des Gebürgeg, mo er geftanden, ©. 45. 
Barometerd Stand im Jahr 1759. deffen Sefehiaffenkeit, 
S. 81. wie er Fan verbeffert werden, ©. 102. 
Blutgewaͤchſe, wie es entfteht, S. 108. Befchreibung ber 
Eur, S. 109. ded Kranken Empfindung bey dem orte 
gange des Gewaͤchſes, S. 112. wie das Gewaͤchſe ent⸗ 
ſianden, S. 113. daß es ſich in der Blaſe und nicht im 
Nieren aufhalten muͤſſe, S. 113: 5 
Blutregen, wodurch er entfleht, S. 298. 
Bodmers Noah, S. 127. 
Braut; die, eine Ode, ©. 253; R 
Brennſpiegel, von den parabolifchen, von Peter Höfen in 
Dresden verfertigt, S. 481. Verſuche damit, S. 453 . 


C. 
Chemmitz, woher dieſe Stadt ihren Rahmen habe, S. 180° 
Ehemniger Sternſteine, ©. 181. mas man für Arten fin« 
det, S. 182; gehören nicht zu den verfteinerten Coral, 
lengewaͤchſen, ©. it, verdienen unter die verfteinerten 
heile der Seefterne sefet zu werben, ©, 185. 
m 





Eirs 


Regifter, 


Eircumfereng zu der bekannten, C. D. den Diameter nach 
bemeldeten Verhältniß zu finden, ©. 339, en 

Eometen, von dem letzt erfchienenen, ©. 432. 

Eomet, einen, hat am 25. Dec, 1758. ein Mann aus 
Prolig bey Dresden in Knoten der Fifchbande gefehen, 


. 433. 

Eogvetterie, moralifche Säte von ber, S. 323. Carack⸗ 
ter einer Coqvette, S. 328. Carackter einer Eogqvette 
aus der andern Hand, S.329. Eogvette durch zu ſchar⸗ 
fe Erziehung, ©. 331. 


D. 


Diamantgruben, von den, S. 516. bey der Stadt Gol⸗ 
fonda, ©. 517. Diamantprobe ber Indianer, S. 520. 
Eine Art diefelben zu graben, &. 521. bie zweyte Art, 
©. 522. Diamanten in Brafilien, S. 525. Diamante 
gefelfchaft, S. 526. 

Diameter, zu den befannten, die Länge der Circumfereng 
zu finden, daß das Verhaͤltniß diefer Linien mit den ers 
ften vier Ziffern ber Proportionalzahl des Ludolph von 
Coͤlln übereintreffen, ©. 377. ‚ 

Dinge, natürlicher, Kenntniß und Unterfuchung, ©. 1: 
die Verbindung der natürlichen Coͤrper in ihrer Ord⸗ 

"nung S- 8. inihren Sefchledhtern, SI 

Dinge, natürlicher, Schönheit, mag fie if, S. 52. wie 
man fie finden fan, S 53. Ein Einwurf beantwors 
tet, ©. 54. daß die Abänderungen zufällig find, &. 62, 

Dinge,-der erfchaffenen.» - ſtuffenmaͤßiges Steigen, ih⸗ 
re Eintheilung, S. 152. Unterfchied der Coͤrper, S. 

153. Die Verbindung der Naturreiche unter einander, 
©. 155. der Zufammenhang führt ung zum Schöpfer, ' 
©. 157. ER 

2) FOREN 

Einfachheit der Seele, S. 86. angeführter Beweiß Ge 

orge Friedrich Meyers, S. 90. deſſen Widerlegung, 
©. 91, MWorterflärung der Seele, S. 95. ie 

a 





Regifter, 


daß eine mit ber Kraft zu denken begabte Subſtanz 
dem Wefen der Materie wiberfpreche, S. 96. Bes 
weiß, daß der Menfch eine Seele hat, S. 97. Ein 
Beyſpiel von einem Bettler, S.100. dag zweyte Bey» 
ſpiel vom Tugendreichen und Neidharten, S. 101. ob 
Die Seele materiel, oder vom einfachen Wefen fey, ©. 
102, die beyden Hauptbemweife, S. 106. 

Erfcheinungen, Himmels, im Jahre Ehrifli 1760. ©. 
408. 

. S, 


Sarbe, die blutrothe, in Gewaͤſſern, ihre Urfache, S. 298; 

Baulethier,das, wie es gefaltet, S. 259, wehrt fich durch 
Schreien, 8.251. womit «8 fich ernährt und mo man 
e8 findet, S. 252. 

infterniffen, von Sonn und Monden, im Jahre 1760, 


® ©. 408: - | 
Sieber, wunderbarer Ausgang eined gefährlichen ⸗⸗ 
2 


Sirfterne, der, fihtbare Zufammenfunft mit den Planes 
ten im Jahre 1760, ©. 419. 

Slüffe, von verfchiedenen Arten über die, » «zu feßen, 
©. 510. ſchwimmen und durchwaden, ©. 511. die 
Brücen, ©. 512. mit Floͤſen, S. 513. Pontons, ©. 
et neue Erfindung einer ledernen Brücke, S. 514 

ebrauch der Canadier und Iroqver, ©, 515. 

Soßilienreich zeiget theils thierifche, theils vegetabilifche 
Dinge, S 7. 

Gellert, ein Sinngebichte, S. 127. 

Geographie von den neueften Entdeckungen was hierzu 
beygetragen, ©, 259. die auf der Oberfläche der Erde 
gemacht worden, ©. 271. wie es die Sranzofen ange⸗ 
fangen, S. 278. ihre Entdeckung, daß China an Ruß⸗ 
land grenzt, S. 280. was die Engländer gethan has 
ben, ©. 232. die Stellung und Lage der Königreiche 
Peru und Gilli find durch den Pater Feuille beftimme 

Mm 2 wor⸗ 


. 


Regiſter. 


worden, S. 283. Ferner deſſen Beſtimmung ber richti⸗ 
gen Stellung der Inſel Farro, S. ads. bie Franzoſen 
verfhaflen mehrere Kenntniß von Africa, ©. 237. 
Joh. Matthias Hafiuffens Eharten, ©. 288. Entdes 
dungen in America, ©. 290. Verſuch der Engländer, 
©: 341. Unternehmung der Srangofen, ©. 342. Ente 
decfung von Afia in nordoftlichem Theile, ©. in 

- Südoftlichem Theile, S. 366. Nachricht von den Gren« 
zen zwifchen Europa und Aſia, S. 369. Nachricht 
von verfchiedener Potentaten Werbefferung der Geo⸗ 
graphie in Europa, ©. 373: 

Beftirng, des Sieben » "Auf und Untergang im Jahr 
1760. ©. 428. 

Stück der Menfchen, Gedanken über da8 »_ + &, 490, 


H· 

Haſe, Joh. Matthias, Prof. in Wittenberg, zweeter Er⸗ 
neuerer in ber Geographie, ©. 288. BR 
Hirſch, Erzählung vom Hirſche mit dem güldenen Ges 

weyhe, ©. 18. wem ed geträumet, S. 19. Ausgang 
des Traumeg, ©. 132. 
Hygrometer thut feine Wirfung, ©. 158: 


J. 
Inſeckt, des ⸗/-⸗Beſchreibung, das aus der Made in 
der Weidenroſe erzeugt wird, S. 310. 


ZA. 


Krankheit, die ige in Sachen graßirt, Fire Haupturſa⸗ 
he, S. 32. Mittel, fotungulänglic find, ©. 34. 
Mittel, diefelbe zu heben, S. 35. Befchreibung der ges 
Srauchten Methode, ©. 36. 

Krankheit, fo igt bey Drefiden graßirt, was fie ifl, S. 67. 
Ihre Vorboten, S. 67. daß bie Luft Theil daran has 
be, ©. 68. Mittel dartwider, &. 70. 

Krebsgeſchwuͤr in der Bruſt, deſſen Befchreibung, ©, 


442 


Regiſter. 


2, "die Art daſſelbe zu heilen, ©. Kae Einiger * 
rühmter Männer Huͤlfsmittel wider Krebsſchaͤden, S, 
450% 

mM. 


Magnets Abweichung, ©. 434; 
Menfch, der, als die erfte thierifche Greatur, & 5 
Mitleiden, Betrachtung darüber, ©. 244 


©, 
Oſtern faͤllt im Jahre 1761. den 22. Martii, S. 429: 
P. 


Peterfactenberg ohnweit Dreßden, wo er iſt, S.73. wor⸗ 
aus er beſteht, S. 74. deſſen Steinarten, * 75. 
Meynung von ſeinen Ban. . 77. und wie er 
-£önne entftanden feyn, ©. 78; 

Pflanzenreich befchrieben, wie ihr Wachsthum von der 
Natur, eben fo, wie bey den Thieren bemwerkftelliget 

. wird, ©. & 

Planeten, von fichtbaren ne ber Planeten 
unter ſich im Jahre 1760. ©. 

Planetenſterne, ihre ſichtbare Sufammenfunft mit den 
Sirfternen im Jahre 1760, ©. 419. 

Polypen, der, Befchreibung, ©. 6. 


R. 


Raupen, Anzeige von ben ne in ungähliger Menge ent» 
ftandenen Raupen, ©. 4 

Raͤderſteine, zu welchem —E fie gehören, S. 195. 

Redliche, — was er iſt, S. 170. ſeine noͤthigen Eigen⸗ 
ſchaften, S. 171. ber Endzweck feiner Handlungen, 
©. 207. deffen Feinde, S.208. Bild eines Neblichen, 
©. 214. und 219: 

Nemora, nn verfchiebene Nahmen und Geſtalt, ©.459. 
Nahrung, S. 460. 





Mm 2 Renn⸗· 


Regiſter. 


Rennthier, wo es gefunden wird und deſſen Geſtalt und 
Farbe, S. 115. wovon es lebt, S. 117. welches dag 
größte iſt, S. it. Nutzen, ©. it. Beſchreibung des 
Schlittens, den es zieht, und wie es angeſchirrt wird, 
S. 118. wie es gezeichnet wird, S. 121. deſſen Fein⸗ 
de, ©. 122. kommt in andern Gegenden nicht auf, 


©. 

Rohrbaum, Nahmens Urfache, S. 186. deſſen Befchreis 
bung, Nutzen, und wo er waͤchſt, S. 187. der Ameri⸗ 
caniſche hat Waſſer in ſich, S 188. deſſen zum Stoͤ⸗ 
dien geſchickte Wurzel iſt nur in Japan, S. i89. bie 
Chineſen machen Pappier daraus, ©. 189. 


S. 

Salamander, eine Art von Eydexen, S. 461. 

Schreckenberger, von den in Annaberg gepraͤgten⸗⸗ 
welche Muͤhlſteine follen feyn genennt worden, S. 504: 
Widerlegung verfchiedener Meynungen davon, S. 505. 
Nachricht von einem gefundenen, ©. 507. 

Sinngedicht auf Gellerten und —— 127. 

Spoͤtterey des Frauenzimmers, S. 236. Bild eines fols 
den Frauenzimmers, ©. 237. 

Stern, ein großer ⸗o zeigt fich gwifchen Offen und Suͤb⸗ 
often, ©. 428. 

*  Sternfäulenfteine, ihr Unterfchied von den Sternfteinen, 
©. 195. wovor man fie hält, S. 196, Nobert Plots 
Nachricht hiervon, ©. 197. 

Sternfteine, woher der Rahme fommt, ©. 181. zu wels 
hen Gefchlechte fie gehören, S. 195. 

T. 
Thermometers Stand im Jahr 1759. wie deſſen Beob⸗ 


achtung angeſtellt worden, S. 79. deſſen Einrichtung, 
ebd. wie er Fan verbeſſert werden, S. 162. 


U. i — 
Univerſalthermometer, deſſen Einrichtung, S. 159. — 


er⸗ 


Regiſter. 
V. 


Verzeichniß der im Fahre 1759. zu Dreßden beo bachte⸗ 
ten Witterung, Jan. ©. gı. Febr, S. 43. Mart. ©, 

- 163. April, S. 232. May, ©. 234. Jun, Ei. 318, 
Jul. S. 390. Aug. S. 463. Sept: ©. 502. 

Venus kommt im Jahre 1761, optice in die Sonne, ©. 


340. 

Voͤgel, von ihrer Einteilung und Verbindungsarten, ©. 
4%: die Befchaffenheit ver Schnäbel. und Füffe, ihre 

" Lebensart und ihr Fraß, ©. 469. haarichter und flies 
gender Thiere Eintheilung, S. 470. Die Nachtſchwal⸗ 
be der Verbindungsvogel der Mittelarten mit allen 
Raubvoͤgeln, die des Nachts ausfliegen, ald die erfte 
Elaffe, ©. 472» Zageeule der Verb, Vog. der I. EL. 
mit der IL El. welche ale Raubvoͤgel, die am Tage 
ausſliegen, in fich begreift, S. 475; der Neuntödter 
verbindet die II. Cl. mit der III. EL melche in Klauen, 
Krallen, Schnäbeln unterfchieden, boch vom Raube ler 
ben, ©. 473. der Kronenvogel verbindet. die III. mit 
der IV. EI. die fich blog vom Obſte und Korne nähren, 
©. 474. der Creußbogel vereinigt die IV. mit der V. 
Claſſe, S. 475. der Drtolan verbindet die V. mit ber 
VI. Cl. S. 476. der Guckuck die VI. mit der VIL ©. 
476. der Zaunkoͤnig die VII, mit der VIIL. der Staar 
die VIII. mit der IX. ©, 477. die Wafferalle die IX, 
mitder X, der Flamingo die X. mit der XI, ©. 478: 
die Wafferdroffel die XL. mit der XII-Elaffe, das Hum⸗ 
voͤgelchen oder Vogelfliege verbindet endlich die Vögel 
mit den Inſeckten, ©. 479» 


| Mm 
Walsenfeine, S. 195. Robert Plots Nachricht hiervon, 
, 197. 
Weidenroſe, was fie ift, S.300. mie fie geſtaltet, S. 301. 
ihre Größe, ©. 302. ift ſehr unterfäiden, ©, 305: 
Nle 


. | Regiſter. | 
Einiger Meynung, S. 307. Es waͤchſt eine Made dar⸗ 


‘inne, ©. 309. | 

Reife, der, ein Gedicht, S. 388. 

Melt» und Erdbefchreiber, was zu einem gehoͤrt, ©. 264 

Mettergläfer Stand im Jahr 1759. Siehe Verzeichniß. 

— de l Isle erſterer Verbeſſerer der Geographie, 
.281. 


3. 


eifigneft, Befchreibung deffelßen, ſo von zwey fircen Zei⸗ 
⸗ ſigen gebauet worden, S. 4. * 3 








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